Ein unerwartet vehementes Lob habe ich auszusprechen, und zwar für Günter de Bruyn, genauer für seinen Roman „Buridans Esel“ von 1968. Den ich neulich schon kurz erwähnt hatte. Das Buch ist sprachlich und auch im Aufbau nennenswert interessanter und auch experimenteller, als ich die Werke des Autors in Erinnerung hatte. Da muss ich in meiner Vorstellung etwas geraderücken, weiß aber gar nicht mehr, was ich von ihm früher gelesen hatte. Etwas aus dem Spätwerk vermutlich. Nach diesem frühen Roman könnte es noch deutlich mehr werden, denn den fand ich sehr anziehend, der las sich eindeutig nach mehr.

Es gibt da gleich zu Beginn etwa eine Szene, in der jemand in einem Ostberliner Altbau jemanden besuchen möchte, dabei aber den falschen Aufgang erwischt. Wodurch er unfreiwillig mit sämtlichen Bewohnerinnen und Bewohnern dort in Kontakt kommt und sogar bis zum Dachboden vordringt. Wo noch die Nachkriegszeit im aufsteigenden Staub spürbar ist, wie es dort heißt. Diese Zeit, die man doch in den Sechzigern Jahren im neuen Staat erfolgreich hinter sich gelassen zu haben meinte. Ebenso wie das untergegangene Preußen, das man später im Text auch noch schemenhaft erkennt, das noch im Dunkel herumwabert.
Und in diesem Verirren im Treppenhaus, auf diesen wenigen Seiten, wird in schnell getakteten Nebensätzen, die das Bild für uns auf eine Art auffüllen, die man als älterer Mensch vielleicht noch von Dalli-Klick kennt, so viel dieser Sechziger vorgeführt und lebendig verdeutlicht, so viel DDR- und Berlingeschichte und Lokalkolorit, es ist geradezu ein Lehrstück, wie man so etwas schreiben kann.
Ich war beeindruckt und wieder auf die gute Art ein wenig neidisch.
Zum anderen ist das Buch interessant, um sich an die Frauengeschichte im deutschen Sprachraum erinnern zu lassen. An die Rolle der Frau in den Sechzigern etwa. Denn auch wenn es gut, richtig und vollkommen nachvollziehbar ist, dass gerade viel und intensiv diskutiert wird, was alles noch nicht erreicht wurde, was auch nach wie vor unerreichbar scheint, es wurde eben dennoch viel erreicht. Man kann das so nebeneinanderstellen.
„Buridans Esel“ also, klare Empfehlung. Übrigens auch als Brain-Rot-Test, denn die Sätze sind ungewohnt lang und verschachtelt, es gibt kaum Absätze, kaum Pausen, kaum Gnade. Die Verschachtelung fällt nicht so milde wie bei Thomas Mann aus, erfolgt also nicht in erhabenem Duktus und kunsthandwerklich schön verschlungen wie mäandernder Stuck an Gründerzeitaltbaudecken. Eher in einem leisen, dennoch heftigen Stakkato wurde da alles aneinandergeheftet.
Dieses Buch fordert die Lesenden von heute eindeutig heraus: Könnt Ihr das noch? Euch durch dicke Textblöcke arbeiten? Den Schwung halten? Durchhalten beim Lesen, mit Seiten kämpfen und den Sinn auch in Längen finden?
Dummerweise, so habe ich dabei gemerkt, kann ich mich selbst auch nicht von dem Verdacht freisprechen, so etwas früher womöglich wesentlich leichter gelesen zu haben. Mit deutlich weniger Anstrengung und nicht mit so arg bemühter, dem Alltag abgerungener Konzentration.
Aber wie auch immer. Ein Grund mehr für mich, so etwas erst recht zu lesen. Auch betont nichtsportliche Menschen wie ich haben oft irgendwo einen gewissen Ehrgeiz, etwas zu schaffen. Besser zu werden, im Training zu bleiben und zumindest in der eigenen Wahrnehmung noch ein weiteres Gold in Randsparten zu holen.
Womit ich meine Sportsprachbilder für 2026 sämtlich verbraucht habe, nehme ich an.
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Danach fing ich ein schmales Nebenbei-Buch von Hilde Spiel an, „Mirko und Franca“. Natürlich habe ich erst einmal nachgelesen, wer Hilde Spiel war (Wikipedia-Link). Außerdem habe ich gesehen, das Buch spielt in Triest. In der Stadt, die nach 45 zwischen Jugoslawien und Italien hin- und herverhandelt wurde und zeitweise quer durch die Geschichte immer wieder ein eigener Staat war. Und dieses Hin und Her, schon gar diese selbständige Nachkriegsphase, sie war mir peinlicherweise vollkommen unbekannt: Freies Territorium Triest.
Immerhin war mir aber bekannt, dass sich James Joyce und Italo Svevo vor dem Ersten Weltkrieg in dieser Stadt aufgehalten haben. Das war so etwas wie mein geistiger Trostpreis.

Triest, so dachte ich jedenfalls abschließend, das könnte man sich sicher auch einmal ansehen. Denn das, was ich gestern mit wachsendem Interesse nachgelesen habe, die Bilder, die ich gefunden habe, es klang alles ein wenig so, es sah alles so aus, als wäre ein Nachprüfen vor Ort für mich durchaus angebracht.
Mit dem Zug von Hamburg nach Triest: Etwa 15 Stunden.
Dann fiel mir ein, dass ich über das Thema Urlaub 2026 noch gar nicht nachgedacht habe. Dass ich nicht einmal ansatzweise weiß, was ich will. Ob ich überhaupt etwas will, und wenn ja, mit welcher Intensität. Also ob vielleicht auch mit einer Intensität, die sogar zum Planen reichen könnte.
Währenddessen ist das Jahr aber bald schon halb vorbei. Auch hier gilt also wieder: That escalated quickly.
Dann fiel mir rettend ein, ich wollte doch erst einmal zum Tagesausflug nach Stade, mir dort die Altstadt ansehen. Und ich habe neulich auch gemerkt, es gibt ein mir bisher unbekanntes Horst-Janssen-Museum in Oldenburg.
Eines nach dem anderen.
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Sie haben wieder interessante Themen angerissen dank Ihrer Lektüre.
Zur Situation der Frau: als 1945 Geborene begreife ich mein Leben als Profiteurin des stetigen Fortschritts. Noch dazu mit toleranten Eltern gesegnet, die meine Freiheitsbestrebungen nicht gehindert haben, einem älteren Bruder, der mir ebenso verdeutlichte, das auch der männliche Bevölkerungsanteil nur mit Wasser kocht, startete ich ins Leben.
Beruflich begann es noch mit der Bezeichnung „Fräulein“, als ähnlich deutliches Erkennungszeichen für den lange Zeit als diskriminierend geltenden Status „unverheiratet“, was mich hauptsächlich deshalb störte, weil meine männlichen Kollegen, selbst als – damals Lehrlinge – alle „Herren“ waren. Keine vermeintlich nur kleine Ungleichbehandlung, denn diese setzte sich in allen Lebens- und Rechtsbereichen fort.
Auf diesem Misthaufen erblühte der Feminismus und hat mit seinen Denkanstößen und lautstarken Forderungen geholfen, die Gesellschaft zu verändern.
Es ließe sich fortsetzen, ich will hier aber besser nicht überziehen.
Deshalb nur noch kurz: Stades Altstadt lohnt sich, und das engagierte dortige Kunsthaus am Wasser bietet oft Interessantes. Zuletzt sah ich dort die Doppelausstellung Jonathan Meese und Daniel Richter!