Kulturprogramm am Wochenende

Ich habe eine weitere Woche Urlaub. Mit der besonderen Vergünstigung, allein in der Wohnung zu sein, also niemanden bekochen zu müssen, für niemanden einkaufen zu müssen etc.

Ein ungeahnter Freiraum tut sich auf.

Am Samstag beschloss ich daher, als ich über die diversen Möglichkeiten nachdachte, diese Woche so gut es gehen wird für einige Unternehmungen zu nutzen. Und nicht etwa, wie es für Nichtreisende sonst vollkommen üblich ist, für liegengebliebene, vor sich hin verwesende To-Dos aus dem dunkelgrauen Admin-Bereich des Lebens. Obwohl auch diese Wahl sinnvoll gewesen wäre und auch beträchtlicher Bedarf besteht, so ist es nicht.

Ich wurde durch einen wiederum äußerst sinnigen Zufall, genauer durch einen Effekt in der Shuffle-Funktion bei den Playlists, rechtzeitig durch den argentinischen Sänger Kevin Johansen erinnert:

„The more that we control

The less we rock and roll.”

Denn ich höre ja auf die Lyrics in meinen Playlists. Sie sind manchmal besser und hilfreicher als viele andere Orakel oder Coaches.

Also sah ich in für meine Verhältnisse nahezu wilder Spontaneität am späten Nachmittag die abendlichen Termine in Hamburg durch. Kaufte dann, nachdem ich kurz den Ticketpreis veratmet hatte (ich will nicht sagen, dass es teuer ist, ich merke nur immer stärker, dass ich in Bezug auf Preise stark nachgehe – mein inneres Preisgefüge ist vor etwa sechs Jahren stehengeblieben und passt seitdem nicht mehr recht in diese Welt), den vorletzten Platz für den Abend im Thalia-Theater. Denn ich war nicht nur spontan, ich war auch seltsam versöhnungsbereit und freundlich gestimmt.

Weswegen ich diesem Theater, mit dem ich, siehe auch Deutsches Schauspielhaus, eher nicht gut klarkomme, weil ich zu konservativ, zu brav und sicher auch zu langweilig für die Inszenierungen dort bin, eine neue Chance einräumen wollte.

Vielleicht aber wollte ich diese Chance auch eher mir einräumen. Denn das Theater oder ich, wir könnten uns ja beide irgendwie geändert haben, dachte ich. Aufeinander zubewegt vielleicht.

Molières „Menschenfeind“ wurde dort gespielt und, um es vorwegzunehmen, aus meiner Sicht vollkommen zu Recht mit Standing Ovations gefeiert. Und, um auch das gleich vorwegzunehmen, es gibt noch weitere Termine, sie reichen bis weit ins nächste Jahr. Ich empfehle diesen Besuch.

Reklameschild für "Der Menschenfeind" am Thalia-Theater

Allerdings bin ich kein Theaterkritiker und habe in dieser Hinsicht rein gar keine Kompetenz, zumal ich für Rezensionen mit Sachkenntnis auch insgesamt im Leben viel zu selten im Theater war. Die sicher kundigen Spezialexperten etwa bei NDR und Morgenpost waren aber ebenfalls angetan. Ich zitiere zwei Stellen, denen ich mich anschließe:

„Bockstarkes Ensemble“

„Die Inszenierung ist zudem auch urkomisch, flapsig, herrlich exaltiert.“

Bevor ich zum Stück komme, sind noch eben zwei andere, eher marginale Aspekte des Abends unbedingt zu loben. Die fallen auch viel eher in meinen Kompetenzbereich:

Als ich neulich hier über Kontaktanbahnung in Hamburg schrieb, gab es ganz ungewöhnlich viele Kommentare dazu. Was mich vermuten lässt, dass dieses Thema doch viele Menschen umtreibt.

Da habe ich nun eine vermutlich originelle Empfehlung für kontaktsuchende Menschen in dieser Stadt, nämlich den Platz 28 in Reihe 7 im Parkett. Kommen Sie früh, setzen Sie sich hin und warten Sie ab, während der Saal sich füllt. Dieser Platz ist am Rand, sogar noch weiter außen am Rand als in den anderen Reihen. Er ist auch direkt neben einer Tür, also wie geschaffen für stets misstrauische, fluchtbereite Menschen wie mich.

Wenn Sie dort sitzen, ist direkt vor Ihrem rechten Fuß, also in etwa jedenfalls, etwas im Boden des Ganges, das ich mit einem Wort bezeichnen möchte, bei dem ich allerdings vermute, dass es nicht allzu viele verstehen: eine Lunke.

Das ist im Plattdeutschen eine Absenkung. Eine Mulde, eine Vertiefung im Boden.

Es ist keine Stufe, es ist eher, wenn man es als Gehender beschreibt, ein unmittelbares Nachgeben des Bodens – man macht einen Schritt und plötzlich ist da nichts unter einem. Was bedeutet, direkt neben Ihnen stolpert mindestens die Hälfte der hereinströmenden Gäste. Stürzen auch einige oder erschrecken sich zumindest, geraten kurz aus dem Gleichgewicht, kommen ins Taumeln. Und Sie sitzen da entspannt und überlegen sich, wem Sie eventuell eine helfende Hand reichen möchten.

Das ist doch einmal ein sinnvoller und auch anwendbarer Hinweis, nicht wahr? Wenn ich so drüber nachdenke – ganze Reiseführer mit solchen Tipps sollte es geben. Ich erahne einen Markt.

Die Fassades des Thalia-Theaters

Diesen Platz also wollte ich einerseits loben. Außerdem jemanden, der in Theaterkritiken oder -berichten sicher meist nicht gewürdigt wird, nämlich den Platzanweiser. Wenn der heute noch so heißt und nicht, wie etwa Briefträgerinnen, Arzthelferinnen oder Schaffner, längst eine andere, viel modernere Bezeichnung hat. Da bin ich vielleicht nicht orientiert. „Parkettpfleger“ wäre auch nicht falsch.

Dieser Mensch jedenfalls kümmerte sich dermaßen rührend bemüht um seine Gäste, war so sichtlich bestrebt, allen hilfreich zu sein und wirkte insgesamt überzeugend so, als seien das alles seine Gäste, nicht etwa nur die des Hauses. Es war tatsächlich eine Freude, dem zuzusehen. Wie da den Alten und Gebrechlichen geholfen wurde, wie immer wieder einiges erklärt wurde, wie fürsorglich auch Gehörschutz wegen der lauten Musik an Empfindliche und Geschädigte ausgeteilt wurde. Wie sinnig er auch die Gäste darauf hinwies, wer vielleicht doch lieber noch einmal auf Toilette gehen sollte, weil es schwierig werden würde, genau diesen Platz während des Stücks zu verlassen, immerhin über zwei Stunden ohne Pause …

Ich mag das sehr, wenn Menschen ihre Aufgaben derart ernst nehmen. Auch und gerade solche Aufgaben. Eine längst altmodische Freude über eine ebenfalls altmodische Berufsauffassung wird es sein.

Die Beschreibung der Inszenierung überlasse ich aus den genannten Gründen lieber den oben verlinkten Medien, ich kann nur ergänzen, dass ich es unmittelbar wirksam empfand, dass Molière auf diese Art auch in meine Weltwahrnehmung hervorragend passte.

Zwei Aspekte haben mich geistig etwas aufgehalten, auf die allerdings beste Art. Sie führen nun dazu, dass ich den Originaltext noch nachlesen werde.

Beim Grundkonflikt im Stück geht es um einen Menschen, der „authentisch“ und ehrlich sein und wirken möchte und sich daher den höflichen-höfischen, aus einer Sicht verlogenen Umgangsformen der anderen verweigert. „Geschmeidige Anpassungsfähigkeit“ wird in der Wikipedia diese Form der ihn umgebenden Höflichkeit genannt, gegen die er da anrennt.

Und ich war zwischendurch immer wieder abgelenkt, weil man das Stück so mühelos auf die moderne Konzernwelt übertragen könnte. Auf aktuelle Kommunikationsprobleme in der Corporate-World. In der sich die Umgangsformen der gerade weltbestimmenden Business-Variante des Neofeudalismus mit immer mehr barock anmutender LinkedIn-Verbrämung sehr leicht mit historischen und höfischen Umgangsformen in Verbindung bringen lassen. Und in der es ebenso schwer ist, mit nichts als der Wahrheit durchkommen zu wollen.

Außerdem aber ist der Text in gewisser Weise geistige Vollkornnahrung, wie man es auch von Shakespeare und etlichen anderen Klassikern kennt. Was dazu führte, dass ich über viele Sätze gerne zumindest kurz nachgedacht hätte, dann aber deswegen schon die nächsten nicht hörte. Eine Art Konzentrationsstörung durch Konzentration, das war auch einmal originell.

Das Reclam-Heft mit dem Menschenfeind müsste hier aber irgendwo sein, in welcher Übersetzung auch immer. Ich werde das in Kürze ins Leseprogramm einschieben und die Sache vertiefen.

Ein hervorragender Urlaubseinstiegsabend also!

Keine Klagen, gerne wieder.

Blick vom Thalia-Theater runter zur Alster

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