Wintermärchen, updated version

Gehört habe ich die Lange Nacht über Heinrich Heine in der ARD-Audiothek. 159 interessante Minuten: „Aus meinen großen Schmerzen mach‘ ich die kleinen Lieder.“

Man könnte auch mal wieder Heine lesen, fällt einem dabei ein. Also mir jedenfalls, und ich lege ihn mir erneut auf dem Nachttisch zurecht, das ist überhaupt eine gute Idee. Und er passt auch in diese Jahreszeit, wurde er doch unter anderem durch „Deutschland, ein Wintermärchen“ unsterblich.

Heine-Vertonungen werden auch in der Sendung erwähnt. Der verdienstvolle Reinhard Repke mit seinem Club der toten Dichter kommt dabei aber nicht vor. Dabei haben sie mit Dirk Zöllner ein Heine-Album gemacht, wovon ich immerhin ein Lied hier zeigen kann. Und es ist sogar eines der besten daraus, „Ich hab im Traum geweinet“:

Ich habe es schon oft geschrieben, aber ich wiederhole es doch, wenn Sie Reinhard Repke mit Truppe irgendwo angekündigt sehen, gehen Sie bloß hin. Die Abende, aktuell sind es Morgenstern-Vertonungen, sind wunderbar.

Ich wiederhole mich einfach weiter, pardon, das ist bei Heine und mit öfter der Fall, wie langjährige Leserinnen wissen. Vielleicht aber gibt es zwei, drei neue Leserinnen (besonders herzliche Grüße nach Bonn, by the way), die noch nicht alles kennen, was ich hier regelmäßig oder gar reflexmäßig von mir gebe.

Deswegen noch einmal die mir allerliebste Heine-Gesangsversion, welche Esther Ofarim vor Jahren eingesungen hat, eine Variante seines Gedichtes „Kinderspiele“. Mit den unvergesslichen Zeilen:

„Vorbei sind die Kinderspiele

Und alles rollt vorbei

Das Geld und die Welt und die Zeiten

Und Glauben und Lieb und Treu.“

Man möchte aus dem Schaukelstuhl heraus weise nicken.

Es ist dazu ein Gedicht, das wir gerade in diesem Jahr des großen, globalen Analogtrends und der bereits zur Hippness eskalierten Nostalgie vermehrt hören, lesen oder gerne auch wieder aufsagen können.


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Am Hamburger Rathaus aber steht dauerhaft der große Heine aus Bronze und sieht in diesen Tagen mit den um den Leib geschlungenen Armen ein wenig so aus, als würde er in seinem vermutlich zu dünnen Mäntelchen frieren. Dabei blickt er grüblerischen Blickes auf Hunderte kleiner Schneemänner auf dem Rathausmarkt. Denn diese Stadt hat es gerade mit den saisonalen Figuren.

Nachdem jemand an der Krugkoppelbrücke etliche besonders liebevoll inszenierte Miniaturschneefiguren zerstört hat, wurden sie dort mit großer Beteiligung neu geformt, und auch an anderen Standorten wurde dieses Wintervergnügen daraufhin auf einmal zum Trendsport.

Was in erstaunlicher Fortsetzung der bereits gestern angerissenen Stimmungsausnahmesituation dazu führt, dass da also etliche Menschen aller Altersgruppen begeistert im Schnee knien und versonnen Figürchen formen. Während etliche andere vorsichtig durch die Reihen der fertig geformten Schneeskulpturen spazieren, Fotos und Filme machen, sichtlich gerührt sind und sich gegenseitig die schönsten Exemplare zeigen.

Dieser Wintereinbruch ist das mit Abstand kälteste Wetter-Event seit vielen Jahren, aber er scheint die Stadt seltsam aufzuwärmen, so viel steht fest.

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Elli, der Abgesang

Der Sonnabend verbleibt vom Wetter her etwas öde und ereignisarm, das ist nach der aufwändig inszenierten Show durch das mit Pomp and Circumstance durchrauschende Tief Elli am Freitag ein wenig ernüchternd. Aber natürlich ist es in Ordnung und besser für alle Beteiligten, wie man etwas widerstrebend und bei aller Sensationslust doch zugeben muss. Immer diese Erwachsenen-Vernunft, sie ist manchmal auch ein wenig lästig.

Ein kleiner Schneemann vor einem Geschäft

Es schneit also nicht mehr. Es eisregnet auch nicht, blitzvereist nicht, es weht nicht einmal mehr und es friert nicht rekordmäßig. Das Wetter kann auf einmal gar nichts mehr. Sogar das Licht ist an diesem Tag mäßig und mau, ist grau und flau, es macht alles nichts mehr her da draußen. Die im Sturm malerisch eingerissene Hamburgfahne auf dem Hoteldach gegenüber wirkt in diesem Licht blass und bestenfalls mattrot, dabei müsste die Farbe doch signalkräftig leuchten. Vielleicht aber hat der Wind am Vortag die Farbe gründlich aus dem Stoff geprügelt, hat alles schwach und abgekämpft zurückgelassen, was hier unter freiem Himmel war.

Selbst unten an der Alster will es nicht recht fotogen wirken, was die Winterlandschaft noch zu bieten hat. Ich gebe es schließlich auf und kümmere mich lieber am Schreibtisch um liegengebliebenes Admin-Geraffel, versuche dabei bemüht, mir das Abarbeiten bei Kaffee, Keksen und schummeriger Beleuchtung als „gemütlich“ einzureden. Mit immerhin mäßigem Erfolg.

Eine sehr kleine Schneefigur

Die Feuerwehr, sehe ich dann später beim zweiten Spaziergang des Tages, schlägt hoch über den Fußwegen Eiszapfen bedeutender Größe von Dachrinnen, Überständen und Balkonen, damit hier eher unübliche Todesarten des Winters möglichst weiterhin nicht vorkommen. Von unten sehen Menschen interessiert und, wenn sie noch etwas kleiner sind, auch deutlich enthusiasmiert zu, machen Fotos und Filme, loben laut und preisen diesen Einsatz. Der Mann an der Drehleiter und auch der Mann ganz oben lachen beide und winken dem Publikum. Es ist insgesamt eine jener seltenen Hamburger Szenen, die dadurch auffallen, dass nahezu alle Beteiligten gut gelaunt wirken. Man sieht es hier nicht so oft in dieser Ausprägung.

Die Durchschnittslaune sieht man aber weiterhin und wie zur Beruhigung auf den Gesichtern der Fahrer (alle männlich, aber das wird ein Zufall sein) in den Autos, die wegen des Feuerwehrwagens nicht durch die enge Straße kommen und jetzt für längere Zeit hier feststecken, denn es hängen verdammt viele große Eiszapfen da oben. Diesen Fahrern ist die Lust, sich gründlich ins Lenkrad zu verbeißen, deutlich an ihrer Mimik abzulesen.

Das bereits gestern kurz angedeutete Vernunftwunder geht aber noch einen Tag weiter, denn es hupt merkwürdigerweise niemand. Fast möchte man es nicht glauben, und ich prüfe also noch einmal, ob es nicht vielleicht am Noise-Cancelling meiner Kopfhörer liegt, dass ich nichts höre. Aber dem ist nicht so. Daher fällt diese kleine Szene fast schon in die Rubrik „Was schön war“, so überaus seltsam ist dieses fast schon besinnliche Vorkommnis.

Ein Feuerwehrmann auf einer Drehleiter an einer Dachkante

Noch einige gerade angefallene Winterlinks:

Nicola hat ihren ersten Newsletter „Gute Frage“ geschrieben. Es geht, passend zum Januar, um Anfänge und ist wie immer bei ihr reich an Links, Inhalt und Überlegung. Meine Empfehlung zur Anmeldung versteht sich.

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Die geschätzte Landlebenbloggerin schreibt über das Rodeln. Angereichert, wie für unsere Generation üblich, mit ihren Erinnerungen. Dazu noch eben der Hinweis, dass die Buddenbohmschen Söhne leider kaum nennenswerte Rodelerinnerungen bewahren können. In den entscheidenden Jahren gab es nicht genug Schnee in dieser Stadt. Nur als sie noch sehr klein waren, kaum werden sie es noch wissen. Bei Sohn II bin ich nicht einmal sicher, ob er sich überhaupt an Rodeltage erinnert.

Ich könnte nachfragen, aber er chillt gewiss gerade. Und da möchte man bekanntlich nicht gestört werden. Siehe Nickerchen, wie Menschen meines Alters noch sagen.

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Carola hat wie immer feine Bilder von Wismar im Schnee. Alle ihre Wismar-Bilder sehen stets so aus, dass die Stadt sie dafür bezahlen müsste, so etwas dermaßen lockend zu verbloggen.

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Christian hat an den langen Winterabenden Musik gemacht und außerdem eine Bitte.

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Der Freitag in der Snowpocalypse

05:30 Am Abend des Donnerstags, das ist erst noch nachzutragen, wurden hier tatsächlich Läden erstaunlich leergekauft. Ich war doch ein wenig überrascht, die Leute hamsterten ernsthaft wieder. Was sich wohl dadurch erklären lässt, dass nahezu sämtliche Institutionen und Politpersonen dieser Stadt vor einer Kamera standen und vor diesem Wochenende gewarnt haben. Überall erhobene Zeigefinger, ernste Blicke und die immer wieder angesagte Gefahr für Leib und Leben.

Die ich nicht kleinreden möchte, und wenn deswegen ein paar hektische Irre weniger mit dem Auto durch die Stadt und über die Schnee- und Eispisten fahren, hat man sicher viel erreicht. Aber die Dosis und Intensität der Warnungen und Mahnungen, sie war doch insgesamt ein wenig erstaunlich.

Ein Schneemann, der an einem Baun hochklettert

06:07 Am Freitagmorgen kommt programmgemäß etwas Wind auf und klingt auch prompt so, als könnte er in Kürze zum Sturm werden wollen. Wenn man aus diesen norddeutschen Gegenden hier kommt, dann meint man manchmal, es dem Wind bei den ersten Brisen schon anhören zu können, ob er ein solches Potenzial hat oder nicht. Und man murmelt dann gerne, wie ein gestandener Matrose ein paar Seemeilen vor Kap Hoorn, seine Wetter-Erkenntnisse fluchend vor sich hin, bevor man doch wieder trotzig La Paloma pfeift und sich erst einmal weiter um die üblichen Verrichtungen an Deck oder im Home-Office kümmert.

07:01 Ich gehe noch vor der Arbeit durch seltsam leere Straßen zum Supermarkt. Offensichtlich fahren sehr wenig Menschen mit dem Auto, verhalten sich also vernünftig, es ist ein wenig befremdlich. Das machen sie doch sonst nicht, was ist jetzt anders.

07:15 Ich kaufe im Supermarkt als Frühkunde nicht etwa das, was die hamsternden Massen kaufen wollen, nein, ich kaufe lediglich eine kleine Packung Zuckergusskonfetti. Welches die Herzdame für einen heute zu backenden Kuchen braucht, und zwar, so sagte sie, dringend. „As you wish“, antworte ich in solchen Fällen. Denn was soll man auch sonst antworten, und dann gehe ich los, quer durch all die Wetterwarnungen.

08:15 Vor unseren Dachfenstern wird tatsächlich Schneesturm aufgeführt. Der zwar vielleicht so schlimm nicht sein wird, denke ich mir, der aber jedenfalls überzeugend so aussieht. Weil große Mengen von pulverigem Schnee an den Scheiben vorbei verweht werden, weil sie dort wild und eindrucksvoll kreisen und dann in ungestümer Eile alsterwärts vorbeibrausen. Und weil dabei ein ansprechend pfeifendes, schräg heulendes Geräusch eingesetzt wird, welches man aus Western mit Blizzard-Szenen zu kennen meint. Ich arbeite im Brotberuf, stehe zwischendurch interessiert am Fenster und lobe den Sturm. Wie immer mit dem richtigen Borchert-Zitat dabei, Sie kennen es wohl schon von mir:

„Stell dich mitten in den Wind

Glaub an ihn und sei ein Kind

Lass den Sturm in dich hinein

Und versuche, gut zu sein.“

09:44 Die Bahn stellt den Fernverkehr ein. Jetzt kann ich nicht mehr, was weiß ich, mit dem Zug nach Hannover fahren, um ein vollkommen beliebiges Beispiel zu nennen. Keine Ahnung, warum mir Hannover einfällt, ich weiß gar nicht, was ich in Hannover tun sollte. Ich werfe beiläufig einen Blick auf Instagram, dort wird mir Werbung gezeigt für eine Tagesbar in … Hannover. Nette Bilder zum Thema Daydrinking. Seltsam, sonst sehe ich nie Werbung für irgendwas aus Hannover.

Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, aber die Zufälle sind doch eindeutig hinter mir her, so viel steht fest.

11.49: Es passiert sonst nix, was zu berichten wäre. Es weht nur immer weiter erstaunlich viel Schnee am Fenster vorbei. Im Bildausschnitt könnte auch ein Loop angespielt werden, ich würde es nicht merken. Der Blick nach draußen sieht manchmal ein wenig nach den Bildstörungen aus, die einige noch von früher kennen werden. Als es noch Fernseher mit Zimmerantennen gab und einer damit über die Möbel turnen musste, bis das Bild endlich komplett flimmerfrei war: „So bleiben!“

Der Live-Ticker vom NDR weiß auch nichts weiter zu berichten, nur dass Züge, Flüge etc. ausfallen und dass die Stadtreinigung die Stadt reinigt. Also vom Schnee. Okay.

12:10: Im Haus gegenüber macht eine junge Frau in pyjamamäßigem Outfit ein Fenster weit auf, vermutlich um sich die Pracht anzusehen. Woraufhin der schneegeladene Wind ihr dermaßen sturmstark eine langt, dass sie mit spitzem Schrei zurücktaumelt, das Fenster eilig wieder schließt und sich hüpfend Schnee aus dem Dekolleté schüttelt. Genug gelüftet für heute, nehme ich an.

12:25 Die Herzdame backt Kuchen. Wodurch es in der Wohnung äußerst gemütlich duftet, was sich mit dem Blizzard-Szenario vor den Fenstern hervorragend verbindet.

12:40: Mein Abend-Date fragt, ob wir eigentlich auch bei Sturm und Schnee daten. Aber sicher tun wir das, wir verlegen nur eben den Treffpunkt in die Bar, die für uns auf dem kürzesten Weg zu erreichen ist.

13:20: Mittagsschlaf bei hörspielmäßig inszenierten Sturmgeräuschen. Es ist mir ein wahres Fest.

14:35: Ich gehe einen Eimer kaufen. In unserem Eimer ist nämlich ein Loch, wie sich gerade beim Putzen gezeigt hat. Wozu man früher geradezu zwangsweise ein gewisses Lied hätte singen müssen, die Älteren erinnern sich. Ich aber singe keine Lieder und verkneife mir sogar das in diesem Moment notwendige Krückstockgefuchtel. Denn früher hätte ich in userem Stadtteil noch in mehreren Läden einen Eimer kaufen können, hätte also Auswahl gehabt. Früher! Als es hier noch richtige Geschäfte gab und nicht nur überteuerte Touristenbespaßungseinrichtungen. Knurrend strolche ich durch die Winterlandschaft, den blöden Eimer zu kaufen. Einzelne Läden haben heute tatsächlich geschlossen, sehe ich. Wegen des Wetters, so steht es auf Zetteln an Türen.

Ein Hinweisschild an einer Ladentür, heute geschlossen

Der Rest der Stunden bis zum Abend-Date verstreicht dann bemerkenswert ereignislos. Drinnen wird einfach so herumgewohnt, draußen wird immer weiter herumgewettert. Aber allmählich doch etwas lustloser, dem Klang nach zu urteilen.

Mehr findet nicht statt, und das ist vermutlich auch gut so. Auch den Live-Tickern der Medien fällt nun beim besten Willen nichts mehr ein, nur noch: „Die Glätte bleibt.“

Diverse Wetter-Apps schicken schon einmal Entwarnungen, die Sturmgeräusche nehmen weiter ab, hören dann sang- und klanglos auf.

Ein eingeschneites Denkmal für Sankt Ansgar

18:50: Ich gehe zu meinem Date und nehme den Hauptvorteil des Tages mit: Die Bar unserer Wahl ist an einem Freitagabend leer wie ein Saloon in einer gottverlassenen Stadt irgendwo im weiten Westen bei Schneesturm. Und nicht etwa gewohnt bumsvoll wie eine bekannte Szene-Bar auf der Ausgehmeile in der Millionenstadt.

Es sind etliche Plätze frei, ein merkwürdig ungewohnter Anblick. Obwohl wir beide schon oft in dieser Bar waren, können wir uns heute eine Ecke zum Sitzen aussuchen, in der wir noch nie waren, so leer ist es. Und sitzen dann dort wie vom Winde verweht.

Ein Schild in einer Bar: "We have mixed drinks about feelings"

Denn man muss so einem Sturm vielleicht auch die Chance geben, einen irgendwohin zu bewegen. Es ist am Ende nur fair, er hat sich immerhin sichtlich viel Mühe gegeben, und das sogar einen ganzen Tag lang.

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Beinharte Wirklichkeit

Das letzte hier liegende Buch von Michael Maar habe ich durchgelesen, den Band über die Tagebücher: „Heute bedeckt und kühl“ (Verlagslink). Jetzt geht es herber weiter, ich lese „Verlust – Ein Grundproblem der Moderne“ von Andreas Reckwitz, hier die Perlentaucherseite dazu. Die Rezensenten äußern sich dort überwiegend positiv.

Kein leichtes, kein schönes Thema, eher beinharte Wirklichkeit und Analyse der Gegenwart. Aber ich sehe auch gerade weit und breit keinen Urlaub in meinem Kalender. Da wird man so eine Lektüre wohl abarbeiten können, wenn sie einen doch weiterbildet.

Der Titelzusatz „Ein Grundproblem der Moderne“, so scheint mir, wäre auch als Aufkleber nett und brauchbar. Den man gleich hier und da anpappen könnte, etwa an unaufgeräumte Teenagerzimmer. Oder auch an überbordende Pfandflaschensammlungen, an ungeleerte Mülleimer, an Ordner mit Behördenbriefen (siehe dazu mein Text von gestern) oder auch an den Badezimmerspiegel und dergleichen. Als lapidare Standardantwort in Outlook, die man sich bequem auf einen Shortcut legen könnte, ist die Formulierung sicher ebenfalls geeignet. Wenn eine Kollegin sich elaboriert über etwas beschwert, bei dem man eher nicht tätig werden möchte, reicht dieser Satz vielleicht als verständnisvoll bestätigende, dabei aber keinerlei Lösung aufzeigende Reply: „Ein Grundproblem der Moderne!“

Und damit hat sich das Thema vielleicht erledigt. Das mal so versuchen.

Das Buch "Verlust" von Andreas Reckwitz

Recht früh im Buch kommt Andreas Reckwitz auf ein hier aktuelles Blogthema, es geht bei ihm nämlich auch um die im Trend liegende Freude am Analogen. Ich zitiere etwas umfänglicher, mit der Bitte, besonders den letzten Satz zu beachten:

„Vinylplatten haben ein überraschendes Revival erlebt. Einst hoffnungslos antiquiert und erst durch CDs, dann Streamingdienste verdrängt, punkten sie nun mit der Authentizität ihres Hörerlebnisses. „Wie früher“ – ein „Früher“, das man selbst möglicherweise nie erlebt hat – hält man die aufwändig gestalteten Plattencover in den Händen und lauscht dem Knistern, wenn die Nadel über die Rillen der Schallplatte gleitet. Zeitgleich sind im Städtetourismus die lost places zum Geheimtipp geworden: heruntergekommene, häufig am Stadtrand gelegene Gebäude etwa aus der Blütezeit der industriellen Moderne, in denen sich eine spezielle Ruinenästhetik entdecken lässt. Aber auch sorgfältig restaurierte Bauwerke wie das Tacheles in Berlin oder die Bourses de Commerce in Paris beschwören die Faszination einer jüngeren Vergangenheit.

Dies alles sind Beispiele einer spätmodernen Nostalgieökonomie und einer nostalgischen Ästhetisierung, die in den Dingen und Orten einen bestimmten, häufig idealisierten Ausschnitt der Vergangenheit präsent zu halten versuchen. Wenn die Zukunft nicht mehr viel verspricht, ist die Bewahrung der Kultur der Vergangenheit vor dem vollständigen Verlust – als Heritage, Retro oder eben Nostalgie – offenbar zu einer charakteristischen Strategie der Gegenwartskultur geworden.“

Treppenstufen in einem Kirchturm, durch Buntglasfenster bei Nacht fotografiert

Diese Absage an die wenigversprechend erscheinende Zukunft und an die schnöde Gegenwart, sie ist der Schatten der so harmlos daherkommenden, nostalgiewarmen Analog-Verehrung. Sie ist der Teil, der eher nicht besprochen und erörtert wird. Weil man dann gedanklich aus dem lifestyligen, eher kuscheligen Argumentationsmuster in schmerzhafte Bereiche vordringen müsste.

Da mal drüber nachdenken! Vielleicht während die Platte dabei besonders schön knistert. Und während man, wenn es das Stück überhaupt auf Vinyl gibt, passend zum Wetter in dieser Stadt noch einmal Daniel Norgren hört. Wo man doch gerade bei Verlusten ist: „Everything you know melts away like snow …“

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Belastungen und Besonderheiten

Ich sehe online den Begriff „Admin-Nights“, den kannte ich noch nicht. Falls Sie ihn auch nicht kannten, ist es vielleicht schon wieder ein neuer Fall für unser kleines Trendforschungslabor. Wir sehen uns das also etwas genauer an. Aus den USA kommt das, wo früher alle großartigen Trends herkamen, die etwas auf sich hielten. Aber das ist eine Weile her, es gilt gerade nicht mehr zwingend als cool, von dort zu kommen.

Wie auch immer, man trifft sich jedenfalls bei den Admin-Nights „with a couple of friends and maybe a bottle of wine“. Was einem gleich dezent geschönt vorkommt. Denn es werden wohl meist auch „a couple of bottles“ sein, nicht wahr. Man meint doch, die Menschen und ihr Suchtverhalten so weit zu kennen. Dann macht man gemeinsam in freundschaftlicher Runde Admin-Zeug und arbeitet mitgebrachte Ungeheuerlichkeiten, Ballast und Zumutungen aller Art ab.

Von der Kündigung alter Abos über die liegengebliebene Buchhaltung und die so sehr drängende Steuererklärung bis zu zwingend notwendigen An- und Abmeldungen aller Art und zu allgemeinen Ablagen und Auseinandersortierungen. All das Aufgeschobene bringt man also dorthin mit. Man jammert und wehklagt ein wenig gemeinsam, stelle ich mir vor, man löst dabei aber nach Möglichkeit auch und arbeitet mehr oder weniger stetig ab. Man hilft sich wohl außerdem gegenseitig. Dabei arbeitet man, so nehme ich an, in einer Geschwindigkeit, die möglichst viele abgehakte To-Dos noch vor der ersten geleerten Bottle ermöglicht. Denn es wird danach bekanntlich irgendwann schwieriger, wie hoch auch immer die Anfangsmotivation sein mag.

Tröstlich kann man es auf eine Art vielleicht finden, dass es solche Admin-Nights gibt. Beweist es doch immerhin, dass auch andere Menschen die Admin-Lasten aller Art als stark herausfordernd empfinden. Als permanent im Hintergrund lauernde Überforderung, die hier und da längst zu amtlichen Akten gerann, als schier endlose Plage und Mühsal der Ebene. Man ist auch bei diesem Thema in keiner so speziellen Lage, wie man oft denkt. Man meint nur, auf eine markante Art besonders zu sein, obwohl auch hier selbstverständlich wieder die goldene Lebensregel gilt, die man nicht oft genug wiederholen kann:

Alle Fragen, die mit „Bin ich eigentlich die Einzige, die …“ beginnen, können kategorisch verneint werden. Die männliche Form ist mitgemeint.

Es ist eine Regel, die sich in meinem Leben oft bestätigt hat. Man kann sich bei den Admin-Nights also heiter und in trauter Gemeinsamkeit und Ähnlichkeit um die diversen Bottles gruppieren, stelle ich mir vor, und niemand ragt dabei auffällig durch Besonderheiten heraus.

Für mich wären Admin-Nights allerdings nichts, ich lege zu großen Wert darauf, nachts zu schlafen. Ich wäre eher für Admin-Early-Evenings, aber das klingt irgendwie uncool. Das wird kein Trend werden, ich sehe es sofort ein.

Eine Frage, die mir bleibt, ist eine, deren Antwort ich nicht genau weiß, an der ich aber interessiert wäre: Ist nämlich meine Annahme richtig, dass die Admin-Belastung des Durchschnittsmenschen heute größer ist, als sie es noch vor zwanzig, dreißig Jahren war? Erheblich größer?

Weil doch z. B. all das Digitale in unserem modernen Alltag in this best of all possible worlds in aller Regel keineswegs nur Erleichterung und Simplification, sondern im Gegenteil oft genug Complications und gesteigerten Verwaltungswahnsinn mit sich bringt. Weil auch sonst zumindest gefühlt alles immer schwieriger und keineswegs geschmeidiger wird. Als abgesicherte Expertenmeinung ist mir das allerdings bisher noch nicht begegnet.

Dass aber unsere vorhergehenden Generationen in einer Zeit noch weit vor den Anglizismen und vor all dem Digitalen, damals im analogen Zeitalter also, so etwas wie „Verwaltungsnächte in geselliger Runde“ als Trend erfunden hätten – es kommt mir nicht eben wahrscheinlich vor. Ich stelle mir meine Großmutter, die Onkels und Tanten dabei vor … nein, nein.

Ein öffentlicher Mülleimer mit Aufkleber: Hier Deine Sorgen einwerfen

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Es ist ein Schnee gefallen

Währenddessen dachten die Menschen in dieser Stadt tagelang kollektiv über die Vergangenheit nach. In erstaunlich schnell ritualisiert wirkenden Smalltalkversatzstücken taten sie das, welche sich sämtlich auf das Wetter bezogen. Denn es ist nach wie vor erstaunlich weiß hier, und es wird auch noch mehr Schnee geben. Viel davon wird noch fallen, sagen diejenigen, die es wissen müssen. Wir stehen also unverhofft vor einer stabilen Winterkulisse. Wann aber gab es das zuletzt?

Blick von St. Georg aus über diue Außenalster, verschneite Landschaft

Wann hat es das letzte Mal so geschneit, wann konnte man wo nicht mehr mit dem Auto oder mit dem Rad entlangfahren oder nicht einmal mehr gehen, wann konnte man wo rodeln oder sogar skilanglaufen? Wann war die Außenalster zugefroren, so dick, dass wir über sie gehen konnten, wann haben wir denn noch einmal so erbärmlich gefroren und wann die Schneebälle geworfen, mit den Kindern die Schneemänner oder -frauen gebaut, die Sonnenbrillen wegen der Wintersonne in der gleißenden Schneelandschaft aufgesetzt?

Das weiß man spontan gar nicht mehr genau. Da muss man erst einmal nachrechnen, muss die Jahre an den Fingern nachzählen, längst vage gewordene Erinnerungsmarker anpeilen und halbvergessene Ereignisse neu durchsortieren. „Das war jedenfalls, als die Kinder noch klein waren.“ Und dabei zeigt man etwa in Hüfthöhe, wie klein sie damals waren, und dann lächelt man kurz versonnen. Oder es war zu jener Zeit, als der Hund noch lebte, als die Großmutter noch in ihrer Wohnung lebte oder als das Büro noch in dem anderen Stadtteil war. Als wir aus Australien zurückkamen und im Flugzeug nur T-Shirts anhatten. Weißt du noch. Weißt du nicht?

Eine ganze Stadt denkt zurück und räumt ihre Wetter-Erinnerungen auf. Aber einig wird man sich dabei nicht unbedingt. So ist das nämlich mit den Zeugenaussagen, wie wir längst wissen, es ist ein unzuverlässiges Glücksspiel. Und es hilft nicht einmal weiter, dass die lokalen Medien hilfreich einspringen und uns die Jahre mit dem Schnee und dem Alstereis usw. genau benennen. Denn man weiß es doch besser! Also zumindest teilweise, und da dann aber ganz sicher. Echt jetzt. Weil!

Und dann folgt eine ellenlange Ableitung, die zunächst so klingt, als könnte sie auch vor Gericht mit Eifer wiederholt werden. Aber unter Eid – eine gefährliche Sache.

Wenn man sich jedenfalls für das Thema Erinnerungen und Wahrheit, Zeugen und Wirklichkeit interessiert, dann sind diese Tage ein wahres Fest. Man kann lachend an zig Smalltalksituationen vorbeigehen und miterleben, wie die vermeintlich klar gelagerte Vergangenheit zu einer höchst ungewissen Angelegenheit wird. In der es entweder in jedem oder aber in gar keinem Jahr geschneit und gefroren hat – man muss nur die jeweils passenden Zeugenaussagen chronologisch nach den benannten Ereignissen sortieren und zusammenfügen.

Und bei allem behalten wir selbstverständlich im Sinn, dass da draußen gerade analoger Schnee zum Anfassen fällt. Mit dem man also analogen Spaß haben kann, der in diesem Jahr des globalen Offline-Trends sicher doppelt zählen wird. Jeder mit klammen Fingern geformte Schneeball stellt uns nun eine entschlossene Abkehr von einer vermeintlich sinnlosen Smartphoneminute dar. So wird es sicher gesehen und dann auch online inszeniert werden. Die Filmchen dazu werden zweifellos trenden.

Blick vom Neuen Jungfernstieg über die Binnenalster, verschneite Kulisse

Wir Älteren denken aber bei all dem bitte auch kurz an die Zeiten zurück, wie lange sind die denn eigentlich her, in denen es auf einmal modern war, es auf den Seiten im Internet zur Weihnachtszeit digital schneien zu lassen. Und es war für kurze Zeit tatsächlich ein „Oh, guck mal!“-Effekt, wissen Sie es noch?

Was haben wir schon alles mitgemacht, wir Digitalveteranen Aber ob jenes Jahr, in dem es für uns zum ersten Mal digital geschneit hat, auch ein Jahr war, in dem es zusätzlich analog geschneit hat … das wäre auch erst noch länger zu durchgrübeln.

Aber wie auch immer. Der olle Degenhardt schrieb:

„Dann wollen wir uns wälzen

Nach einem heißen Bad

Im Schnee, und der wird schmelzen

Weil er zu schmelzen hat.

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Unter dem nicht ganz so großen Stein

Was der Stadtneurotiker hier über das tägliche Ausweichen schreibt, über den veränderten Nachrichtenkonsum, das könnte ich größtenteils unterschreiben. Und ich halte es auch für einen allgemeineren Trend. Ich könnte das aus meinem Umfeld heraus auch mit zahlreichen Beispielen im Bekanntenkreis belegen, was aber ein weiterer Stichprobenfehler von vielen sein könnte.

Aktuelle Zahlen, Studien etc. zu dem Thema kenne ich nicht. Ich bin aber doch recht sicher, mit meiner Vermutung richtig zu liegen.

Das durchdachtere, informationsverdichtende Einsteigen in News-Themen geschieht bei mir fast noch über Podcasts. Und die höre ich dann gerne auf Expertenebene, nicht im allgemeinen Plauderbereich. Und zwar auch dann nicht, wenn das Geplauder gefällig meine politische Richtung bedient.

Ich höre diese Podcasts außerdem fast nie tagesaktuell, sondern eher in einer Taktung und auf einem Niveau, das man früher, in dem heute so selig gepriesenen analogen Damals, noch in Wochenzeitungen oder Monatszeitschriften gefunden hat. Von denen ich eine noch in der Printversion abonniert habe, wie so ein Steinzeitmensch, nämlich die Blätter für deutsche und internationale Politik. Die sind bei mir das Relikt einer vergangenen Epoche.

Meine Haltung zu den meist grässlichen Themen in den News hat sich nicht verändert, seitdem ich nicht mehr pausenlos an ihnen klebe wie ein Putzerfisch an der Scheibe des Aquariums. Mein Wahlverhalten hat sich schon gar nicht verändert. Auf die üblichen Demos würde ich ebenfalls weiterhin gehen und in Gesprächen genau wie früher ggf. mit Protest oder Zustimmung reagieren etc. Ich bin auch nicht noch fatalistischer geworden, denke ich. Und ich fühle mich bisher nicht überzeugend biedermeierlich, eine geistige Verstifterung fand meines Wissens nicht statt (ich neige mehr dem von Felix beschriebenen Kleist-Update zu). Vielleicht noch nicht.

Es kann da auch ein Selbstbild/Fremdbild-Problem geben, schon klar. Sie wissen ja, dieses Selbstbild/Fremdbild-Ding ist eine der Sollbruchstellen unserer vermeintlichen Intelligenz. Daran scheitern wir alle mit schöner Regelmäßigkeit.

Aber noch vor zwei Jahren etwa hätte ich jedenfalls bei der aktuellen Nachrichtenlage mit Venezuela etc. die internationalen Newsstreams pausenlos verfolgt. Dazu noch die sozialen Medien, eh klar. Heute nehme ich vielleicht zwanzig Prozent der damaligen Nachrichtenüberdosis zur Kenntnis, nehme ich an. Was mir allerdings weiterhin nicht die Gnade der Uninformiertheit gewährt. Der Stein ist noch lange nicht groß genug, um unter ihm zu leben.

Unterm Strich habe ich sicher weder der Welt noch mir selbst ruhmreich dadurch gedient, dass ich zeitweise alle hektischen Ticker-Meldungen zu jeder globalen Aufregung mitbekommen habe und einiges mit mehr oder weniger gelungenen Pointen in den Timelines kommentiert habe. Ich habe mir aber oft genug dadurch Stunden genommen, die ich in besserer, entspannterer Stimmung hätte verbringen können. Ohne dass die Welt deswegen noch schneller den Bach heruntergegangen wäre, kann ich wohl annehmen. Es war also irgendwann eine einladende Option, das Verhalten zu ändern.

Na, es ist alles nur eine Phase.

Skulpuren von Balkenhol vor der Zentralbücherei, schneebedeckt

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Für eine Handvoll Links

Nicola hat gute Vorsätze, was das Bloggen betrifft: „Ab sofort werde ich spontaner und unregelmäßiger darüber schreiben, was ich lese, höre, sehe und welche Gedanken sich dabei entwickeln – dafür dann aber hoffentlich häufiger als im vergangenen Jahr.“

Das ist sehr gut so. Davon haben wir dann nämlich alle etwas, und ich zitiere ihr Vorhaben hier selbstverständlich hilfsbereit wie immer, denn öffentlicher Druck hilft bekanntlich ungemein bei solchen Vorsätzen. Und ich danke ebenso selbstverständlich herzlich für die überaus freundliche Erwähnung meines Blogs in ihrem Artikel, ich fühle mich geehrt. Und wie.

Die Lombardsbrücke bei Nacht im Schnee

Aber apropos Blogs. Maurice Renck verweist auf einen Artikel über den Wert des Bloggens und zitiert daraus Kernstellen. Ich empfehle aber auch die Lektüre der Originalquelle (die ohnehin oft lesenswert ist, am besten ebenfalls gleich abonnieren).

Der neue Jungfernstieg bei Nacht im Schnee

Und noch weiter mit Blogs. Ute Vogel schätze ich seit Jahren u. a. für ihre großartigen Fotos, und sehe gerade in ihrem Jahresrückblick, dass sie Aufträge gebrauchen könnte. Design, Kultur und dann dieses Internet, was man da alles so macht – sie beschreibt hier ausführlicher, was sie in diesem Zusammenhang anbietet und kann.

Ich bin ziemlich sicher, sie ist super.

Wie ich überhaupt, aber das nur am Rande, jederzeit eine Truppe von Frauen aus dem Internet benennen könnte, Bloggerinnen und andere, mit denen nach meiner Überzeugung die Welt noch zu retten wäre. Aber sie haben dummerweise ohnehin alle gerade anderes zu tun, es ist hin und wieder ein wenig schade.

Die alte Kunsthalle bei Nacht im Schnee

Apropos Frauen aus dem Internet, bei Anke wiederum findet gerade das so angesagte Thema Analog statt. Es geht bei ihr um das Lesen von Büchern und die Argumente, die dieses Lesen unterstützen oder eben nicht. Also wenn man denn überhaupt Argumente braucht, um Bücher zu lesen. Worüber reden wir hier eigentlich? Zeiten! Sitten!

Ich bin, aber ich höre auch gleich wieder auf, keine Sorge, noch mit „Lies mal lieber nicht so viel! Mach doch mal was, geh mal raus!“ großgeworden. Es ist fast schon unvorstellbar geworden und zeigt auch unser Altern an.

***

Eine weitere Folge aus den Sternstunden Philosophie fand ich außerdem empfehlenswert: „Alles Klasse – Wie Status unser Leben ordnet“. Die Sendung ist hervorragend geeignet, um auch das eigene Klassendenken, die Klassenerfahrungen und den eigenen Klassismus zu reflektieren. So etwas kann nicht schaden und ist unbedingt etwas Zeit wert. Das Thema ist meiner Meinung nach eher unterschätzt und auch in meiner Internet-Bubble teils so etwas wie ein blinder Fleck.

Das Nachdenken darüber kann jedenfalls einiges erhellen, selbst wenn man nicht Pierre Bourdieu ist und also einfach immer weiter und tiefer denkt.

Ich merke mir das vor. Zu dem Thema wäre noch mehr zu schreiben, merke ich gerade beim nur kurzen Nachdenken darüber, und es ist immer nett, ein paar Anregungen auf Halde zu haben.

Ein Kirchturm bei Nacht, mit Schneeanflug

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Understand Hegel and embrace boredom

Von Walther Ziegler habe ich mir Hegel erklären lassen. Es fühlte sich mit ihm wieder wie eine sinnvoll verbrachte Stunde an, ich fand die Filme von ihm bisher alle interessant und lehrreich.

Von Hegel aus kann man, auch wenn es vielleicht zunächst etwas gewagt klingt, eine Linie zur Trendforschung und also zu den Themen der Zeit ziehen. Denn wofür ist der Hegelsche Weltgeist zuständig, genau, für die Durchdringung von allem mit den gerade anstehenden Themen, mit der „Wahrheit der Epoche“. Die wir am Ende auch als Großtrend begreifen müssen, versteht sich.

In diesem Sinne eine weitere heitere Anmerkung zum grassierenden Analog-Trend. Ich sehe auf Instagram eine der zahllosen Erläuterungen dazu. Wie man das denn nun am besten macht, diese Sache mit dem ganzen analogen Zeug, wie fängt man das denn eigentlich an. Es gibt immerhin viel von diesen analogen Sachen, hört und sieht man. Wie wählt man da etwas aus und was macht man damit genau.

Auf dem Account „Cozy Games” lese ich: „Eight small steps to live a more analogue life & heal our digital brain rot“. Und ich zitiere Ihnen diese steps eben, um danach etwas anzumerken. Vielleicht haben Sie aber auch beim Lesen schon den gleichen Gedanken wie ich. Es ist nicht so unwahrscheinlich.

  1. Create more than you consume: Man soll weniger das Leben der anderen beobachten und mehr das eigene führen.
  2. Embrace Boredom: Man soll das Unangenehme an unterstimulierenden Situationen aushalten.
  3. Collect & consume physical media: Man soll Bücher, DVDs, Schallplatten etc. konsumieren.
  4. Do more brain games: Man soll sich mit Kreuzworträtseln, Puzzles etc. beschäftigen.
  5. Nurture local community: Man soll sich in irgendeiner Weise mit den Menschen vor Ort beschäftigen.
  6. Refrain from scrolling in bed: Man soll die Stunden im Bett ohne Smartphone oder Tablet verbringen.
  7. Reframe inconvenience: Man soll den Zeitverschleiß bei manuellen Tätigkeiten als Chance zum Runterkommen verstehen.
  8. One activity at a time: Man soll seine Hobbys in Ruhe betreiben, also etwa nur einen Film zurzeit sehen, nur ein Buch lesen, das Fokussieren wieder lernen und die unbefriedigende Leere, die man dabei vielleicht empfindet, nicht zwingend ausfüllen.

Darunter sehe ich 49 begeisterte, zustimmende Kommentare und über 5000 Likes.

Es liegt mir nun fern, über diesen Account („Your cozy home & hobby bestie“) oder über dieses Posting zu spotten. Das ist keineswegs meine Absicht. Die Punkte sind auch alle valide und in vielleicht mittlerweile schon allen Fällen durch psychologische Forschung gut fundiert und belegt: Es ist tatsächlich alles mehr oder weniger deutlich empfehlenswert.

Sicher nicht alles für alle und in allen Situationen, aber im Prinzip – doch, das ist so, ja. Daran könnte man sich halten und es hätte dann wohl auch positive Effekte. Das entspricht so meinem Kenntnisstand, und ich würde es auch dem Nachwuchs hier empfehlen. Also sollte ich jemals den Eindruck gewinnen, sie würden mir interessiert zuhören und meine pädagogisch ungemein wertvollen Einlassungen nicht etwa als zu reframende inconvenience betrachten.

Aber! Und jetzt kommt, was Sie vielleicht auch gedacht haben. Jedenfalls dann, wenn Sie auch schon etwas älter sind. Diese Punkte beschreiben nämlich etwas, das ich mit einer Erinnerung oder einer Geschichte, mit einem Memoiren-Ausschnitt fast schon seltsam präzise beantworten könnte.

Einen Sonntag etwa könnte ich da fast wahllos beschreiben, nehmen wir einen in Travemünde, etwa aus dem Januar des Jahres 1980. Nehmen wir einen dieser Tage, an denen man im damaligen Sinne eher nichts gemacht hat. Den man eher gelangweilt und uninspiriert verdaddelt hat, wie man hier sagt.

Mit dem Lesen von Büchern haben wir da die Zeit totgeschlagen. Mit ein oder zwei Stunden Fernsehen auch. Es gab da tagsüber Wintersportberichte für uns, und sie waren alternativlos, denn wir hatten ja nichts. Beim Slalom haben wir auf Unfälle gewartet, denn mit der moralischen Reife war es noch nicht so weit her und Wintersport hat uns nicht interessiert. Schallplatten haben wir gehört, einige von denen, die eben da waren. Und so viele waren es nicht.

Von der Mutter irgendwann das übliche „Mal doch was!“ kassiert. Aus Verzweiflung später noch das Kreuzworträtsel in der Sonntagszeitung gelöst. Die Spielesammlung, für die man langsam zu alt wurde, kritisch betrachtet und überlegt, doch noch zum Freund rüberzugehen. Zwischendurch mit dem Hund draußen gewesen, mehrfach.

Raufaserwände betrachtet, und wie lange. Im Bett später außerdem die Decke angestarrt, bis die Augen zufielen. Von irgendwelchen Weiten geträumt, von irgendwelchen Abenteuern. Sinnend diese Kinderzimmerdecke angestarrt, wie wir heute bedeutungsschwer sagen würden. Langsam verblödend, wie wir es damals deutlich genug empfunden haben. Aber wie gesagt, es liegt mir fern, über die Sehnsucht nach dem Analogen zu spotten, und ich erkenne die diversen Notwendigkeiten an.

Ein Globus auf einer Fensterbank, von außen fotografiert

Doch solange dieser Trend durchläuft, denke ich, dürfen wir Älteren vielleicht auch durchgehend so ein gewisses, leicht süffisantes Grinsen im Gesicht haben. Was übrigens am Rande ein schöner Gedanke ist: Endlich gibt es wieder ein Jahr, in dem auch meine Generation hin und wieder amüsiert wirken darf.

Jedenfalls können wir amüsiert sein, wenn wir es gerade schaffen, keine Nachrichten zu lesen. Wenn wir uns einen Moment lang vielleicht nur um Trends und andere soziologische Luxusthemen kümmern, wie etwa unsere Freizeitgestaltung und die der Jüngeren.

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Schneemorgen

Am zweiten Januar stürzte das Jahr schon unerwartet in Dunkelheit ab, dachte ich zuerst. Es lag dann aber nur daran, dass am Morgen dermaßen reichlich Schnee auf die Dachfenster gefallen war, dass es in der Wohnung an diesem Tag kaum hell werden konnte. Nur kurz habe ich direkt nach dem Aufstehen aus dem Fenster gesehen – sind wir hier in Helsinki oder was. Ein weißverwirbelter Flockenvorhang verhüllte mir die Sicht nahezu blickdicht, die Geräusche von der großen Straße unten waren kaum zu hören, waren wie wolldeckengedämpft.

Ein Kirchenportal im Schnee, davor aus großen, buten Buchstaben gebildet das Wort LIEBE

Oder aber es fuhr an diesem Morgen gar nichts, das mag auch sein. Niemand nahm das Auto, niemand begann etwas an diesem schneezugedeckten Morgen. Alles ruhte weiterhin in dieser Stadt, um uns herum nur die eisige, tief verschneite Winterstille. Die „stade Zeit“, wie man wohl in Bayern sagt, um derlei saisonale Effekte zu beschreiben.

Als Norddeutscher denkt man bei dem hier ansonsten unbekannten Begriff „stade“ eher an die großgeschriebene Variante, an die Stadt Stade. Welche vor den Toren von Hamburg liegt und eine attraktive Altstadt zu bieten hat, wie man googeln kann und wie auch Menschen berichten, die schon einmal dort waren. In Bezug auf diese Stadt bin ich mittlerweile in einem ungefähren Jubiläumszeitraum. Seit etwa 25 Jahren nämlich möchte ich da „demnächst“ einmal hin. Ich kam aber bisher einfach nicht dazu. Nicht als Single, nicht als Ehemann, nicht als Vater von einem oder zwei Söhnen, auch nicht als Mensch mit deutlich beginnender Empty-Nest-Thematik.

Weil immer etwas war und auch nach wie vor ist. Sie kennen das.

Ich werde es aber nun, so viel Voraussicht traue ich mir gerade zu, in diesem Jahr lösen. Ich werde also diese Stadt besuchen und hier selbstverständlich hinterher Beweisbilder vorlegen. Wie ich immer sage, der Mensch braucht Pläne. Und sie wachsen einem so zu.

Ansonsten ist mir der Schnee da draußen egal. Den werde ich nicht einmal ignorieren und arbeite eh meist mit dem Rücken zum Fenster. Wie immer kommt mir der Restwinter nach Weihnachten einigermaßen sinnlos vor, der kann jetzt weg. Ich gebe gerne zu, dass diese Einstellung nicht exakt zur kalendarischen Wirklichkeit in diesem Land passt, aber diese Erkenntnis beeindruckt meine Gefühlslage leider nicht ausreichend. Emotional scheint der Autor dieser Zeilen manchmal etwas deppert zu sein, um es noch einmal eher süddeutsch auszudrücken.

Die Kinder im Stadtteil gaben sich allerdings, wie ich später am Tag noch sah, große Mühe, aus den vermutlich wenigen Schneestunden ihres Lebens etwas zu machen. Immerhin achtzehn Schneemänner sah ich auf meiner Einkaufsrunde, eine starke Truppe. Einer wurde gerade fertig, als ich vorbeiging. Die Nase wurde abschließend angesteckt und ich fragte, ob ich die Figur fotografieren dürfe. Das freute die Kinder, die ihn gebaut hatten. Sie fanden es sehr gut und auch angemessen, dass ihr Schneemann auf solches Interesse stieß.

Auch offline hin und wieder Likes verteilen, das scheint mir wichtig zu sein. Womit wir prompt beim nächsten Thema landen.

Ein Schneemann mit Armen aus Ästen und Sandförmchen als Augen

Zwei Schneemänner in einem Park

Ein etwas dytopisch aussehender, halb in sich zusammengesunkener Schneemann

Im Ergebnis irgendeiner Umfrage, so las ich gestern, wurden nämlich Neujahresvorsätze aufgelistet. Mit ganz oben stand dabei die gewünschte Reduzierung der Bildschirmzeit. Die Menschen wollen also zumindest zeitweise und zumindest in der Theorie weg von all den Geräten mit Bildschirmen, wollen weg vom Digitalen. Es passt wieder zum bereits besprochenen Großtrend der analogen Seite und bestätigt diese Entwicklung.

Währenddessen erscheinen in schneller Folge überall mehr und mehr Posts und Artikel zum Rückzug ins Analoge, das Thema des Offline-Erlebens geht viral. Texte über die Aversion des breiten Publikums gegen KI-Erzeugnisse erscheinen, über Themen wie: „Everyone is obsessed with vintage and offline moments“.

Jemand, der beruflich auf Instagram Menschen berät, die von ihrer Online-Aktivität zu leben versuchen, hat dazu gerade einen vermutlich probaten Rat gepostet. Nämlich den, in diesem Jahr möglichst offline zu Publikum und Gemeinschaft zu kommen. Etwas im Analogen zu projektieren und sich dort auch zu verausgaben – um dann hinterher immer wieder intensiv und über alles, was man dabei erlebt und gefühlt hat, en Detail und vor allem reichlich zu posten. Also online, versteht sich.

Es ist kompliziert, glaube ich.

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