Golipdi!

Auf der bereits gestern erwähnten internationalen Einkaufsmeile im kleinen Bahnhofsviertel stehen auch internationale Seelenfänger. Anhänger einer christlichen Sekte stehen da in Dreiergrüppchen, alle hundert Meter noch eines und noch eines. Die Grüppchen sind multikulturell besetzt und die Damen und Herren versuchen, die Herkunft der Passanten zu erraten, rufen ihnen ihre Botschaft dann in den womöglich passenden Sprachen zu und halten ihnen auch dazu passende Heftchen hin, die sie in etliche Versionen dabei haben. Natürlich interessiert sich niemand für diese Grüppchen mit Missionsauftrag, da kann man noch so lange zusehen, es bleibt niemand stehen, es nimmt keiner ein Heft. Es zieht ein unendlicher Menschenstrom achtlos an den Leuten mit den Heftchen in den Händen vorbei. Aber immer lächeln diese Typen weiter, verbindlich, stetig und vielleicht auch märtyrerhaft, zumindest in der eigenen Wahrnehmung, aber wer würde ihnen das schon bestätigen wollen.

Ich sehe ziemlich deutsch aus, nehme ich an, jedenfalls hält man mir das passende Heftchen hin und ruft mir in gebrochenem Deutsch zu, was sie wohl in allen Sprachen rufen: “Golipdi!” Mehrfach und dreistimmig ruft man das. Erst zehn Schritte weiter enträtsele ich mir das als “Gott liebt dich”, ich bin leider auch nicht immer der Schnellste.

“Gott liebt dich!” Natürlich. Ich habe ja meistens eher Göttinnen geliebt und das auf eine denkbar weltliche Art. Aber vielleicht macht das nichts, wer weiß.

Kurz darauf stehe ich auf dem Schulhof des Gymnasiums und höre einen Dialog im Vorübergehen:

“Weißt du, ich liebe dich.”

“Das ist auf Freundschaftslevel auch voll okay.”

Zweimal Liebe an einem Tag, wie einseitig auch immer, Sie merken es schon, wir sind wieder bei den Frühlingszeichen und ich liebe übrigens gerade den Wetterbericht.

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Der Musiktipp kommt heute von Sohn I und ist eher ein Tanztipp, eine Choreo, wie er sagt. Bitte sehr, Sie können die paar Schritte ja auch mal eben einüben. Hält geschmeidig!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen. Herzlichen Dank!

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Kasse, Kiosk, Kalt

Wuthering Heights ist zu verkaufen.

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Hatte ich das hier eventuell noch gar nicht verlinkt? Nein? Das muss aber verlinkt werden.

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Im Supermarkt kommt ein älterer Herr schnellen Schrittes an die Kasse, umgeht die Schlange und beugt sich übers Laufband zur Kassiererin: “Haben Sie denn wirklich keine Rosinenbrötchen?” Das ist eigentlich keine besonders schlimme Frage, aber er fragt es in einem unangemessen tragischen Tonfall, es muss doch irgendwie schlimm sein. Seine Frage klingt nach einem anderen Sinn des Satzes, etwa nach: “Gibt es denn wirklich keine Hoffnung mehr in der Welt?” So in der Art. Die Frage klingt nach Trostlosigkeit, dabei geht es nur um süßes Gebäck. Fortgeschritten traurig wirkt der Mann, zumal er feuchte Augen hat, was natürlich nicht zwingend mit seiner Frage zusammenhängen muss. Es weht immerhin ein ziemlich scharfer Wind von Nord da draußen, da können Augen schon einmal tränen, gerade bei älteren Herrschaften, das kennt man. Außer Atem ist er allerdings auch ein wenig. Vielleicht ist er mittlerweile bereits im dritten oder vierten Laden ohne Rosinenbrötchen, das kann doch sein, da steigt die Dringlichkeit, da versteht man ihn gleich etwas besser. Vielleicht brechen dem gerade wichtige Selbstverständlichkeiten weg, wer kennt es nicht.

Die Kassiererin sagt: “Nein, die haben wir hier nicht, das tut mir leid”, und sie guckt ziemlich nett und mitfühlend und lächelt. “Gar nicht?”, fragt der Mann, und “Gar nicht” antwortet die Kassiererin. Der Mann guckt, als könne das einfach nicht wahr sein, was er da hören muss, dann geht er grußlos und schnell weiter, vermutlich zum nächsten Laden. Er hat Kleingeld in der Hand und trägt es vor sich her. Die anderen Leute in der Kassenschlange sehen ihm nach. Was war denn das jetzt wieder für einer? Und jeder denkt sich so seinen Teil und zwei, drei Leute haben sicher plötzlich Hunger auf Rosinenbrötchen. Aber nach denen müssen sie in diesem Markt ja nicht fragen, das wissen sie jetzt. Denn die Nachfrage steigt zwar gerade, aber der Markt regelt hier so gar nichts.

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Ansonsten ein Tag mit grob unfreundlichem Wetter, es drischt auf die Menschen ein als wolle es uns alle zwangsweise und schnell an kalte Duschen gewöhnen, die sollen ja gesund sein und hier, noch ein Guss? Kommt sofort.

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Ich kaufe in einem Kiosk etwas für 1,30 Euro und zahle mit einem Fünf-Euro-Schein. Der junge Mann, der da gerade aushilfsweise verkauft, guckt den Schein an und überlegt etwas, dann fragt er mich freundlich, ob ich ihm vielleicht helfen könne, das jetzt mal auszurechnen? Das mit dem Rückgeld?

Und das ist auch wieder irgendwie tröstlich, dass es noch Menschen gibt, die in ihrem Aufgabenbereich eindeutig weniger kompetent sind, als man sich selbst in seinem manchmal empfindet.

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Musik! Josienne Clark und Ben Walker.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Was schön war

Irgendwann in der letzten Woche: Ich gehe auf dem Steindamm einkaufen, also auf der internationalen, aber ganz und gar nicht reiseführertauglichen Einkaufsstraße des Stadtteils. Vor einem der arabisch-afghanisch-syrisch-libanesisch-türkischen Geschäfte fegt einer den Fußweg und grinst. Ich bleibe neben ihm stehen, weil ich da auf ein Ampelgrün warte, er sieht mich strahlend an: “Hi!”, sagt er mit starkem Akzent, “ich fege hier.”

Und er sagt es so, als sei das mit großem Abstand das Beste, was man so machen kann. Es ist ein stolzer Tonfall wie bei „Mein, Haus, mein Auto, mein Boot“, es klingt nur viel vergnügter. Er steht und lächelt, er ist sehr zufrieden mit sich und seinem Besen, mit dem Job und dem Tag, der so grau und nasskalt und grob unfreundlich ist, wie es ein Märztag nur sein kann. Er guckt, was er schon gefegt hat, er guckt, was er gleich noch fegen wird, dann nickt er mir zu und sagt noch einmal: “Ich fege hier.” Auf der Straße weht ein Stück Papier herum, das weht zwar nicht durch seinen Aufgabenbereich, das fängt er aber in einer Lücke zwischen den Autos nebenbei schnell auf, wenn er schon dabei ist. Und er guckt die Straße entlang, als würde er hier am liebsten alles fegen: “Muss weg”, sagt er mit Blick auf das Stück Papier in seiner Hand, “muss alles weg.”

Als Jugendlicher hätte ich darüber vermutlich gelacht. Fegt der da und ist froh dabei! Als Jugendlicher macht man eben manchmal noch schlimme Denkfehler. Heute weiß ich längst: Mit sich und allem zufrieden zu sein, und sei es nur für eine halbe Stunde, das ist schon verdammt viel.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Denn der König winkt nicht jedem

Ich habe drüben bei der GLS Bank etwas über das Anthropozän zusammengestellt. Wenn Sie danach immer noch zu viel gute Laune an Bord haben, lesen Sie einfach diese Buchrezension, das regelt sich dann runter. Bitte, gerne.

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Ich lese weiterhin Bücher von Frauen, gerade habe ich Mariana Lekys “Die Herrenausstatterin” beeendet. Während das Buch den gleichen Charme hat wie ihre anderen Bücher, bin ich aufgrund meiner Geschmacksvorlieben diesmal etwas raus, Geister in Büchern sind nicht so meins, auch wenn sie noch so sympathisch wirken. Ich habe den Roman dennoch durchgelesen, das ist jetzt ein erhebliches Kompliment.

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Ich habe letztens im Vorbeigehen in der Hamburger Innenstadt gesehen, wie der stadtbekannte Jesusbrüller gerade in die Fußgängerzone einbog, fraglos um dort stundenlang in erheblicher Lautstärke geifernd zu predigen, also wie immer. Er kam mir ganz am Anfang der Fußgängerzone entgegen und sah sich gerade um, er sah ins Gewimmel der einkaufenden Menschenmassen vor ihm und murmelte mit leuchtenden Augen und voller Tatendrang: “Ah, Satan ist busy.”

Und vermutlich glaubt er tatsächlich, dass er dem mit seinen Predigten eifrig und stetig entgegenwirkt. Auch so ein Schicksal.

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Einer der letzten Tage begann so, dass ich mit dem obligatorischen Kaffeebecher in der Hand aus dem Dachfenster runter auf die verregnete Straße sah. Von da winkte mir jemand zu, das war ungewöhnlich, da sah ich genauer hin. “Hey! Ho!”, rief der mir nicht bekannt vorkommende Mensch da unten, “Guten Morgen!” Und er winkte ausladend ganzarmig und strahlte so begeistert, dass ich trotz aller norddeutscher Zurückhaltung kurz mal zurück winkte. Das ist ja auch mal ganz schön, wenn man morgens vom Volk auf der Straße so euphorisch begrüßt wird wie ein geliebter König im Märchen, der an einem besonderen Tag im vollen Ornat auf den Balkon tritt, das geht mir auch nicht gerade jeden Tag so. Ich winkte also  zurück und hob grüßend den Becher, der Mensch da unten geriet daraufhin völlig aus dem Häuschen vor Freude. Denn der König winkt nicht jedem, das weiß man.

Aber egal, der Rest des Tages war dann weniger märchenhaft. Deutlich weniger. Ich hatte bei der Begegnung am Morgen allerdings auch keine Brille auf und habe noch eine Weile überlegt, ob nicht doch irgendwelche Bekannte aus dem Stadtteil am frühen Morgen in so ekstatischer Stimmung da um die Ecke kommen könnten. Aber ich glaube, das kann ich ausschließen. Ich kenne nur normale Menschen.

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Ansonsten haben wir kinderfrei, bitte entschuldigen Sie daher die Kürze, ich muss mit enormer Dringlichkeit nichts tun.

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Aber doch noch schnell Musik! Zu Frühlingstagen dieser Woche, die sich so seltsam überzeugend herbstlich anfühlen, gibt es natürlich auch ein textlich passendes Lied. Die Wasser des Märzens. Hier in einem wunderbaren und sehr vergnügten Duett.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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12 von 12 im März

Ein Tag in 12 Bildern, die anderen Ausgaben wie immer hier. Meine Version heite im Stakkato, der Tag war sehr schnell, pardon.

Der fotografierbare Tag beginnt wie fast immer erst nach dem Büro und also nach der Zeit in Hammerbrook, quasi mit dem Standardbild:

 

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Ich jage kurz nach Hause, schnappe mir den plötzlich erstaunlich großen Jüngling auf dem folgenden Bild, es handelt sich um Sohn I, und fahre mit ihm nach Altona, wo wir in den Zug nach Husum steigen.

 

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Als Kind aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt liest er natürlich während der Fahrt anspruchsvolle Bücher.

 

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In Husum gebe ich ihn bei seinem Kumpel, bzw. bei dessen gastfreundlicher Großmutter ab und eile zurück zum Bahnhof, nicht ohne einen Augenblick sinnend vor diesem Spruch zu stehen, denn dafür ist er ja da:

 

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Ich rechne ein wenig und stelle fest, dass ich es vor der Rückfahrt nach Hamburg ganz knapp in den Schlosspark schaffen kann, Krokusse gucken! Das soll ja toll sein, da im Frühling Krokusse zu gucken, das machen alle, ganze Busladungen von Menschen machen das.  Ich renne vorbei an der Kirche:

 

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Zu den Blümchen, die es allerdings seit Stunden in Grund und Boden geregnet hat. Egal, ich habe ein wenig Vorstellungskraft, ich habe, was ich brauche.

 

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Noch ein paar Blicke in die Runde, dann fix zurück zum Bahnhof.

 

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Ach, die hinreißende Melancholie von Provinzbahnsteigen im Regen!

 

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Ich liebe das ja. Also im Ernst, ich wäre wirklich gerne geblieben. Ich fand das alles so bilderbuchgrau, verregnet und verschlafen dort, es wirkte sehr beruhigend. Noch ein, zwei, drei Stündchen – und ich wäre vielleicht wirklich ruhiger geworden.

Ich bitte außerdem um Beachtung der Dekorationseffizienz in dem Kabufff der Deutschen Bahn an Gleis 5 in Husum. Ganz groß.

 

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Im Zug an einer Kolumne gearbeitet, wofür kein Bildbeweis vorliegt. Zurück in Hamburg ein Spaßbier. Warum auch immer das so heißt. Vollkommen unerfindlich.

 

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Den Rest des Abends verbringe ich mit diesem Buch, da geht es um eine verlorene Liebe.

 

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Was mich zum 12. Bild bringt, das wie immer bei mir keines ist, das ist wie immer ein Video. Denn wenn man durchs dämmerdunkle, regennasse Schleswig-Holstein fährt, das seltsam unpassend herbstlich anmutet und triefend nass und dem Himmel ergeben so vor den Zugfenstern herumliegt und vom Frühling oder wovon auch immer träumt, dann kann man dabei sehr, sehr gut traurige Musik hören und z.B. an vergangene Lieben denken. Davon hat man in meinem Alter in der Regel zwei, drei oder mehr, und die wollen vollkommen zu Recht ab und zu bedacht sein. Wozu ich leider kein Video mit Bewegtbild anbieten kann, aber hey, ich habe Regen und vergangene Liebe. Mickey Newbury – I don’t think much about her no more. Noch nie hat jemand diesen Satz gesagt und er war wahr.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Gänse, Krähen, Möwen

Ich war im Garten und habe Kompost an die Bedürftigen verteilt. Und zwar war ich mit so intelligentem Timing im Garten, es waren die beiden letzten Stunden vor dem Regen, die letzten angenehmen Stunden, bevor es doch noch einmal deutlich kälter wurde. Laut Wetterbericht kann man die nächsten 14 Tage praktisch vergessen. Immerhin erste Forsythienblüten und ein gelbes Leuchten auch an der Kornelkirsche, immerhin kommt der Rhabarber doch wieder hoch. Kein Mensch war in den Gärten, nur ich schob da mit der Schubkarre herum. Ich hatte die ganze Stimmung nur für mich und ganz kurz war es auch noch einmal zu warm für die Jacke. Tieffliegende Gänse über der Bille, mit schrägem Blick zu mir, was steht der da und guckt?

Auf der Braunen Brücke, die nicht braun ist, sondern nur so heißt, saß eine prächtige Krähe auf dem Geländer über dem Fluss. Ein paar Meter weiter stand eine kleine, gebeugte und sehr alte Frau, eine Hand am Geländer. Die Frau sah die Krähe an, die Krähe sah die Frau an, beide mit so schief gelegtem Kopf. “Nun guck dir das an”, sagte die Frau leise lachend zu sich selbst, als ich gerade an den beiden vorbeiging, “nun guck dir das doch mal an.” Und was die Krähe dann zu sich selbst sagte, das habe ich leider nicht verstanden.

Auf dem Geländer der anderen Brückenseite saßen wie fast immer zwanzig, dreißig Möwen, wie sorgfältig aufgereiht saßen die da, als hätte man sie da zu Dekorationszwecken ordentlich hinmontiert. Warum die wohl stets nur auf der Seite sitzen? Was ist falsch an der anderen? Drüben nur schwarze Vögel, hier nur weiße? Das sind so Fragen, die weiß kein Mensch zu beantworten, aber die Vögel, die wissen das. Die Möwen sitzen da jedenfalls immer in Reihe auf dem Geländer und gucken auf die Bille, und wenn man auf ihrer Straßenseite über den Fluss geht, dann fliegen sie eine nach der anderen direkt vor einem hoch. Mit jedem Schritt hebt eine weitere ab, auch die letzte wartet noch ab, ob man etwa wirklich auch an ihr vorbei will. Am Ende der Brücke ist dann der Himmel voller kreisender Möwen. Die Söhne lieben das, die Söhne laufen die Möwenreihe lachend ab, dass die Vögel so schnell aufsteigen wie in einer einzigen schwungvollen Bewegung. Aber die Söhne waren heute nicht dabei und ich laufe schon lange nicht mehr lachend über Brücken. Aus dem Alter ist man auch irgendwann raus.

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Währenddessen hat die Herzdame Sohn II in die Ferien gefahren, der macht eine Woche lang Sachen ohne uns und findet es großartig. Das Reiseziel lag in Richtung Eiderstedt und unser Auto hat wieder auf der Autobahn “Fehler Motorsteuerung” angezeigt, wie fast immer in der Gegend. Das ist einigermaßen rätselhaft, wie so etwas sein kann, es lässt Fachleute staunen und uns nur noch lächeln, wir werden es wohl nicht mehr herausfinden, was das ist. Aber wenn wir in Richtung Nord-Ostsee-Kanal fahren, dann will das gute Stück nach einer Weile verlässlich lieber nicht mehr. Vielleicht hat es eine Aversion gegen Meerluft.

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Ich würde wirklich gerne mal wieder einen längeren Moment für mich haben, etwa auf dem Sofa. Also so einen Moment, in dem ich einfach nur in die Gegend gucke oder höre oder so und völlig ziellos vor mich hindenke. Immer noch ist es aber so, dass ich in solchen Momenten, wenn sie denn wirklich frei sind von jedem Handlungsdruck, noch in der Minute dieser Erkenntnis einschlafe. Schlimm.

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Musik! Dusty Springfield.


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Dezenz und Erhabenheit

An der Zierkirsche auf dem Spielplatz vor unserem Haus hängt ein flüchtiger Hauch von Rosa, den es im Sturm fast gleich wieder zu verwehen droht. Der Rohling aus Nordwest greift danach und zieht und zerrt wüst daran herum, die Ringeltauben gucken indigniert vom Holunder aus zu. Die Mirabelle, die nie jemand als solche erkennt, weil auf Spielplätzen doch normalerweise keine Obstbäume stehen, sie ergrünt so dezent, das fällt einem erst nach Tagen auf und man fragt sich auf einmal im Vorbeigehen: “Wie hat sie das denn jetzt wieder gemacht?” Denn sie macht das jedes Jahr so. Immer ganz vorne dabei, immer ohne jedes Aufsehen.

Im Garten bildet der im letzten Jahr gepflanzte Pfirsich Blüten, sie sind noch geschlossen. Eine nur hat eine ganz kleine Öffnung, daraus leuchtet es knallpink. Von Dezenz  ist da überhaupt keine Rede, das ist eher: “Guck mal! Guck doch mal! Bald!”

Die große Purpurmagnolie steht in aller Erhabenheit ein paar Meter weiter und weiß etwas, davon hat der junge Pfirsich noch überhaupt keine Ahnung. Der wird sich noch wundern, von wegen guck mal. Das wird der dann schon merken, wo alle hingucken, in einer Woche oder so.

Für den kommenden Montag zeigt der Wetterbericht eine Schneeflocke, aber das wird nichts mehr machen. Die Herzdame studiert Gartenkataloge, liest Beschreibungen vor und träumt voraus.  Mit etwas Fantasie haben wir Mitte März. Geht doch.

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Damen mit R: Ich lese “Leinsee” von Anne Reinecke, hier eine Rezension. Die Geschichte hat Zug und liest sich wie von selbst, das ist auch mal schön.

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Der Musiktipp kommt heute nach langer Pause mal wieder von Sohn I: “Happier”. Ob die Auswahl nun etwas mit meiner Stimmung oder mit gewissen Haustierwünschen (siehe Video) zu tun hat – man weiß es nicht.


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Bei den Damen mit R

Schneeglöckchenzwiebeln für ein paar hundert Euro. Nun ja. Nicht meine Liga.

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Bei den Damen mit R in der Bücherei, ich berichtete, stand auch Lenka Reinerová, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn wenn man ihren Lebenslauf liest (hier), sich für deutschsprachige Literatur und für die Flucht- und Exilzeit des letzten Jahrhunderts interessiert, dann kann man sie ja ruhig mal gelesen haben. Ich lese daher jetzt: “Das Geheimnis der nächsten Minuten”, ein schöner Titel, da geht es um das Warten. Und damit kennt sich quasi jeder aus. Wobei ihr da alle paar Absätze ein Satz in die Gedanken gerät, da guckt man zweimal oder dreimal hin, und das ist dann ein Satz, der sich nur mit so einem dramatischen Lebenslauf erklären lässt.

Frau Reinerová verwendet übrigens das Wort “einholen” für “einkaufen”, das habe ich zuletzt bei meiner Großmutter in Lübeck gehört, auch eine nette Erinnerung. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich es überhaupt je bei irgendeinem anderen Menschen als bei meiner Großmutter gehört habe. “Ich muss noch etwas einholen.” Da würden die Söhne aber gucken, das kennen sie sicher nicht. Nach gegoogelten Informationen gehört der Begriff ins südliche Westfalen, mit der Gegend hatte meine Großmutter allerdings nichts zu tun. Seltsam.

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In der Bücherei ging ich ansonsten wieder ziellos umher und dachte so vor mich hin, das kann man nämlich in Büchereien gut. Mir fiel wieder ein, dass ich gestern irgendwas schreiben wollte, in dem das Wort “Mahlstrom” vorkam, es fiel mir aber dummerweise nicht mehr ein, was das denn bloß gewesen sein könnte, so etwas kann mich in den Wahnsinn treiben. Mahlstrom ist doch ein eher seltenes Wort, was kann ich bloß damit gehabt haben? Und während ich da so stehe und denke, sehe ich auf den nächstbesten Buchtitel rechts von mir im Regal, und wie lautet der? “Mahlstrom”. Das Buch war dann gar nicht weiter interessant für mich, aber verwirrend war das schon. Hätte ich das mit dem Mahlstrom nach dem Sichten des Titels gedacht – alles easy und ganz normal. Aber so herum? Ich muss das dringend mit dem Freundeskreis Zufall diskutieren.

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Der Lichtblick des Tages kam heute per Post – ganz herzlichen Dank an eine Leserin für die Zusendung des Buches “Warum ein Garten glücklich macht” von Doris Bewernitz!

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Ansonsten habe ich mein Lieblingsmantra heute noch öfter als sonst gemurmelt. Es ist ein Mantra, das auf den ersten Blick womöglich geringfügig negativ wirkt, das gebe ich gerne zu, aber wenn man es mehrere Monate lang durchdacht oder auch durchmeditiert hat, wenn man es in geradezu buddhistischer Gründlichkeit und Ruhe in all seinen Dimensionen erfasst hat, dann wirkt es irgendwann entspannend und fördert zuverlässig den Weltfrieden und die familiäre Harmonie, finde ich: “Dieser Tag geht auch vorbei.”

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Musik! Melancholie.

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Restwintermüdigkeit

Auf dem Rückweg von der Arbeit komme ich an einem Discounter vorbei, dort werden gerade drei Männer aus Osteuropa vom Gelände vertrieben, auf dem sie angetrunken herumhängen, und weil wir in seltsam enthemmten Zeiten leben, werden sie dabei mit “Dreckspolacken” angebrüllt.

Als ich neulich bei einer Veranstaltung zum Dritten Reich und den Folgen war, wurde übrigens erwähnt, was fast immer erwähnt wird, nämlich dass die letzten Zeitzeugen sterben, wozu sich eine sehr genervte Peggy Parnass zu Wort meldete: “Ich kann das nicht mehr hören. Wir sind hier alle Zeitzeugen! Jetzt!”

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Ansonsten bin ich mit dem Wetterbericht nicht einverstanden, ich bin jetzt auf Frühling eingestellt und mit Minustemperaturen, Sturm und dergleichen muss mir keiner mehr kommen, alles unter zweistelligen Temperaturen ist im Grunde indiskutabel. Wie immer zu dieser Jahreszeit überkommt mich im ausgelaugten Restwinter eine große, eine unfassbar große Müdigkeit, ich bin so müde wie der Winter selbst, ich könnte jederzeit und überall schlafen, viel und tief und gründlich. Ich stehe morgens mit Bedauern auf, ich verlasse gegen inneren Widerstand die Wohnung, ich sitze unter Protest im Büro, ich bekoche abends widerwillig die Familie, ich gehe mit dem belastenden Wissen ins Bett, dort garantiert nicht lange genug bleiben zu können. Ich will nur eines, ich will herumliegen, am besten tagelang und ungestört. Ich erreiche dabei Dimensionen der schlechten Laune, die nie ein Mensch … Neulich hat mich ein Sohn versehentlich gesiezt. Das muss man auch erst einmal schaffen.

Na egal, das gibt sich schnell und nachhaltig mit steigenden Temperaturen und im April wird sowieso einiges anders, dazu später. Aus therapeutischen Gründen wurde derweil aber auch ein Helgolandbeschluss gefasst. Sonneninsel und so.

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Flickwerk

Was tun Sie eigentlich noch hier, Herr Glumm?!

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Ich lese Mariana Leky: “Erste Hilfe”, und ich mag es sehr, dass sie Themen variiert, dass man also etwas erkennt, was man aus einem anderen Buch von ihr kennt, außerdem gefällt mir die teils wundernahe Stimmung der Szenen. Ich möchte fast sagen: Genau mein Ding.

Davon abgesehen war ich in der Bücherei und habe festgestellt, dass im Regal mit dem Buchstaben R besonders viele Bücher von Frauen stehen, bei denen im Klappentext nicht das böse Wort präzise vorkommt. Wie isses nun bloß möglich? Warum R? So rätselt man sich durch die Tage.

Außerdem Colette mitgenommen, die fängt nicht mit R an, die lag aber im Weg.

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Der Club der Toten Dichter von Reinhard Repke, von mir schon oft empfohlen, hat sich im neuesten Projekt – das war einigermaßen naheliegend – Fontane vorgenommen und Katharina Franck an Bord geholt. Hier kommt gleich ein Filmchen dazu, und wenn Sie die Truppe im Laufe des Jahres während der allfälligen Tour auf einer Bühne erleben können, dann gehen Sie doch bitte hin, es lohnt sich mit großer Sicherheit.

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Ab jetzt beginnt die Fastenzeit und Sohn II, der einen besonderen Sinn für Challenges hat, geht das sehr sportlich an. Ich kann das ruhig veröffentlichen, sagt er, dann machen vielleicht ein paar Leute mit, und dann ist ja wieder etwas gewonnen. Ganze fünf Punkte werden von ihm in der Fastenzeit bearbeitet, da kann man sich etwas aussuchen:

  • Kein Zucker an Werktagen
  • Kein oder doch immerhin viel weniger Fleisch an Werktagen
  • Mehr Obst und Gemüse als sonstiges Zeug
  • Kein Plastik kaufen, das mit etwas Einsatz vermeidbar ist
  • Weniger drinnen sein, mehr Tageslicht

Und weil er auch einen Sinn für Systematik hat, hängt hier jetzt eine große Tabelle an der Wand, in der er die Tage und die Themen jeweils mit Plus und Minus bewertet, da kann er dann auch sehen, was besonders schwer und was vielleicht auch ganz leicht ist. Denn was ganz leicht ist, so sagt er, dass kann er dann ja auch beibehalten.

Warum aber er uns so etwas vorträgt und nicht wir ihm – ich weiß es auch nicht. Am Ende haben wir wieder irgendwas falsch gemacht, wie das bei Eltern so ist.

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