Am Abend liege ich im Bett und höre mir lange, gründlich und konzentriert die Eiderstedter Stille an.

Diese Stille, in der nächtelang niemand hupt. In der sich niemand lauthals mit anderen herumstreitet, weder um Geld noch um Drogen oder Liebe, auch nicht um den Rest der Nacht. In der keine leeren Flaschen auf dem Gehweg zerklirren und niemand volltrunken Flüche in die Nacht schreit. In der auch kein Rettungshubschrauber über unser Dach fliegt und niemand im Vorbeifahren bei offenem Autodach in schier unfassbarer Lautstärke Musik hört.
Das ist im Unterschied zur Hamburger Wohnung dann auch ab und zu erholsam und nützlich, so in der Ruhe zu liegen. To rest in peace, noch ohne Ewigkeitsanspruch, aber doch für drei, vier Nächte immerhin. Es ist nützlich, schon um mich weiter jederzeit erinnern zu können, dass es das tatsächlich gibt, diese Stille. In der einem nach einer ganzen Weile erst der Wind auffällt, der an den Dachkanten doch ein wenig zu hören ist. Der dort leise, so leise ein wenig heult. Wie ein kleines Windkind, das noch übt. Oder ein leises Knarren fällt auf, irgendwo auf dem Dachboden, weiter weg in diesem großen, alten Haus. Dann ein Rascheln, vermutlich von kleinen oder von winzigen Tierchen. Ein Nagen vielleicht, ein huschendes Trippeln auf dem Kies vor dem Fenster. Solche Geräusche, welche die Stille nicht stören, sondern eher angenehm zu illustrieren scheinen.
In Hamburg dagegen, ich habe es in der letzten Woche wieder zu deutlich gemerkt, als es dort überraschend so warm war, dass es vorgezogene Sommernächte gab, geht es so weiter, dass die Belästigung durch nächtlichen Lärm mit jedem weiteren Jahr zunimmt. Und das liegt, ich habe das ausreichend verprobt, keineswegs nur daran, dass ich im Alter empfindlicher werde, wie es bei so vielen der Fall ist. Nein, es liegt tatsächlich daran, dass die Welt immer weiter durchdreht. Es liegt auch daran, dass das Elend in der Mitte der Millionenstadt immer weiter zunimmt. Bei uns besonders das Drogenelend, und dieses Elend ist manchmal eine besonders lautstarke Angelegenheit.
Das ist die eine Seite der Unruhe, der Minuspol gewissermaßen. Und auf der anderen, im Plusbereich, ich habe das schon öfter notiert, der stets fröhlich und selbstbewusst sein sollende Lärm der immer größer werdenden „Freiheit, Freiheit“-Fraktion. Die sich jederzeit auf alle denkbaren Arten bemerkbar machen möchte. Ungebremst durch irgendwelche aus ihrer Sicht veralteten Verhaltensregeln, jederzeit beliebig herumjohlend, wenn ihnen gerade danach ist, denn sie benehmen sich ja „authentisch“.
Und wenn sie getrunken haben, was zu ihrer Freiheit selbstverständlich oft genug gehört, dann ähneln ihre Geräusche, Schreie und Rufe denen des Elends ganz verblüffend. Es kommt dann auf den Straßen um unser Haus zu Überschneidungen zwischen den beiden Spuren im Soundtrack der Stadt, über die man noch länger nachdenken könnte. Oder man kommt zu einer weiteren Hufeisen-Theorie, so kann man es vielleicht auch sehen.
Schon an diesen ersten warmen Tagen im März eskalierte der Lärm vor der Haustür jedenfalls bedenklich und erheblich. Sicher deswegen, weil solche netten Temperaturen eben auch gefeiert werden mussten. Der Hals-über-Kopf-Frühling, der Aperol und die Folgen.
Warum aber ausgerechnet die Straßenecke vor unserem Haus für Outdoor-Beziehungskrisen weiterhin dermaßen beliebt ist, es ist mir nach wie vor unverständlich.
Sicher, man kann um diese Ecke herum bestens theatralisch abgehen (und nach zwei Minuten auch wieder reuig auftauchen), aber das kann man doch an den meisten anderen Ecken in dieser Stadt auch. Warum nun streiten sich dermaßen viele Paare ausgerechnet hier über das Ausmaß ihrer Liebe. Über die großen Dramen von Betrug und Verrat, über „Dann geh doch!“ und dergleichen. Ich verstehe es nicht, und ich werde es wohl nie verstehen, wie ich mittlerweile denke. Nachdem es mich seit Jahren verwundert, was da passiert.
Aber wie auch immer. Im Eiderstedter Bett liege ich nun und höre der Stille zu. Ab und zu höre ich das seltsam altmodisch klingende Pfeifen eines Zuges in der Ferne.

Züge pfeifen heute gar nicht mehr in dieser Dampflokomotiventonlage, fällt mir dann ein, außerdem fahren hier keine Züge. Schon mangels Schienen nicht, die doch ziemlich weit weg liegen. Was ist das für ein Geräusch?
Ich finde es nicht heraus. Es ist eine Art Zugpfeifen, das aus Zeit und Raum gefallen ist. Laut ist es nicht, dieses Pfeifen in der Ferne, es stört nicht. Eher trägt es hinüber ins Traumland.



Im fernen Pfeifen liegt so etwas wie leise Sehnsucht, darauf wurden wir alle durch viele Filme konditioniert. Mir fällt die französische Version von „500 Miles“ ein, „J’entends siffler le train“, hier gesungen von Franco Battiato. Trefflich wehmütig, stilvoll sehnend, recht ruhig.
Das kann man auch leise in der Stille hören, dieses Lied, es stört die Nacht kaum.
„J’ai pensé qu’il valait mieux
Nous quitter sans un adieu
Je n’aurais pas eu le cœur de te revoir
Mais j’entends siffler le train
Mais j’entends siffler le train
Que c’est triste un train qui siffle dans le soir.“
Das Lied ist jünger, als ich angenommen hatte, lese ich dann nach. 500 Miles wurde 1961 von Hedy West geschrieben oder eher aus unklarer Quelle in die Gegenwart geholt. Ihre eigene Version kennt man vermutlich nicht, die ist längst untergegangen, wie auch ihr Name keine Berühmtheit mehr ist. So klang sie:
Berühmt wurde der Song erst durch die unzählbar oft gespielte Cover-Version von Peter, Paul and Mary, die vermutlich alle kennen:
Auf der legendären Liste der 100 wichtigsten Country-Songs, die Johnny Cash seiner Tochter gab, stand dieser Song auch. Wie sie hier kurz berichtet, und dann die Nachfolge singend antritt:
Den etwas schrägen Alt-Country-Star Micah P. Hinson hatte ich vor einer Weile schon mit diesem Lied. Er treibt die Traurigkeit darin so weit, wie sie in kaum einer anderen Version zu hören ist.
Als hätte er sie freigestellt, diese Traurigkeit, so klingt das. Weiter weg von der Geliebten kann dieser Zug kaum noch fahren, dessen Pfeifen man da in der Ferne gerade noch hört.
***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.



























