Und dann wurde es neulich noch schlimm, als ich über die Wahlbeteiligung im geschichtlichen Verlauf nachdachte, ich erwähnte es. Denn ich kam noch auf weitverzweigte nostalgische Abwege und las etliches über die speziell hanseatische Ausprägung der linksorientierten, westdeutschen Vergangenheit nach. Über Willy Brandt, über Helmut Schmidt. Und auch – da fiel mir dann etwas ein, über Björn Engholm. Es fiel mir nämlich ein, wie falsch 1993 die Geschichte für mich und für viele andere abgebogen ist.
Ich hätte die Jahreszahl nicht einmal mehr parat gehabt. Aber das war das Jahr, in dem Engholm abging, von allen Ämtern und Zukunftsaussichten. Und es geht mir nicht darum, ob er nun die Lichtgestalt war, für den ihn viele damals gerne gehalten haben. Im Zweifelsfalle müssen solche Fragen ohnehin stets verneint werden, wie die Geschichte uns gründlich und oft bewiesen hat. Es geht mir nur darum, was für eine grundsätzliche Enttäuschung es für uns war. Das hätte so nicht passieren dürfen, er hätte Kanzler werden müssen. Es war erwartbar geworden, und wie richtig wäre es gewesen, aus unserer Sicht.
Im Grunde war es eine Kränkung, dass es nicht so kam, eine Zumutung der politischen und geschichtlichen Entwicklung. Eine von recht vielen Kränkungen war es dann nur, wie wir mittlerweile wissen. Aber doch eine der schlimmeren.
Er hat später in Interviews gesagt, der Herr Engholm (interessant besonders dieses von 2007 beim Deutschlandfunk, ruhig mal trotz der Länge nachlesen, es ist erhellend), dass er es nie bereut habe, aus der Politik gegangen zu sein. Ich würde es ihm gönnen, dass es so stimmt, so viel Lübecker Verbundenheit muss schon sein.
Und wo ich gerade bei Engholm war und heute die News-Seiten sehe – man kann sich zwischendurch noch einmal klarmachen, dass es Zeiten gab, in denen ich nicht einen derartigen Ekel vor nahezu allen omnipräsenten Gesichtern aus der Politik hatte.
Die erste Zumutung in dieser Hinsicht und für meine Generation war Helmut Kohl. Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr wir es als Zumutung und Belästigung empfunden haben, als er zum ersten Mal Kanzler wurde und fortan immer und überall war. Wie unterirdisch uns das vorkam, wie bedrückend und höchst peinlich. Wie das nicht wahr sein konnte und durfte.
Aus heutiger Sicht und im Vergleich zu den aktuellen Horror-Clowns der weltweiten Rechten, inklusive der deutschen Varianten, muss man allerdings sagen, dass Kohl geradezu ein Ehrenmann war. Und es will etwas heißen, wenn man das so sagen muss.
Es wurde dann später auch wieder besser. Wobei ich da natürlich nur für mich sprechen kann. Aber die Merkeljahre zumindest waren bei mir eine Ekelpause. Ich war mit ihr nie oder höchst selten einverstanden, aber auf diese besondere Art grässlich fand ich sie nie, dass ich mir große Mühe gegeben hätte, ihr Gesicht nicht zu sehen. Merkel war auszuhalten. Was geschichtlich auch eine interessante Wertung ist und tatsächlich erstaunlich viel erklärt, ich weiß.
Nun eine Gegenwart, in der ich mir dringend wie nie einen Filter für sämtliche Medien weltweit wünsche, damit ich diese feixenden, von zutiefst verdorbenen Persönlichkeiten und geradezu desaströsen Charakterdefiziten zeugenden Gesichter der Führer und Führerinnen der im weitesten Sinne rechten Bewegung nicht mehr dauernd ertragen muss.
Denn ich finde sie in einer Weise unerträglich, die ich mir 1982, als Kohl zum ersten Mal Kanzler wurde, noch nicht einmal vorstellen konnte.
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