Extrawürste und komplizierte Tage

Gesehen: Das Böse unter der Sonne von 1982, eine Agatha-Christie-Verfilmung, gerade bei 3sat verfügbar (bis 21. Juli). Der Film ist vor allem wegen der Besetzung interessant, Maggie Smith, Jane Birkin, Diana Rigg und Peter Ustinov. Vielleicht staunt man nebenbei auch über die Ähnlichkeit von Denis Quilley mit Kaiser Wilhelm II., ich zumindest fand die auffällig. Und interessante Kostüme gibt es zu sehen, da hat sich jemand fröhlich ausgetobt in der Garderobe und hatte sichtlich Spaß.

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Gehört: Eine Folge Radiowissen über Josef Guggenmos. Die Älteren erinnern sich vermutlich an seinen Namen, weil sie einmal die Jüngeren waren.

Ich wusste nicht, dass Guggenmos nach einem Schlaganfall große Schreibschwierigkeiten hatte und daher spät im Leben zur kürzesten Form fand, zum Haiku. Zu dieser Gedichtform gibt es auch eine Folge Radiowissen, neulich habe ich die gerade gehört. Wie es wieder alles zusammenpasst, ich bin sehr zufrieden damit.

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Und sonst, was macht der Blogger am Donnerstag? Er arbeitet Notizen ab, wie auch an jedem anderen Tag.

Ich habe beruflich neuerdings öfter Kontakt mit unserem Büro in Wien. In einem Gespräch mit den Kolleginnen dort fiel der Begriff „Extra-Würschtel“, das ist ein Begriff, den ich besonders schön finde, wie auch einige andere Austriazismen („Ich will Sie nicht weiter sekkieren“, der Begriff ist mir sonst nur bei Ludwig Hirsch begegnet), die ich jetzt erfreulich oft hören kann.

Und vermutlich kennen Sie das, Ohrwürmer gibt es auch sprachlich, nicht nur musikalisch. Ich denke also seit dieser Erwähnung dauernd Extra-Würschtel, das Wort kreist im Kopf. Es passt erstaunlich oft in den beruflichen oder privaten Alltag.

Wenn man erst einmal darauf achtet, ist es schon faszinierend, wie viele Extra-Würschtel einem über den Tag verteilt unterkommen, wer alles wo welche will, bis hin zu den Sonderwünschen der Familie beim Abendessen. Ich werde diesen Ausdruck also gar nicht mehr los.

Und da ich nach Möglichkeit weiterhin alles nachschlage, war ich doch erheblich überrascht über die Begriffsgeschichte der Extrawurst. Guck an, die heißen also tatsächlich so. Wer ahnt denn so etwas!

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Ansonsten ziehen sich die letzten Tage vor dem Urlaub in unangenehmster Weise. Und als ob das nicht schlimm genug wäre, reichern sie sich nebenbei auch noch mit unerwarteten Komplikationen an, ich nehme es ihnen doch etwas übel. Aber wie Tage so sind, es ist ihnen vollkommen egal, wie man sie findet und bewertet, sie ziehen ungerührt ihr Ding durch.

Aber ich auch, Freund Donnerstag, ich auch.

Ein U-Bahnsteig im Hauptbahnhof, Blick in die Röhre des Tunnels

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Verlässliches Aushalten

Die Herzdame ist, ohne dass es schon etwas mit Urlaub zu tun hätte, auf Reisen durch mehrere Städte in Deutschland. Ein buntes Programm verschiedener Verpflichtungen mit etwas Unterhaltungsprogramm dabei wird es für sie geben. Es ist eine Art Tournee mit Auftritten hier und da, in Konferenzräumen, auf Familienfesten etc., sie wird ganze sechs Tage unterwegs sein. Ob sie dabei aber auch an den richtigen Tagen in den richtigen Städten sein wird, das weiß man nicht, denn sie reist mit der Bahn.

Nach wie vor: Wie ungern ich das schreibe. Aber es ist nun einmal so, dass sie einen Zug bucht, einen Augenblick wartet und dann schon die Nachricht bekommt, dass der ausfällt, anders fährt oder sonst etwas eintritt, das nicht planmäßig ist. Wie in einer Satire auf die Gegenwart des ÖPNV, so hört es sich an. Der Zug für eine Urlaubsreise demnächst, das ist jetzt bereits gemeldet worden, weit im Voraus, wird ebenfalls nicht so fahren wie gedacht. Auch diese Reise wird also eher spannend werden. Als ob ich beim Reisen auf Spannung stehen würde. Bin ich Indiana Jones oder was.

Antje Schrupp, Sie kenne sie vielleicht, schrieb neulich irgendwo, dass ihr Geschäftsmodell der Vortragenden, der Sprecherin hier und da, also dauernd unterwegs, nicht mehr funktioniert und/oder erheblich teurer werden muss. Weil sie überall eine Nacht mehr einplanen muss, eine Sicherheitsnacht wegen der Bahn. Slow Travelling, aber als schlechter Scherz.

Wenn wir uns richtig erinnern, die Herzdame und ich, waren wir jedenfalls noch nie so lange getrennt, stellten wir etwas überrascht fest. Obwohl es doch nur sechs Tage sind, was so lang nun auch wieder nicht klingt. Ein erlebbarer Zeitraum, man wird sich hinterher noch zuverlässig wiedererkennen können.

Eventuell sind wir recht eng zusammen und scheinen uns, das kann man nach deutlich mehr als zwanzig Jahren wohl allmählich interpretieren, verlässlich auszuhalten. Das ist nicht selbstverständlich und daher eine erfreuliche Erkenntnis, die man stets besonders sorgsam sammeln, vermerken und betonen sollte.

Aber auch gleich wieder ein Hannes-Wader-Ohrwurm, schon bei der Erwähnung, dass sie reist:

Morgen gehst du für lange Zeit fort

Für ein Jahr und du gibst mir dein Wort

Dass du mich nicht für immer verlässt

Leg dich lieber nicht fest.“

Wenn man viele Texte auswendig kann, kann man im Alltag dauernd Musik anlegen. Manchmal ist es schön und passend zur Situation, manchmal ist es nicht ganz so.

Hier der Song in einer Version von Alin Coen, erschienen auf einem insgesamt hörenswerten Album:


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Gehört: Ein WDR-Zeitzeichen zu Erich Mühsam und ein Kalenderblatt über die Schriftstellerin Ann Radcliffe, die mir nicht geläufig war. Wieder was gelernt.

Außerdem hörte ich eine Folge „Hintergrund“ beim Deutschlandfunk über die Erntearbeitskräfte aus Osteuropa: Beendet der Mindestlohn die Ausbeutung?

Wie immer gilt, dass Fragen in den Überschriften der Medien in aller Regel verneint werden können und also eher sinnlos sind. Und dass irgendwas jemals die Ausbeutung beenden könnte – man hat doch nach den letzten zwei-, dreitausend Jahren Geschichte der Menschheit ohnehin einige Zweifel, hat man nicht?

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Gesehen: Diese Doku über Catherine Deneuve auf arte. Sicher nur für den Freundeskreis französischer Film interessant. Für den aber sehr, es gibt wiederum attraktive Schnipsel ihrer zahlreichen Rollen.

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Vielleicht eine gute Stunde

Die verbleibende Anzahl der Tage bis zu meinem Urlaub finden wir heute ausdrücklich benannt in der Offenbarung, Kapitel 2, 10: „… und ihr werdet Drangsal haben zehn Tage lang.“

Drangsal ist überhaupt ein bemerkenswert schönes Wort, fällt mir dabei auf, das auch mal wieder verwenden. Bonuspunkte, wenn man es im Büro unterbringen kann.

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Der Pride-Month ist bereits durch, wenn ich richtig orientiert bin, aber ich habe noch ein Bild aus den letzten Tagen parat, das ich eben nachreichen und beschreiben will.

Vom Balkon aus sehe ich auf den Spielplatz hinunter, der gerade ziemlich leer ist. Es ist eine Wochenendnachmittagsstunde und das Wetter ist durchwachsen, wenn man es nett ausdrücken möchte. Schauer ziehen wieder durch, es droht auch erneut ein Gewitter und am Himmel sieht man sowohl das kräftige Kornblumensommerblau des Julianfangs als auch die ganzjährig auftretenden schwarzgrauen Wolkenhügel. Es durchmischt sich, es wird minütlich neu entschieden, was über uns den Moment gewinnt.

Wenn man da hochsieht, geht man hinterher nur mit Schirm oder Regenjacke raus, so viel steht fest. Wenn man da hochsieht, geht man vielleicht auch lieber nicht raus, denn schon wieder nass werden – ja, ist gut jetzt, wie Herr Drosten damals sagte. Man ist in diesem Sommer schon genug nass geworden.

Auf dem Spielplatz ist nichts los, nur in der Mitte steht eine einzelne Mutter. Sie hält einen großen, etwas überdimensioniert wirkenden Regenschirm, mindestens Grandhotelportiergröße, über sich und ihr Kleinkind. Das krabbelt zu ihren Füßen herum und wühlt mit beiden Händen im regennassen Sand. Lachend, wenn ich es richtig erkenne. Der Schirm der Mutter ist regenbogenfarbig bunt gestreift.

Man kann nun nicht wissen, ob dieser Schirm vielleicht in einem queeren Pride-Kontext zu sehen ist. Man kann es nur vermuten. Vielleicht gibt es Regenbogenschirme und ihre Benutzerinnen auch ohne diesen Kontext, das mag sein. In unserem Stadtteil aber, der zumindest bis vor kurzer Zeit eine große, lebendige schwule Szene mit vielen Kneipen, Clubs etc. hatte, überall die Regenbogenaufkleber in den Fenstern und die Fahnen an den Balkonen, ist es eher unwahrscheinlich, dass man den Schirm ohne diesen Kontext spazierenträgt.

Aber unmöglich ist es auch nicht.

Diese bunte schwule Szene übrigens fällt in den letzten Jahren auch mehr und mehr dem Tourismus und den immer weiter steigenden Mietpreisen zum Opfer und dünnt daher zusehends aus. Ein Club nach dem anderen muss weichen, die Szene ist fast schon ein Reiseführerrelikt und längst nicht mehr so lebendig, wie sie in den Büchern noch beschrieben wird.

Zurück zum fast leeren Spielplatz. Da ich von oben auf die Mutter mit dem Schirm hinuntersehe, kann ich von ihr kaum etwas erkennen. Nur den Rand ihres blauen Kleides sehe ich manchmal, die Schuhe. Daneben das Kind auf allen Vieren. Der Regenbogenschirm dreht sich, kreist und wippt. Wenn man an den Bewegungen eines Schirmes die Stimmung der Trägerin erkennen kann, was meist eher zweifelhaft sein wird, dann wirkt diese schirmtragende Figur dort unten an der Sandkiste in diesem Moment munter, lebhaft und vergnügt.

Vielleicht ist es eine gute Stunde mit einem bestens gelaunten Kind auf einem leeren Spielplatz. Es gibt so etwas. Ich erinnere mich sogar, auch wenn es bei mir lange her ist.

Es regnet gerade nicht, aber das hat diese Mutter – wobei es gar nicht die Mutter des Kindes sein muss, sehen Sie, man leitet dauernd nur von Wahrscheinlichkeiten ab und behauptet dann so herum – wohl nicht bemerkt. Sie schließt ihren Regenschirm nicht. Oder sie hat es doch bemerkt und hat den Schirm aber gerne über sich, mag sein. Vielleicht ist es ein besonders schönes Licht, unter diesem so farbigen Schirm, das kann man sich leicht vorstellen. Die Sonne kommt wieder durch, alles leuchtet auf, im Laub der Bäume glitzern die Tropfen.

Jedenfalls bleibt er aufgespannt, dieser bunte Schirm, und dadurch sieht die Frau etwas nicht.

Über ihr spannt sich nämlich noch etwas. Ein prächtiger Regenbogen steht jetzt in der Originalversion am Himmel. Das Naturphänomen, bekannt aus Bilderbüchern, Märchen und Naturdokus. Der Topf voll Gold am Ende des Bogens wird diesmal in der Nähe der Elbe zu finden sein, bzw. am anderen Ende auf der Uhlenhorst, nahe der Alster, im Nachbarstadtteil. Welches Ende ist eigentlich richtig?

So schön wie diesmal sieht man einen Regenbogen nicht oft bei uns. Er ist mustergültig und besonders effektvoll in der Erscheinung, vor dem schon wieder dunkler werdenden Himmel. Der Mittelpunkt des Regenbogens oben liegt in etwa über dem Regenbogenschirm auf dem Spielplatz unten. Wie unfassbar passend Momente ausgestaltet werden können. Ein Foto davon würde man vermutlich zunächst für ein KI-Werk halten, so gestellt, unwahrscheinlich und hingetrickst sieht das aus.

Aber egal. Auch wenn es noch so unecht anmutet – ich wollte Ihnen das Bild doch kurz gezeigt haben. Ich wollte es dem Pride-Month noch eben hinterhergeschrieben haben.

Es geht mitunter bunt zu, da draußen.

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Das Ende der wirren Wahnwoche

Gelesen: Eine neue Monatsnotiz von Nicola.

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Gehört: Italienische Küche – Alles nur Mythos? Ich habe nichts gegen erfundene Traditionen, wie sie in der Sendung geschildert werden. Ich finde ihre Entstehung und das Verlangen danach eher verständlich. Es wird erst da peinlich und anstrengend, wo die stets unvermeidlich humorlose Besserwisserfraktion bei jedem tatsächlich oder vermeintlich traditionsbehafteten Thema, also auch beim Essen, die einzig richtige Wahrheit predigt. Ich koche mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt. Traditionen bitte lässig erfinden und locker umgehen. Dann lebt es sich viel entspannter, daher haben wir das schon immer so gemacht.

Außerdem gehört: Ein Zimmer für sich allein – Autorinnen feiern späte Erfolge. Über Ingrid Noll, Helga Schubert, Gabriele von Arnim, ihre eigenen Zimmer und die Möglichkeit, eine Tür hinter sich schließen zu können. Ja, ein eigenes Zimmer, das wäre etwas. Quasi auf meiner Bucket-List, die ich doch gar nicht habe.

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Am Sonnabend, ich höre danach wirklich auf mit dem elenden Aggressionsthema, war in Hamburg eine weitere sommerliche Großveranstaltung. Es fand der Triathlon statt, mit über zehntausend Teilnehmerinnen.

Man rennt und fährt und schwimmt dabei in der Innenstadt und in der Alster herum. Also gibt es schon wieder absurde und vielfältige Verkehrssperrungen überall, also stehen noch einmal knatternde Hubschrauber stundenlang über unserem Haus am Himmel. Mit einem Geräusch, bei dem es nach ein paar Stunden fast allen schwerfällt, nicht stimmungsmäßig durchzubrennen. Das würdige Finale einer durchgeknallten Woche, es wurden an diesem Tag alle um uns herum endgültig verrückt.

Ein infernalisches, nervenzerlegendes Hupkonzert im monströsen Stau vor unserer Haustür von früh bis spät. Menschen mit mentalen GAU-Erscheinungen an Steuerrädern. Aus einem Fenster im Haus gegenüber lehnt sich am Nachmittag ein kleiner Junge und ruft zu den Irren in den Autos hinunter: „Wodka, Korn und Bier, alles gibt es hier!“ Er winkt mit beiden Armen, er lacht und ruft den Satz oft und laut. So laut ihn ein Kind im Grundschulalter eben rufen kann, und das ist beeindruckend laut, wie man von Schulhöfen weiß. Er hat sichtlich Spaß an seinem kurzen und einprägsamen Text, von dem ich nicht weiß, ob er irgendwo herkommt oder selbst ausgedacht ist. Ich erinnere mich nur an die Reihung „Korn, Bier, Schnaps und Wein“, so sangen es damals die Toten Hosen, in einem Land vor unserer Zeit.

Immerhin sehe ich aber auch, jetzt wird es unerwartet versöhnlich, dass ein Geschwisterkind den Jungen die ganze Zeit am Hosenbund von hinten festhält, während er sich hinauslehnt. Es ist ein wahres Sinnbild der Restvernunft nach einer wirren Wahnwoche. Diese kleine Hand am Gürtel da, im Zimmer gegenüber.

Es gibt Menschen,  die noch normal mit- und auch an andere denken, die restvernünftig handeln. Sehr gut ist das, und tröstlich auch.

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Gesehen: Eine erfreulich lange, geduldige und ruhige Interviewsendung “By Sidney Lumet“ auf arte. Was sagt er da, gleich in den ersten Minuten: „Solange ich arbeiten kann, bin ich zufrieden.“ Ja, so kann man auch zu seinem Beruf stehen. Also manche können das. Es ist nicht allen gegeben.

Sehr schöne und lange Zitatszenen aus seinen Filmen sieht man jedenfalls in der Sendung. Nach denen man dann aber all die nur kurz angespielten Filme dringend in voller Länge sehen oder noch einmal sehen möchte, also wieder ein Problem mehr hat.

Sehenswert, diese Sendung. Ich habe dem Herrn Regisseur gerne zugehört.

Segelboote an einem Steg an der Außenalster, bewölkter Himmel, sommerliche Anmutung

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Die geplanten Arbeiten

Gelesen: Innendrin hundert geworden.

Die geschätzte Landlebenbloggerin schildert in ihrem frisch renovierten Blog einerseits das Boot und andererseits eine ganz andere Kassensituation, als ich sie hier beschrieben habe. Es liegen offensichtlich einige Welten, nicht nur etliche Kilometer zwischen unseren Gegenden.

Und weil es nach dem letzten Kassentext von mir wieder mit Erstaunen kommentiert wurde: Ja, Security in Supermärkten und Discountern ist bei uns normal. Die Alkoholszene, die Drogenszene, die Armut, das Elend, die Obdachlosigkeit. Dazu noch andere Gruppen mit besonderen Problemen. Etwa die Menschen mit diversen, teils deutlichen psychischen Defiziten, wie die Gestalten, welche den ganzen Tag laut vor sich hin schimpfen und pöbeln. Oder seien es die in meinen Texten gerade geschilderten Leute mit erheblichen Aggressionsproblemen und allzu kurzer Lunte.

Ich übertrieb in den letzten Blogartikeln nicht, es gibt so viele von diesen Leuten in der Mitte der Stadt. Wenn Sie in einem Dorf wohnen, nehmen Sie einfach an, dass es viel, viel mehr sind, als sie denken. Es wird hinkommen. Und der Einkauf ist immer eine Situation der sozialen Begegnung. Ein Einkauf ist also immer kritisch. Menschen stoßen auf oder vielleicht sogar an andere. Das metallene Geräusch sich berührender Einkaufswagen als Warnsignal, der Discounter ist auch deutlich zu eng. Ein großes Problem.

Nach dem, was ich täglich mitbekomme, ist die Security zumindest in dem Laden, in dem ich am häufigsten bin, öfter bei Verhaltensproblemen als bei Diebstahldelikten im Einsatz. Und zwar signifikant öfter.

Wir haben, das darf man vielleicht gültig ableiten, zumindest in den großen Städten ein überdeutliches kollektives Benimmproblem. Man kann es anders benennen und soziologisch sicher tiefsinniger ausdeuten, aber letztlich ist es genau das.

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Okay. Wenden wir uns wieder anderen Themen zu. Ein gezeichneter Hase wird kurz eingeblendet: Seid zur Heiterkeit bereit.

Am Freitag sollten aufwändige Arbeiten von Handwerkern bei uns im Haus durchgeführt werden, diese fielen aber unerwartet und kurzfristig aus. An der Eingangstür unten hing ein Brief der beauftragten Firma, in dem als Begründung stand: „Die geplanten Arbeiten fallen wegen weiterer Arbeiten aus.“

Ein sympathischer Satz, finde ich. Wir können, wenn man lange genug darüber nachdenkt, mit dieser Argumentation alle die Arbeit, also jegliche Arbeit, umgehend einstellen: Die geplanten Arbeiten fallen wegen weiterer Arbeiten aus.

Das vielleicht auch als Outlook-Standard-Textbaustein erfassen. Diese Aussage außerdem an anderen Stellen zur Geltung bringen und anwenden. Ich kann hier im Haushalt beginnen: Das geplante Staubsaugen fällt wegen weiterer Arbeiten aus. Es ist schlüssig, es ist bündig, es überzeugt.

Ich habe noch etwa zwei Wochen bis zum Urlaub, aber vielleicht kann ich mit dieser Logik schon etwas früher aus allem aussteigen. Denn auch im Büro wird der Satz passen. Und wie er passen wird.

Aber apropos. Die Herren Söhne werden ab Mittwoch wieder Ferien haben. Die langen Sommerferien werden sie haben, bei denen wir Eltern wie immer nicht mithalten können. So viele Urlaubstage hat kein Mensch, wenn man vom Lehrpersonal absieht. Und doch ist die Sommerferienzeit in ihrer beträchtlichen Erstreckung für mich immer eine Zeit minderer Motivation und zumindest angestrebter Lässigkeit. Also für meine Verhältnisse jedenfalls. Und da ich für eine französische Firma arbeite, wird es auch außerhalb meiner eigenen Urlaubswochen im Brotberuf wahrscheinlich demnächst etwas ruhiger zugehen, wie in jedem Jahr.

Im Hochsommer ist in Paris kein Mensch, der ein auch nur halbwegs normales Leben führt, im Büro. Man bekommt von dort in dieser Zeit Abwesenheitsmeldungen mit teils beneidenswerten, fantastisch anmutenden Zeiträumen: Votre e-mail ne sera pas lu.

Was ich sagen wollte, es kann hier in den nächsten etwa sechs, sieben Wochen zu Unregelmäßigkeiten kommen. Zu verspäteten, verschobenen, ausgefallenen Texten. Es könnte ein wenig wie bei der Bahn sein, kommste heut nicht, kommste morgen, die nachfolgenden Texte verspäten sich um …

Aber vielleicht kommt es auch anders. Vielleicht schreibe ich pünktlich wie fast immer weiter, stoisch und verlässlich wie ein Uhrwerk aus der Klischee-Schweiz. Es liegen so viele Notizen noch auf Halde. Es gibt genug Material und es wird dauernd neuer Stoff anfallen. Selbst wenn man gar nichts macht, selbst wenn man nur wellnessbemüht irgendwo lesend oder dösend  herumliegt, an einem Pool vielleicht , immer fällt doch etwas an. Sie wissen jedenfalls Bescheid, wenn es hier ein wenig ungewöhnlich zugehen sollte: Es liegt nur wieder an der Saison.

Und zumindest einige der geplanten Arbeiten, soviel steht fest, werden wegen weiterer Arbeiten ausfallen.

Zwei Gänse am frühabendlichen Ufer der Außenalster, auf der einige Segelboote mit orangefarbenen Segeln zu sehen sind

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Abendliche Fenstergedanken

In Ergänzung zum gestrigen Text noch eben eine schnelle Anmerkung. Die Grundaggression in dieser Stadt war auch am späten Abend dieses etwas seltsamen Tages nicht zu überhören und weckte mich zu später Stunde sogar wieder auf. Keifende Menschen auf der Straße, schon wieder dieser schnell erkennbare Tonfall von „Willst du aufs Maul oder was!“

Als würden sich sämtliche Menschen aus den Autos heraus an die Kehle wollen. Vor unserem Haus ist eine Engstelle im Verkehr, und es macht die Menschen fertig, man kann es nicht mehr anders sagen, dass sie da etwas langsamer werden müssen. Dass sie manchmal sogar halten müssen. Eine unerträgliche Zumutung.

Bei manchen eine derart mangelnde Affektkontrolle, dass man es in Kindergärten schon kritisch würdigen würde. Da mal den Eltern eine Mitteilung machen, der kleine Benny oder wer auch immer hat heute schon wieder andere Kinder angefallen. Und dann aber schnell Stuhlkreis und Problembewusstsein.

Ich sehe aus dem Fenster auf die spätabendliche Straße hinunter, was da nun wieder los ist. Es sind normale Menschen, die da explodieren. Es sind keine Gangstertypen aus den Problemvierteln der Stadt. Es sind auch keine herumhängenden Jugendlichen, es sind keine Alkoholkranken mit Überdosis. Es sind  keine durchgeknallten Crackjunkies, keine Fußballfans im kollektiven Wahn. Durchschnittsmenschen in Durchschnittsautos sind es.

Und auch das kommt mir wieder ungemein dystopiegeeignet vor. Die Aggression steigt aus unerklärlichen Gründen einfach stetig an, alle paar Wochen eine Umdrehung weiter. Die Zivilisation hält es nicht lange aus, und dieses Szenario entwickelt sich dann auch fast wie von selbst. Man kann das alles vorhersagen, was in dem Film oder Buch passieren muss.

Wir alle können das vorhersagen, nehme ich an, man muss nicht besonders kreativ sein. Man muss nur schlicht hochrechnen, was es jetzt schon zu sehen gibt, zumindest in Großstädten. Wenn ich eben unterstellen darf, dass es in anderen Großstädten auch so zugeht wie bei uns.

Eine immer wütender werdende Welt ist jedenfalls eine weitere faszinierende Zukunftsvorstellung, und an diesem Tag kommt sie mir nicht eben unwahrscheinlich vor. Die Hauptrolle in der Hollywoodversion müsste dann einem Menschen zukommen, der sich emotional seltsamerweise noch im Griff hat, ein spockhafter Sonderling.

Ich wollte nur eine kleine Ergänzung schreiben, fällt mir wieder ein. Zwei, drei Sätze wollte ich nur schreiben, daraus ist ein Blogartikel in üblicher Länge geworden, wie ging das zu. Das war so nicht geplant, und ich mag es nicht, wenn Ungeplantes geschieht.

Im Sinne dieses Textes und der allgemeinen Trends der Zeit vielleicht gleich mal das Notebook an die Wand werfen.

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Ausgelacht und angepampt

Am Mittwoch Office-Office in Hammerbrook. Vor dem offenen Fenster kreisen tieffliegend auf dem Parkplatz herumlungernde Möwen beträchtlicher Größe und lachen mich in hysterischem Tonfall gellend laut aus, stundenlang und immer wieder. Dahinter die tief wummernden Geräusche der alle paar Minuten vorbeifahrenden S-Bahn. Neben den Gleisen werden große Gerüststangen von einem LKW mit Schwung in einen asphaltierten Hof geworfen, viele davon. KREISCH RUMPEL SCHEPPER, die Geräuschkulisse des Tages im Stadtteil der Arbeit.

Ich arbeite dezent und vergeblich gegen den Lärm an, mit vermutlich kaum hörbaren Tippgeräuschen. Was man so macht, in einem Büro.

Beim Discounter auf dem Rückweg nach Hause schreien sich später zwei Menschen an, weil sie sich um eines dieser Warentrenndinger an der Kasse streiten, als gäbe es keine wichtigen, großen Themen im Leben. Sie mit stark russischem Akzent, er mit vermutlich arabischem Akzent, beide werfen sich mit Vehemenz ihre jeweilige Herkunft und auch ihre Dummheit vor. Sie beleidigen sich nach Kräften unter Erwähnung sämtlicher Klischeevorstellungen über die jeweils vermuteten Hintergrundländer. Während die zahlreichen Umstehenden aus wer weiß wie vielen weiteren Ländern im Geiste vermutlich beliebig und aus reichem Fundus anlegen. Deutsche selbstverständlich eingeschlossen.

Der Mann von der Security steht augenrollend daneben, stöhnt und sieht aus, als würde er gerne und am liebsten umgehend die komplette verdammte Kundschaft aus dem Laden werfen. Es kommt mir ausgesprochen nachvollziehbar vor. Allerdings wäre diese Aufgabe gerade zu groß für einen allein, es ist voll.

Die Frau hinter mir in der elend langen Warteschlange vor der Kasse, immer der Personalmangel, regt sich in einem theaterhaft laut geführten Telefonat darüber auf, dass sie hier anstehen muss: „Schlimmer als bei uns! In einem reichen Land!“ Ob ich sie nicht vorlassen könnte, fragt sie dann. Was ich verneine, und was dann zu gezischten Beschimpfungen führt. Kopfhörer rein und Musik hören, Abhilfe suchen, wo es sie nur gibt.

Was wird mir zugeshuffelt? Your mind is on vacation, es passt schon.

An der Kreuzung vor der Tür brüllen sich Menschen an, weil sie sich um einen Parkplatz streiten, aus SUV-Fenstern gereckte Fäuste. Wüste Drohungen, man attestiert sich Behinderungsgrade und geistige Gebrechen. Krach gibt es auch, weil ein Greis mit Rollator nur in Zeitlupe über die Kreuzung krebst und also die herandrängenden Autos aufhält, weswegen dringend von allen Seiten gehupt werden muss.

Was ist hier eigentlich los. Ist das summer in the city, ist es vielleicht too hot in the city. Ist es der Zeitgeist oder ist es nur der Zufall der Großstadtbegegnungen. Oder ist es nur diese eine Stunde, wäre ein wenig später alles friedlich und besinnlich auf meinem Weg. Es kommt mir nicht so vor.

Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs, und gleich in dermaßen reicher Auswahl. Man wirkt schon beherrscht, wenn man gerade niemanden anschreit.

Im Laufe des Tages fühle ich mich zusehends hitzelädiert und allgemein überbeansprucht. Obwohl es schon heißer war in dieser Stadt, ich weiß. Aber was nützen pflichtgemäß klingenden Relativierungen. Wenn man durch ist, ist man durch.

Weitere Einkäufe für die ebenfalls schwächelnde Mutter und für uns. Kochen für die Familie. Etwas Haushalt, die üblichen Erledigungen. Alles ist heute zu viel, auch der Gang zur Eisdiele, sagt man das überhaupt noch so, ist zu anstrengend.

Frühes Wegklappen also und anschließendes Herunterfahren im Bett, das allerdings auch zu warm ist. Nach nur einer halben Stunde etwa mit einem alten Film von Chabrol bei filmfriend. „Die Straße von Korinth“ von 1967, Jean Seberg (mir waren die wilden Umstände ihres Todes nicht bekannt) und Michel Bouqet.

Ein nicht allzu einprägsamer Film, eine eher seltsame Angelegenheit. Aber wieder diese 70er-Jahre-Kulissen, all diese vergessenen Details. Es ist doch faszinierend, wenn man damals auch schon dabei war.

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Duckfaces und echte Enten

Am frühen Abend eines heißen Tages saß ich an der Alster, ich hatte ein Date in der Abendsonne. Ein wenig vorabendserienmäßig war es von der Ausstattung her, ein wenig posh, wie meine Begleitung befand. Die Sonne glitzerte in den Kaltgetränkgläsern wie in klassischen Werbefilmchen. Üppig gediehene Palmen standen in großen Pflanzkübeln davor, leicht wedelnd im Abendwind. Feierabendgäste der gepflegteren Art um uns herum. Büromenschen in smart casual und noch entspannter. Es war warm, so warm, die aufgeheizte Stadt. Man legte ab, was nur ging.

Unter den jüngeren Gästen am Steg einige, die sich mit den Selfies vor der Kulisse des Bilderbuchjulis erheblich Mühe gaben. Viele Versuche, aufwändige Inszenierungen, lange Begutachtungen der Ergebnisse und Nachbearbeitungen. Stative sahen wir, große Kameras auch, nicht nur schnelle Schüsse aus dem Handgelenk nebenbei. Es musste schon alles stimmen. Minutenlange Frisurkorrekturen, oft wiederholtes Herumzuppeln an Kleidchen und Klamotten, am Schmuck, an allem. Grimassierende Duckfaces auf den Selfiegesichtern um uns herum. Wie in einem Kabarettprogramm sah das aus, wenn Selfies lächerlich gemacht werden sollen. Eine zu oft gespielte Nummer, aber was interessiert das die Wirklichkeit.

Eine junge Frau in einem durchsichtigen Kleid, unter dem sich die Unterwäsche abhob und fürchterlich unordentlich saß, das konnte auf den Bildern kaum gut aussehen. Ich hatte ein ausgeprägt elterliches Bedürfnis, ihr das mahnend mitzuteilen.

Aber Contenance. Immer nur die eigenen Kinder kritisch kommentieren, und auch die besser nicht zu oft.

Segelboote im Abendlicht vor uns, langsam durchs Bild gleitend, elegant wendend. Daneben die Schiffe der weißen Alsterflotte, letzte Fahrten des Tages vielleicht schon. Außerdem Tretboote, in denen alle Plätze besetzt waren. Familienverbünde fuhren noch ein Viertelstündchen vor der Bettzeit herum. Kleinere Kinder mit Schwimmwesten hinten, die Väter vorne am Steuer, die Mütter daneben. Fast immer die Väter am Steuer.

Schwäne, Gänse, Enten und Möwen. Etliche Vögel sahen wir oben segelnd oder unten dümpelnd in dieser Szenerie. Die Sonne sank langsam am Westufer nieder, es gefiel allgemein.

Updates und Austausch, wir hatten uns länger nicht zu zweit gesehen. Wer macht was und mit wem, und auch wieder: „Was wurde eigentlich aus“, die beliebte Rubrik. Dazu die üblichen Themen unseres Alters, etwa die langsam kritischer werdenden Zustände der Eltern. Die Abläufe ähneln sich bei uns allen, Variationen auf eine Grundmelodie werden durchgespielt.

Immerhin mussten wir keine eigenen Krankengeschichten abnudeln, dafür muss man dankbar sein. Es endet üblicherweise irgendwann, dass man ohne diese Themen durchkommt. Noch einmal Schwein gehabt, das stets mitdenken.

Beim Zahlen dann die unwillkürliche Frage, als der absurd hohe Preis genannt wurde: „Kann das denn sein?! Für vier Getränke?“ Ich freute mich immerhin, dass nicht ich das laut gefragt hatte. Ich hatte es nur gedacht. So ist es nämlich, wenn man nicht oft ausgeht. Man staunt dann mit seinen Preiserinnerungen, die allmählich dezent veraltet sind, die eindeutig präpandemisch sind.

Und die Bedienung, entspannt gelaunt, mit lässiger, großer Geste über das Gewässer zeigend: „Was wollen Sie, Alsterblick!“

Und lacht und lacht. Wieder Gäste, die zu lange unter einem Stein gelebt haben oder aus der Provinz kommen. Kopfschüttelnder Abgang.

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Eine normale, gut vorstellbare Geschichte

Christian schreibt hier über den vermeintlichen Rechtsruck, mit interessanten Links, und wenn Sie dazu noch etwas sehr Schräges hören wollen, dann empfehle ich Ihnen ein Zeitfragen-Feature über die Geschichte der Reichsbürger mit höchst bemerkenswerten Tonaufnahmen aus dem Jahr 1975.

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Gesehen, und besonders gerne gesehen: Mademoiselle Chambon. Es war wiederum ein Film bei arte, ich gucke da jetzt alles leer, bis ich wieder à jour bin.

Von 2009 ist dieser Film, er wirkt noch gegenwärtig. Regie Stéphane Brizé, von dem gerade noch mehr bei arte zu sehen ist. In den Hauptrollen Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon, beide sind ausgezeichnet besetzt. Sie waren auch privat ein Paar, lese ich nach, und trennten sich, während sie im Film gerade laut Drehbuch zögerlich und kurz zusammenkamen. Ihr Beruf bietet spezielle Gelegenheiten für ironische Entwicklungen. Es müssen seltsame Erfahrungen sein, stelle ich mir vor.

Der Film gefiel mir jedenfalls, ein leiser, zurückhaltender, betont ruhiger Liebesfilm. Dezidiert unaufgeregt mit besonders schönen Szenen der unerklärlichen Annäherung. Nicht der übliche sexuelle Magnetismus, der viel leichter zu inszenieren ist, mehr diese schwer greifbare Irritation eines obskuren Nähewunsches.

Es wurde sehenswert abgebildet, wie eine erst kaum spürbare Anziehungskraft entsteht. Eine Anziehung, wo besser keine hingehört, wo sie nicht gut passt, wo sie zumindest etwas ungelegen kommt und dann auch andere mehr und mehr stört. Wie man damit umgeht, wenn das Gefühl doch nun einmal da und nicht mehr zu leugnen ist.

Wenn man also auf einmal dieses unerwartete Problem hat, diese einigermaßen unbegreifliche Zuneigung, die so nicht bestellt war. Die Verblüffung darüber und die nachfolgende Ratlosigkeit bis zur nachvollziehbaren Entscheidungsunfähigkeit, das spielen die beiden fantastisch. Kein fröhlicher Film, auch kein sehr trauriger Film. Eine normale, gut vorstellbare Geschichte mit einem besonders gelungenen Ende. Die lange Bahnhofsszene, hervorragend. Es gibt viele Liebesgeschichten, die mit Bahnhofsszenen beginnen oder enden, diese ist eine der besseren.

Deutliche Empfehlung jedenfalls für einen ruhigen, warmen Sommerabend bei leichter Schauerneigung und heraufziehender Bewölkung. Das Wetter wird dann zur Gefühlslage im Film gut passen.

Und bei der Kombination von Bahnhofszene und Liebe muss ich noch eben Agneta anlegen, das letzte Abba-Stück, es ist quasi Pflicht. So ein schönes Video war das, ich hätte mich in diesem Zug selbstverständlich auch in sie verliebt. Und wie.

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Gehört: Eine Folge Radiowissen über Iwan Turgenjew, von dem hier noch die „Aufzeichnungen eines Jägers“ bei den ungelesenen Büchern liegen, wie mir gerade beim Schreiben einfällt. Dieses Buch sollte ich vielleicht schon einmal auf den Herbststapel umsortieren. Ich könnte die Zeit nach der Sommerpause im Geiste bereits angehen, ich könnte hier und da und zumindest nebenbei schon etwas vorsorgen und zurechtlegen. Die Tage werden immerhin bereits wieder kürzer.

Außerdem hörte ich noch eine Sendung über Rosa Luxemburg. Da kann ich assoziativ gerade nichts anlegen, was aber nichts macht, glaube ich. Dennoch gerne gehört.

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Die schrundige Menschheit

Hier eine Meldung, die ich erst nur aus dem Augenwinkel gesehen habe, dass sich eine Hautkrankheit gerade rasant ausbreitet. Ein Pilzbefall, der eventuell über die Barbershops weiträumig gestreut wird, welche es auch bei uns im Stadtteil seit einigen Jahren in gefühlt jedem zweiten Haus gibt. Und es werden immer noch mehr.

In einem dystopischen Erzählszenario könnte man das mit einem naheliegenden Bezug zu Corona einbauen. Mit jeder Covid-Infektion wird das Immunsystem weiter geschädigt und schwächer. Pilze und dergleichen haben nach jeder Welle umso leichteres Spiel … so ein Drehbuch schriebe sich fast wie von selbst, denke ich. Und schon nach etwa 15 Filmminuten müsste die Maske immer mehr leisten. All die Flechten, Ekzeme, Knoten, Rötungen etc., die immer mehr entstellten Hauptdarstellerinnen. Schließlich mehr und mehr aussätzig aussehende Personen im Bild, die schrundige Menschheit, die Schuppen und das Schicksal. Und dazu der Klimawandel, es wird stetig wärmer, der Schweiß brennt an den Sommertagen sengend in den entzündeten Schleimhäuten …

Aber gut, wer hat schon noch Interesse an Dystopien.

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Am Sonntag habe ich am Abend noch weiteren italienischen Autorinnen und Autoren hinterher recherchiert. Damit ich mir kurz vor dem Urlaub bei nur einem einzigen Gang durch die Zentralbücherei auf jeden Fall genug Romane, Erzählungen etc. unter den Arm klemmen kann. Genug jedenfalls, um ein paar davon später im Liegestuhl lässig wieder verwerfen zu können. Es wird schon werden.

Weiter im Troller-Tagebuch aus Paris gelesen, passend zu den Wahlergebnissen aus Frankreich, es fügte sich angenehm. Und während er im Buch über den Aufstand von 68 und die irritierte Reaktion von de Gaulle schreibt, brennen in Paris wieder Mülltonnen und Macron sagt an diesem Abend lieber nichts, es harmoniert ganz ungemein.

Gehört: Radiowissen (ich bin bald durch mit dem Archiv) über Marlene Dietrich und  über F. Scott Fitzgerald.

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Vor unserer Haustür blüht ansonsten irgendwas, ich habe es leider nicht weiter ermitteln können, das an schwülen, drückenden Hitzetagen eklig und intensiv riecht, wie ungelüfteter Puff. Was ich allerdings schreibe, ohne da besonders umfassende Kenntnisse zu haben. Es ist mehr so eine ungefähre Vorstellung, eher angelesen als erlebt. Es geht vielleicht auch in die Richtung Raps in höherer Potenz, darunter wird man sich vielleicht etwas vorstellen können. Allerdings wächst hier weit und breit kein Raps. Der nächste Acker ist erst nach langem Marsch erreichbar, nach mehreren Bahnstationen.

Überaus unangenehm körperlich riecht es jedenfalls, nach zu viel von allem. Nach besonders schwierigen Verhältnissen auch, nach einem Übermaß an unregulierten Körperflüssigkeiten und nach eher schweren hygienischen Mängeln, die man vermutlich einer Behörde melden müsste. Schwer und lastend wabert es schauderhaft durch die Saunaluft mancher Tage der Sommermitte, und an der Ecke da vorne hat sich jemand übergeben, sehe ich. Fast könnte man einen Zusammenhang vermuten, und heute sollen es üppige 28 Grad werden.

Die Stadtnatur ist auch nicht immer die Erlösung vor der Haustür, das wollte ich nur eben andeuten.

Ein Pärchen sitzt im letzten Abendlicht am Ufer der Außenalster und blickt übers Wasser. Die beiden sind von hinten nur als Silhouetten zu sehen. Am Horizont, am anderen Ufer der Fernsehturm.

Man muss in Hamburg an manchen Tagen erst ganz runter bis zur Alster, zur Elbe oder zur Bille gehen. Man muss sich am Ufer stehend beim tieferen, bemühteren Durchatmen etwas maritime Frische einbilden, um dieses urbane Draußen ausreichend schön und belebend zu finden.

Manchmal gelingt einem die Übung sogar, und das ist dann besser als gar kein Erfolg am Tag.

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