Physiotherapie für Obdachlose als Zynismus des Tages – die Lage am Hamburger Hauptbahnhof wird schlimmer, die Situation im kleinen Bahnhofsviertel dadurch auch. Eine Ergänzung zu den vielen Beobachtungen hier im Blog.
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Es ist mancherorts so heiß, sogar im Odenwald wird gehupt.
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Weiter gelesen in Vicki Baums Erinnerungen. Immer noch zufrieden mit dieser Lektürewahl. Allerdings hörte ich zwischendurch auch die Lange Nacht über Kästner und dann merkt man doch, dass man auch bei der entspannend sein sollenden Urlaubsunterhaltung permanent an den politischen rechten Rand stößt. Wie es bei den Lebensläufen dieser beiden gar nicht anders sein kann. Ich werde das Thema also nicht los.
Und schlimmer noch, wir werden es nicht los.
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Die Kaltmamsell träumt von Zeitreisen und verlinkt einen Artikel zum Klimawandel und zur „Hitzehölle“ in Städten. Ich sah irgendwo, dass Hamburg dabei noch ganz gut wegkommt. Aber Verbesserungsbedarf und -möglichkeiten gibt es immer und reichlich.
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Im Hotel in München haben fast alle außer uns die Taylor-Swift-Armbänder am Handgelenk. Wenn die Buchstaben darin Textzeilen der Songs bilden, wie ich gelesen habe, könnte man aus sämtlichen Armbändern in dieser Stadt heute sicher ihr Gesamtwerk zusammenlegen. Auch eine charmante Vorstellung.
Vor dem Hotel trägt man entweder Tracht oder Freizeitkleidung mit Armband. Wir kommen uns nach einer Weile etwas seltsam vor, ohne Schmuck am Handgelenk oder Volkstümliches. In der Straßenbahn, auf den Wegen, in den Parks – überall diese Armbänder, viel häufiger noch als die lokalen Modeaccessoires. Immer wieder guckt uns jemand auf die Handgelenke, ob wir nicht auch … Aber nein, wir nicht.
Ausgesprochen freundlich Menschen sind es jedenfalls, diese Swifties. Sie gehen betont rücksichtsvoll miteinander um, es ist nicht zu übersehen. Sie ruhestören nicht im Hotel, sie schmutzen nicht. Pardon, ich will nicht spotten, ich mochte das. In der Ausstrahlung liegen sie in der Gesamtheit irgendwo zwischen internationalem Pfadfindertreff, stark überdimensionierter Klassenfahrt und verstrahlten Sannyasins, die Älteren erinnern sich vielleicht. So nett und irgendwie auch niedlich enthusiasmiert, wie sie alle auf den Auftritt ihrer Leitfigur warten und sich dabei umeinander kümmern.
Apropos Sannyasins, mir fällt nebenbei ein, wie sehr man zu meiner Schulzeit davon ausging, dass Sekten aller Art eines der größten Risiken für die Zukunft von uns damaligen Jugendlichen waren. Wie man sie für ein drohendes, wild eskalierendes Weltproblem hielt. All die Vorträge und mahnenden Worte, die zahlreichen düsteren Leitartikel und Reportagen, die vehement bemühte Aufklärung.
Lange nicht mehr gehört, den Begriff Sekte. In der Jugend unserer Söhne scheinen sie keine Rolle zu spielen, nicht einmal am Rande.
Auch über die so freundlichen Swifties hinaus sehe ich an nur einem Abend in München gleich mehrere auffällige random acts of kindness in der Stadt. Jemand rennt auf die Straße, mitten in den stockenden Verkehr, und schließt bei einem Auto den Kofferraum, der sicher versehentlich offenstand. Einer hilft einem gestürzten alten Mann an einer Ampel liebevoll wieder auf die Beine, eine sammelt einer Frau Äpfel auf, die aus ihrer Einkaufstasche gefallen waren. Jemand organisiert energisch einem Blinden einen Platz in der Bahn und dergleichen mehr. An jeder Ecke eine solche Szene, wie in einem Lehrfilmchen über das richtige Verhalten in der Gesellschaft.
Entweder man ist in München so, was mir allerdings neu wäre, aber was auch nicht ausgeschlossen ist. Oder es ist nur erneut der Stichprobeneffekt, der dann diesmal besonders eindrücklich ausfällt. Vielleicht aber sieht man auch mehr von so etwas, wenn man nur irgendwo anfängt, es wahrzunehmen. Aber das klingt fast ein wenig zu gut, um stimmen zu können.
Wir ziehen durch die Stadt, die uns so angenehm fremd vorkommt. Es ist dort schon Urlaub für uns, auch wenn es nur eine pragmatisch gewählte Zwischenstation ist. Es ist bereits ein anderes Land, also zumindest gefühlt. Andere Leute, andere Fassaden, andere Geschäfte, anderes Licht, andere Luft. Eine andere Sprache auch. Und so muss das auf Reisen sein.
Wir wandern wie gute Touristen pflichtschuldig durch den Englischen Garten entlang der Reiseführerhighlights und erinnern uns an frühere Besuche dort. Hier und da kommt es mal der Herzdame und mir, mal einem von den Söhnen bekannt vor. Da waren die beiden mal im Wasser, dort vor dem Monopteros hat Sohn II das Radschlagen gelernt. Da vor dem Chinesischen Turm hat ihnen ein Straßenkünstler einmal exklusiv Kunststücke vorgeführt, da hinten hat Sohn I einen großen Spielplatz entdeckt, ganz damals.
Die Reisen und Erlebnisse verschwimmen in der Erinnerung. Unmöglich zu sagen, was in welchem Jahr war.
Wir ziehen das Touristische bis zum Ende und stets bemüht wie immer durch und essen furchtbar schlecht am Chinesischen Turm. Dann gehen wir zu Fuß zurück zum Hotel. Das ist dermaßen weit, dass an diesem Tag kein Schrittzähler unter dem Durchschnittswert des Jahres bleibt. Und es ist auch so weit, dass wir im Hotel sofort einschlafen. Obwohl wir zu viert in einem Raum liegen, was niemand von uns besonders angenehm findet.
Egal, es ist nur eine Nacht. Dann fahren wir weiter, südlicher.

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