Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir setzen den wichtigen Link wieder an die erste Stelle, und weil es in den letzten beiden Wochen um greifbare Dinge ging, darf es wieder etwas politischer und sozialer werden. “Warum wir die Roma nicht verstehen”, darüber kann man mit der FR nachdenken. Ein dankenswert erhellender Text in einer Wüste medialen Versagens, wenn man das einmal so direkt anmerken darf.

Und wenn wir schon bei medialem Versagen sind, machen wir doch gleich mit einer satten Falschmeldung weiter, sehen Sie mal hier. Das stimmt nicht, was da steht, das stimmt so was von überhaupt nicht. Aber es ist doch irgendwie faszinierend zu sehen – wie toll wäre das, wenn es richtig wäre? Wie mutig, avantgardemäßig, großartig? Das ist vielleicht auch einmal einen Gedanken wert. Aber selbstverständlich wird Hamburg nicht autofrei, nein. In Hamburg wäre es sogar eher naheliegend, dass Wohnhäuser abgerissen werden, um Parkplätze zu schaffen. Passt schon.

Wenn sich die Städte bei uns leeren, dann können wir in manchen Gegenden immer noch einfach die Pumpen abstellen und alles verschwindet abwärts. Ein wenig Schwund ist eben immer. Anderswo erledigen sich die Städte auf ganz andere Art von selbst, aber Außerirdische dürften wohl über beide Varianten milde die Köpfe schütteln.

Wo wir vorhin gerade fußgänger- und fahrradfreundlichen Straßen erwähnten, da können wir noch eine Frage aufgreifen, die jeden beschäftigt, der schon einmal in Holland war: Wieso tragen die da eigentlich keine Helme auf den Rädern? Ein schönes Spiel mit Logik.

Ein schönes Spiel mit BWL dagegen ist die Frage, welchen Zielen ein Unternehmen zu folgen hat. Für den allfälligen Smalltalk zum Thema merken Sie sich bitte den Namen Mondragón, das passt ganz hervorragend. Wieder ein Hinweis, dass alles auch anders geht. Das gilt auch für die Produktion, nebenbei bemerkt.

Dann wollen wir uns schnell noch den Nachträgen widmen, denn zur letzten Woche mit dem Schwerpunkt Ernährung drängen sich drei Ergänzungen auf: Erstens wird das deutsche Brot, dessen Niedergang wir hier so oft beklagen, vielleicht Weltkulturerbe. Zweitens haben jetzt auch Mediziner etwas gegen Massentierhaltung einzuwenden. Humanmediziner waren das, nicht etwa Tiermediziner. Und in aller Unschuld setzen wir noch diese Statistik hinter das Thema Antibiotika.

Schließlich der Kulturteil im Wirtschaftsteil, diesmal mit zwei Links. Da haben wir erst einmal einen Buchtipp, es geht um einen extremen Beschluss zum Konsum und dessen Ausführung. Das wird kaum jemand nachahmen wollen, aber lernen kann man vielleicht dennoch etwas daraus.

GLS Bank mit Sinn

Woanders – diesmal mit anderen Eltern, der S-Bahn, Ritalin und anderem

Nichts ist schlimmer als andere Eltern. Alte Regel.

In Hamburg wird das “Zurückbleiben bidde” gestrichen. Ich mag den Grund sehr. Kann man ruhig ein wenig länger drüber nachdenken, das hat was.

Dafür bleiben die unruhigen Kinder in Hamburg schön sediert zurück.

Ein alleinerziehender Vater der besonderen Art.

Andere Leute haben interessante Berufe.

Bei Isa gab es eine Wohnzimmerlesung und ich habe dabei Bilder gemacht.

Und hier wieder ein Link, bei dem Autoren darunter schreiben möchten: das wissen wir alles schon lange. Schon sehr, sehr lange.

Und hier die Leistung des Tages. Dagegen haben Sie vermutlich gar nichts auf die Reihe bekommen. So im Vergleich.

Frau Novemberregen bastelt dispositiv und das dazugehörige Gespräch erinnert fatal an gewisse Diskussionen, die ich erleben, wenn ich beruflich Erwachsene schule.

Meike Winnemuth über Rosalinde. Ich glaube, ich möchte mal nach Spiekeroog. Außerdem habe ich mich schlimm in das Rosaline-Lied verliebt und es in den letzten zwei Tagen schon, äh, unfassbar oft gehört. Mannmannmann. Na, immerhin können die Söhne den Text jetzt. Und die Herzdame. Die Nachbarn frage ich lieber nicht.

Film: Sven zeigt Happiness. Macht gute Laune. Das sind viele Videos, aber bleiben Sie dran. Und bloß nicht Kiew auslassen!

 

Fangen

Wenn die Söhne Fangen spielen und sich dabei an einem vorher ausgemachten Ort in Sicherheit bringen, dann nennen sie diesen Ort immer “Mi.” Das irritiert mich, denn in meiner Kindheit hieß es Klipp. Und das irritiert wieder andere, denn bei denen hieß es Klippo, mit einem o am Ende. Oder Frei. Oder Aus. Es scheint viele regionale Bezeichnungen dafür zu geben, ähnlich wie beim Brotknust oder beim Apfelgriepsch. Es kommt vor, dass mir ein Kind auf den Schoß springt und mich lauthals zum Mi deklariert. Da bin ich dann froh, dass sie nicht Klippo sagen, denn das klänge doch, als sei ich ein Clown von bestenfalls mäßiger Intelligenz. Mein Papa, der Klippo. Nein danke.

Natürlich habe ich die Herzdame gefragt, was sie in ihrer Kindheit gesagt hat. Die Herzdame kommt aus Nordostwestfalen, einer etwas seltsamen Gegend. Sie verstand die Frage nicht. Ich habe es ihr erklärt, sie sah mich ratlos an. Dann hat sie mir erzählt, dass es so etwas in ihrer Kindheit gar nicht gab. Wenn sie damals Fangen spielten und einer war zu langsam, dann wurde der eben gefangen.  Was denn sonst? Da gab es keinen Sicherheitsort, keine Pausenzonen. Nordostwestfalen ist eine Gegend, in der man zur Eindeutigkeit neigt, auch was das Verlieren betrifft.  Die Herzdame findet das Mi-Konzept daher total abwegig.  Ich habe versucht ihr zu erklären, dass Mi oder Klipp das Spiel wesentlich netter machen. Das war ihr egal: “Wenn man geschnappt wird, dann ist das eben so!” Da habe ich nichts mehr gesagt. Ich habe mich nur noch in Gedanken gefragt, wie sie vor vielen Jahren wohl auf meinen etwas plötzlichen Heiratsantrag reagiert hätte, wenn sie mit anderen Regeln aufgewachsen wäre. “Wenn man geschnappt wird, dann ist das eben so.”

Ich habe manchmal den leisen Verdacht, diese Regel war ganz gut für mich.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

 

 

Was aus der Katze wurde

Ich werde immer häufiger gefragt, was denn aus der kleinen Katze wurde, die ich hier vor einiger Zeit beschrieben habe. Es ist so, wie viele schon ahnen, die Katze ist nicht mehr da. Manchmal kommt sie für kurze Gastauftritte zurück, aber das sind Ausnahmen. Es hat eine Verwandlung stattgefunden, das Kind spielt jetzt das nächste Level.

Sohn II ist ein typischer Junge, sagen viele. Rauflustig, draufgängerisch, erstaunlich furchtfrei. Mit einem klaren Gefühl dafür, was ihm zusteht. Mit ebenso klaren Plänen, das auch zu bekommen, was ihm zusteht. Rücksicht auf andere ist bei diesen Plänen meist nicht vorgesehen, er hat eine Piratennatur und macht eher Beute als Kompromisse.

Sohn II ist es vollkommen schnurz, was andere von ihm halten, er ist verblüffend autonom in seinen Entscheidungen. Er ist verdammt oft im Recht, das weiß er genau, auch wenn das seine Mutter, sein Vater, sein Bruder, auch wenn das alle ganz anders sehen als er. Er ist er – und er weiß eben, wo es lang geht.

Als Katze konnte er seine andere Seite gründlich austoben. Katzen sind verschmuste Tiere, Katzen wollen dauernd bekuschelt werden, Katzen liegen gerne irgendwo auf dem Schoß herum – und mit diesem Programm hat sich Sohn II in den letzten drei Monaten so gründlich beschäftigt, dass man ihm eine gewisse Expertise wirklich nicht mehr absprechen kann, zumal er jetzt der Liebling aller Mädchen im Kindergarten ist. Alle Mädchen spielen gerne mit Katzen, das war einfach. Er hat sich reihenweise bei den Freundinnen eingeladen und selbst Damenbesuch empfangen. Und dabei ist es dann passiert, dass er selbst zum Mädchen geworden ist. Zu einer Prinzessin, versteht sich, oder, wie hier fast alle Kinder sagen, zu einer “Prumzessin”. Als Prinzessin kann man schicke Kleider mit Glitzer tragen, Krönchen und funkelnden Schmuck, als Prinzessin kann man mit den Freundinnen Kleider und Accessoires tauschen und hat selbstverständlich ein legitimes Interesse an all dem rosafarbenen Spielzeug, das im Spielzeugladen in der Mädchenabteilung liegt.  Prinzessinnen sehen mit großer Begeisterung “Hello Kitty”-Filme und lesen Bücher über Pferdemädchen, das volle Programm eben. Das Mädchen hier heißt übrigens Rosi. Es ist uns nicht klar, wie er auf den Namen kam, aber es gab keine Sekunde des Zweifels an diesem neuen Namen.

Er geht im Kleid zur Kita und diskutiert mit seinen Freundinnen Frisurfragen. Er lässt sich von den Erzieherinnen für seinen modischen Geschmack bewundern und isst zuhause nur noch, wenn rosafarbene Löffel verfügbar sind. Er hat es in bemerkenswert kurzer Zeit geschafft, fast überall Rosi genannt zu werden und korrigiert mittlerweile milde lächelnd die letzten Deppen, die ihn noch anders anreden. Auf seinen tatsächlichen Namen hört er nur noch mit etwas Glück. Vor ein paar Tagen kam er darauf, dass eine Fee wesentlich mehr kann als eine Prinzessin, seitdem läuft er gerne mit Zauberstab und Flügeln herum. Es irritiert bei dieser Fee vielleicht ein wenig, dass sie anderen Menschen gerne mit dem Zauberstab einen überbrät, wenn sie sich auf ihre gemurmelten Zaubersprüche hin nicht freiwillig und schnell genug wie gewünscht verwandeln, aber irgendwas ist ja immer. Die Fee Rosi zaubert eben energischer als andere Wunderwesen.

Viele Jungs im Alter um fünf Jahre herum haben eine Phase, in der sie nochmal schnell die Rollen wechseln, bevor das Dauerbombardement mit Rollenklischees sie endgültig überrollt und festlegt, was anscheinend kurz darauf passiert. Ich gehe hier, versteht sich, von der eher kleinen Stichprobe unseres überschaubaren Stadtteils aus. Viele Jungs haben hier diese Phase, bei den meisten ist sie allerdings auch schnell vorbei. Das Lachen und Auslachen der anderen Jungs ist für die meisten schwer auszuhalten.

Sohn II ist das Lachen der anderen egal. Sohn II wird einfach handgreiflich, wenn jemand zu offensichtlich lacht. Er geht dann davon aus, dass der andere ein Problem hat, nicht er. Auch in der Rolle als Rosi randaliert er ganz gerne mal, auch Rosi weiß, was sie will. Und auch Rosi hat ein tiefempfundenes Recht, sich so zu benehmen und zu zeigen, wie sie gerade Lust hat. Nur starke Jungs können Mädchen sein, ein amüsanter Aspekt der Geschichte. Chuck Norris und Sohn II können in rosafarbenen Strumpfhosen durch die Fußgängerzone gehen.

Bis zur Umbenennung in Tochter I warte ich aber doch ein wenig. Denn erstens klänge das so, als müsste es noch irgendwann eine Tochter II geben, was ganz gewiss nicht vorgesehen ist. Zweitens verwandelt sich Rosi womöglich auf das nächste Level, kaum dass sich die Leserinnen an die Bezeichnung gewohnt haben. Ein Level, von dem wir jetzt noch nicht ahnen können, was es ausmachen wird. Man weiß bei launischen kleinen Mädchen bekanntlich nie, was in der nächsten Stunde passiert.