Der Terminkalender auf dem Smartphone sagt “Sie haben heute einen freien Tag”, eine höchst irritierende Meldung. Aber auch im Familienkalender steht rein gar nichts, es liegt nirgendwo ein halbvergessener Zettel herum und es steht auch nichts auf der Tafel in der Küche. Eine andere App sagt, dass ich heute keine Actions habe, das aber mit aufkommendem Regen und Glatteisgefahr.

Ein außerordentlich unwahrscheinlicher Fall, aber tatsächlich sieht es schwer so aus, als hätte niemand in dieser Familie heute irgendeinen Termin. Das ist gefühlt zum ersten Mal seit zehn Jahren der Fall, ich bin auf so etwas überhaupt nicht vorbereitet. Bei mir funktioniert seit langer Zeit alles nur noch aus der terminlichen Defensive heraus, im Grunde mache ich alles immer trotz irgendwas. Heute könnte ich irgendwas einfach so machen! Freiwillig! Werde also völlig ideenlos und gnadenlos überfordert stundenlang auf dem Sofa sitzen und immerzu “Jetzt” denken, “Jetzt haste mal Zeit. So ist das dann.”

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Bei SPON kommt man nicht mehr zu den Artikeln, ohne den Adblocker auszuschalten, man kann die Meldung also nicht mehr wegklicken. Ich habe den Adblocker ausgeschaltet, es erscheinen, das ist keine polemische Übertreibung, gleich drei (!) hektisch blinkende Anzeigen über und neben dem Artikel, den ich lesen wollte, es erscheinen außerdem zwei Werbebanner mitten im Text, die in Neonknallfarben gehalten sind. Ich habe gar nichts gegen Werbung, auf dieser Seite hier ist schließlich auch Werbung, ich verdiene in allen meinen Berufen Geld mit Werbung und ich schalte den Adblocker oft aus – aber man kann die Artikel da beim besten Willen so nicht lesen. Es ist einfach falsch und es wird auch nicht klappen. Niemand wird denken, ach Gott, den armen Leuten beim Spiegel fehlt Geld, da halte ich den Irrsinn eben mal kurz aus. Nein, es ist ein totes Pferd, so heißt das doch in den Präsentationen immer, bitte absteigen. Es ist ein totes Pferd, aber es blinkt noch.

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Ich bin Micha noch eine Antwort schuldig, die neulich in den Kommentaren nach den Gegenwartsbezügen im Echolot von Kempowski fragte. Es drängen sich vor allem selbst bei nur flüchtiger Lektüre die Parallelen in der Sprache des Hasses auf. Die Sprachmuster der Angst, der Aggression, der Machtgeilheit, der Selbstüberschätzung, der völligen Empathielosigkeit, die findet man ja mittlerweile alle auch in einigen Medien der Gegenwart und ebenso bei diversen Regierungen wieder, man muss überhaupt nicht lange suchen. Das rassistische Vokabular und die dahinterstehenden Denkstrukturen, die Aufteilung der Welt in Feinde und Freunde, wobei die Freunde gar keine Freunde sind, sondern nur eben gerade nicht Feinde. Die allgegenwärtige dummerhaftige Pauschalisierung, die Betrachtung anderer nur noch als Teil einer Gruppe, die Russen, die Katholiken, die Deutschen, die Juden, die Araber, die Japaner, die Volksverräter, die Untermenschen, die Übermenschen. Die Flüchtlinge. Die Sündenböcke. Die Bereitschaft, anderen stets und ständig und wider jede Logik die Schuld an allem zu geben – und am Ende kann dann niemand was für gar nichts, war auch nirgends dabei, hat gar nichts gemacht

Also ja, man kann das Echolot sehr gut auch daraufhin lesen, das ist unangenehm lehrreich, also richtig so.

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“Wer müde ist, muss schlafen.”

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Der freundliche Abrissunternehmer hat im Garten einen Zweig der Magnolie abgefahren, den haben wir mitgenommen und in der Wohnung in eine Vase gestellt. Wir haben diese Magnolie noch nicht in Blüte gesehen, denn wir haben den Garten im letzten Jahr im Hochsommer übernommen, da war sie einfach nur ein Baum mit Laub, unspektakulär.

Gestern erst fiel mir auf, dass aus diesem Zweig jetzt Blüten kommen, und zwar Blüten in einer Wahnsinnsfarbe, das Bild hier bringt das nur höchst ungenügend zum Ausdruck. Die Farbe liegt zwischen sündlila und prachtmagenta, sie sieht unverschämt teuer aus, extravagant, sie sieht nach Roben und rauschhaften Nächten aus, eine wahre Opernblüte, in diesem Ton inszeniert man Liebesdramen erster Klasse. Oder künftig unsere Laube im Frühling, auch recht.

Währenddessen fragen wir uns weiterhin, wann der Frühling überhaupt wiederkommt.