Bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema Ernährung geschrieben.

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Eine kleine Sache aus dem Heimatdorf der Herzdame, die Dame kennen wir sogar. Und nein, in Wahrheit ist es natürlich keine kleine Sache.

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Wir steigen in Berlin aus dem Zug und fahren mit der Rolltreppe hoch zur S-Bahn. Da oben fährt einer, der nur mit einer abgeschnittenen Jeans bekleidet ist, auf einem Fahrrad auf dem Bahnsteig herum und pöbelt Leute an, wieso die da im Weg stehen, wo er doch gerade lang will, ey, hau mal ab da, wa. Man kommt bei Stadtbesuchen nicht darum herum zu vergleichen, und hier drängt sich der Abgleich mit Hamburg sofort nach der Ankunft auf, dieser Abgleich ist ohnehin interessant, dazu müsste man mal mehr bloggen, nicht wahr, Kollege? Wenn man nämlich in Hamburg so tollkühn ist und mit dem Rad in den Hauptbahnhof fährt, man wird vermutlich nach zehn Metern von zehn Sicherheitskräften niedergerungen und steht am nächsten Tag in der Zeitung unter der Überschrift: „Provokation im Bahnhof“, dazu ein Bild, wie man gerade schreiend auf dem Boden liegt, während einem zwei Muskelpakete in Uniform auf dem Rücken knien und sich hektisch umsehen, ob heute noch mehr Irre unterwegs sind. In Berlin fährste mit dem Rad durch den Bahnhof und klingelst einfach die lästigen Leute aus den Weg. Die Leute vom Sicherheitsdienst wedeln gelangweilt Fliegen weg und gucken auf die Uhr, es ist bald Mittagspause.

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In der Berliner S-Bahn sitzt mir ein tätowierter Mann gegenüber, auf dessen linkem Schienbein, also vom Betrachter aus, steht „Einfach“, auf seinem rechten steht „Machen“. Wenn der nun bei einem Unfall den Unterschenkel des rechten Beines, also vom Betrachter aus, verlieren würde, dieses „Einfach“ würde sich in seiner Bedeutung der neuen Lage sehr schön anpassen. Na, was man in unfassbar heißen S-Bahnen so denkt.

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Wir verbringen entspannte Stunden im Prinzessinnengarten, am Boxhagener Platz und am Badeschiff in der Spree, wir sagen uns alle paar Minuten, dass dies die Orte sind, die es in Hamburg eher nicht gibt, diese Orte, an denen man in Frieden einfach sein kann, ohne irgendwie sonst sein zu müssen, also mode-, schicht- oder ausrichtungsgmäßig. In Hamburg ist immer alles speziell, zumindest kommt es uns so vor. Und in Hamburg, versteht sich, guckt jeder, wie du bist und was du bist, das ist in Berlin wohl eher unüblich. Zumindest fällt es uns nicht auf, obwohl wir intensiv gucken, wie die anderen sind und was sie sind, man ist ja doch Tourist.

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Ich habe Nina Verheyens „Die Erfindung der Leistung“ durchgelesen, die beiden letzten Kapitel ausgerechnet in einem Freizeitpark. Ironisches Lesen, das ist auch so eine völlig unterschätzte Disziplin. Ich merke mir eine der Kernbotschaften, die da lautet, dass es kategorisch keine individuellen Leistungen gibt – Leistung ist „genuin sozial“. Zur Begründung bitte Buch lesen, das wird da fein hergeleitet. Und das ist doch ein interessanter Aspekt, ich warte jetzt auf eine gute Gelegenheit, diesen Satz jemandem um die Ohren hauen zu können. Wird das lange dauern? Ich glaube nicht.

Da ich für die nächsten Tage leichtes Gepäck brauche, lese ich „Wozu macht man das alles“ von Fredrik Sjöberg auf dem Handy, es geht gerade um den Namen Bing, und das hat mit Herrn Crosby nicht einmal etwas zu tun, wohl aber jüdischem Leben in Deutschland.

Ebenfalls angefangen habe ich Thomas Bauer: „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Viefalt“. Über verlorene und vermeintlich gewonnene Vielfalt, über ausgestorbenen Apfelsorten und industriell hergestellte Apfelshampoosorten, auch über Ambivalenz und Ambiguität. Darin eine schöne Stelle über die erstaunlich der Ambiguität zugewandte katholische Kirche, in der es ein traditionelles Statement für Fragestellungen gibt, die nicht beantwortet werden können, ohne Prinzipien zu verletzen oder politisch unklug zu sein, für Fragen also, die besser gar nicht erst gestellt worden wären: Nihil esse respondendum. Also die edle und weihrauchumwaberte Version von „Dazu sagen wir nix.“ Das kann man hervorragend für den eigenen Alltag übernehmen, einfach mal die Meinungsbildung ablehnen und jegliches Statement verweigern, bei mir gibt es heute kein Ja und kein Nein, gehen Sie weiter, es fällt kein Urteil: Nihil esse respondendum. Auch schön als Joker auf Twitter.

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Hat jemand den Wälzer von Hartmut Rosa zur Resonanz gelesen? Lohnt das? Die Besprechungen lassen mich etwas ratlos zurück, andererseits fand ich ihn in Interviews ganz interessant.

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In Berlin waren wir außerdem im Freilichtkino, immerhin drei Familienmitglieder auch zum ersten Mal überhaupt. Es gab Ocean’s 8, das ist ein vollkommen entbehrlicher Film von nervtötender Vorhersehbarkeit und ohne jeden originellen Aspekt, wäre es nicht Freilichtkino gewesen, ich würde noch absatzlang verbittert über verschwendete Lebenszeit klagen. Aber so – ganz nett, das. Die Vorführung fand im Freilichtkino im Volkspark Friedrichshain statt und wenn Sie Berlinerin sind, Berliner sind mitgemeint, dann kann ich Ihnen jetzt etwas über diese Vorführungen dort erzählen, das Sie wahrscheinlich nicht wissen. So ist das ja oft mit Reisenden, das die dann plötzlich Sachen parat haben, da staunt der Anwohner.

Wenn Sie nämlich dort einen Film sehen und hinterher gehen, dann machen Sie das vermutlich genau wie alle, Sie stauen also in der langen Schlange vor dem Ausgang herum, Sie nehmen sich noch eine taz, die da wohl standardmäßig verschenkt wird, Sie gehen langsam vorwärts und wenn Sie endlich draußen sind, dann bleiben Sie erst einmal stehen und warten auf den Rest Ihrer Gruppe, Ihrer Familie, Ihrer Beziehung, was auch immer. Dabei befinden Sie sich fast unweigerlich vor einem Baum, der steht da nämlich gleich vor dem Kassendings. Wenn Sie jetzt gerade die Schwäche überkommt, wollen Sie sich dort vielleicht anlehnen, denn der Baum macht einen stabilen Eindruck, der steht da schon länger. Aber es ist so – Sie sollten sich da nicht anlehnen. Wirklich nicht. Das Folgende könnte Sohn II noch besser als ich ausführen, aus leidvoller Erfahrung, wie man so sagt, aber er kann gerade nicht, er muss irgendwas auf dem Handy spielen, also übernehme ich eben. Wenn Sie sich da anlehnen, dann finden das die Wespen, die diesen Baum besiedeln, nicht so toll, und Sie haben Mittel und Wege, Ihnen das schmerzhaft klarzumachen.
Wie sich später herausstellte, als der Sohn nicht mehr ganz so laut schrie, kommt das da öfter vor, der Baum ist bei den Veranstaltern schon bekannt und „da müsste man mal was machen“, aber das ist diese Berliner Form von „da müsste man mal was machen“, das dauert noch etwas. Wissen Sie jetzt also Bescheid.

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Der Plan – ja, mach nur einen Plan! – sieht im Moment so aus, dass ich am Freitagmorgen mit Sohn II und Rucksack Richtung Ostsee aufbreche, Sohn I und die Herzdame aber in anderer Richtung das „A Summer’s Tale“-Festival besuchen, da sind wir dann wieder bei der neulich verhandelten familiären Teambildung, die ich nach wie vor empfehlen möchte. Ich hatte eigentlich vor, bei der Wanderung dekadent in Hotels zu übernachten, ich nehme jetzt aber aus reiner Reaktanz ein Zelt mit, genauer aus wild lodernder Abneigung gegen die Usability von Hotelbuchungsseiten und überhaupt Tourismus-Info-Seiten im Internet, über die ich mich aus dem Stand heraus geradezu endlos aufregen könnte. Ich möchte mit diesem Quatsch keine Zeit mehr verbringen, ich hasse Urlaubsrecherchen online von ganzem Herzen, dann gucke ich lieber vor Ort wie so ein Rentner auf den Plan vor dem Rathaus: „Sie sind hier“.

Und wenn ich schon dabei bin, ich lasse diesmal nicht nur die Onlinebuchung und die Onlinerecherche weg, ich lasse gleich fast alles weg. Ich nehme nichts, wirklich überhaupt nichts mit, was wir nicht unbedingt für eine Übernachtung brauchen, nur ein winziges Zelt, zwei Isomatten und zwei Schlafsäcke, zwei Zahnbürsten, zweimal neue Unterwäsche, fertig. Ich nehme keine Bücher oder Comics mit, kein Spielzeug, keinen Proviant, kein Gummiboot und keinen Kescher, keine drei paar Schuhe und keine Kuscheltiere, nichts, nichts, nichts. Na gut, eine Powerbank. Na gut, Wasser und Sonnencreme. Bloß nicht weiter nachdenken! Der Sohn sagt allerdings gerade, wir müssen auch einen Hammer einpacken, denn man weiß ja nie, wann man einen Hammer braucht. Also gut, einen Hammer, er hat ja Recht. Aber mehr dann wirklich nicht.

Nach all den Jahren ist wenig Ballast auch mal wieder schön, denn das ist etwas, was mich von Anfang an bei diesem ganzen Familiending genervt hat, diese Gepäckmenge, diese Berge von Zeugs und Zubehör, und das man nie einfach aufbrechen kann. Ich möchte gar nicht so oft gehen, aber wenn ich gehen möchte, dann möchte ich gleich gehen – und nicht erst Äpfelchen schneiden. Ich finde es fürchterlich, Äpfelchen zu schneiden, ich habe es von Anfang fürchterlich gefunden. Äpfelchen schneiden und eintuppern, die dann den ganzen Tag vom standhaften Nachwuchs verweigert werden und die man schließlich, pflichtbewusster Öko, der man nun einmal ist, abends selbst vor dem Notebook mümmelt. Siehe auch Karotten, Kohlrabi, Gurken, ich kenne jedes Gemüse in allen Zuständen der Labberigkeit und Austrocknung, ich habe Erfahrungen gemacht, die machen auf Ferienbauernhöfen sonst die Karnickel und die Schweine.

Nein, Schluss damit, die Kinder sind groß, also ziemlich groß jedenfalls (*fuchtelt mit der Hand in Lichtschalterhöhe herum*), wir gehen einfach los. Wir nehmen nicht einmal einen Plan mit, nicht einmal im Kopf. Es ist mir völlig schnurz, wie weit wir kommen und wie wir zurückkommen, ich habe nur eine Richtung im Sinn, der Rest ergibt sich. Alles also herrlich unklar, abgesehen von der Tatsache, dass wir eh nur zwei Tage Zeit haben und das damit sicher kein Groß-Event wird. Aber gut, man muss eben irgendwo anfangen und wir können es vielleicht bald fortsetzen, wenn es sich denn bewährt, das geht ja auch noch im Herbst. Die Schlafsäcke, so steht es auf einem Zettelchen daran, bewähren sich bis minus fünf Grad. Minusgrade! Die Älteren erinnern sich.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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