Ich bin nach wie vor mit den Vorsätzen beschäftigt, da kam in den Vorschlägen der Leserinnen auch der Punkt mit der Komfortzone, die ich verlassen soll, die sowieso quasi jede und jeder verlassen soll, das liest man ja oft. Man liest es in diesen ganzen Selbstoptimierungstexten, von denen das Internet und die Ratgeberregale nur so wimmeln. Also wenn man die denn überhaupt liest, ich lese da eher nur mal die Überschriften. Und ich habe, da fängt es schon an, Vorbehalte gegen diese Komfortzonenangelegenheit. Denn alle Welt scheint zu unterstellen, dass man da drin ist, sonst könnte man ja nicht raus. Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob es nicht eine sogar recht große Gruppe von Menschen gibt, denen man erst einmal raten müsste, in ihre Komfortzone hineinzufinden.

Laut der Wikipedia ist die Komfortzone allerdings sowieso nur ein Begriff der Populärpsychologie, das ist schon einmal eine wunderschöne Begriffsbeleidigung, die nicht in jeder Fachrichtung klappt, Populärjura etwa kommt nicht vor, soweit ich weiß. Und ansonsten: “Eine Komfortzone ist der durch Gewohnheiten definierte Bereich eines Menschen, in dem er sich wohl und sicher fühlt und es ihm deswegen leicht fällt, mit der Umwelt zu interagieren.” Meine Komfortzone ist demnach mein Bett, in dem ich mich wohl und sicher fühle und in aller Regel nur mit einem Menschen interagiere. Ob der Rest meines Alltags nach dieser Definition meine Komfortzone ist – ich weiß ja nicht.

Ich halte mich eher für einen routinierten Komfortzonenneider, unter uns Freunden der Küchen- und Populärpsychologie gibt es dafür ganz einfache Hinweise, gerade jetzt im Winter. Wenn ich durch abendliche Straßen gehe und in fremde Fenster sehe, dann unterstelle ich anderen Menschen stets mehr Gemütlichkeit, Entspanntheit und Sicherheit, als ich normalerweise selbst zur Verfügung habe. Das ist eine ganz spannende Frage, was andere Wohnungen für einen ausstrahlen. Ich beneide niemanden um seine Wohnungsgröße, um die Ausmaße seines Fernsehers, um seine schicke Einrichtung oder um seine Einbauküche, es sind andere Aspekte.

Ich denke immer, die sitzen da alle und wohnen total friedlich und besinnlich, ich dagegen weiß bis heute nicht, wie das geht.

Aber gut. Die Komfortzone meint natürlich alles, worin man sich eingerichtet hat, das können also auch recht fatale und unangenehme Umstände und Probleme sein, Hauptsache, sie ändern sich nicht mehr, so ist das ja eigentlich gemeint, ich weiß. Und da soll man unbedingt raus, das ist also die Aufforderung sich zu challengen, sich irgendwas zu stellen, etwas Neues zuzulassen, sich mal wieder mit etwas abzumühen – damit etwas passiert und sich verändert. Im Grunde ist das eine Wachstumsstrategie, und das ist der zweite Punkt, an dem ich Zweifel habe. Denn diesen Imperativ, dass man immer weiter und höher muss, dass man mehr erreichen soll, mehr sein soll, den kann man ja zumindest mal hinterfragen. Reduce to the max könnte einem als Alternative einfallen (mir schon namensbedingt sowieso), wobei es zu Personal Degrowth noch keine Ratgeber zu geben scheint, bin ich da gerade über eine Marktlücke gestolpert? Ebenso könnte einem die mittlerweile leicht verstaubte Variante einfallen, sich doch bitte erst einmal okay zu finden, das fanden damals doch auch schon alle schwer genug, die Älteren erinnern sich.

Bei Isa stand gerade der Satz: „Do one thing every day that scares you.“ Sie zitiert da spaßeshalber einen herumgeisternden Ratschlag, das ist von unserer Komfortzonendiskussion nicht weit weg. Wobei es vermutlich viele Menschen gibt, die diesen gerade zitierten Punkt schon abhaken können, wenn sie morgens auch nur erfolgreich das Haus verlassen, zumindest sehen in der S-Bahn etliche so aus. Gut, das sind also meine Vorbehalte.

[Exkurs: In einem anderen Blog begegnete mir der Begriff Superbetter, das ist eine App nach einem Buch, bei der es um die Gamification der Selbstverbesserung oder Selbstheilung geht, was auch immer. Und da ich ja möglichst alles nachlese, habe ich eine erstaunlich lange Rezension zum Buch gefunden. Wenn Sie das Thema der Selbstoptimierung spannend finden, dann gucken Sie bitte mal hier, das wird Sie dann vermutlich interessieren. Die App selbst habe ich mir natürlich auch angesehen, der erste Eindruck ist definitiv: Ich weiß ja nicht. Exkursende]

Andererseits! Andererseits kann man die Komfortzone auch als den Routinerahmen des Alltags betrachten, der tendenziell immer weniger Anstöße zulässt, über die tatsächlich noch ernsthaft nachgedacht wird – und Nachdenken, da stehe ich ja drauf. Nicht weil ich damit großen Erfolg hätte, nein, eher weil es Spaß macht.

Noch einmal kurz zurück zu den Ratgeberbücherregalen und den Selbstoptimierungstexten im Internet, ein Aspekt, der da immer wiederkehrt, ist so dermaßen banal, dass man im Grunde gar nicht drüber reden muss, da aber alle dauernd und in epischer Breite drüber reden, wird er vielleicht etwas Wichtiges treffen – mehr Gelegenheiten ergeben mehr Möglichkeiten, um hier einmal das so unangenehm verpflichtend klingende Wort Chancen zu vermeiden. Wirklich, mit dieser Kernbotschaft können Sie Coach werden, das läuft super. Versammeln Sie Leute um sich und sagen Sie ihnen, sie sollen mal rausgehen. Oh, diese Fülle der Weisheit! Denkt man so.

Aber richtig ist es vermutlich doch, es ist sogar eine simple Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die man selbstverständlich auch prima esoterisch, philosophisch, psychologisch, strategisch oder sonstwie betrachten und unterfüttern kann. Und, das wollte ich nur eben sagen, abzüglich der oben erwähnten Einwände, werde ich mich also um dieses Gelegenheitsspiel außerhalb der Komfortzone in diesem Jahr mal deutlich intensiver kümmern.

Nach Niederschrift (ein schönes Wort, lange nicht mehr benutzt) dieser Zeilen bin ich selbstverständlich sofort vor die Tür gegangen, ein Mann, ein Wort, eine Absicht. Ich habe vorher kurz in den Hamburger Theaterplan gesehen, da sprach mich aber nichts an, also beschloss ich, einfach am Hafen spazieren zu gehen. Es war schon deutlich nach acht Uhr am Abend, das ist eigentlich nicht mehr meine Uhrzeit für so etwas, und so soll es ja sein. Zu meiner großen Überraschung wollten beide Söhne mit. Wir sind mit der S-Bahn zum Hafen gefahren, an den Landungsbrücken raus.

Es war fortgeschritten stürmisch, die Jungs öffneten die Jacken weit und spielten Laufsegeln, der Wind trieb sie energisch vor sich her über die Promenade. Die nachtschwarze Elbe war glitzerschön, über uns die beleuchteten Masten der Rickmer Rickmers, weiter hinten die eleganten weißen Aufbauten der Cap San Diego, all das also, was die Touristen an dieser Stadt so lieben, daran kann man sich ja auch als Einheimischer mal wieder erfreuen. Wir gingen an der hell erleuchteten Elbphilharmonie vorbei, durch die wie immer menschenleere und etwas vergessen wirkende Hafencity, wir unterhielten uns über viele wichtigen Themen, denn dazu sind solche Spaziergänge da.

Quer durch die Stadt gingen wir, am Gebäude der Zeit blieben wir überrascht stehen. Auf die Außenwand wurde dort riesengroß der Kopf von Helmut Schmidt projiziert, ein altes Schwarzweißbild von ihm, ein Hinweis auf eine Ausstellung zu seinem 100 Geburtstag. Das fanden die Söhne toll, da mussten wir dann erst einmal herausfinden, wo genau der Projektor stand und wie das genau ging, dass der Herr da oben so groß erschien.

Helmut Schmidt guckte ernst, überhörte unser freundliches “guten Abend!” und sah staatsmännisch und etwas mürrisch über uns hinweg in die Finsterbis, sicher auch weil man ihm keine Zigarette dazu projiziert hatte, ein Unding.

Und hätte er zu uns dreien etwas sagen können, die wir da direkt vor ihm standen und schon aufgrund der Höhe seines Bildes notgedrungen zu ihm aufsahen, es wäre vermutlich nur ein kurzes “Die Kinder gehören ins Bett” gewesen, denn einen ausgeprägten Sinn für S-paß bei der albernen Abendges-taltung hatte der Herr nicht, glaube ich.

Kaum verlasse ich also die Komfortzone, schon rede ich in dunkler und stürmischer Nacht mit toten Kanzlern, wenn das wenn das kein vielversprechender Einstieg ins Thema ist.

In Kürze mehr.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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