Wanderlust

Wie der Gatte hier schon geschrieben hat, haben wir jetzt über die Feiertage die Netflix-Serie Wanderlust gesehen. Seit gefühlt 100 Jahren mal wieder Pärchen-Filmabende. Die Kinder haben wir aus dem Schlafzimmer ausgesperrt, ein Bierchen aufgemacht, uns im Arm gehalten und die Serie geschaut. Das war schön.

Der Serie selbst stehe ich etwas zwiegespalten gegenüber. Es geht um ein Ehepaar in einer langjährigen Beziehung, bei denen es im Bett nicht mehr so richtig gut läuft. Nachdem sie sich gegenseitig ihre Seitensprünge gestanden haben, stellen sie fest, dass sie keine Lust mehr auf einander haben, sich aber immer noch lieben und sich dann halt nur noch außerhalb der Ehe vergnügen wollen. Es läuft gut an, sie reden viel miteinander und sogar die Lust aufeinander kommt wieder.

Die Serie ist sehr dialoglastig und es wird viel über Bedürfnisse und Wünsche geredet, was mich etwas nachdenklich gestimmt hat. Auch wenn die Gesellschaft angeblich immer offener wird, über Sexualität und Fantasien wird bis heute noch nicht viel geredet. Vielleicht gibt es das anderswo, aber ich habe nur sehr wenige Freunde, mit denen ich wirklich offen darüber reden kann. In der Regel verstecken sich alle Gesprächspartner hinter billigen Sprüchen oder zerreißen sich das Maul darüber, wie x sich bloß von y flachlegen lassen konnte. Es geht fast immer nur um die andern und fast nie um einen selbst. Oder es gibt großes Schweigen.

Die Serie geht vor allem der Frage nach, ob eine offene Beziehung möglich ist. Das ist spannend und mutig und für mich das erste Mal, dass ich dieses Thema kritisch, aber ohne erhobenen Zeigefinger im Film wahrgenommen habe. Im Übrigen bin ich auch fest davon überzeugt, dass das Konzept „offene Beziehung“ funktioniert. Es traut sich nur niemand.

Die Serie oder zumindest diese Staffel kommt leider zu einem anderen Schluss, was ich dann doch nicht mehr so mutig finde. Schade, aber immerhin haben sie es versucht. Und leider ging auch das „miteinander reden“ nach ungefähr 2/3 der Staffel über in „viel zu viel reden“. Und auch den erwachsenen Kindern muss man ja nicht gleich alle Details seiner neu erwachten Lust auf die Nase binden, oder?

Alles in allem war die Serie super und im übrigen auch totkomisch, der Schluss aber ziemlich entbehrlich. Da die Serie allerdings auf einem Theaterstück basiert, kann sie vermutlich noch nicht mal etwas dafür.

Ich wäre jedenfalls sehr gespannt, wie eine zweite Staffel weitergehen könnte.

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12 Kommentare

  1. Es funktioniert in der Tat. 🙂
    Die Serie leider nicht so richtig. Ich war fest davon überzeugt sie aufgrund des Themas und Toni Colette zu lieben, aber nach drei Folgen bin ich ausgestiegen. Zu langweilig – und atmig. Schade drum.

  2. Ich habe die Serie auch gerade geschaut und fand den Ausgang ebenfalls schade. In meinem Freundeskreis gibt es ein Pärchen, das polyamor lebt – mittlerweile seit mehreren Jahren und ich finde den Austausch immer überaus spannend 🙂 …ich glaube ja fest, dass auch langjährige Beziehungen durchaus öfter halten würden, wenn man deutlich offener mit genau diesen Themen umgehen würde.

  3. Ich kann bezeugen, dass es funktioniert; ich lebe inzwischen selbst so und kenne Paare, bei denen das ein so mutiger wie wohltuender Schritt war.

    Im Übrigen weiß ich von Foren, in denen das überwiegend fruchtbar und offen thematisiert wird.

  4. Zufällig ist das Thema seit einiger Zeit in meiner langjährigen Beziehung Diskussionsgegenstand – ich bin der Meinung, es funktioniert, mein Partner sieht es völlig anders. Wir haben die Serie durch den Tipp hier auch geguckt, ich war ähnlicher Meinung wie Frau Buddenbohm. Mich würde ja interessieren, wie das Thema offene Beziehung bei den Komentatoren hier gelebt wird.

  5. Ob es funktioniert (hat) weiß man immer erst hinterher. Theorie und Praxis halt. Die Frage ist, will man das Risiko eingehen, dass es ein Partner eben nicht verkraftet? Und damit eine gute Partnerschaft, evtl. Familie, aufs Spiel setzen?

    Mir kommt die Diskussion so vor, als wolle man mit dem theoretischen Überbau offene Beziehung hauptsächlich das schlechte Gewissen abschaffen, wenn dritte Personen ins Spiel kommen. Der Partner hat dann kein Recht mehr auf verletzte Gefühle.

    Nach meiner Erfahrung als jemand, der die 68er Jahre mit ähnlichen Diskussionen miterlebte, war es in der Praxis dann nur ein Partner, der die Offenheit auch tatsächlich auslebte und daran scheiterten die Beziehungen letztlich.

  6. @Trulla:
    Tatsächlich habe ich eine Beziehung verlassen, weil der Partner sie rein aus schlechtem Gewissen öffnete. Ausgangslage war hier eine bereits sterbende Beziehung.

    Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es in jedem Fall leichter ist, eine neue Beziehung direkt unter der Überschrift „offen“ einzugehen als eine seit langem monogam bestehende Exklusivbeziehung „umzuwandeln“.

    Jedenfalls birgt Letzteres deutlich mehr Denkfallen und Stolpersteine.

    Offenheit verlangt nach meiner Erfahrung von beiden eine spezielle Haltung, die ich mal „kurz“ zusammen zu fassen versuche:

    Ich für mich bin ein vollständiger Mensch, dem nichts fehlt, um glücklich zu sein.

    Ehrlich miteinander reden.

    Der Partner ist ein ebensolches Individuum. Die Vorstellung, den Partner zu „haben“, damit dieser mich glücklich „macht“, halte ich für von Grund auf falsch.

    Ehrlich miteinander reden.

    Ich wertschätze und respektiere meine eigenen wie die Bedürfnisse meines Partners in vollem Umfang und kommuniziere offen. Bei mir heißt das: „Unabhängig, aber nicht unverbindlich!“.

    Ehrlich miteinander reden.

    Dritte können der Beziehung nichts wegnehmen! Und, ganz wichtig: Es gibt kein Aufrechnen, wer beispielsweise häufiger oder weniger Nähe mit Dritten lebt.

    Ehrlich miteinander reden.

    Das kann auch bedeuten, dass der Partner nicht dafür verantwortlich ist, dass ich womöglich „den Hintern nicht hochbekomme“ und dann fehlende Eigenständigkeit zu Chancenlosigkeit oder Desinteresse an Dritten umdeute.

    Habe ich schon „Ehrlich miteinander reden“ erwähnt?

    Nach einer zwanzig Jahre währenden Beziehung kam mir später als Single die Einsicht, dass ich in meiner monogamen Exklusivbeziehung manchmal auch Sex mit meinem Partner hatte, weil er eben gerade für meine Lust verfügbar war; das empfinde ich rückblickend weder als liebevoll, noch als wertschätzend.

    Als Single muss ich aus meiner Komfortzone 😉 heraus, wenn ich erfüllte Sexualität will. Ich betreibe dafür deutlich mehr Aufwand und Beziehungs(!)pflege als eben zuvor in meiner langjährigen Ehe. Dadurch bekommt gelebte Sexualität auch wieder einen anderen Stellenwert in meinem Leben.

    In offenen, wertschätzenden Beziehungen geht es mir heute deutlich besser als in monogamer Exklusivbeziehung mit fehlender Abgrenzungsfähigkeit.

    Und das nun schon seit etwa vier Jahren.

  7. @Alexandra und @Trulla: Ich möchte nicht unromantisch oder desinteressiert wirken, aber mir fehlt bei aller Vorstellungskraft noch die Antwort auf eine wichtige Frage – wer hat denn Zeit für so etwas?

  8. @Maximilian Buddenbohm: Die Frage wirkt weder unromantisch noch desinteressiert. Für mich beantworte ich sie damit, dass Kapazitäten für „so etwas“ in dem Maße frei wurden, indem ich meine Kinder in die Verselbstständigung ziehen ließ und Raum erlangte für ein Überdenken meiner Ehe. Und letztlich ist es auch eine Frage von Prioritäten, ob ich mir Zeit dafür gebe.

  9. @Alexandra: Ich finde die Ansätze sehr interessant und kann das zum Großteil nur unterstreichen. Ich glaube, ein ganz wesentlicher Punkt ist, zu verinnerlichen, dass „Dritte können der Beziehung nichts wegnehmen!“ Das fällt den meisten sehr schwer. Und noch schwerer, je mehr man den Partner für das eigene Seelenglück verantwortlich macht und je unvollständiger man selbst in dieser Hinsicht ist.

  10. @Maret: That“s exactly the point! Ohne sich selbst als vollständig zu betrachten und ohne sich von „Besitzdenken“ zu lösen, kann’s nur in die Hose gehen.

    Für mich war das ein Prozess über etwa zwei Jahre. Heute fühle ich mich sehr leicht und frei damit.

    Ich hatte aber auch in vielen Belangen meines Lebens immer wieder das Glück, zur richtigen Zeit die richtigen Menschen zu treffen.

    Dafür bin ich sehr dankbar.

  11. Pe Es: Was ich in meinem Umfeld so wahr nehme und erlebt habe, scheinen es besonders in langjährigen Partnerschaften mehr die Frauen zu sein, die sich mutig darauf einlassen können und in solchen Prozessen Vertrauen in die Belastbarkeit der Beziehung haben.

    Aber das ist ja nur meine Brille. ¯_(?)_/¯

  12. Offene Beziehung hin oder her; ich finde, die Rezension der Serie wird dieser nicht gerecht. Nicht, dass ich sie zum Brüllen gut finde, aber: Die Tatsache, dass wir uns nicht einlassen wollen/können whatsoever hat doch auch – und das umreisst „Wanderlust“ nicht schlecht – individuelle psychologische Gründe. Unsere Gesellschaft spiegelt uns permanent, überall „was Besseres“ finden zu können. Handytarif, Dinkelbrot, Gummistiefel. Und wir machen das schön mit. Und weiten dasselbe mittlerweile auf unsere Intimsphäre aus, weil es ja so einfach erscheint. Dass wir mit uns selbst hadern, im Kleinen wie Größeren, wollen wir nicht in die Beziehungen hineintragen und suchen daher nach Ablenkung. Was anderes ist Sex mit Fremden nicht.

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