Ich gehe mit Sohn I einkaufen, im Edeka soll ich 8,09 Euro zahlen. Ob ich neun Cent habe, will der Kassierer wissen. “Nein”, sage ich. “Aber ich!” ruft der Sohn und kramt in seiner Hosentasche. “Toll”, sagt der Kassierer, dann bekommst du aber auch das Rückgeld.” Und reicht dem Sohn ein Zwei-Eurostück, wobei er mich kritisch ansieht, ob ich da auch ja nicht einschreite. Was ich natürlich nicht mache, denn man muss es ja genießen, wenn man mal so ausdrücklich kinderfreundliche Leute trifft. Wir gehen einen Laden weiter, da soll ich 9,13 zahlen. Ob ich dreizehn Cent habe, will die Kassiererin wissen. “Nein”, sage ich. “Aber ich!” ruft der Sohn, noch etwas vergnügter als im ersten Laden. “Dann hast du dir jetzt den Euro verdient”, sagt die Kassiererin lachend und sieht mich fragend an, ob das wohl okay ist? Ja, das ist okay.

Der Sohn hat danach ganz unerwartet viel Freude am Einkaufen und hüpft neben mir her. Ich sage, ich hätte vermutlich auch mehr Freude im Alltag, wenn mir die Leute an den Kassen dauernd Geld schenken würden. Drei Euro in zehn Minuten, das ist ja so schlecht nicht für einen Elfjährigen. “Es waren nur 2,78”, sagt der Sohn, “Mathe, ne.”

Er kommt jetzt also immer mit zum Einkaufen, hat auf einmal ein regelmäßiges Einkommen und überhaupt keine Probleme mehr mit dem Kopfrechnen. Erstaunlich, wie sich hier alles entwickelt.

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In der S-Bahn tippt die Frau neben mir Whatsapp-Nachrichten ins Handy, ich gucke da aber nicht hin, nicht einmal aus Neugier. Ich kann die nämlich eh nicht lesen, solange ich meine Gleitsichtbrille nicht mal neu justieren lasse, womit ich es aber nicht eilig habe. Fremde Handys sind also gut vor mir geschützt, ich erkenne da eh nix. Ich erkenne nur gerade so, was ungefähr gemacht wird, ob jemand spielt oder schreibt oder Serien guckt. Allerdings hält die Frau neben mir kurz darauf ihr Handy so dicht vor meine Augen, dass ich quasi gar nicht anders kann, als zu lesen, was da steht. Das macht sie aber nicht meinetwegen, das macht sie, weil sie die Riemen ihrer Handtasche irgendwie gerade zieht und dabei eher unabsichtlich ihre Hand mit dem Smartphone durch die Gegend und in mein Blickfeld schwenkt. Egal, ich lese also nahezu unfreiwillig, was sie gerade geschrieben hat, es ist kein besonders intimer Satz, aber doch ein sehr schöner, denn da steht: “Und dieser Monat war ein guter.” Stellen Sie sich diesen Satz mal bitte kurz gedruckt auf Papier vor. Damit könnte auch eine Kurzgeschichte enden, und es wäre weiß Gott kein schlechter letzter Satz.

Na gut, an den letzten zwei, drei Tagen des Monats wäre der Satz vielleicht noch einen  Tick besser gewesen, aber was soll’s. Die Wirklichkeit hat nicht immer Sinn für Timing.

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Musik! Es ist vielleicht nicht gerade mehrheitsfähig, was ich heute gefunden habe, aber für einige wird es doch interessant sein. Sie kennen vielleicht Nick Drake, den Songwriter mit der besonders tragischen Geschichte? Zur Erinnerung hier schnell einer seiner bekannteren Songs, es geht aber gar nicht um ihn.

Es geht um seine Mutter, Molly Drake, die keine erfolgreiche Musikerin war und zu Lebzeiten nie ein Album veröffentlicht hat. Es gibt aber Aufnahmen von ihr, singend am Klavier. Und was ein schönes Lied das ist, das kann man ganz wunderbar mit dem Werk des Sohnes zusammendenken und sich vorstellen, wie der Sohn ihr zugehört hat. Die Familienähnlichkeit auf den Bildern kann man natürlich auch bemerken. Faszinierend, das alles.

Noch ein Tipp: Beim Hören mal eben die Google-Bildersuche nach Molly Drake anwerfen. Was für ein Gesicht! Womöglich hatte sie ein Profil zum Mitfiebern, nicht wahr.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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