Wie fliehendes Wild

Im Vorübergehen gehört, der Dialog eines ungeheuer betrunkenen und sehr heruntergekommenen Pärchens, das kurz neben mir herschaukelte:

“Wir haben es doch noch immer geschafft, auch wenn wir nichts hatten. Wir haben ja uns. Weißt du? Wenn wir uns nicht hätten!”

“Dann!”

“Aber echt.”

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Beim NDR gibt es ein Filmchen über die Regionalwert AG und die Hobenköök.

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Da mir doch wieder der Gedanke kam, dass mich der Alltag körperlich einfach nicht genug bewegt und meine ganzen Fußwege dafür irgendwie auch dann nicht ausreichen, wenn sie bei durchschnittlich zehn Kilometern am Tag liegen, bin ich neulich doch wieder gelaufen. Also gejoggt, und alle wissen vermutlich, wie sehr ich das hasse. Aber nun, andere Sportvarianten sind ja eher noch grässlicher, beim Joggen ist man wenigstens allein, braucht sehr wenig Zubehör und ist terminlich flexibel, ja, ja, geschenkt. Ich finde es dennoch scheußlich. Überaus scheußlich.

Wobei das ”allein” ja auch so eine Sache ist. Das fängt damit an, dass ich kurzentschlossen in einer Sporthose in der Wohnung stehe, mir darin überaus albern vorkomme und die Herzdame sofort sagt: “Ich komme mit.” Das ist heikel, denn die Herzdame gehört zu den mir grundsätzlich suspekten Leuten, die komplett um die Alster laufen können, ich weise also erst einmal darauf hin, dass ich es vermutlich nur um den Block schaffe, und das auch nicht mit Sicherheit lebendig. “Ist gut”, sagt die Herzdame und zieht sich um. “Ich möchte hier einfach nur laufen”, denke ich, aber nun, man ist ja soweit verheiratet. Das denkt die Herzdame allerdings auch, die läuft nämlich neben mir los und fängt sofort an zu reden, einfach so. Beim Laufen. Ich bringe zwischen den Laufschritten äußerst mühsam ein “Nicht reden!” heraus, denn ich kann mich nicht gleichzeitig auf das Laufen, auf das Atmen und auf ein Gespräch konzentrieren, das ist nun wirklich völlig abwegig. “Macht nichts”, sagt die Herzdame nach einem etwas zu mitleidigen Seitenblick, “dann rede eben nur ich.” Und sie spricht einfach weiter , es perlt nur so aus ihr heraus, all die Themen, die sie schon immer mal mit mir besprechen wollte, bei denen meine Meinung aber vermutlich eh nicht gefragt war. Ich kann aber auch nicht beim Laufen zuhören, dann atme ich immer irgendwie völlig falsch, wobei ich eh nicht weiß, wie man beim Laufen richtig atmen soll, das habe ich nie herausgefunden. Im Grunde widersprechen sich Atmen und Laufen bei mir komplett. Es gibt kein richtiges Atmen im falschen, Adorno und der Laufsport, denke ich, Adorno wäre übrigens auch als Turnschuhmarke gut, und ich stolpere keuchend so herum.

“Also noch einmal zur Ferienplanung”, sagt die Herzdame gerade, aber ich biege einfach ab und lasse sie alleine weiter um die Alster ziehen. Im Rahmen der achtsamen Beziehungspflege wäre es womöglich ein klein wenig geschickter gewesen, dieses Abbiegen vorher zumindest ansatzweise zu erklären, aber das muss man ohne Sauerstoff auch erst einmal können. Die Herzdame läuft stoisch weiter, Menschen aus Nordostwestfalen haben es nicht so mit plötzlichen Richtungsänderungen. Vielleicht spricht sie dabei auch weiter, aber das höre ich natürlich nicht mehr.

Ich trabe also alleine weiter. Ich bin ein altes Brauereipferd, Brauereipferde sprechen nicht bei der Arbeit. Gut, denke ich, alleine geht es doch gleich einfacher, es ist auch viel weniger peinlich, immerhin biete ich einen Anblick des Grauens, nehme ich jedenfalls an. Ich mag ja selbst keine anderen Menschen beim Jogging beobachten, die sehen immer alle schrecklich aus, also abgesehen von den ganz wenigen Exemplaren, die sensationell toll laufen können, so leicht wie fliehendes Wild, diese Leute haben ja alle einmal gesehen. Aber eben in der Regel nicht im Spiegel.

Ich trabe alleine weiter, nach zehn Metern treffe ich Bekannte, die ihre Gesichter zwar im Griff haben, aber vermutlich vor Lachen zusammenbrechen, kaum dass ich sie passiert habe. Zwanzig Meter weiter treffe ich Leute aus dem Schrebergarten, dreißig Meter weiter andere Eltern aus dem Stadtteil, dann einen Kollegen, dann eine Nachbarin und wirklich, dieser Stadtteil ist manchmal doch entschieden zu dörflich für mich.

Vielleicht mache ich das mit dem Sport künftig doch besser morgens um 5 oder so. Da sind sicher nur Irre unterwegs, da füge ich mich dann harmonisch ein.

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Musik! Cher and The Osmonds. Die Siebziger waren auch etwas speziell, waren sie nicht?


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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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13 Kommentare

  1. Nee, frühmorgens sind die ganz harten unterwegs (die hinterher noch darüber bloggen, was für komische Leute ihnen beim Joggen oder Schwimmen begegnet sind und was die alles falsch gemacht haben).

  2. Echter (hanseatischer) Stoizismus erweist sich in der Unabhängigkeit vom vermeintlich abfälligen Urteil anderer über die lächerlichen Laufklamotten, die man selbst trägt, weil sie nun einmal praktischen Nutzen haben, und das fragwürdige Bild, das man als älterer normal gebauter oder – ohne etwas unterstellen zu wollen, sondern nur aus eigenem Erleben sprechend – gar leicht verfetteter Mensch beim Laufen abgibt. Ja, und das geht natürlich nur allein: dann kann man auch so intensiv vor sich hindenken beim Laufen, dass die Außenwelt nicht mehr so verbindlich erscheint.

  3. Das liest sich ja ganz fürchterlich, als Genussläuferin möchte ich Ihnen das Joggen am liebsten augenblicklich untersagen. Denn ja: Laufen ist für 95% der so tätigen eine Lektion in Demut, sie sehen einfach bescheuert dabei aus. Aber die beschriebene seelische Qual kann niemals durch körperliche Ertüchtigung wettgemacht werden. Suchen Sie sich bitte eine Ärztin, die berechnen kann, wie schädlich in Ihrem Fall Joggen ist und es Ihnen verbietet.

  4. Dieser Text mal wieder.. Man möchte Sie, vermutlich gänzlich unhanseatisch, ganz fest ans Herz drücken.

  5. Ich empfehle Walken Und zwar allein. Auf menschenleeren Strecken. Gnadenlos. Tut Körper, Geist und Seele gut. Aber dann hätten Sie wahrscheinlich nichts mehr zu schreiben. Oder doch?

  6. Was Tina K. sagt, ich nenne es marschieren, weil ich mir
    wg. der Technik nicht sicher bin. Gute 6 km/h kommen dabei schon rum. Und die Themen liegen eh auf der Straße oder anderen Wegen, da bin ich nicht bange.

  7. Ich kann Sie sooo gut verstehen! Wenn man am liebsten überhaupt keinen Sport machen möchte, aber sich aus Gesundheitsgründen doch ab und zu heldenhaft aufrafft, ist Joggen noch das, was am wenigsten Zeit und Aufwand benötigt. Zur Tür raus und los. Spaß macht es trotzdem nicht, aber das machen andere Sportarten ja auch nicht. Rennen Sie also tapfer weiter!

  8. Ich kann Ihnen nur einen Hund empfehlen. Als freiberuflich im Homeoffice Tätige habe ich an manchen Tagen der Vergangenheit nur die Wege zwischen Bett, Bad, Computer und Kühlschrank/Kaffeemaschine geschafft. – Ankunft liebster Hund der Welt vor 3 Jahren: Wir joggen nicht, wir walken nicht, wir gehen einfach durch den Wald, mal schneller, mal langsamer. Bis auf das gelegentliche Stehenbleiben mit anderen Hundebesitzern bleiben die Kontakte zu anderen Menschen außen vor. Täglich zeigt mir mein Schrittzähler satte 10 km an, ich fühle mich fit und mein Hausarzt ist hochzufrieden mit meinen neuen Vitalwerten. Oh, und wenn wir zu Hause sind, liegt mein draußen so lebhafter Hund zu meinen Füßen und schläft.

  9. Spricht etwas gegen eine allabendliche Alsterumwanderung? Für die erwähnten ehelichen Gespräche, ebenso (aus männlicher Sicht) anstrengend wie (aus weiblicher Sicht) notwendig, wird sich ein anderer Rahmen finden müssen. Oder die Herzdame läuft 45 min später los, und Sie teilen, nachdem Sie ihr gentleman-like Ihre Jacke überreicht haben, das letzte Teilstück gehend miteinander.

  10. Das mit dem Reden kenne ich. Ich überlege immer, ihr das folgende Stück vorzuspielen, wenn es mir zu anstrengend wird: https://youtu.be/hqqAHk_kKzw

    Aber ich habe etwas Furcht vor ihr. Würden Sie das evtl testen wollen?

  11. Das mit dem Atmen und dem Laufen habe ich auch noch nicht so ganz raus. Aber die empfundene Scheußlichkeit kann ich recht sicher auf einen Sachverhalt zurückführen: Sie laufen wahrscheinlich zu schnell.

    Achtung, kurzer Exkurs (bei fehlendem Interesse einfach ignorieren): Optimal soll die Herzfrequenz ja zwischen 130 und 150 bpm liegen. 130 ist „angenehm angeregt klopfendes Herz + Atmung: locker durch die Nase“. Das hat man meist am Anfang, wenn man locker losläuft. Dann wird man aber meist schneller (Fehler!), Herzfrequenz steigt. Alles ab 150 fühlt sich schwungvoll an, ist aber „brauche Luft! Atmung durch den Mund + (auf Dauer) wie lange halte ich das noch durch!?“ Ich nehme mal ganz stark an, dass Sie da an der oberen Grenze kratzen oder drüberliegen. Passiert schnell, gerade wenn man selten läuft.

    tl;dr: Falls Sie mal vorhaben, die Scheußlichkeit abzubauen: Langsam laufen. Sehr langsam. Sieht dann absolut nicht mehr frisch und flott, geschweige denn nach fliehendem Wild aus, eher nach „Brauereipferd in Zeitlupe“. Macht aber nichts, ist nämlich effektiv und laugt weniger aus. Irgendwann laufen Sie dann mit niedrigem Puls schneller.

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