Vor dem Absturz

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Richard Gutjahr über den Kampf gegen Hatespeech.

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We suffer from plant blindness. Animals are cute, important and diverse but I am absolutely shocked how a similar level of awareness and interest is missing for plants.

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Riace im Visier der Lega. Ich komme ja nicht oft zu Hörformaten, aber das hier dann doch einmal beim Bügeln gehört. 52 Minuten! So viele Hemden habe ich gar nicht, ich musste dann noch etwas sinnlos neben dem Bügelbrett herumstehen.

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Parkplatzrückbau in Amsterdam. Wobei auch hier gilt, was ich neulich geschrieben habe, es ist gar nicht Amsterdam gemeint, sondern die Innenstadt. Dennoch interessant, versteht sich.

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Ein Bemerknis beim Lesen von Gabriele Wohmann (gerade durch: “Frauen machen es am späten Nachmittag”, worinnen ich wieder mehrere Geschichten ganz ausgezeichnet fand) – würde ich gerade Germanistik studieren, ich hätte eine schöne Idee für ein Abschlussarbeitsthema. Moment, ich formuliere das gleich mal halbwegs korrekt, etwa so: “Das Vordringen der Computer in die deutsche Kurzgeschichte am Beispiel des Werks von Gabriele Wohmann.” Ein schönes Thema, glauben Sie mir, denn die Wohmann betrachtet dieses Vordringen recht skeptisch und misstrauisch. Der gekonnte Umgang mit digitalen Geräten fällt bei ihren Personen fast unweigerlich mit eher zweifelhaften Charakterzügen zusammen. Das Hadern mit der Nutzung ist historisch schon fast vergessen, aber die Erinnerung kommt einem doch wieder, wenn man diese Geschichten liest. Wie etwa in diesem zuletzt gelesenen Band jemand sich gegenüber seiner Frau etwas darauf einbildet, dass er seine Arbeit mit einem völlig abgefahrenen Gerät namens Maus erledigen kann, sie aber nicht, dass er überhaupt konsequent vor einem Bildschirm sitzt, während sie noch hartnäckig die Schreibmaschine verteidigt, wobei genau genommen sie sich einbildet, dass er sich etwas einbildet … also wenn man sich beim Lesen nur auf diesen Aspekt kapriziert, das ist im Grunde schon ganz großes Kino.

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Zu Pfingsten hatten wir überhaupt nichts vor, es gab im Familienkalender keinen Eintrag, nicht einmal ein kleines Terminchen, also hat sich ein Sohn einen Fuß gebrochen. Bzw. einen Teil davon, aber egal, wen interessieren Details. So gebrochen jedenfalls, dass man damit ins Krankenhaus musste und den ganzen Pfingstsonntag über dann auch gar nicht mehr über ein weiteres Programm nachdenken musste. Denn Lücken aller Art füllen sich nun einmal oft von selbst, es war im Grunde ein schlimmer Anfängerfehler. Demnächst wieder Fake-Termine in den Kalender schreiben, um so etwas zu verhindern! Dies auch als Tipp für andere Eltern, wenn Sie irgendwann zuhause bemerken: “Oh, wir haben ja tagelang gar nichts vor!”, wenn Sie dann ganz genau hinhören, in die Stille nach diesem Satz, dann hören Sie den Teufel schon leise lachen.

Ich habe den kaputten Sohn auf seinen Tretroller gestellt und in die Notaufnahme geschoben, wo die Ärztin mich groß ansah und sagte, dass habe sie ja noch nie gesehen, dass jemand mit dem Roller … da wiederum guckte ich sehr verblüfft, denn das ist doch nun wirklich enorm naheliegend. Dachte ich jedenfalls, aber vielleicht liegen praktische Lösungen auch einfach nicht mehr im Trend und die Eltern von heute fahren ihre lädierten Kinder eher mit dem SUV bis ins Behandlungszimmer, was weiß ich denn, das kann doch sein. Mich wundert ja nichts mehr. Jedenfalls war es so bemerkenswert, es steht jetzt sogar im Arztbrief: “Das Kind erscheint auf seinem Roller in der Notaufnahme.”

So sind wir also schon wieder irgendwie aufgefallen, immerhin passen Erscheinungen aber ganz gut zu Pfingsten, wenn ich das aus dem Religionsunterricht noch recht erinnere. Es ist lange her.

Aufs Röntgen mussten wir dann lange, lange warten und der beschädigte Sohn hüpfte auf dem linken Bein gelangweilt durchs Wartezimmer, wo ihm ein Mädchen entgegenkam, dass dort auf dem rechten Bein hüpfte, aus sehr vergleichbarem Grund. Die beiden passierten sich bewundernswert souverän in harmonisch perfekt gespiegelten Bewegungsabläufen, als sei es völlig normal, sich so fortzubewegen, sie grinsten sich auch nicht an oder grüßten sich gar, nein, nichts dergleichen, sie hüpften nur aneinander vorbei ohne sich weiter zur Kenntnis zu nehmen. Kinder gewöhnen sich immer sofort an alles, es ist wirklich bewundernswert.

Der Sohn bekam Unterarmgehstützen, so nämlich benennt man heute Krücken im medizinischen Kontext korrekt, das Wort Krücken darf dort gar nicht mehr benutzt werden, wurde mir erklärt. Weil es auch Oberarmgehstützen gibt, die es zu unterscheiden gilt? Weil der Begriff Krücke die Unterarmgehstütze beleidigt und abwertet? Ich weiß es nicht. Wie klingt das dann bei den Brüdern Grimm?

“Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Unterarmgehstütze stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten.”

Nun ja.

Aber wo wir schon bei dem Thema waren, wurde mir auch erklärt, dass sie in Berichten nicht mehr Windeln schreiben dürfen. Windeln heißen bei ihnen jetzt Schutzhosen, worüber sich alle prächtig amüsierten. Schutzhosen! Ein Brüller. Also in Medizinkreisen jedenfalls.

Ärztin: “Du kannst jetzt mit dem Gips mindestens drei Wochen keinen Sport machen.”

Sohn: “Aber Reiten geht, ne.”

Da sieht man dann wieder, was Motivation alles ausmacht! Und nein, Reiten geht nicht, natürlich nicht.

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Der Sohn wollte danach in den Garten, also habe ich ihn auch da hingeschoben, mit ein wenig Hilfe der Hamburger S-Bahn, versteht sich, natürlich nicht die ganze Strecke. Ich habe das vielleicht noch gar nicht beschrieben, was passiert, wenn man auf die Billerhuder Insel zugeht, fällt mir ein. Aber wir hatten das Thema Fußgänger ja gerade erst, da passt das also schon. Es fühlt sich ein wenig so an – und im Auto bekommt man das selbstverständlich überhaupt nicht mit – als würden die Häuser auf einmal zurücktreten. Plötzlich geht der Himmel großstadtuntypisch weit in die Breite und es zeigt sich ein ganz seltsames Bild. Das Bild ist man im urbanen Kontext nicht gewohnt, man kennt es eher aus der Erinnerung, es nennt sich Landschaft. Also eine Ahnung von Landschaft zumindest, man darf da nicht allzu kritisch sein, man muss auch die Augen ein wenig zusammen kneifen und ja, etwas Fantasie braucht es ebenfalls, keine Frage.

Und doch ist es Landschaft. Und doch ist es ungeheuer beruhigend, das zu sehen, es ist eine Labsal für die Seele und für die Augen, die von der Millionenstadt nur noch kurze Distanzen und Mauern überall gewohnt sind. Wenn ich das sehe, dieses kleine Stück Landschaft, dann gewinnt auch der Name der Insel etwas dazu, einen ganz anderen Klang gewinnt der, er erinnert auf einmal nicht mehr an einen Hamburger Stadtteil, er erinnert durch dieses Bild eher an eine Gegend. Billerhude, wo kann das sein, in Schleswig-Holstein oder in Niedersachsen vielleicht. Billerhude, eine Landschaft mit Fluß darin muss es sein, das hört man doch.

Das ist aber natürlich alles Unsinn. In Wahrheit ist das alles mitten in der Stadt, zentral gelegen geradezu, ringsum ist alles kilometerweit von der Metropole zersiedelt und in Grund und Boden bewohnt. Solche Bilder wie das Folgende, das sind nur mühsam abgezirkelte Ausschnitte.

 

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Musik zum Sonnenuntergang! Ali Farka Touré.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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