Patricia fährt alleine ans Meer und ich könnte auch schon wieder. Aber ich kann nicht.

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Wir haben noch einmal zu danken, einer freigebigen Leserin aus Berlin diesmal, für die Zusendung weiterer Federn. Schöne Notizblöcke lagen auch dabei, ferner ein Buch über Lifehacks, in das ich noch gar nicht sehen konnte, weil es sofort im Kinderzimmer verschwand.  Das übrigens schnell mal nebenbei als Tipp für die kommende Weihnachtszeit – Kinder fahren auf Lifehacks für den Alltag ab, und Bücher darüber, auch und gerade solche, die gar keine Kinderbücher sind, führen vielleicht zu unerwarteten Erfolgen mit Geschenken.

Vielen Dank also, Sohn II ist hingerissen und jetzt gut versorgt. Eine echte Vogelfeder hat er sich mittlerweile auch selbst zurechtgeschnitten, mit überraschend gutem Ergebnis übrigens, damit kann man viel besser schreiben, als ich gedacht hätte. Die Hausaufgaben fallen hier jetzt etwas retro aus und wir haben erheblichen Spaß dabei.

 

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Ich habe den ersten Band der Tagebücher von Brigitte Reimann durch und fange jetzt mit dem zweiten an: “Alles schmeckt nach Abschied”, das geht also nicht gut aus, wie man dem Titel bereits entnehmen kann. Im ersten Band noch schöne Sätze voller Leben: “Wir waren schon hellblau, als wir in die Hafenbar weiterzogen.” Und immer wieder Formulierungen, bei denen man zweimal hinsieht und sie dann sehr schön findet: “Wir gingen spazieren wie zwei alte Kolkraben.”

Ihre Schilderung eines Besuchs in Theresienstadt, sie beschreibt da das durch und durch unmögliche Verhalten deutscher Touristen, ist ein kleines Puzzlestück in der Geschichte rechten Gedankenguts, ein kleines, aber doch ein wichtiges Puzzlestück. Ich lerne nebenbei etliches über die Kulturgeschichte der DDR, wobei da allerdings auch nichts als Lücke in meiner Allgemeinbildung ist. In meiner Kindheit und Jugend gab es hinter der Grenze keinen Alltag und keine Kultur, da gab es hinter der Grenze einfach gar nichts, man kann es nicht oft genug sagen.

In ihren großen Roman “Franziska Linkerhand” muss ich dann hinterher wohl auch noch hineinsehen. Und in ihre Briefwechsel.

Das Hörbuch übrigens wird ganz großartig gelesen von Jutta Hoffmann, es ist ein Genuss.

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Sohn II war bei den Großeltern und hat dort mehrere vegetarische Brotaufstriche probiert, die seinem Geschmack aber alle nicht entgegen kamen. Sehr gut fand er dann den vom Großvater gerne gegessenen “Obzada”, und er war recht überrascht, als er von uns erfuhr, dass der in Wahrheit etwas anders heißt. Wir haben das dann aber etwas diskutiert und kamen zu dem Schluss, dass Obzada zweifellos wesentlich besser klingt als Obazda. Letzteres klingt irgendwie handgreiflich nach zermatschtem Käse, Obzada dagegen klingt kultivierter, es klingt irgendwie exquisit, fein und delikat, “reich mir mal die Obzada”, denn das Zeug muss doch wohl weiblich sein, bei dem Namen, gar keine Frage, das ist sicher eine ganz vorzügliche Crème, würdig der besten Küche. Obzada – wir lassen das jetzt so. Und benutzen das solange völlig ungeniert, bis wir damit in Bayern als seltsam auffallen. Aber da kommen wir eh nicht gerade oft hin.

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Neulich hatte es in der Nacht unfassbar stark geregnet, so stark sogar, dass wir alle davon wach geworden sind und so stark auch, dass ich überlegte, ganz ernsthaft überlegte, ob ich schon überhaupt jemals im Leben einen so beeindruckenden Regen gehört habe, es schien mir zumindest zweifelhaft. Als würde das Wasser aus einem riesenhaften Bottich über das Haus gekippt, es war eher ein enormer Schwall, keine unterscheidbaren Tropfen. Tropfen, so ein albernes Wort, das verbot sich bei dem Geräusch komplett und sofort. Da kamen keine Tropfen runter, da kamen senkrechte Wellen, wenn nicht Brecher, Kaventsmänner. So ein Regen war das.

Am Morgen war die Stadt voller Pfützen, Lachen und neuer Seen, es gab auch bisher ganz unbekannte Bäche. Auf meinem Weg zum Hauptbahnhof kam ich an eine Ampel, vor der war eine gewaltige Pfütze, so eine, in der man schon Wellengang sehen konnte, wenn der Wind darüber weg strich, so eine, über die man Bretter hätte legen müssen um trocken zu bleiben, und schmal und kurz hätten diese Bretter nicht sein dürfen. So eine Pfütze, die in den Stadtplan gehört hätte. Vor mir stand eine Frau und wartete auf grünes Licht, sie besah sich die Wasserfläche vor ihr. Ich sah sie nur von hinten, aber ich merkte an den Bewegungen ihres Körpers, dass sie etwas nach links und rechts dachte, wo und wie sie da nun am besten durchkommen könnte, denn dass diese Pfütze tief war, das sah man ihr auch an. Die Frau hatte Sneaker an den Füßen. Als die Ampel umsprang, sah ich ein kleines Zucken der Schultern, kaum wahrnehmbar, ein Durchatmen nur, dann ging sie einfach los, denn was sollte sie auch machen, sie musste doch nun einmal zur Arbeit oder wohin auch immer. Das Wasser ging weit über ihre Knöchel, da blieb ganz sicher nichts trocken. Sie ging stoisch geradeaus, mit kleinen Bugwellen vor den Schritten.

Ich machte das, was mir viel naheliegender erscheint, ich ging einen anderen Weg über die Kreuzung. Das war ein Umweg von nur einer Minute und ich blieb ganz und gar trocken, eine Ampel weiter war alles okay. Aber ich hatte volles Verständnis für die Frau, die auf diesen absolut naheliegenden Gedanken vermutlich einfach nicht gekommen ist, weil der normale Weg, ihr Weg, nun einmal durch den neuen See da führte, da konnte sie doch einfach nichts machen. Die saß dann kurz darauf sicher mit elend nassen und kalten Füßen in der Bahn und haderte mit dem Tag und dem Wetter, stelle ich mir vor.

Es ist so wahnsinnig schwer, aus Routinen auszubrechen, und man hat so viel Glück, wenn man das einmal elegant schafft, das ist sicher kein Grund über andere zu lachen, die völlig grundlos nasse Füsse haben.

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Musik! Omara Portuondo und Joss Stone.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

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