Am Limit

Ergänzend zum kürzlich erwähnten Aussterben der Menschen – siehe hier. Man kann beide Artikel auch für erbaulich halten, it all depends.

***

Kiki denkt über ihre Arbeitsprozesse nach.Das ist immer gut, ich liebe das auch. Vielleicht sogar mehr als das Arbeiten. Schlimm.

***

Beim Podcast von Patricia und Marcus, ich hänge etwas hinterher, geht es um Whatsapp. Ja, man stöhnt schon bei der Erwähnung. Ja, es ist dennoch interessant.

***

Neulich habe ich das Kartoffeltobinamburpilzgulasch wieder gekocht, das hier vor Jahren schon einmal vorkam. Es ist immer noch ein gutes Rezept und es gibt jetzt ein neues, überaus verblüffendes Feature – die Söhne essen das beide auch. Wer rechnet denn mit so etwas! Dies jedenfalls als Tipp, falls Sie Kinder haben, das schmeckt im Grunde hauptsächlich und ziemlich heimelig nach Gulasch.

***

Zu meinen musikalischen Vorlieben, die sicher nicht mehrheitsfähig sind, gehört Chip Taylor, den kennen viele nicht. In seinen biographischen Angaben findet man immer zwei auffällige Details: Er ist der Onkel von Angelina Jolie und er hat zwei sehr bekannte Songs geschrieben, Angel of the morning und Wild thing, die kennt praktisch jeder – aber nicht von ihm. Neuerdings kommt er, bzw. kommen Songs von ihm wohl in der Serie Sex Education vor, entnehme ich gerade frischen Youtube-Kommentaren, die Serie habe ich aber nicht gesehen. Ich hatte im Blog schon einmal sein “Fuck all the perfect people” vor einiger Zeit, das war dieses hier, Sie erinnern sich vielleicht:

In Ergänzung dazu habe ich noch etwas gefunden – die Sache mit dem letzten Video:

Oder hier, ohne Video, nur mit dem knappen Text dabei, so etwa zwei Minuten pure Traurigkeit, das muss man dann allerdings auch abkönnen:

Auf Spotify findet man viel von ihm, ein interessantes Spätwerk.

***

Am Hauptbahnhof hängen große Werbeplakate, die wollen die Passantinnen für eine Hörbuch-Plattform begeistern. Ich habe glatt schon wieder vergessen, wie die heißt, von wegen Werbung wirkt. Egal, die wirbt jedenfalls mit “Hören ohne Limit”, und der mich gerade begleitende Sohn II lacht hämisch auf, als er das liest: “Ha! Von wegen!”

Das ist ja interessant, denke ich mir, haben also meine zahlreichen Vorträge über die Refinanzierung von Internetdiensten, über die besondere Sprache des Marketings und über das Reinfallen auf haltlose Versprechen am Ende doch einen Sinn gehabt, wenn er mit solch gepflegtem Zynismus den Wahrheitsgehalt dieses Slogans en passant anzweifelt. “Ohne Limit! Von wegen!”, sagt der Sohn und ich habe zwar keine Ahnung, worauf er eigentlich abhebt, freue mich aber schon einmal über das Kind, denn Werbung anzuzweifeln, das ist immer gut und richtig, finde ich, außerdem liegt es heutzutage geradezu im Erziehungsauftrag. “Nichts ist ohne Limit”, sagt der Sohn düster, “gar nichts.” Und dann erklärt er mir, dass er sein ganzes Taschengeld für einen Hörbuchservice ohne Limit ausgeben würde, denn er lässt sich ausgesprochen gerne von vorgelesenen Geschichten unterhalten, aber dass es so etwas ohne Limit ja nicht geben kann. Nie! Ich frage ihn, was er eigentlich meint, er sagt: “Dich.”

Ich lasse mir das genauer erklären und lebe jetzt mit der etwas irritierenden Erkenntnis, in meiner Rolle als Vater ein ausgesprochen störendes Hörbuchlimit zu sein, denn ich erinnere ihn ja dauernd daran, dass er zur Schule muss, zu Bett oder zu Tisch oder zum Reiten, dass er schon wieder irgendwas machen muss, ich hindere ihn also permanent – “Immer und immer wieder!” – am unbegrenzten Hörbuchgenuss und wenn er das irgendwo wegkaufen könnte, also das würde er wohl wollen, echtjetztma. Aber nix is’. “Ohne Limit! Ha!”

Er geht wutschnaubend weiter, ein leidenschaftlicher Verächter des Werbeblas, ein genauer Leser und Selberdenker. Es ist ein wahrer Traum und ich bin zwar nur ein blödes Limit, aber dennoch irgendwie stolz.

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

***

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, heute natürlich für Sohn II, ganz herzlichen Dank!

Der Enkeltrick

Smillas Blog ist umgezogen.

Ein Text – und was für einer – über Care-Arbeit.

Wenn wir aber ahnen, dass wir aussterben – ändert das irgendwas?

***

Es ging weiter in der Verwandlung des Kinderzimmers, wir beschäftigen uns just in time mit dem heraufdämmernden Teenie-Alter. Es war dabei notwendig, viel, viel Zeug aus dem Kinderzimmer loszuwerden, denn das soll bitte kein Museum sein und nur aus Vergangenheit und Kleinkindzeit und Grundschulzubehör bestehen, da muss schon etwas Gegenwart hineinpassen. Oder gerne auch etwas beruhigende Leere, was neuerdings ganz gut möglich ist. Denn die Digitalisierung bringt es mit sich, dass deutlich weniger Platz verbraucht wird. Minecraft etwa ist ein riesiges Spiel für enorm viele Stunden, aber es passt auf einen handlichen Bildschirm und fällt im Interieur im Gegensatz zu Lego überhaupt nicht weiter auf – ist gerade kein Kind da, ist das Spiel nicht einmal vorhanden, es ist geradezu magisch. Und da sich eine Überfülle an Zeug sowieso nicht bewährt, in aller Regel auch bei Erwachsenen nicht, und etwas Luft im Raum gemeinhin guttut, galt es also auszuwählen. Es musste gewählt werden unter den Büchern und unter den Spielen, unter dem Spielzeug und auch unter all dem Kram, den man spontan gar nicht ausreichend definieren kann, also unter diesem seltsamen Huckleberry-Finn-Hosentaschenkram, der ganze Kisten füllt und zuverlässig den Fußboden bedeckt.

Die Kondo-Frage nach dem Joy hilft bei Kindern oft überhaupt nicht weiter, denn zum einen halten sie in schlauer Vorsicht künftigen Joy im Zweifelsfalle weiterhin für jederzeit möglich, auch wenn sie ein Spielzeug oder Ding oder Buch schon seit zwei Jahren nicht mehr angefasst haben, zum anderen entsteht Joy aber oft schon spontan durch die Frage, und die Aufräumaktion endet abrupt, weil das Kind jetzt sofort ganz dringend mit dem vergessenen Ding spielen muss, und zwar zwei Stunden lang und am besten mit Freunden, die dafür augenblicklich einzuladen sind. So kommt man nicht weiter.

Ich habe daher auch bei früheren Aufräum-und Umbauaktionen schon den Enkeltrick angewandt, aber nicht in der von der Kriminalpolizei in Warnungen verbreiteten Form, sondern in einer besonderen Fragevariante: “Würdest du das an deine Kinder weitergeben wollen?”Wobei es mir nicht darum geht, den Gedanken an Nachwuchs im Nachwuchs zu verfestigen, soweit bin ich geistig noch lange nicht und siehe oben, wenn wir doch eh aussterben – es ist kompliziert. Und ja, die Frage ist selbstverständlich in einem gewissen Alter noch völlig absurd. Aber gerade, weil sie so absurd ist, führt sie tatsächlich in einigen Fällen zu intensivem Nachdenken, sie führt dazu, dass auf eine ganz andere Art als sonst über den Wert von etwas nachgedacht wird. So stellen sich dann Bücher heraus, die tatsächlich einen besonderen Wert haben. Einen Wert, der über den Augenblick weit hinausreicht. Bücher, bei denen es irgendwann schön sein muss, davon zu erzählen, guck mal, das wurde mir früher vorgelesen, das habe ich so geliebt. Das sind am Ende die Bücher, welche die Kindheit ausgemacht haben (während die Minecraftwelt, in der sie ein Jahr verbracht haben, unrettbar verloren sein wird, das ist auch ein besonderes Thema). Kindern macht es manchmal Spaß, sich so eine Zukunft kurz vorzustellen, weswegen übrigens die Frage “Wie würdest du das mit deinen Kindern machen” auch in ganz anderen Zusammenhängen erstaunlich hilfreich sein kann, aber das nur am Rande.

Stellt man sich die Frage nach dem Zeug und dem Weitergeben selbst, funktioniert das natürlich auch. Wenn ich mir etwa überlege, was von meinen Dingen einmal zu vererben sein sollte und was den Söhnen später noch wirklich etwas bedeuten könnte, dann wird das fast alles unwichtig und kann weg und das, worum es vermutlich geht, das bisschen Souvenirgedöns, das passt schließlich in einen Schuhkarton. Oder ist schon längst online.

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

***

Sie können hier Geld für Dinge und Zeug in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

Die Kurzfassung

Es ist noch eben eine Randbemerkung eines Sohnes nachzureichen, ein ganz kleiner Satz nur, doch im Grunde ist es so ein Treffer, man könnte ganze Essays daraus wirken. Aber wer hat schon Zeit für Essays, ich etwa habe die nicht, keineswegs habe ich die. Ich belasse es daher bei der schlichten Kurzform, da kann sich jeder selbst in einer Mußestunde eine ausufernde mediengeschichtliche Einordnung dazu basteln oder mit erhobenen Brauen irgendwas mit dem Begriff Generationen drin murmeln oder sich plötzlich, das dürfte dann besonders für die verbliebenen Menschen in der Printbranche gelten, seltsam getröstet und verstanden fühlen, das ist ja auch immer schön, ich verstehe das.

Denn ein Sohn verlangte hier neulich nach der Regionalzeitung, er hatte das Konzept bei den Großeltern in Nordostwestfalen kennengelernt und für interessant befunden. Ich kaufte ihm ein Abendblatt, wir haben so etwas sonst nie im Haus, gedruckte Zeitungen finden hier seit vielen Jahren nicht mehr statt. Er blätterte es durch und sagte sinnend: “Das ist doch voll praktisch, wenn man sich nicht alles online zusammensuchen muss.”

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

***

Sie können hier Geld für total praktische Zeitungen in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

Du und das Gnu

Ich möchte mich im Vorwege für diesen Text entschuldigen, ich bin desaströs übermüdet und schreibe aus unerfindlichen Gründen dennoch. Schlimm.

Da sich unser Kinderzimmer allmählich, ganz langsam nur, in Richtung Jugendzimmer verwandelt, waren wir bei Ikea. Das war an einem Sonnabendnachmittag, die Idee hatten also noch ein paar andere Menschen, wie man sich leicht vorstellen kann, vielleicht waren es auch sämtliche Einwohner der Metropolregion Hamburg. Es gab Gelegenheit, sehr viele Leute zu beobachten, die sich erstaunlich ähnlich verhielten, weil der Mensch sich nun einmal ziemlich genormt benimmt, wenn er Möbel kauft. Es setzen sich alle mit dem gleichen kritischen Blick auf ein Bett, als würden sie mit dem Hintern sofort erspüren können, was dieses Möbel nun für ihren erholsamen Schlaf taugen kann, es öffnen auch alle auf die gleiche Art Kleiderschranktüren und sehen skeptisch hinein, ob der private Kostümfundus da vollständig hineinpassen mag oder nicht. Es sitzen alle gleich mit ausgestreckten Beinen in Sesseln und legen die Arme auf die Lehnen, wenn es denn welche gibt, und sinnen einen Augenblick konzentriert der potentiellen Gemütlichkeit künftiger Tage entgegen. Und es ziehen am Ende alle stieren Blicks durch die SB-Halle und es ist ihnen nach sieben Abteilungen, als wenn es tausend Vasen gäbe, und hinter tausend Vasen keine Kasse. Sie gucken also nur noch nach vorne oder auf den Boden direkt vor ihrem riesigen Einkaufswagen und strömen mit kleinen Schritten und schwer beladen immer der Masse nach zum Ausgang, zum Parkplatz, von wo aus sie sich wieder vereinzeln und endlich im Dunkel des Winterabends verschwinden.

Die vorbeiziehenden Menschen verschwimmen einem da im Laufe des Besuchs irgendwann, Paare, Familien, Sippen, Freundinnen und WG-Bewohner, alles kommt immer wieder vorbei, immer noch ein Trupp und noch einer, nach ein, zwei Stunden sieht man bei all den Leuten nur noch Ähnlichkeiten, keine Unterschiede mehr. Man nimmt dann irgendwann eher die Herde wahr, nicht mehr die Individuen. Man wechselt also sozusagen in die Perspektive eines Tierfilmers, der ja auch das Gnu primär im Rudel sieht und nicht etwa nur die eine und auf den ersten Blick schon sonderbar attraktive Gnuknuh. Wobei ich den leisen Verdacht habe, dass man Gnukuh gar nicht sagt, aber bitte, Gnuweibchen klingt dann doch zu verniedlichend, wenn man sich die großen Tiere einmal einen Moment vorstellt. Und das Abheben auf ein weibliches Tier ist natürlich nur meiner männlichen Perspektive geschuldet, Sie könne sich das auch gerne mit einem Gnubullen vorstellen, was allerdings wieder so ein Wort ist, das nach dreimaligem Lesen oder Schreiben albern und unbrauchbar wird, Gnubulle, Gnubulle, Gnubulle, es klingt fast wie irgendein Ding von Ikea, ein kleines Sofakissen vielleicht, aber ich schweife ab.

Egal. Der Blick auf die Herde also, denn wie sang schon Konstantin Wecker: “Ein Gnu ist nicht genug, ein Gnu kann nie genügen.”

Wie ein Tierfilmer sieht man nach einer Weile bei den Menschen auch Verhaltensmuster in Serie. Denn so wie die Gnus, ich bleibe der Einfachheit halber noch einen Moment bei denen, alle vergleichbar zur Tränke gehen, so geht der Mensch zum Hotdog-Stand und man erkennt dann beim Zusehen, okay, so ist es also artgemäß, so leben die, so machen die das. Ich habe nun schon lange keinen Tierfilm mehr gesehen, aber aus der Erinnerung weiß ich doch noch, dass da immer Sequenzen gezeigt werden, die zu bestimmten Lebenssituationen passen, so weiden die, so fliehen die, so paaren die sich, so laufen die Jungen neben den Alten und so ziehen sie durchs Land, man kennt das.

Selbstverständlich ist es eher ein Zufall, ein Stichprobenfehler, dass ich da bei Ikea in ganz verschiedenen Bereichen der Ausstellung drei Schwangere mit männlichen Partnern gesehen habe, die sich genau gleich benommen haben, das beweist eigentlich rein gar nichts, aber so als Tierfilmer hätte ich doch daraus ableiten wollen, dass es im Themenfeld Paarung und Nestbau beim Menschen ein Verhalten gibt, das sich so beschreiben lässt: Die Frau steht mit einer Hand auf dem Bauch und guckt betont skeptisch, der Mann steht vor Möbeln und fuchtelt. Ich erinnere dunkel, dass die Webervögel so ein ausgefeiltes Ritual haben, der eine baut etwas vor, der andere guckt zu und wägt sorgsam ab, ist mir das da jetzt gut genug oder nicht? Eine faszinierende Instinkthandlung der komplexeren Art, denn die bauen da ja nicht irgendwas, die bauen Kunstwerke.

Exkurs. Bei Erich Fromm – der schon wieder! – habe ich neulich einen außerordentlich faszinierenden Gedanken gelesen, wirklich umwerfend, den muss ich Ihnen kurz erzählen. Und zwar äußerte er da eine Begründung für die bekanntlich ach so spektakuläre Denkleistung der Gattung Mensch und er tat das ex negativo, denn er leitete unser Denken schlankerhand aus unserem desaströsen Mangel an Instinktsicherheit ab. Ist das nicht groß? Wir denken danach nicht aus Verdienst und purem Können so überaus erfindungsreich herum, nein, wir denken bloß deswegen dauernd, weil wir so jämmerlich instinktschwach sind und dank der lausigsten Automatismen im Tierreich einfach nichts ohne dieses Riesenhirn auf die Reihe kriegen, weil wir, so Fromm, “im Handeln nicht geleitet werden”. Wir denken kompliziert, weil wir das Einfachste nicht können. Einer der amüsantesten Gedanken, die mir in letzter Zeit begegnet sind, ich freue mich da schon seit Wochen drüber. Exkursende.

Wo war ich? Die Webervögel. Die jedenfalls inszenieren ihr ausgefeiltes Nestbauritual vermutlich doch vor der Paarung und der Mensch macht seines hinterher, was eigentlich etwas seltsam und in der Tat auch instinktschwach ist, denn wenn der vor den Möbeln fuchtelnde Mensch das gar nicht gut macht und sich in dieser Hinsicht also gerade als Niete erweist, wenn er gar keine Ahnung von Raumaufteilung und Inneneinrichtung hat, dann ist es eigentlich schon zu spät – und genau so gucken die Schwangeren auch, also zumindest die drei, die ich da gesehen habe, das wollte ich nur eben sagen.

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

***

Sie können hier Geld für artgerechtes Autorenfutter in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

 

Über den Spaß an normalen Tagen

Die Kassiererin im Supermarkt hat ihre kleine Tochter dabei, stolz sitzt sie auf dem viel zu hohen Drehstuhl. Die Mutter steht daneben und beide arbeiten gemeinsam, wobei die sinnige Aufteilung darin besteht, dass die Mutter fast alles macht, das Mädchen aber die obligatorische Frage nach dem Bon übernimmt. Sie stellt sie ganz normal, der Wortwahl merkt man nichts an: “Mit oder ohne Bon?” Aber das Gesicht! Denn sie macht das wohl zum ersten Mal und sie ist einigermaßen stolz auf ihre Rolle, auf ihre Mutter sowieso, die den ganzen komplizierten Kram da macht, mit dem Geld und dem Scanner und so, und weil das Mädchen es zum ersten Mal macht, ist die Frage natürlich total spannend. “Mit oder ohne Bon?” Es ist eine der allerlangweiligsten Fragen unseres Alltags, und dieses Mädchen stellt sie so, als seien beide Antwortoptionen hoch spannend und irre aufregend. Ganz konzentriert hört sie hin und überreicht dann feierlich den Bon oder wirft ihn ebenso feierlich weg, es ist bei jedem Kunden aufs Neue ein besonderer und würdevoller Akt, Teezeremonie überhaupt nichts dagegen. Und dann strahlt sie die Kunden so dermaßen begeistert an, weil das nämlich alles wahnsinnig viel Spaß macht, da antwortet man heute sogar gerne, eine bisher vielleicht nie erlebte Situation. Und was man auch sagt, die Antwort erfreut. Heute spielen alle mit, so müsste die Welt öfter sein, jedenfalls aus der Sicht eines Kindes.

Vor dem Portal der Kirche liegen zwei obdachlose Russen und trinken aus einer Flasche entweder Wasser oder Wodka, reflexmäßig neige ich der zweiten Interpretation zu, genau erkennen kann ich es an der Flasche aber nicht, da beschreibe ich also schnell das Falsche, wie die Russen auch aus einem anderen Land im Osten kommen können. Vorurteile und Wahrscheinlichkeiten, sagen wir, es ist zu 80% Wodka. Die beiden liegen da und betteln nicht, es liegt keine Mütze vor ihnen, kein Plastikbecher, kein offener Gitarrenkoffer, nichts. Sie sprechen auch keine Passanten an, wobei da eh recht wenig vorbeikommen, das Kirchenportal liegt nicht am Hauptstrom der Einkaufenden. Es liegt aber auch nicht geschützt, da kommen Regen und Wind hin, beide kommen heute auch vor. Es ist im Grunde ein ziemlich erstaunlicher Platz, um stundenlang in einer fremden Stadt herumzuliegen. Vielleicht, so denke ich im Vorübergehen, folgt das auch nur einer Tradition, vor Kirchenportalen zu liegen, vielleicht ja deswegen: “Das haben wir schon immer so gemacht.” Sie liegen da mit Blick auf die Kreuzigungsgruppe vor der Kirche, die beachten sie aber nicht weiter, vielleicht haben sie die Figuren auf den Stelen nicht einmal wahrgenommen. Andere haben da genauer hingesehen.

Was aber auffällt, die beiden liegen da und lachen. Und es ist kein besoffenes Lachen, es ist nicht dieses verlallte und haltlose, schnell unangenehm irre wirkende Lachen, das man von den Alkoholkranken auf dem Bahnhofsvorplatz kennt, dieses Lachen, das so schnell ins Grölen, ins Kotzen oder ins Brüllen übergeht. Es ist ein normales Lachen, wie man eben über einen guten Witz lacht, über Situationskomik oder einen Spaß unter Freunden, und sie lachen so sehr, sie kriegen sich gar nicht mehr ein.

Eine Stunde später sehe ich, dass sie mittlerweile etwas weitergezogen sind und jetzt auf dem Spielplatz unter einem Dachvorsprung sitzen, es war wohl doch zu kalt und zu nass auf dem Boden vor der Kirche. Sie lachen immer noch und zwar so, dass sie fast von der Bank fallen. Sie stoßen sich immer wieder mit den Ellenbogen an und dann geht es wieder los, das Lachen hört man weit.

Soweit ich es auf meinen Streifzügen durchs Revier sehen konnte, hat an diesem Tag ansonsten kein Mensch Spaß im kleinen Bahnhofsviertel gehabt. Überall gab es nur die immer gleichen ernsten Gesichter und die ernsten Handlungen und vermutlich doch auch die ernsten Gedanken wie an jedem Tag, sogar dieses eine Kind da auf dem Spielplatz rutschte so, als sei das Rutschen eine ernste Angelegenheit. Was es bei Nieselregen und in einem unförmigen Schneeanzug vielleicht auch ist, ich weiß es gar nicht mehr, ich bin längst zu erwachsen.

Nur das kleine Mädchen an der Kasse und die beiden obdachlosen Russen jedenfalls, die haben sich prächtig amüsiert. Immerhin.

***

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

***

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut, Pappbecher oder Gitarrenkoffer werfen, ganz herzlichen Dank!