Carola hat neulich über schlechte Stimmung im Urlaub geschrieben, und zwar tat sie das, wenn ich es richtig gelesen habe, mit einigem Zögern. Da will ich gleich etwas anlegen, stets im Einsatz für mehr Realismus im Netz. Und zwar mache ich es andersherum. Ich schildere ihnen zwei Situationen, in denen wir uns im Urlaub vollkommen unglaublicher Weise nicht gestritten haben, Sie können dann daraus ex negativo etwas ableiten, wenn Sie möchten. Wenn nicht – macht auch nichts.

Beide Szenen beziehen sich wiederum auf den Urlaub im Jahr 2019, zu dessen Schilderung ich damals aus gar nicht lustigen Gründen nicht gekommen bin, der hier aber in Notizschnipseln immer noch durch die Dateien wabert und also nach und nach verknuspert werden will.

Zum einen haben die Herzdame und ich – zu zweit! – im Schrebergarten eines dieser riesigen Trampoline aufgebaut. Ich wollte nie so eines haben, natürlich nicht. Sie sind furchtbar hässlich, sie zerstören zuverlässig jede Gartenidylle, sie werden allzu schnell zu gar nicht malerischen Ruinen, man wird sie nie wieder los und die Kinder brechen sich die Knochen darauf, vor allem aber sind sie wirklich, wirklich unfassbar hässlich … egal. Die Söhne brauchten dringend so etwas im Garten, etwas, das Beschäftigung bot, und zwar viel davon. Alle haben ein Trampolin, wir haben jetzt auch ein Trampolin, so ist das Leben im Mainstream, es hat seine Abgründe.

Man kann so ein Trampolin, auch die in großer Größe, zu zweit aufbauen, mit mehr Personen wäre es aber deutlich einfacher und vor allem schneller. Wir waren nur zu zweit, denn wir scheuen ja keine Herausforderung, oder anders ausgedrückt, wir haben keine allzu hohen Erwartungen an so etwas und schrecken in gewohnt fatalistischer Entschlossenheit mittlerweile vor gar nichts mehr zurück.

Man muss sich dabei, wie vermutlich leicht vorstellbar ist, unentwegt abstimmen, ähnlich wie beim Aufbau von großen Schränken oder Betten, man muss sich auf Distanz etwas zurufen und dann entsprechend bewegen, weiter links, rauf, runter, mehr so, jetzt anders, und wir sind nicht gerade gut in so etwas. Wir neigen dazu, uns bei so etwas nicht zu verstehen, also nicht nur emotional nicht, sondern auch schon auf der Sachebene nicht. Ich kann es nicht recht greifen, ist es nun ein anderes Sprachverständnis, ein anderes räumliches Denken oder etwas in der Art, aber wenn die Herzdame „Mehr nach links“ sagt, dann geht das in der Regel nicht. Und ihr geht es mit mir genauso, nur dass sie nicht nur anzweifelt, ob links richtig sein könnte, sie stellt auch noch grundsätzlich in Frage, ob es überhaupt gerade um Richtungen geht. Diese Art von Problemen also. Wir können hervorragend über Erziehung oder über den Weltfrieden reden, aber zwei Stangen zusammenfügen – verdammt schwierig.

Dieses Trampolin jedenfalls– wir denken heute noch gelegentlich an diesen Tag, wenn wir daran vorbeigehen! – haben wir einfach so aufgebaut, wie ein total normales Arbeitsteam. Und es war nicht einmal einfach, es verlangte erstaunlich viel Abstimmung und Geruckel, sprachlich und auch praktisch, es war auch eine lange Weile nicht klar, wie das jetzt überhaupt aussehen sollte und ob so oben war oder so und ob nicht vielleicht alles ganz anders … Dann ging auch noch etwas kaputt, und wir haben in schönstem Frieden einfach weitergemacht. Zwischendurch sahen wir uns irritiert an, was war das jetzt? Hat jemand die Drehbuchseiten vertauscht?

Wir blieben friedlich und einträchtig und konstruktiv. Wenn man so arbeitet, dann kann alles dabei herauskommen, große Werke kann man auf diese Art stemmen. Oder man baut eben leider nur ein potthässliches Sportgerät auf. Aber egal, wir erinnern uns mit Freude. Wir haben Großes geschafft, alles ist möglich. Wenn auch eher selten.

Zum anderen haben wir damals in Südtirol den Stau unseres Lebens erlebt. Wir waren am Reschensee, das ist da, wo dieser Kirchturm so überaus dekorativ aus dem Wasser ragt, das kennen Sie bestimmt. Auf dem Rückweg in Richtung Eppan hatte an einer besonders schmalen Stelle eines Tals ein Apfellaster, natürlich war es ein Apfellaster, alle Klischees kommen immer hin, seine Ladung verloren. Da musste erst schweres Gerät herangeschafft werden, dann mussten einige Tausend Äpfel beseitigt werden, das war mit etwas Fegen also nicht getan. Das schwere Gerät musste aber erst noch durch andere Staus, wir standen da dann ganze viereinhalb Stunden. Wir hatten weder etwas Essbares noch genug Wasser dabei, wir hatten keine Bücher oder Zeitschriften im Auto und die Handys hatten keinen Empfang. Wir waren müde und hungrig vom Ausflug und die Söhne wollten dringend zurück zum Ferienhof, weil sie noch einmal in den Pool wollten. Es war im Grunde eine Situation wie in einem Experiment, so eine psychologische Versuchsanordnung, wir wollen doch mal sehen, wen sie jetzt zuerst essen.

Was soll ich sagen, wir haben uns viereinhalb Stunden lang einfach unterhalten. Über dies und das und in heiterem Tonfall, wie man sich vielleicht die glückliche Rama-Familie im Stau vorstellt. Auch daran denken wir noch heute manchmal zurück, damals in Südtirol, so sagen wir dann, da haben wir immerhin viereinhalb Stunden geschafft, wisst ihr noch, wir können das. Dann erinnern wir uns kurz und selig und stellen dann übereinstimmend fest, dass hier aber nicht Südtirol sei und überhaupt, und dann machen wir normal weiter.

Man kann solche Situationen nicht oder nur schwer reproduzieren. Aber man zehrt ungemein lange davon. Auf einem Diaabend, wie es sie in meiner Kindheit noch routinemäßig gab, hätte man dazu zwei langweilige Bilder gesehen, klick, ein gewöhnliches Trampolin, klick, ein Stau. Na und?

Aber irgendwer hätte dazu leise „Ja, das war schön“ gemurmelt.

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