An der Alster

Ich gehe, immer noch berichte ich vom Urlaub im Juli, an der Alster spazieren, denn das mache ich sonst nie. Ich wohne zwar gleich daneben, aber mir ist es da zu laut, zu voll, nennenswert zu hektisch und generell gibt es dort zu viel von allem. Vor allem gibt es viel zu viele Menschen, und es wird ja nicht besser, wenn ich da auch noch hingehe. Es sind dann einfach zu viele Menschen plus noch einer, na super. Während es sich natürlich, solange ich da nicht hingehe, um eine Art passives Protestieren handelt, im Grunde rufe ich, wann immer ich hier auf dem Sofa sitze und also extra nicht an der Alster bin, den Massen dort im Geiste zu: „Seht her, ihr seht mich nicht! Seid mehr wie ich!“

Aber das geht alles irgendwie nicht auf und ich kann auch nicht jeden Tag die Welt durch Passivität und den aufopfernden Einsatz als No-Show retten, es kommt also ab und zu doch dazu, dass ich an die Alster gehe, wie so ein normaler Spaziergänger. Ein wenig schon auch aus Pflichtgefühl. Ich meine, das ist nun einmal mein Revier, im Grunde muss ich dort regelmäßig patrouillieren. Das ist so drin im Menschen, vermutlich schon seit der Steinzeit.

Pardon, mir ist der erste Absatz explodiert, ich wollte eigentlich nur sagen, ich gehe an der Alster spazieren. Da sehe ich auf dem Grün der Böschung an einer besonders netten Stelle ein Pärchen liegen, und zwar liegen sie da wie gemalt auf einer höchst ordentlich ausgebreiteten Decke, die verdächtig nach Symbolbild und fabrikneu aussieht. Sie trägt ein Sommerkleid, er trägt einen Anzug. Sie trinken Weißwein aus Gläsern, die Sonne spiegelt sich geradezu aufdringlich fotogen darin. Er sieht ihr in die Augen, sie sieht in die seinen, die Gläser machen pling und es ist Sommer. Er trägt, darauf muss ich noch einmal zurückkommen, einen Anzug, und der sitzt richtig gut. Er sieht überhaupt gut aus, dieser Anzug. Er ist nicht zu neu, er ist aber auch nicht ganz alltäglich, er ist schon etwas feiner, aber nur einen Tick, doch, das ist eine gute Wahl. Und er liegt da also so herum, der Mann, der selbst übrigens auch ziemlich castingtauglich aussieht, soweit ich das beurteilen kann. Er liegt halb auf der Decke, halb auf dem Gras, seine Frisur sitzt und alles sieht gepflegt und angenehm aus, sogar in dieser Haltung.

Ich sehe das nur im Vorbeigehen. Ich starre da nicht hin, obwohl es mich schon etwas fasziniert. Denn es ist ja so, ich kann das nicht. Wenn ich mich irgendwo auf den Boden lege, etwa im Garten oder an der Alster, dann dauert es nur zehn Minuten und ein paar kleine Bewegungen, und ich sehe ganz gewiss nicht aus, wie aus einem Herrenmodenprospekt geschnitten, ich sehe eher aus, als hätte ich den Kompost untertunnelt. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber Natur haftet gerne an mir. Vielleicht ist das im Grunde sogar etwas Nettes, ich weiß es nicht. Ich werde bei Regen auch nasser als andere, wie ich aus jahrelanger Beobachtung weiß, es ist wirklich etwas seltsam.

So elegant und stylish an der Alster herumzuliegen – das kann ich jedenfalls vergessen.

Ich fühle aber längst keinen Neid mehr, über diese Phase bin ich hinaus. Und gewiss war der Wein eh längst zu warm. Bestimmt hat die Sonne die beiden geblendet. Sicher lag Hundekot unter der Decke und womöglich war sie überhaupt eine Ziege, es war auch, wenn ich so darüber nachdenke, gar nicht richtig warm und vielleicht doch noch empfindlich kühl von unten. Ich gehe da also ganz entspannt vorbei, ich fühle nichts.

Ich habe Urlaub, ich gehe an so ziemlich allem entspannt vorbei.

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3 Kommentare

  1. Es ist die knitterfrei auf dem Boden liegende Decke, die mich fasziniert – übrigens nicht nur in Ihrem Bild, sondern regelmäßig auch beim Picknick oder am Strand. Unsere liegen nach kürzester Zeit in einem Klump und sind mit Grünkram, Sand oder Erde dekoriert. Irgendwelche Tuppers oder alten Brottüten liegen dazwischen oder gucken aus der halboffenen Tasche, an Badetagen kommen noch verstreute Klamotten dazu. Mit Kindern sowieso, aber auch ohne.
    Na ja, man muss ja auch gönnen können.
    Ein wunderschöner Text, herzlichen Dank.

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