Lächeln und winken

Währenddessen sind die Schulinhalte immer noch wie früher. Ein Sohn schreibt eine Arbeit in NT, Naturwissenschaft und Technik. Auf Französisch, wie der andere Sohn gerade lernt, SVT, nämlich die Science vom Leben und von der terre. Wieder was gelernt, wieder was gelernt, ich lerne hier jeden Tag etwas, es ist so schön. Wobei sich SVT und NT nicht ganz entsprechen, ich weiß, regen Sie sich nicht auf. Man muss gerade bei Schulthemen immer gelassen bleiben, das ist ganz wichtig.

In NT müssen sie jedenfalls Laub bestimmen können, das gab es in der Grundschule auch schon einmal. Jetzt aber natürlich auf viel höherem Niveau, weswegen auch das Wort Blattspreit dabei vorkommt. Das ist ein wunderbares Wort, ich nehme mir sofort vor, es in einem Blogpost vorkommen zu lassen. Irgendwann einmal. Der Sohn muss auch Laubformen erkennen können. “Das ist ja leicht”, sage ich, “das kann ich, das kann ich.” Denn im Grunde meines Herzens bin auch ich ein Streber, ich lebe es nur nicht so offen aus. “Sag mir einen Baum, ich zeichne dir das Laub”, sage ich und lauere schon mit dem Stift in der Hand. Der Sohn sagt: “Holzapfel”, ich sage: “Nein, sag einen anderen.” Der Sohn sieht mich zweifelnd an.

Wir gehen dann doch lieber raus. Bäume sind draußen, was sollen wir da drinnen sitzen und in Bücher und Arbeitshefte gucken. Ab in die Natur! Frische Luft, Bewegung und Vatersohnzweisamkeit, das bedient gleich drei Wünsche auf einmal, wer kann dazu schon nein sagen. Wir gehen zur nächsten Kastanie am Straßenrand und stöbern durch die Blätter am Boden. Die Blätter machen größtenteils einen fortgeschritten überfahrenen, zugekackten oder zertretetenen Eindruck. “Früher”, sage ich, “früher war das Laub aber schöner.” Ich biege mir einen Zweig zum Krückstock und fuchtele damit herum. Wir nehmen das beste der schlechten Blätter mit und eilen der nächsten Eiche zu, wir sammeln ein weiteres lausiges Blatt und auch eine Frucht, die “einem napfförmigen Becher” entwächst, wie wir alle noch aus der Schulzeit wissen und jederzeit parat haben. Das ist eine Eichel, wer isst eine Eichel und warum eigentlich nicht wir. Exkurs über Wildschweine und das Eichhörnchen, der Sohn gähnt.

Dahinten steht eine riesige Platane. Platanen sind schwierig, die können wir uns nicht merken. Also die Rinde schon, glatt und mit so Tarnfleck, das ist einfach, aber das Laub? Fast so schwierig wie Ahorn, der auch noch in mehreren Sorten vorkommt, die sich nur in gemeinen Details unterscheiden, welche sich niemand merken kann. Und diese Platane hier, die hat also Ahornlaub. “Befremdlich”, sage ich und drehe ein Blatt in den Fingern, “sehr befremdlich.” “Ist es wie auf der Flagge von Kanada”, fragt mich der Sohn, und das hat er von mir. Immer schicke Merksätze verwenden, immer alles runterbrechen auf einfache Formeln. “Ja”, sage ich, “ganz eindeutig.” “Na dann”, sagt der Sohn.

Wir sehen uns die Rinde an, es ist eine Platane. Wir sehen uns das Laub an, es ist Ahorn. Der Sohn sagt wir könnten Platanen vielleicht lieber doch später googeln. 

Menschen gehen vorbei und lächeln uns zu. Wie wir da stehen und die Früchte der Bäume sammeln und im Laub stöbern, Vater und Sohn, das scheint ein geradezu lieblicher Anblick zu sein, alle lächeln uns zu. Ich lächele auch und winke, denn man muss das Gute immer verstärken, alte Regel. “Hier liegt auch eine Nuss”, sage ich, “eine richtige Haselnuss.” Die Nuss ist noch im Dings, also in dem grünen Dings, das bestimmt auch wieder einen Spezialnamen hat, den wir aber beide nicht wissen. Wenn man die Nuss aus dem Dings quetscht, dann tritt ungemein viel Wasser aus, das wusste ich nicht. Der Sohn quetscht und fragt, ob man damit irgendwas anfangen könne. Ich googele Haselwasser – umsonst, das gibt es nur als Schnaps, das ist etwas anderes. Aber es klingt sehr gut. Haselwasser, Haselwasser, das ist ein so dermaßen tolles Wort, man müsste etwas auf den Markt bringen mit diesem Namen, es wäre bestimmt ein Erfolg, aber man kommt ja zu nichts.

Ich googele, da ich schon das Handy in der Hand habe, auch gleich die Platane einen Meter weiter. Google sagt, die sei eine “ahornblättrige Platane.” Das ist doch unfair, denke ich, das ist ja wohl total unfair und was kommt denn noch, eichenblättrige Buchen und lindenrindige Ebereschen oder was, das kann man doch nicht alles lernen, wo kommen wir dahin. “Eberesche gleich Vogelbeere”, sagt der Sohn, da habe ich wohl laut gedacht. 

“Du weißt genug”, sage ich, “wir können zurück.”

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Dämlich vor der Tür

Vor ein paar Wochen hat ein Sohn seinen Haustürschlüssel verloren, was bei uns wegen der Sicherheitsschließanlage des Hauses ein größeres Problem ist, das ganz verblüffend teuer werden kann. Der Schlüssel tauchte dann nach ein paar Tagen wieder auf, es war aber bis dahin etwas nervenzerreibend. Kurz darauf schloss der Schlüssel des anderen Sohnes nicht mehr richtig, er klemmte und steckte fest, er ging nur noch, wenn man wild daran herumprobierte, als würde man gerade etwas ungeschickt bei uns einbrechen wollen. In der Woche danach war dann mein Exemplar dran, das Schloss hakte und ging manchmal nicht mehr auf, es wurde unangenehm spannend für mich, nach Hause zu kommen, mal kam ich rein, mal nicht. In den Jahren davor gab es hier nicht ein einziges Mal ein Problem mit irgendeinem Schlüssel.

Ich habe über diese nicht mehr ganz zufällig wirkende Häufung jetzt wirklich intensiv nachgedacht, und ich möchte den wie auch immer gearteten höheren Mächten doch ein wenig beleidigt mitteilen, dass ich die verdammte Türmetapher erstens einfach nicht verstehe, dass ich zweitens für meinen Geschmack nun ausreichend lange darauf herumgegrübelt habe, aber dummerweise einfach nicht darauf komme, wie das korrekt zu deuten ist. Und wenn diese Nummer jetzt im Ernst so etwas ist wie damals im Deutschunterricht das mit Kafka und dem Türsteher da, dann brauche ich jetzt bitte – genau wie damals! – einigermaßen dringend etwas hilfreiche Sekundärliteratur, denn ich stehe offensichtlich gewaltig auf dem Schlauch.

Und so viel steht jedenfalls fest, die Tür ist zu, die ist so etwas von zu, das ist es also nicht.

Ansonsten bin ich mir, Stand Montagnachmittag, noch nicht sicher, ob diese Woche ernst gemeint sein kann. Ich beobachte das weiter, während ich in geradezu unfassbarer Selbstbeherrschung den ersten Lebkuchen der Saison verzehre, nur einen wohlgemerkt, denn das packungsweise Vertilgen von Herzensternenbrezeln ist ernsten Zeiten vorbehalten und siehe erster Satz dieses Absatzes. Es ist kompliziert.

Ich habe das Interview von Günter Gaus mit Golo Mann bis zum Ende gesehen, daraus noch einen schönen Satz: Die Resignation ist eine schwere Versuchung für mich, der ich Widerstand leisten muss.“ Wer kennt es nicht.

 

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Links am Morgen

Die Links sind heute audiolastig, ich habe am Wochenende etwas Hören nachgeholt. Aber erst zweimal Text:

Der Zeit enthoben

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Schwimmende Kamele – ein langer Text, da sollte man sitzen dabei. Aber auch interessante Bilder, falls Sie gerade keine Zeit haben.

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Twitter und Facebook auf Abwegen (Audio)

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Der Mythos vom Verschwinden der Arbeit (Audio)

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Wolfgang Büscher über “Heimkehr” (Audio)

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Ein Interview mit Zoe Beck (Audio)

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Romy Schneider und Michel Piccoli. Hatte ich schon einmal, ich weiß, aber das war eine andere Aufnahme.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken, erstens für die überaus freundliche und dazu auch noch mit viel Aufwand verbundene Zusendung von „On looking“ von Alexandra Horowitz. Das ist Fachlektüre für Menschen, die um den Block gehen. Die Autorin hat ihren Gang um den Block in New York mit etlichen Experten gemacht und versucht, dabei von deren Kenntnissen zu lernen, sie hat sich mit Insektenforschern, Schriftkundigen, Kleinkindern, Ärzten und anderen Profis mehr unterhalten, jede und jeder natürlich mit einem ganz anderen Blick auf das, was da ist. Und darüber wollen wir ja schreiben, ne. Also ich jedenfalls.

Genau passend dazu kamen drei kleine Notizbücher von Field Notes, das sind solche, die in die Innentasche des Sakkos passen. Die sind auch wichtig, denn ohne die kann man ja nicht rausgehen. Also ich jedenfalls nicht. Ganz herzliche Dank für die Sendungen!

Vorderseite

Das Bild ist ein, zwei Wochen alt. Es war deutlich wärmer als es an diesem kühlen Herbstmorgen ist, an dem ich nun schreibe. Es war noch sommerlich da draußen und sommermodisch liefen die Menschen noch herum. Das hat sich mit dem heutigen Tag für Hamburg erledigt und ist nun Vergangenheit, der Sommer 2020 ist passé, been there, done that. Aber an diesem Tag, um den es hier geht – das war noch schönstes T-Shirt-Wetter, da waren die Annehmlichkeiten eines gelungenen Septembers noch überall zu spüren. Über der Schrebergartenanlage hing eine tief entspannte und ruhige Atmosphäre, einige Rosen blühten noch, das war also diese zögernde Stunde, von der man in den Gedichten liest und die Waage war angehalten.

Ich lag auf dem Rasen und sah so vor mich hin, denn ich beschäftige mich in diesem etwas seltsamen Jahr intensiv mit dem Nichtstun. Sie können in Ratgebern zur besseren Lebensführung oft lesen, dass man in jedem Jahr etwas lernen soll, und ich habe beschlossen, mich in diesem Jahr intensiv um Nichts zu kümmern. Also um das Nichts, um die leeren Momente, um die Pausen, um den Weißraum. Kein leichtes Thema, ich weiß, aber ich kann etwas tricksen, denn immer, wenn ich nichts mache, fällt mir etwas ein – und dann schreibe ich das einfach auf und mache dann zwar nicht nichts, aber die Ideen kommen doch aus dem Nichts und das will ich gelten lassen. Man muss sich Regeln erfinden, mit denen man gut leben kann. Wo war ich?

Ich lag da also auf meiner Liege in dieser ausgesprochen milden Nachmittagssonne, als das Eichhörnchen an mir vorbeiging. Das Eichhörnchen, das natürlich eines von vielen gewesen sein könnte, aber ich denke es mir immer als nur eines, als das Eichhörnchen vom Dienst, es ist ein personalisiertes Eichhörnchen. Es verhielt sich an diesem Tag etwas seltsam, denn es ging tatsächlich langsam. Das machen die sonst bekanntlich nicht, Eichhörnchen haben es immer eilig, man sieht sie nur springend, laufend, rennend, rasend, kletternd oder hüpfend, aber so ohne jede Eile schlendernd, das war ungewöhnlich. Es war, so schien es mir, tief in Gedanken. Es ging quer über den Rasen vom Weißdorn zur Weide und nickte mir im Vorbeigehen nur flüchtig zu, es hatte kein Interesse an Smalltalk oder Austausch. Es kletterte gemächlich die Weide hoch, auf der es gar nichts verloren hatte, da es dort nichts Eßbares finden würde. Es setzte sich dort oben aber auf einen Ast und sah weiter ausgesprochen nachdenklich aus, es arbeitete erheblich in seinem Kopf. Ich glaube eigentlich nicht, dass Eichhörnchen oft in Ruhe nachdenken, womit ich der Art aber keineswegs zu nahe treten möchte. Es war einfach ungewöhnlich.

Wäre es nicht schön, fragte ich mich, wenn man das auch könnte. Einfach umstandslos einen Baum hoch, wenn man mal gründlich nachdenken muss, und sich dann alles in großer Ruhe von oben besehen. Wir als Menschen denken ja mehr von unten her und dann auch noch in die Tiefe, der Ansatz ist vielleicht ganz verkehrt?

Ich lag da und sah hoch zum Eichhörnchen, das Eichhörnchen saß oben auf seinem Ast und sah über mich hinweg. Wir dachten uns beide unsere Teile und machten nichts und das Licht im Garten war ausgesprochen golden. An einem der untersten Äste der Weide waren ein paar Blätter, die wurden gerade gelb. Irgendwann sah ich wieder hoch, da war das Eichhörnchen nicht mehr da. Vielleicht aber sah auch das Eichhörnchen irgendwann runter, und ich war nicht mehr da. Wer wird es so genau nehmen.

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Das also auch noch

Ich gehe mit einer Freundin aus, wir gehen in eine Bar. Die Szene spielt noch in den Sommerwochen, bevor Barbesuche in Hamburg auf einmal nicht mehr empfehlenswert erschienen. Hinterm Tresen steht ein ausgesprochen unglücklich aussehender junger Mann in einem grauen Pullover. Ein verwaschener und seltsam konturloser grauer Pullover ist das, eine Jeans trägt er dazu, viel unauffälliger kann man nicht herumlaufen. So werden in deutsche Krimis Nebenfiguren angezogen, die ausdrücklich unbedeutsam sein sollen, die das Hintergrundgeschehen darstellen sollen, die eine halbe Zeile Text bekommen, und das ist dann schon viel. Sie schweigen aber auch oft, so wie dieser Mann da vor uns. Der steht da nur und guckt leidend. In eine Bar scheint er nicht recht zu passen, er wirkt eher so, als hätte man irgendwo anders gerade ausgeschnitten und dann fälschlich hier eingeklebt. Collagentechnik, so etwas macht man in der Schule irgendwann in Kunst, Verfremdungen, und manchmal ist das dann lustig.

Ich möchte mich darüber aber nicht lustig machen, keineswegs. Ich erzähle das nur, weil es war. Ich habe alles im Kleiderschrank, um das Outfit dieses Mannes täuschend echt nachzustellen. Und ich würde, je nach Tagesform, auch seine Ausstrahlung ganz gut hinbekommen, so viel schauspielerisches Selbstbewusstsein darf gerade noch sein.

Meine Freundin bestellt zwei Heißgetränke. Der Mann guckt betroffen. Heißgetränke, was soll ich noch alles machen, so sieht sein Blick aus. Meine Freundin macht etwas, was ich niemals tun würde, aber es wirkt bei ihr ganz natürlich, vielleicht auch ein wenig ironisch mütterlich, jedenfalls aber naheliegend. Sie beugt sich nämlich vor und fragt besorgt: „Ist es schlimm für dich, dass du das jetzt machen musst?“

Die Frage ist vollkommen berechtigt, so wie der eben noch geguckt hat. Der Mann ist jetzt aber beleidigt und guckt nicht nur unglücklich, sondern auch noch gekränkt. Unsere Heißgetränke macht er dennoch, widerwillig und langsam.

Er schiebt uns die Getränke hin, dann steht er wieder leidend da und guckt unbestimmt in die Gegend. Ein anderer Gast bestellt ein Bier bei ihm und da nickt er gottergeben, ja, ein Bier, ihm bleibt wirklich nichts erspart. Er sieht auf seine Uhr, der Abend ist noch lang.

Vor vielen Jahren, das war noch im letzten Jahrhundert und auf den Bürotischen lagen morgens also Zeitungen neben Aschenbechern, hatte ich im Büro mal eine Kollegin, die sang hinter ihrer Schreibmaschine oft leise vor sich hin. Man verstand es nur, wenn man direkt neben ihr stand, es war eine Art Mantra, wenn auch in Frageform: „Warum nur, warum muss alles so sein?“ Immer wieder sang sie das, ein fast tonloses Geträller für Eingeweihte. Und es war etwas im Blick dieses Mannes in der Bar – das Fragemantra fiel mir auf einmal wieder ein, ich hatte es längst vergessen. Warum ist es nur so und ist es schlimm für uns. Naheliegende Fragen.

Pardon, dieser Text hat gar keine Pointe, merke ich gerade. Warum nur, warum?

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