Links am Morgen

Christian ist sauer.

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Andere schreiben über Bäume.

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Auf Twitter wurden Tipps für Apps ausgetauscht, die manchen Tinnitusbetroffenen helfen, ein Hinweis (hier kam er her) bezog sich auf eine Seite im Browser, diese hier. Wenn Sie keinen Tinnitus haben, Sie dürfen das dennoch beruhigend finden. 

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Es taut unter Jakutien. Ein Reportagefilm (32 Min). Die Bilder vom Thermokarstkrater! Den hatte ich bisher nur auf Fotos gesehen, nicht in einem Film, der ist sehr beeindruckend und unheimlich.

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Apropos Tauwetter: You can never hold back spring.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci! 

Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken, und zwar mehrfach und besonders, denn es kamen gleich mehrere Geschenke vom Wunschzettel, nein, etliche sogar. Darunter auch mehrere Mangas für die Söhne, die herzlich grüßen lassen: „Leserinnen sind super.“ Vielleicht war es aber auch ein Leser, es lag einer Sendung kein Zettel dabei, aber Leser sind wie immer mitgemeint. Um dem Trinkgeldbericht etwas vorzugreifen, es kam auch Geld ausdrücklich für Mangas und wir haben hier eine weiterhin geöffnete Buchhandlung mit großer Mangaabteilung im Hauptbahnhof, es kam in der Folge also auch noch zu einem größeren Einkaufserlebnis der besonders freudigen Art, das gibt es ja heute kaum noch. Danke auch dafür noch einmal, danke auch für die anderen Geschenke, wir waren erstaunt und hingerissen. Oder wie die Söhne sagten: „Los, Papa, schreib schnell noch was.“

Ich bin etwas spät mit diesem Dank, das tut mir leid. Es ist nach wie vor etwas schwierig mit dem ganzen Home-Everything, es hält etwas auf. To say the least.

Vorderseite

Ich möchte heute der Bob Ross unter den Bloggern sein, ich möchte mit Ihnen ein Bild malen. Eine Kunstpostkarte! Das hatten wir noch gar nicht. Es wird, das liegt im Moment nahe, ein Schneebild. Schnee kommt hier kaum vor, ich berichtete. Aber jetzt gerade, jetzt haben wir Schnee. Für unsere ärmlichen Verhältnisse sogar viel davon, mehrere Zentimeter, und sie liegen da so herum, wie es bei Schnee üblich ist, aber üblich ist das eben längst nicht mehr in dieser Gegend.

Unser Motiv liegt vor meinem Küchenfenster, an das ich frühmorgens trete, sobald man draußen etwas erkennen kann, sobald es etwas hell wird, dann sehe ich nämlich nach, was mit der Welt ist. Ich sehe vom Küchenfenster runter auf den Kirchhof, aber das ist für unser Bild egal. Ein Kirchhof wäre ja auch viel zu kompliziert, wir wollen es einfach halten, ich sehe also nur auf eine weiße Fläche. Alles weiß da, das kann jede, Schnee ist simpel. Die Spielgeräte, den Zaun und das Mäuerchen, das denken wir uns alles weg, auch den Basketballkorb und den riesigen Findling, sogar die Kirche und die Straße daneben denken wir uns komplett weg, da ist nur eine große Fläche, ein Hof eben. Und wir gucken so auf unsere weiße Fläche und dann wieder nach draußen und denken uns: So stimmt das aber gar nicht. Denn es ist früh am Morgen und das Weiß da ist keines, das haben wir nur vom Schnee abgeleitet, weil man den immer als weiß benennt. Das ist aber in Wahrheit irgendwie – ja, wie? Dezentblau, schwachgrau, atmosphärischlila? Das schwingt da alles mit und Sie rühren da jetzt bitte was zusammen und verteilen das zügig über den ganzen Hintergrund. Das kann ruhig strukturlos sein, denn eine Struktur ist beim besten Willen nicht zu erkennen, auch nicht auf den zweiten oder dritten Blick. Eine geschlossene Schneedecke ist das. Blauschimmernd, einigen wir uns darauf.

Und dann! Die große Eiche in der Mitte des Bildes, nichts mit goldenem Schnitt heute. Ein mutig hingepinselter schwarzer Stamm, der kann ruhig etwas Kawumm haben, der dominiert das Bild etwas mackerkhaft, der wird dick aufgetragen. Dann die Äste, die mächtigen Äste vor allem. Haben Sie eine Eiche im Winter vor Augen? Die unterscheidet sich von anderen Bäumen nicht unerheblich. Wenn Sie sich vorstellen, die Eiche wäre beweglich und das Bild, das Sie da gerade sehen, wäre ein erstarrter Moment aus einem Schwung heraus – haben Sie mal diese Zeitraffer gesehen, die es von wachsenden Pflanzen gibt? Von Bohnen etwa? Das hat etwas von Ballett, wie die sich grazil und elegant irgendwo herumranken, es ist ausgesprochen bewegungsschön. Die Eiche dagegen! Nix von Ballett, eher expressionistischer Ausdruckstanz. Die Gliedmaßen in einigermaßen erstaunlichen Positionen, das sieht dramatisch aus. Würden sich Eichen schnell bewegen, sie würden herumfuchteln und Äste ringen und Muskeln zeigen. Also bitte, die Äste mit etwas Zack und Verve, sonst ist es keine Eiche.

Bis dahin ist es immer noch einfach, die helle Fläche, der schwarze Baum. Aber wenn wir jetzt noch einmal hinsehen, dann sind die Äste alle schneebedeckt und eigentlich sind sie nur halb zu sehen. Wie aber sehen wir das eigentlich? Wo der Schnee doch so aussieht, wie die Fläche dahinter. Wir sehen einen halben Ast und nehmen einen ganzen wahr, wie genau geht das. Hat der Schnee auf den Ästen eine andere Farbe als der Schnee dahinter? Errechnet unser Hirn die Wahrscheinlichkeit einer Astform, auch wenn er nur halb da ist? Das ist schwierig, sehr schwierig. Man kann noch so oft hin- und hersehen, Schnee auf Ästen ist kein Anfängerniveau. Schnee auf Ästen ist in Wahrheit scheißschwer.

Sehen Sie, ich trickse da aber jetzt, ich punkte den Schnee so auf die Äste, dann wird es wieder leicht. Schneegesprenkel, das kann wieder jeder. Puderzucker, an der einen Seite des Stammes mehr als an der anderen, versteht sich, und da ist dann Osten, von da kam die ganze Pracht. Auf dem wüstesten und dicksten Ast der Eiche aber sitzt eine Elster. An der können Sie jetzt verrückt werden, denn malen Sie mal eine schwarzweiße Elster in einen schwarzweißen Baum vor einem weißen Hintergrund, also wirklich, das führt hier etwas zu weit, ich sehe es ein.

Ich sage Ihnen aber eben noch, wie es weitergegangen wäre: Die Elster flog auf, als ich das Fenster öffnete, und der Schnee von dem Ast, auf dem sie saß, zerstob zart unter ihr und rieselte am schwarzen Stamm entlang langsam zu Boden, wo er im liegenden Schnee verschwand und für uns, für die Betrachter, augenblicklich nicht mehr war. Schnee auf Schnee, Weiß auf Weiß.

Das ist alles. Nur eine Elster, die am frühen Morgen von einem schneebedeckten Baum abhebt. Es erinnert etwas an japanische Kunst, nicht wahr: Ein im Grunde schlichtes Motiv, aber doch unfassbar schwer in der Ausführung. Und wenn man zehn Jahre lang die Elster übt, dann stimmen vielleicht endlich ihre Schwanzfedern nach nur einem Pinselstrich.

Bis zum Stamm kamen Sie aber noch mit, ja? Na, immerhin.

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Links am Morgen

Tante Friedel – ein Feature von Lorenz Rollhäuser (Audio, 53 Minuten). Zwischendurch sehr traurig, Obacht. 

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Warum der Staat kein Rettungspaket für Arme schnürt.

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Lang, schulspezifisch und tiefer schürfend: Dimensionen der Bildung. Vom Flächenland der Buchkultur ins Raumland der Digitalität. Gefunden via Heike Flemming auf Twitter

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Da mal drüber nachdenken

Ein Sohn hat eine Frage in der Homeschool. Ich kann sie sofort und aus dem Stand beantworten, wie so ein gebildeter Mensch. Das ist immer schön, das ist ein erhebendes Gefühl. Also zumindest kurz. Ich frage, ob er vielleicht eine Eselsbrücke braucht, um sich die Antwort künftig besser merken zu können. Ich bin nämlich sehr gut darin, Eselsbrücken zu finden, es ist wirklich eine Spezialbegabung von mir. Der Sohn sieht mich an, wie Mr. Spock drollige Lebensformen mit viel Körperbehaarung auf abgelegenen Planeten angesehen hat und sagt: „Papa. Man kann sich Sachen auch einfach so merken.“

Ich gehe leise und rückwärts aus dem Kinderzimmer. Ich setze mich wieder an meinen Computer und gebe das Passwort ein, das ich mir nur merken kann, weil … ach, lassen wir das.

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Wie lange ich schon keinen Rollkoffer mehr gehört habe – das immerhin ist doch schön an der Pandemie. Niemand rollkoffert mehr morgens um 5 an unseren Fenstern vorbei zum Bahnhof und weckt dabei die ganze Straße. Und ich höre auch keine betrunkenen Fußballfans mehr, die nachts die Straße entlang grölen und sich brüllend immer wieder versichern, wie toll sie sind, um sich schließlich an Laternen zu übergeben. Oh ja, wir wollen Vorteile sammeln, Pandemiegewinne. Was noch? Ja, was noch. Da mal drüber nachdenken. Irgendwann.

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Wenn ich aus dem Küchenfenster sehe, befindet sich ganz am Ende des Blickfeldes eine Kneipe. Die ist selbstverständlich geschlossen, da ist kein Licht an. Über der Kneipe sind mehrere Büros, Kanzleien und Agenturen und dergleichen. In denen ist auch niemand. Da ist alles dunkel, das ganze Haus ist nicht beleuchtet. Es ist 19:14, es ist eine Winternacht. Ich sehe die Kneipe also gar nicht. Ich sehe sie doch. Ich sehe sie, weil ich weiß, dass sie da ist. Das Stück Dunkelheit da. Das muss sie sein.

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Rummeroma

Auf einem Zettel in einem Schaufenster, es geht in dem Text um Impfungen, glaube ich, steht: „Nie wieder 2020!“ Das geht zwar auch als Satire durch, ist aber ansonsten eine Forderung, die ich ausdrücklich unterstützen möchte. Und das Gute ist ja, nach meinem kalendarischen Wissen geht das formal auch klar. Es sei denn, jemand drückt einen ziemlich fundamentalen Reset-Knopf. Inhaltlich aber – zu retten, ach, zu spät, es ist alles noch einmal da. Manchmal kommen sie wieder.

Auf einer Kalender-App auf dem Handy poppen mit lustigem Ping die Sporttermine der Söhne auf. Die wische ich weg, zack, erledigt. Da, noch zwei weitere Familientermine, die wegen der aktuellen Situation ebenfalls nicht stattfinden können: weg damit. Die App befindet, dass es total super sei, was ich alles erledige. Der Bildschirm zeigt mir ein Krönchen, ich bin der King der To-Dos. Ja, denke ich, wer kann, der kann!

Ich mache das Radio an, Corona-Zahlen. Ich mache Twitter auf, Corona-Zahlen.

Ich mache Home-School. Ein Sohn ist hier mathematisch auf eine seltsame Art begabt und rechnet mir etwas vor, das ich vollkommen absurd finde. Es ist irrsinnig kompliziert, aber er findet es einfach, er sieht das so vor sich. Ich wünschte, ich würde es auch vor ihm sehen. Ich sage, das geht doch auch einfacher, und zwar so, guck mal. Ich zeige ihm das. Er sieht mich an, er zweifelt, und nicht zum ersten Mal. Er weiß es besser, und er hat Recht. Kein Tag ohne Demütigung, und sei es im Matheunterricht am Küchentisch.

Ich gehe einkaufen. Unterwegs entgleitet mir auf einmal die Contenance, ich brauche sofort Stützschokolade, dringend, jetzt. Ich kaufe Rumtraubenuss, das hilft in solchen Fällen am besten. Ich atme die Tafel ein. Es ist der Rumgeschmack, glaube ich. Als ich Kind war (als das Kind Kind war, ja, ja, das werde ich nie mehr los, gottverdammt) buk meine Mutter so gut wie jeden Tag einen ganz einfachen Kuchen, in dem war Rumaroma. Rummeroma, für mein kindliches Verständnis. Kleine Ampullen mit Rumaroma, ich nehme an, die sehen heute noch genauso aus wie damals, aber sie sind mir etwa seit dem zwölften Lebensjahr nie wieder begegnet. Meine Mutter hörte dann auf, diesen Kuchen zu backen, sie mochte ihn eh nicht. Kuchen mit Rummeroma und Sahne, jahrelang gab es den. Lange nicht mehr daran gedacht.

An kalten Wintertagen, die es damals auch im Norden noch gab, haben die erwachsenen Männer manchmal, wenn sie von der Arbeit draußen nach Hause kamen, Grog getrunken. Rum muss, Wasser kann, Zucker darf, oder wie das damals hieß. Dampfende Gläser, in denen man mit Glasstäbchen rührte, es klingelte vergnügt. Braun, süß und gut.

Ich habe heute so einen Tag, ich weiß auch nicht. Ich möchte mit anderen Bloggerinnen draußen arbeiten, ich möchte draußen hart schreiben. Ich möchte in der Kälte sein und etwas Anstrengendes tun. Dann endlich zum Feierabend reinkommen und sofort Grog serviert bekommen. Heiße Gläser in eiskalten Händen, es muss ein wenig wehtun. Ein Grog, zwei Grog, drei Grog, und die Runde – die große Runde! – wird schnell immer fröhlicher. Lachende Gesichter, die Älteren erinnern sich. Der Raum wird in kurzer Zeit so dermaßen vollaerosolt, man macht sich gar keinen Begriff.

Ich sehe die spärlich bestückte Hausbar in der Wohnung der Gegenwart durch, wie haben keinen Rum im Haus. Schade eigentlich.

Ich denke an damals und es tut kurz weh, obwohl es damals gar nicht schön war. Oder es war vielleicht doch schön, das kann auch sein, aber ich fand es nicht schön. Nicht durchgehend jedenfalls. Guck, der Lütte, was hat er wieder. Elendes Kleinsein, ich habe es gehasst. Aber Rummeroma war schön. Ich habe immer an diesen Ampullen geschnuppert und die Schüssel mit dem rohen Teig aus- und die Rührstäbe vom Mixer abgeleckt. Ich möchte wieder Rumaroma riechen. Hurra, ich regrediere, reduce to the Max.

Los, lass dich ein, es war am Ende doch alles schön. Tu nicht so abgehoben, du bist es nicht. Der Klang der Gläser mit diesen Stäbchen drin, natürlich war das schön. Kaminfeuer dabei, sehr schön, gar keine Frage. Nie wieder einen Kamin gehabt seitdem. Schlimm. Kaminfeuer war sehr schön, jeder einzelne Holzscheit ist wunderschön verbrannt, und wie gerne habe ich das gesehen. Das Nachglühen, das Aufflammen, das Verlöschen. Das war so das Unterhaltungsprogramm am Abend, wir hatten ja nichts. Schon schön! Sogar die braunen Cordsamtsessel im Wohnzimmer waren schön.

Nein, waren sie nicht. Meine Güte. Die Pandemie schlägt einem allmählich doch etwas auf das Seelchen, nicht wahr.

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