Links am Morgen

16 Mythen und Fehlannahmen

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Sue Reindke hat ein neues Blog und denkt öffentlich. Da kommt was, ruhig mal mitlesen.

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Der Stoff ist tot. Vieles dabei, das ich in letzter Zeit ähnlich angedacht habe.

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Eine Doku über den Boléro von Ravel mit sehr schönen Tanzszenen – ich kannte das nicht getanzt, Banause, der ich bin. 

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci! 

Am nächsten Morgen dann

Am nächsten Morgen dann (das Blog geht tendenziell nach, nehmen Sie die Zeitangaben hier bloß nicht wörtlich) ist es auf einmal viel wärmer draußen. Jacke auf, Schal ab, Mütze runter, alles falsch, ganz falsch, Luft, mehr Luft! Pulloverwetter, sich alles vom Leib reißen und anders atmen. Es ist auch heller, und dann ist da noch so ein Geruch. Es weht ein anderer Wind, es singt eine Amsel einen einzelnen Ton, so einen Ton, wissen Sie, der fährt einem jäh ins Herz. Also nicht nur mir Sensibelchen speziell, auch Ihnen im Allgemeinen, sogar den beinhart Verstockten unter Ihnen, ich bin da recht sicher. Es durchbebt uns Wintermenschen seit allen Zeiten, wenn wir so etwas hören. Es fasst uns an.

Ich gucke die Straße runter und wittere. Die aufgehende Sonne streift gerade die Dachrinnen und Giebel, ein ganz schmaler Streifen prachtgoldene Litzen oben an den Häusern. Ein Geruch nach Wetter und Stadt und Wasser und Erde, ein Geruch und Gefühl, als würde sich etwas regen und bewegen, etwas riesenhaft Großes. Aufregend riecht das.

Das alles nur zwei Minuten lang, mehr Zauber gibt es nicht. Dann frischt der Wind kalt auf, dann zieht sich der Himmel wieder zu, dann übertönt das Rumpeln der Müllabfuhr alle Geräusche, dann überdeckt der Käsestand auf dem Markt alle Gerüche. Old Amsterdam heute im Angebot und der Käsemann sagt bei jedem Kunden zu jedem Käse: „Das ist ein richtig guter Käse!“ Ich kaufe richtig guten Käse, wie alle hier.

Aber doch, ne. Es war da so ein besonderer Lichtstrahl, ich habe ihn gesehen.

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Durch umtriebiges Wirken des KGBs (Kleines Geheimes Blognetzwerk) steht hier jetzt die Gesamtausgabe aller Folgen von „Der Doktor und das liebe Vieh“. Es war eine Aktion mit Kurierdiensten, unbeobachteter Übergabe im dunklen Treppenhaus und, ganz wichtig und für die Söhne sehr aufregend, einem durch die Gegensprechanlage gerufenen falschen Namen, hier ist James Herriot. Die große weite Welt. Es war eine richtig gute Aktion, vielen Dank an alle Beteiligten in den diversen Teilen des Landes. KGB niemals unterschätzen, alte Regel.

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Durch weiteres und wundersames Wirken steht hier jetzt auch ein frisch geliefertes Bild von Rasmus Hirthe, Menschen am Strand. Das Bild sah ein Sohn im Wohnzimmer stehen und war dann, das war sehr schön, vermutlich zum ersten Mal im Leben völlig geflasht von Kunst. Also davon, dass das jemand mit der Hand gemacht hat, gemalt hat, in so groß, in so gut, ein richtiges, ein echtes Bild! Kunst! Auf Leinwand auch noch! In einer Wohnung, nicht in einem Museum, wie toll ist das denn. In seiner Wohnung sogar. Wir spielen hier jetzt Wanderausstellung. Das Bild hängt erst einmal kurz in seinem Zimmer, wird dort vermutlich gründlicher gewürdigt als in jeder Galerie und wandert später erst an seinen endgültigen Platz.

Begeisterung immer nach Kräften unterstützen, auch das eine alte Regel. Vielleicht eine der wichtigsten, wenn man Kinder hat. Du interessierst Dich für dies oder das? Hier, sehr viel davon, nimm.

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Guten Morgen

Der Januar nähert sich allmählich dem Ende und in etlichen Wohnungen, in manchen Geschäften, sogar in den großen Einkaufsstraßen hängt noch immer die Dekoration aus dem Dezember, ist also noch Dezember. Tannenbäume in vollem Ornatgeglitzer, die noch immer in Wohnzimmern stehen, ich kann das im Vorbeigehen durch die Fenster sehen. Elektrokerzengefunkel, bunte Kugeln, das ganze Programm. Nicht stille Nacht – stille Nächte, im extended Plural.

Weihnachtsverschleppung. Es geht einfach nicht voran, es hängt und klemmt. Wie die Söhne sagen würden: Alles laggt, die ganze Welt ist buggy und lädt nicht.

Nichts fängt an, nichts wird geplant. Erst einmal alles so lassen, auch den Lockdown. Was nicht geht, einfach trotzdem machen, irgendwie machen. Aber wo es doch gar nicht geht? Hallo? Egal. Aufstehen, irgendwas mehr schlecht als recht machen, wieder hinlegen. Morgen wieder.

Wie sehr man sich sonst immer nach vorne gefreut hat, das fällt auch auf. Immer Ziele im Blick gehabt, wirre Wünsche zumindest, irgendwelche Vorhaben. Und jetzt ist da nur dieser große Stein, der da auf einmal herumliegt, wer hat den eigentlich bestellt. Okay, den rollen wir mal ein Stück bergauf. Ohne rechte Zuversicht, aber guck, er bewegt sich doch, mach mal mit, fass mal mit an. Am Abend lassen wir den dann oben liegen – oder was, wir wissen es doch auch nicht, wo gehört der eigentlich hin. Am nächsten Morgen gleich nach dem Aufwachen mal nachsehen, wo er liegt, ob der oben geblieben ist. Wenn er wieder unten liegt, gleich noch einmal versuchen, ob man den rollen kann. Stets bemüht! Aber erst einmal nachsehen. Ohne Hoffnung, ohne Angst, ohne Drama, Baby, nur nachsehen, ganz sachlich, mehr nicht. Wir stellen das erst einmal nur fest, wo der heute liegt. Mit so einem Arztblick, wenn der vorsichtig und beruhigend sagt: „Ich gucke erst einmal nur.“ Dann erst weiter.

Ein Schritt nach dem anderen. Kaffee. Toast. Zähne putzen. Stein.

Guten Morgen.

Ach guck, da liegt er ja.

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Superpatent

Der Kinderarzt fragte, ob die Söhne Sport machen. Da gibt man dann komische Antworten, denn ja, sie machen Sport, und wie, aber der findet nicht statt. Seit Monaten nicht. Sie machen also theoretisch Sport. Ab und zu erinnere ich sie daran, dass sie in Sportvereinen sind, dann nicken sie flüchtig. Das war damals. Im März wird Corona ein Jahr alt, ein großes Stück Kindheit. Ihre Bilanz wird durchwachsen ausfallen, glaube ich. Es gab auch Vorteile aus ihrer Sicht, große sogar. Dann denke ich an die, die etwas älter als meine Söhne sind, an die fortgeschrittenen Teenies, die gerade ihre erste Liebe erleben, mit Abstand und Maske und dennoch. Darüber kann man später Romane lesen. Viele.

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Im Badezimmer steht ein Fleckenentfernungsmittel, auf der Packung steht “Denk mit“. Das regt mich auf, wieso fordert mich diese Packung zum Mitdenken auf, die ist nicht einmal belebt, maßt sich aber an, mir Appelle zu senden, was soll das. Ich sage „Denk doch selber!“ Man muss sich wehren, überall muss man sich wehren und standhaft aufrecht bleiben. Resilienz! So wichtig. Sich von so etwas nicht beeindrucken lassen und nicht angegriffen fühlen. Nicht einmal ignorieren! Ich stehe im Badezimmer und rede mit Pappschachteln, fällt mir auf, von wegen Resilienz. Ich gucke schnell in den Spiegel und gucke kritisch. Das hilft. Kurz.

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Wobei ich eigentlich mittlerweile glaube, dass unser Denken, auf das wir so stolz sind, nur eine reine ABM-Maßnahme unseres allzu leistungsfähigen Hirns ist. Das ist ja nur so irre leistungsfähig, weil wir damit überlebensfähig wurden, vor zig Jahrtausenden, aber heute ist Überleben dermaßen einfach und billig, wir denken nur noch tagesfüllend in der Gegend und im Kreis herum und bilden uns etwas darauf ein, dabei ist das alles nicht mehr als fortwährender Übungsbetrieb, damit die Neuronen nicht rotten.

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Ich habe für einen kleinen Text eine Deadline im November, und wenn ich mich ganz still hinsetze und ruhig atme, dann kann ich sie fühlen. Hypersensibel! Immer geahnt. Aber das also auch noch.

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Ich setze mich auf das absurdgrüne Sofa, auf dem ich jetzt wohne. Ich habe da jetzt so oft gesessen, niemand traut sich mehr auf diesen Platz, alles meins, meins, meins. Ich mache Möwengeräusche und sitze gründlich. Ich mache ansonsten überhaupt nichts, das ist sowieso das Revolutionärste, was man machen kann. Ich folge keiner Werbung, keinem Programm, keiner Ideologie, keiner Verlockung und keinem Befehl. Ich sitze und denke verwegen. Ich lasse mir das rote Barthaar stehen, könnte ich den ollen Degenhardt zitieren, aber mein Bart ist gar nicht rot, obwohl ich doch Vater bin, aber das war ja Schnurre. Es ist kompliziert.

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Ich koche Essen für die Familie. Dabei habe ich eine seltsame Anwandlung, ich fühle, ich ahne – ich werde auf einmal superpatent. Ich beschließe umgehend, gleich zwei Mahlzeiten zu kochen, eine auf Vorrat. Gestandener Hausmann! Ich rühre grinsend im Topf, das ist ein guter Tag. Ich parke den einen Suppentopf hinterher erst einmal auf dem Balkon, denn es ist kalt genug, da kann etwas anderes in den Kühlschrank. Der Platz ist hier knapp mit all den Personen, die dauernd essen und trinken. Nach vier Tagen fällt mir die Suppe wieder ein. Sie hat sich ein Mützchen aufgesetzt und riecht nicht mehr so gut. Doch wieder leichte Zweifel an der Zuschreibung „superpatent“. Schlimm.

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Links am Morgen

Über die Schulen und den Normalzustand

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Die verpasste Chance

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Mehr über den Wellerman

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Über Corona und die Moral

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