Januvember

Seit Mittwoch habe ich nichts geschrieben, ein gutes Zeichen ist das natürlich nicht. Es war nichts Schlimmes, es war nur zu wenig von allem, vielleicht kennen Sie das Gefühl. Nagende Unzufriedenheit, dumpfes Durchhalten, nein, es war keine gute Woche. Aber wir hatten es doch schön warm und es gab gutes Essen, ja, ja. Die Söhne waren zwischendurch beim Kinderarzt und wurden dort gecheckt und gewartet, Sohn I ist jetzt offiziell größer als die Herzdame.

Moment, ich mache Ihnen noch eben Musik zum Lesen an. Ich höre viel Musik, nur um solche Stücke zu finden, die mit einem Einfall wie diesem beginnen:

„I read a story about a coal fire
That burned for 80 miles underground
Under rivers and across the state line
Without a flame, without a sound.“

Ich halte das für einen schlichten, aber doch verdammt guten Anfang. Jeffrey Martin, es gibt noch weitere gute Stücke von ihm.

Der Wetterbericht bleibt denkbar langweilig. Es ist eine Winterphase von erheblicher Betrübnis und Ödnis, und unangenehm lang ist sie auch noch, keine Neuerung kommt in Sicht. Mal sprühregnet es, mal sprühregnet es nicht, das ist so die Abwechslung. Am Morgen sind immerhin kleine Veränderungen in Luft und Licht zu bemerken, zu ahnen eher nur, jedenfalls wenn man stets bemüht hinfühlt. Dezente Aufhellungen und Erweiterungen im Grau, der Vorhang des Januars hebt sich in Zeitlupe und gibt den Blick auf den etwas lichteren Februar frei, am späteren Vormittag ahnen wir ganz oben sogar so etwas wie Blau. Schneeglöckchen blühen bleich im Beet vor der Haustür und im Fenster des Blumenladens – „Wir sind täglicher Bedarf!“ – geht es immer bunter zu. Korallenblumen, die hatten wir noch nie. Zweige mit Kätzchen zu Preisen, vor denen ich lachend stehen bleibe, sind denn jetzt alle verrückt geworden.

Auf einem Plakat an einer Laterne wirbt einer von der CDU, der möchte sich um die Innenstadt kümmern. Ich habe seinen Namen noch nie gehört und schon nach drei Schritten wieder vergessen, was interessiert mich die CDU.

Ein Laden schließt wegen Corona und macht erst unbestimmt irgendwann wieder auf, der Betrieb lohnt sich im Moment nicht mehr, sagt der Chef den Medien. Bei einem Restaurant ein paar Meter weiter werden die Öffnungszeiten noch einmal verkürzt, bei einem anderen werden sie gerade geändert, und schon wieder kleben neue Zettel in den Fenstern: „Sie können sich nebenan testen lassen!“ In ein Eiscafé ist über den Winter ein Testzentrum eingezogen, das ist ein saisonaler Wechsel der neueren Art. Immer noch gibt es an einigen Kneipen Werbung für Glühwein, für Hot Aperol und für Punsch. Beim Kiosk stecken im Postkartenständer vor der Tür noch „Besinnliche Weihnachtsgrüße“, die wird wohl niemand mehr kaufen. Verspätete Tannenbäume liegen abgetakelt am Straßenrand, bereits von allen Hunden des Stadtteils bepinkelt.

Links und rechts vom Kirchenportal steht das Wort Liebe in mannshohen bunten Großbuchstaben. Das L, das I und das E links von der Tür, das B und das E rechts davon. Eine Frau stellt sich vor die Tür und zwischen die Buchstaben. Sie stellt sich in die Liebe, sie formt ein Herz mit den Händen und lässt sich so von ihrer Familie fotografieren, lächelnd, strahlend. Dann ist ihr Mann dran: „Komm, stell dich auch mal da hin!“ Dann die Teenagerkinder, beide zusammen und Arm in Arm, sie machen die Geste gemeinsam, er eine Hand, sie eine Hand, Bruder und Schwester. Herzchen, Herzchen, Herzchen. „Das ist doch schön“, sagt die Frau zufrieden, als sie die Handyfotos sichtet, und die Meise auf dem Spielplatz hinter der Kirche singt dazu etwas, das vermutlich auch mit großen Gefühlen zu tun hat.

In den Medien sehe ich mehrere Artikel, die sich damit beschäftigen, wie die Welt nach Corona sein wird, ob die neue Normalität die alte Normalität sein wird oder eine andere und wenn, dann welche. Die Überschriften ähneln sich so, dass ich mich einen Moment frage, ob ich den gleichen Tab immer wieder anklicke, aber es sind doch verschiedene Artikel. Ich habe dazu keine Meinung. Ich gehe einfach raus und sehe nach, wie es da ist, und wenn ich etwas bemerke, das anders geworden ist, dann schreibe ich es auf. Ich habe auch keine Pläne oder Hoffnungen, es fühlt sich für mich noch nicht danach an. Einfach weitermachen, wie ich auf Twitter oft schreibe. Es klingt immer wie ein Scherz, nehme ich an, aber es stimmt schon.

Ich blättere durch einen Gedichtband mit Januar-Gedichten. Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik zur Jahreszeit aus der sowieso empfehlenswerten Reclam-Reihe (kein Werbelink, nein). Es gibt da zu jedem Monat einen Band, ich lese oft in den schmalen Büchern und finde immer Neues. Wo der Blick eben hängenbleibt. Aber so gut wie kein Gedicht passt zu diesem Januar da draußen, stelle ich fest, es ist etwas aus der Ordnung geraten. Es ist ein Januar ohne jeden Neujahrsoptimismus, ohne große Wünsche, abgesehen von dem allgegenwärtigen Wunsch des milden Verlaufs. Es ist in Hamburg auch ein Januar ohne Frost, ohne Schnee, ohne jede Wintergemütlichkeit auch, wir waren alle zu lange zuhause. Die Gedichte für diesen Januar müsste man erst schreiben. Nein, die ganze Sammlung passt nicht. Ich müsste zum Novemberband greifen, um das wiederzufinden, was der Stimmung in diesen Wochen und dem Grau vor den Fenstern am frühen Abend entspricht. Ich müsste Januar und November aufeinanderlegen und remixen, Januvember, Novembuar.

Egal. Nächster Band Februar, ich werde berichten.

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Es gab Kötttbullar. So in etwa. Oder wie die Söhne sagen: Das mal öfter machen.

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Schöne graue Bäume.

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Die Herzdame backt und backt währenddessen und wir versorgen weiter die Kranken und Bedürftigen im Umfeld. Resilienzmaßnahmen mit Kalorien.

 

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3 Kommentare

  1. Die Probleme mit den Januargedichten habe ich aktuell auch. Erst gestern habe ich meinem Mann mitgeteilt, dass der Januar im Gedichtsheft nicht, aber auch gar nichts mit meinem diesjährigen Januar gemeinsam hat und ich vielleicht in den November ausweichen müsste. Sonst passt das in der Regel sehr, sehr schön mit den Gedichten zum jeweiligen Monat. Ich überlege, ob man nicht vielleicht mal aktuelle Januargedichte schreiben sollte….

  2. Ich sehe um mich herum auch viel Frust, Müdigkeit, Wut, Resignation über unsere derzeitige Realität. Auch mich überkommen diese Stimmungen gelegentlich. Aber dann denke ich oft, vielleicht müssen wir einfach anders hinsehen. Vielleicht ist der ganze Frust ja auch übersatte Bequemlichkeit. Wir passen uns nicht gut an neue Situationen an, wollen immer das, was wir hatten.
    Das neue Normal wird nicht wie das alte sein, da bin ich mir absolut sicher, weil wir die Erinnerung an die Pandemie zwischen den beiden mit in das neue Normal schleppen. So viele Einschränkungen, so viel Leid, so viele Tote, das schütteln wir nicht einfach ab. Aber wenn wir hinterher eine neue Zufriedenheit und Leichtigkeit wollen, dann müssen wir an uns arbeiten.

  3. Liebe PaulineM, für viele Menschen ist das momentan keine übersatte Bequemlichkeit, die sie vermissen. Ich denke, alleine mit schulpflichtigen Kindern ist die Pandemie ’ne ganz andere Nummer. Und wie viele sind in Existenznöte geraten? Dagegen ist ein eingeschränktes Freizeitverhalten wohl eine Lappalie.

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