Lange irgendwo hinsehen

Heute höre ich, morgen lese ich, übermorgen schreibe ich dem Blog einen neuen Beitrag.

Ich höre Dumala von Keyerling, es ist erlesen schön, geradezu meisterhaft und es fällt viel Schnee, das kühlt in langen Fieberphasen auch etwas den Coronahasen. „So geht man liebevoll durch den hübschen Abendschein, und einer legt dem anderen seine Lügen ans Herz.“ Ein Buch mit einer lapidaren Liebesgeschichte und einem nur fast ausgeübten Kapitalverbrechen, ein Buch über Menschen, die wenig verstehen und sehr viel zu verstehen meinen, ein Buch über Menschen wie wir. Es endet mit grandiosen, eiskalten Sätzen, sie sind so desillusionierend wie das Älterwerden, das Rauswachsen, das Vernünftigwerden selbst.

Ich lese „Wer wir sind“, das ist von Lena Gorelik. Ein sprachlich schönes Buch, sehr gelungen, nehmen Sie sich das doch auch vor, es lohnt sich. Wie ich überhaupt empfehlen möchte, Bücher bereit zu legen, Bücher, nicht Essen. Ich habe keinen Hunger, ich schmecke nichts, also tatsächlich überhaupt nichts, das nimmt den Appetit, das macht Essen egal und beiläufig und zu einer Sache der bloßen Vernunft, ab und zu etwas kauen, muss ja, aber es ist ganz gleich, was es ist.

Essensvorräte sind überschätzt. Also in meinem Fall, aber wer weiß, vielleicht gilt es auch für andere. Sorgen Sie sicherheitshalber für Bücher, wenn Sie die Infektion noch vor sich haben, wenn Sie sie also morgen erst erwarten, übermorgen, was weiß ich. Wenn ich die Meldungen aus dem Umfeld richtig deute, kann es viel länger nicht mehr dauern. Das Land legt sich hin, das Land wird krankgeschrieben, dem Land geht es gar nicht mal so gut. Von Betrieben höre ich, von Abteilungen, Kliniken und Klassen – da geht jetzt nichts mehr, einfach gar nichts, es ist niemand mehr da.

Hier geht auch weiterhin nichts, nur dieses Buch ging, es ist, wie gesagt, sehr gut, eine Rezension finden Sie hier, eine andere hier. Ein Genuss, es zu lesen.

Am Nachmittag das Saxofon. Jeden Nachmittag spielt einer Saxofon, entweder übend an einem Fenster im Haus gegenüber oder unten auf dem Spielplatz neben der gerade nicht bespielten Tischtennisplatte im Schatten der Bäume, einmal auch auf irgendeiner lustig sein sollenden Veranstaltung für Kinder mit Zauberer und allem oder natürlich auch von Tisch zu Tisch ziehend hinten bei den Restaurants auf dem Platz vor der Kirche, immer wieder dieses Saxofon, unweigerlich. Oh, when the saints.

I want to be in that number, denke ich und gucke auf die beiden Streifen auf dem Test, I want to be in that number, und ich bin es ja auch.

In einer Vase vor meinem Bett drei Pfingstrosen, die gehen nacheinander auf. Ein etwas hinfälliges Pink ist die Blütenfarbe, die Keramikvase dagegen in einem altrosa Ton. Davor steht, wie für einen Zeichenkurs arrangiert, eine andere Vase, kleiner und leer, in einem Mittelmeerreiseprospektblauton. Das ist ein schönes Bild und es verändert sich. Eine Blüte nach der anderen geht nämlich auf, und wie die aufgehen, es gibt kaum eine Blume, die so wahnsinnig aufgeht wie eine Pfingstrose, es ist im Grunde eine Orgie der Entfaltung. Ich sehe immer wieder hin, denn sie gehen so spektakulär und barock auf, dass ich meine, ich müsste sie doch in der Bewegung erwischen, wenn ich nur lange genug hinsehe, aber dann schlafe ich doch wieder ein dabei, wache auf und sie haben sich prompt verändert, heimlich, während ich schlief. Es ist ein ausgesprochen ölbildhafter Anblick, dieses Pfingstrosentrio in der Vase da, es ist stimmungsaufhellend wie es kaum je ein Blumenstrauß war und ich sehe zu, wie das Tageslicht sich und sie wandelt und mit den Farben und Schatten spielt, shades of pink. Dazu muss man auch erst krank werden, um so etwas wirklich sehen zu können, dazu muss alles andere erst gründlich wegfallen und wahrhaftig nicht mehr gehen.

Lange irgendwo hinsehen, es wird vielleicht auch unterschätzt.

Wenn Sie krank werden, lassen Sie sich Blumen bringen, man braucht etwas Nettes um sich oder vor sich.

Im Spalt der Balkontür einmal eine Schwalbe, halbkreist da durch. Es gibt hier sonst keine Schwalben, nie sehe ich Schwalben in der Stadtmitte. Aber jetzt sehe ich eine, eindeutig ist das eine, und sie macht mir den Mittsommer, schnörkelt ihn einwandfrei in den Abendhimmel, dann holt sie noch ihre Freunde dazu.

Wo die hier wohl ihre Nester haben? Ich kenne hier keine Schwalbennester, ich freue mich immer nur auf die am Dach des Hofes auf Eiderstedt. Da also mal drauf achten, wenn ich wieder um den Block gehe. Wenn ich aus meinem eigenen Nest wieder herauskomme.

Ich höre das nächste Buch: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, von Olga Grjasnowa. Das hier.

Auf dem Balkon die Tauben. Ringel- oder nicht, die kacken da alles voll. Ich binde ein Stück Schnur an eine große Gießkanne, ich führe die Schnur über Haken bis zum Bett. Eine leichte Armbewegung nur und die Kanne rumpelt da draußen, das Geflügel stiebt davon, Federchen in der Luft. Ich liege herum und vergräme Tauben, immer in allen Lebenslagen sinnvoll bleiben, wo kommen wir sonst hin.

Ja, wohin eigentlich. Da auch mal drüber nachdenken.

***

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9 Kommentare

  1. Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.

    Kurt Marti

  2. Das hat mich jetzt gefreut, einen Pfingstrosenbruder in Ihnen zu entdecken. Ich habe mich vor Kurzem eine Stunde in der Betrachtung dieser willigsten unter den willigen Blumen vergessen, und dachte schon, das passiert nur mir.

  3. Oh Mann, was für wundervolle Texte Sie trotz der Umstände zu schreiben in der Lage sind, und lesen tun Sie auch, und denken und schauen … und Tauben vertreiben vom Balkon ?
    Weiterhin gute Besserung!

  4. Lieber Herr Buddenbohm,
    zuerst einmal gute Besserung.

    und den wundervollen Text zu den Pfingstrosen würde ich gern den Fuchsienfreunden (forum = es ist kein kommerzielles forum und hat nur angemeldete Leser) vorstellen. selbstverständlich nenne ich sie als Autor .
    darf der TEXT, dort hin?
    ich bin darauf gekommen, weil meine Pfingstrosen im Garten jetzt auch gerade blühen, und ich das den fuchsienfreunden berichtet habe.

    grüße von der Schlei nach HH.

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