Die kleine Rettung zwischendurch

Montag, der 13. November. Noch eine nachgereichte Szene aus den letzten Tagen. Vor dem Hauptbahnhof geht einer hektisch im Kreis und schreit immer wieder: „Wir brauchen die Sarah-Wagenknecht-Partei!“ Kopfschütteln um ihn herum, man weiß auch nicht gleich, ist er irre, ist er überzeugt oder ist er einfach nur im Sold unterwegs, und kann man das heute überhaupt noch zuverlässig unterscheiden. An dem Schreienden vorbei gehen vier Teenagerinnen vermutlich arabischer Herkunft, die das kunstvoll ins Haar gewoben tragen, was wir in meiner Jugend ohne jedes Hintergrundwissen Palästinenserfeudel genannt und lose um die Hälse getragen haben. Es war damals eine vage rebellisch assoziierte Mode, der Nahost-Konflikt war gewiss nicht unser Thema, unsere Kenntnisse werden arg spärlich gewesen sein und es ist bereits etwa hundert Jahre her. Die Welt war eine andere.

Auf die Plakate der Grünen bei uns im Stadtteil hat man Zettel über die abgebildeten Köpfe geklebt, „Bald knallt es“ steht darauf und wir sind längst so weit gekommen, dass es kaum noch auffällt, man geht so daran vorbei.

In meiner Gegend – aber das mag bei Ihnen anders sein – fallen jetzt auch die letzten Verkehrsregeln, und zwar in fast lachhafter Geschwindigkeit. Die letzte Eskalationsstufe waren hier die Einbahnstraßen, die gibt es jetzt de facto nicht mehr. Jede und jeder fährt durch, wo es ihm oder ihr eben passt, Moment, ich lege wieder „Freiheit, Freiheit“ auf. Das ergab sich im letzten halben Jahr so, ich kann das zeitlich gut eingrenzen, und man muss sich diesen Effekt in etwa so vorstellen, als sei das ansteckend, was es in sozialer Hinsicht sicher auch sein wird. Erst wagt sich nur ein Autofahrer verkehrt in die Straße, dann zwei an einem Tag, dann plötzlich viele, und nun ist es im Grunde so, dass wir hier eine Autoscootersituation haben: Alle versuchen, irgendwie vorteilhaft und also möglichst schnell durch den Verkehr zukommen, wie auch immer. Aktuelle Meldungen bestätigen das, es gibt mehr Unfälle, deutlich mehr Fahrerflucht, mehr Aggression, wir drehen komplett durch.

Ein Sohn sprach neulich von Führerscheinplänen, er wird da dann ein antiquiertes Regelwerk erlernen müssen, es wird ihm vermutlich seltsam vorkommen. Aber noch einmal, es mag sein, dass ich hier als Bewohner der Großstadtmitte eine eher ungewöhnliche Ausprägung sehe. Wohnte ich etwa im Heimatdorf der Herzdame, mir fiele vielleicht gar nichts auf und ich weiß nicht, wie es in kleineren Städten zugeht, in Lübeck etwa oder in Minden.

Na, die Soziologie muss später fachkundig beantworten, was dieser schnelle Verfall einer Ordnung zu bedeuten hat. Ich verbleibe vorerst bei „Alle irre“, und weiß, wie flach durchdacht das ist. Aber meine Theorie, nicht wahr, meine Theorie kommt mir nach wie vor durch und durch stimmig vor, und vielleicht muss man weiter auch gar nicht denken. Leider.

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„Karsch und andere Prosastücke“ von Uwe Johnson durchgelesen und gemocht, besonders den ersten Text, „Osterwasser“, ein ganz hervorragendes Stück.

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Im Tagesbild ein Rettungsringlein, von unbekannter Hand an ein Brückengeländer im Hafen geklemmt. Die kleine Rettung zwischendurch vielleicht, oder aber ein Rettungsillusiönchen, suchen Sie es sich aus.

Ein Spielzeugrettungsring an einem Brückengeländer

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3 Kommentare

  1. Mein Tochter hat seid August den Führerschein für ein kleines Motorrad (125 kubik). Also da ist soviel neues in der Theorie, mein Mann und ich wären glatt durchgefallen. Wir beide haben unsere Theorieprüfung Anfang der 90er auf Anhieb bestanden. Es schadet nicht, sich jetzt schon mit dem Thema zu befassen, es ist sehr umfangreich, und für die Schule muss man ja auch noch lernen.

  2. Deine Theorie über „alle irre“ empfinde ich auch so. Wir wollen nicht verzichten. Jedenfalls, wenn ein anderer uns das permanent sagt. So ein bisschen rebellieren. Es nervt aber sehr.

    Gruß Katrin

  3. Ich habe ja immer den Verdacht, wenn plötzlich alle so seltsam fahren, dass GoogleMaps oder andere Navigationsdienste da was falsch anzeigen.

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