Everything happens to me

Am Montag ein sehr schlecht laufender, ein eher verheerender Termin, der auch noch erheblich nachwirken wird. So schlecht läuft es, dass ich mich hinterher frage, ob diese Stunde weiteres und am Ende überzeugendes Beweismaterial dafür geliefert hat, dass dieses Jahr eines der schlechtesten ist, die ich bisher erlebt habe. Mir müssten in den letzten paar Wochen noch mehrere attraktive Feen mit reichlich freien Wünschen erscheinen, um das zu verhindern, scheint mir.

Da ich aber als auch in Gedanken ordnungsliebender Mensch zu Listen und Systemen neige, überlege ich noch eine Weile ernsthaft, welche Jahre denn wohl die schlechtesten waren. Das ist selbstverständlich nicht so einfach, man scheitert da zunächst fast zwingend an der Gewichtung. Denn wonach geht man vor, was war eigentlich wirklich schlecht und was hat es ausgemacht. Die Seelenlange, ernstere Krankheiten vielleicht, oder auch allgemein als schlecht empfundene Ereignisse wie Scheidungen, Todesfälle, falsche Abbiegungen und Verirrungen auf dem Lebensweg und dergleichen? Macht am Ende erst eine Mischung aus solchen Elementen ein Jahr richtig nieder?

Ich schreibe mir etwas auf. Ich schreibe mir immer etwas auf, das hilft immerhin oft. Mir fällt dies und jenes ein, ich komme schließlich auf etwa zehn richtig schlechte Jahre. Grob ein Sechstel meines Lebens, wie auch immer das nun zu werten ist. Vermutlich geht es mir damit noch gold, so ist es ja meistens.

Abschließend und erneut lebensratgebend möchte ich aber die Erkenntnis teilen, dass es der Stimmung keineswegs besonders dienlich ist, ausgerechnet im November ausgiebig über die schlechtesten Jahre des Lebens nachzudenken. Wisst Ihr Bescheid.

Die Gegenprobe habe ich dann auch gemacht, versteht sich. Wie viele Jahre fand ich denn gut? Richtig gut? Also gut in diesem einfachen Sinne, dass man sich um Silvester herum sagt: „Wow, das war cool. Gerne noch einmal.“

Dieser Gedanke liegt mir, siehe oben, gerade fern, er kam aber durchaus schon vor, selbst bei mir. Und zwar etwa gleich oft wie die schlechten Jahre. Noch ein Sechstel also. Der Rest, also ganze zwei Drittel, liegt dann irgendwo um das Mittelmaß herum, das waren Gebrauchsjahre von der Stange. Oder aber man müsste sie sich noch etwas näher ansehen und weitere Kategorien bilden.

Man kann es aber auch einfach lassen, dieses Thema weiter zu erforschen, denke ich, und das wird vermutlich sogar das Beste sein.

In der Gegenwart leben und das Heute beachten, ja, ja.

Heute etwa habe ich einen vermutlich großartigen Kulturtermin am Abend. Und es gibt nichts, absolut gar nichts, was mich schon am frühen Morgen vergleichbar müde macht wie dieser Gedanke. Ich könnte mir Theater- oder Konzertkarten auch als Schlafmittel kaufen, das wäre eine recht sichere Sache, den medizinischen Sedativa weit überlegen.

Genießen werde ich den Abend vermutlich dennoch, so ist es nicht. Und dann wird es vielleicht der beste Abend der Woche … Aber nein. Das wollte ich nun lassen.

Der Hamburger Hauptbahnof am frühen Morgen noch bei Dunkelheit

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10 Kommentare

  1. Eine schöne Gegenfrage zur Aussage: ‚ Früher war alles besser‘ lautet: Was genau war früher besser?
    In diesem Sinne: viel Spass mit St Martinstag und Kultur .

  2. Ich sende attraktive Feen die Elbe runter.

    Und falls die nicht helfen oder sich auf dem Weg verirren, dann hilft vielleicht ein bisschen Miles Davis: „When you hit a wrong note, it’s the next note that makes it good or bad.“

  3. Die Jahre vergleichen, das habe ich auch schon versucht, mir ist es nicht gelungen. Das sind doch Äpfel und Birnen. Und soll man sich an die damalige Einschätzung halten oder an die heutige, neue im Rückblick? Was Eindeutiges und damit belastbares konnte ich da nicht gewinnen.
    Passend übrigens zu Ihrem Thema Das philosophische Radio am Montag Abend mit Herrn Wiebicke:

    https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/philosophisches-radio/nady-mirian-102.html

  4. Ach was, Jahre bewerten und so – einfach den Tag überleben, ab ins Bett, morgen geht’s weiter.

    Im Prinzip ist das der Kern sehr vieler Weltanschauungen.

  5. Um mal das böse D-Wort zu vermeiden, fällt mir da eine gehörige Prise Altersmelancholie auf. Wobei ich die gar nicht an Ihren Rechenspielen aufhängen würde. Ich hatte sowas schon als Teenie, wenn ich meiner ersten verflossenen Liebe nachweinte und mich ebenfalls in Listen versuchte. Was ich auch heute noch tue, obwohl ich eigentlich weiß, dass mich das eher noch weiter runterzieht. Zum Ausgleich stöbere ich dann in Photos von mit Gewissheit positiv erinnerten Ereignissen. Das hilft fast immer. Bis mich was Aktuelles wieder vom Teppich rupft.
    Ach Sisyphos!

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