Der Mann vor mir an der Kasse ist jünger als ich, deutlich muskulöser auch. Einen Jogginganzug trägt er, und überhaupt hat er eine deutlich wahrnehmbare, freundlich wirkende Sport-Coach-Ausstrahlung. So ein Typ, der bereitstehen sollte, wenn man etwa in einer Turnhalle auf einen Kasten zuläuft, über den man laut Lehrplan zu grätschen hat. Wenn ich kurz an für manche traumatische Erlebnisse erinnern darf.
Er kauft erheblich mehr ein als ich, dieser Typ. Unmengen kauft der. Und ohne eine sherlockhafte Attitüde ausleben zu wollen, schon anhand dieser Einkäufe kann man ableiten, dass er vermutlich für eine Gruppe einkauft. Eine Wohngruppe, womöglich. Diese Kombination aus dermaßen vielen Packungen Fertigtortellini, Kochschinken der Hausmarke und Sahne, dazu diese Stapel von Spaghettipackungen und Fertigtomatensoße. Ich kenne andere Kunden in diesem Discounter flüchtig, die ähnlich einkaufen, und ich weiß, dass sie soziale Arbeit verrichten, dass sie tatsächlich Betreuer sind.
Ich weiß auch, dass es in nächster Nähe dieses Ladens mehrere Wohngruppen gibt, mit unterschiedlichen Ausrichtungen.
Der Mann bückt sich jedenfalls dauernd in seinen Einkaufswagen (der oben bereits erinnerte Sportlehrer brüllt in meinem Kopf dabei hohnlachend sein damaliges „Auf und nieder immer wieder!“), und er lädt unentwegt weiteres Zeug aufs Band. Und noch mehr und noch mehr. Auch Sixpacks mit Wasserflaschen, auch große Melonen, also auch schwere Ware dabei. Etwas angestrengt wirkt er dabei, ein wenig überfordert auch, trotz seiner so betont sportlichen Ausstrahlung.
Er sieht, um im Sportbild zu bleiben, mehr nach dem Ende eines Wettkampfs als nach dem Beginn einer leichten Trainingseinheit aus. Schon diese am Kopf klebenden, schweißnassen Haare. Wobei es allerdings einer dieser Tage ist, an denen wir vermutlich alle so wirken, landesweit, sobald wir uns auch nur ansatzweise irgendwie betätigen oder kurz durch die Sonne gehen müssen. Eine verschwitzte Solidargemeinschaft unter sengender Sonne sind wir in dieser Hinsicht. Und den kollektiven Bad-Hair-Day gibt es für alle noch dazu.

Die Kassiererin, die immerhin während ihrer Arbeitszeit in klimatisierter Umgebung sitzt, wie einige Kundinnen vor mir im Smalltalk und mit Anflügen von Temperaturneid anmerken, bewegt die Ware in gewohnter Eile über den Scanner. Wieselflink also wird all das Zeug bewegt und weitergereicht. Der Mann lädt wieder ein. Sie nennt schließlich einen Preis. Er legt die letzte Packung Kochschinken in den Wagen, er richtet sich auf. Er steht vor ihr und sieht durch sie hindurch, vollkommen unbewegten Gesichts.
Etwas leblos sieht er auf einmal aus. Eine Reaktion auf die Kassiererin ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Sie wiederholt den Preis daher etwas lauter und dann noch einmal, noch etwas lauter, aber dabei keineswegs unfreundlich. Nur mit etwas fester und ausdrücklicher werdender Betonung. Vielleicht so, wie eine Erzieherin im Kindergarten eine Anweisung heiter drei- bis viermal wiederholt, noch bevor sie die Geduld verliert und es ernster wird.
Schließlich wedelt sie mit behutsamer Geste eine Hand durch sein Gesichtsfeld, und er zuckt endlich zusammen. Atmet sehr tief und ruckartig ein und sieht die Kassiererin mit großen Augen an. Sieht dann kurz und sichtlich irritiert seinen Warenberg im Einkaufswagen an und sagt schließlich: „Entschuldigung, ich war kurz aus.“
Und das war ein Satz, das wollte ich nur eben sagen, den ich ganz außerordentlich nachvollziehbar fand. Einfach mal kurz ausgehen! Das ist es, was wir in Hitzewochen unbedingt zelebrieren müssen. Kurz auf Reset drücken, dann alles wieder hochfahren. Weil das System es gerade braucht, weil danach vielleicht etwas besser funktioniert oder auch überhaupt erst, es könnte doch sein. Man kennt es auch von den Windows-Computern.
Man sollte sich an dermaßen heißen Tagen wie in dieser Woche so oft aus- und wieder anschalten dürfen, wie es einem richtig und gesund fürs Betriebssystem vorkommt. Das dachte ich jedenfalls noch, als ich mich zuhause nach dem Einkauf und dem ungewöhnlich anstrengenden Rückweg durch die sengende Sonne kurz hinlegte, für mein eigenes kleines Reset-Erlebnis am Nachmittag.
Einfach mal weg sein, dachte ich mir, wenigstens zwischendurch kurz einmal weg sein.
Und dann war ich es auch schon.
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