ALC

Ein paar Meter vor meiner Haustür beginnt nun, ich erwähnte es neulich bereits, eine Alkoholverbotszone, wofür es, ich bin schon wieder in Gedanken bei „Deutsch als Fremdsprache, Band I“, selbstverständlich auch Alkoholverbotszonenhinweisschilder gibt. Die Diskussion über Alkoholverkaufsverbotszonen dagegen, sie läuft noch, und die entsprechenden Alkoholverkaufsverbotszonenhinweisschilder, sie müssten sicher auch erst noch vorbereitet werden.

So sehen die neu aufgestellten Schilder um die Ecke aus:

Und sie stehen in einigen Fällen direkt neben Etablissements mit Außengastro. Da würde ich mich als Wirt aber bei der Stadt bedanken. Denn wie wirkt das wohl auf Touristen, wenn so ein Schild zwei Meter neben den Tischen und Stühlen steht, an denen ich durstige Gäste bewirten möchte? Nicht vielleicht so, als dürfe ich bei mir nur Wasser und Limo ausschenken?

Immerhin gibt es auch, ich habe gerade nachgesehen, auch alkoholfreie Aperol-Drinks. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich denke jedenfalls, die logischen Schwächen der Zonen fallen auf, und nicht nur mir. Ich kann mich weiterhin vor einer Kneipe oder vor einem Restaurant haltlos besaufen, solange ich dabei auf deren Bänken sitze. Stehe ich aber auf, gehe ich einen Meter weiter und öffne mir dabei ein letztes Wegbier – zack, Verbot, Gebühr. Na ja.

Wobei es hier zusätzlich auch Kritik an den Hintergründen der Maßnahme gibt. Denn es bleibt vermutlich bei denen, die sich eine Dose öffnen, gar nicht immer bei der noch recht bescheiden wirkenden Gebühr. Nein, es kommt vielleicht auch zu einer Personenkontrolle. Hat man den Ausweis dabei, andere Papiere vielleicht, dürfen wir mal sehen … Und guck an, dieser Mensch ist ja gar nicht legal im Land, einmal mitkommen, bitte.

Ich weiß nicht, ob es wirklich darum geht. Eine Möglichkeit der Auslegung ist es sicher.

Und aus Anwohnersicht bleibe ich dabei, dass die Menschen, die da in geselligen Runden und eskalierender Abendheiterkeit vor den rechtlich weiterhin gültigen Lokalen sitzen, oft lauter sind als die, sagt man das überhaupt noch, oft randständigen Personen, die in der stillen Verzweiflung ihrer ausweglosen Lage vier Meter weiter ihren dringend notwendigen Pegel erhöhen.

Das Wort „randständig“ ist natürlich in diesem Zusammenhang vom Wortbild her ganz außerordentlich passend. Die Betroffenen sind in vielfacher Beziehung am Rand und stehen daher genau da, wo auch die Schilder stehen.

Rechts neben dem oben abgebildeten Schild befindet sich ein kleiner Platz vor einer Kirche. Nur wenig Außengastro ist darauf, eher ungewöhnlich viel Freifläche gibt es da. Dieser kleine Platz liegt ein wenig höher als die vorbeiführende Straße, es gibt drei, vier Stufen zwischen Straße und Freifläche. Stufen, auf denen man prima sitzen kann, also cornern kann (interessant nebenbei: es handelt sich beim Wort „Cornern“ um einen Scheinanglizismus, wie die Wikipedia belehrend ausführt).

Und hier haben wir eine Tradition, die sich nach meiner Erinnerung in der Pandemie ausgebildet hat. Bei gutem Wetter sitzen da auch manche aus der Nachbarschaft auf diesen Stufen, bis heute. Wie damals nämlich, als die Lokale ringsum sämtlich geschlossen waren und man dennoch beisammen sein wollte. Am besten mit etwas als sicher empfundener Frischluft um einen herum. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch, zumindest nach kurzer Überwindung der routinierten Verdrängungsleistung.

Ich habe da auch schon in diesem Sinne gesessen. Es ist für diese Zwecke nämlich ein außerordentlich schöner Platz, man hat Blick auf Altbauten und Kirche. Rotgoldene Abendsonne fällt durch die engen Straßen, man sitzt nahe an den belebteren Zonen des Stadtteils voller Touristen und Trubel, man ist dennoch etwas abgesondert und wie unter sich.

Also klar, ich habe da auch gesessen und mit anderen angestoßen. Ich dürfte es nun aber nicht mehr. Oder nur noch mit Apfelschorle.

Nun trinke ich zwar fast nie Alkohol und bin auch nicht eben der geselligste Mensch, aber wie es so funktioniert – wenn ich über dieses Schild und die Lage nachdenke, bekomme ich doch spontan Lust, dort jemanden auf ein Bier zu treffen. Eine fast dringende Lust bekomme ich da. Denn so ist das mit dem Leben im Widerstand, man sucht sich die Reibung gelegentlich auch.

Es ist also zusammenfassend eine mindestens etwas merkwürdige Sache mit diesen Alkoholverbotszonen in Wohnvierteln. Die sich in unserem Fall auch noch – ich müsste aber nachsehen, wo eigentlich genau – mit den Waffenverbotszonen am Hauptbahnhof kreuzen und gewisse Schnittmengen bilden. Erst das Dosenbier, dann das Taschenmesser wegstecken.

Was ich aber eigentlich nur eben sagen bzw. fragen wollte: Bei diesem Schild, bei dieser Grafik wurden nicht vielleicht allererster Entwurf und letzte Fassung verwechselt? Nanu. Aber was ist dann die Erklärung, warum das so aussieht?

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6 Kommentare

  1. Überall in der Stadt werden Entscheidungen über Stadtviertel getroffen, von Menschen, die dort überhaupt nicht leben; und die mit den Menschen, die dort leben, nicht einmal gesprochen haben. Eins könnte jeden Abend eine neue Initiative gründen. Die Drangsalierung (ein unbekanntes Wort für die Diktierfunktion …) von Menschen ohne Wohnung nimmt Ausmaße an, die eins einfach nicht hinnehmen sollte. Wenn da bloß nicht so viel wäre, was eins nicht hinnehmen sollte.

  2. Diesmal kann ich Ihnen nicht zustimmen. Es sind nicht nur alles bemitleidenswerte Personen, die durch „höhere Gewalt“ oder schicksalhaft dem Alkohol zuneigen.
    Es sind auch Mitmenschen, die sich (Mut ansaufend) pöbelnd durch die Gegend bewegen, auf der Suche nach Konfrontation und Bestätigung, und wehe, ein Unbeteiligter guckt falsch oder berührt versehentlich einen davon. Und nein, sie glühen nicht in einer Location vor, sie saufen draußen.
    Ich fühle mich im Beisein ange- oder betrunkener Menschen nicht wohl.

  3. So gut geschrieben!! Um die Ecke/die Zone gedacht und wieder zurück und dabei weitere Aspekte eingefangen – gratuliere Herr Buddenbohm!
    „Das Leben im Widerstand und der Wunsch nach Reibung“ …
    Eva

  4. Ich trinke seit Jahren nur noch alkoholfreies Bier. Wäre ich in der Gegend, ich würde mich genau dort mit einer solchen Flasche hinstellen und dann mal sehen, wann die Kontrolle kommt. Und was die dann sagt. Und wer dann siegt. Wenns sein muß, jeden Abend.

  5. Was mir in Hamburg auffällt — und ich glaube tatsächlich, das habe ich bisher nur in Hamburg gesehen – ist, dass Alkohol auf Schildern „ALC“ abgekürzt wird.

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