Von deutschen Flüssen und Kaisern

Aus Bonn wurde mir am Wochenende eine Meldung geschickt, wie sie deutscher kaum ausfallen kann. Nachdem eine im Rekordniedrigwasser des Rheins aufgetauchte Panzerfaust aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft worden war, konnte das große Roland-Kaiser-Konzert doch noch wie geplant stattfinden. Etwas belästigt lediglich durch Brandgeruch und Rauchniederschlag, verursacht vom Großfeuer im Kreis Düren.

Die Wirklichkeit scheint unserer Fantasie mittlerweile endgültig voraus zu sein. Und wer weiß schon, ob wir sie überhaupt noch einmal einholen können. Diese schlammverkrustete Waffe, halb aus den letzten Wassern des Rheins ragend. Der heranfahrende Kampfmittelräumdienst am Ufer. Der stressgeplagte Konzert-Manager am Telefon, die wartenden Reporterinnen. Die Konzertgäste, die auf den Smartphones alle paar Minuten nach Updates sehen und sich schon einmal fragen, ob und wann sie ihr Geld zurückbekommen werden.

Dazu der alte Kaiser in seiner Garderobe. Dieser alte Kaiser, für den es keinen Kyffhäuser geben wird, wie für andere ruhmreiche Kaiser vor ihm. Die man sich vielleicht glücklicher vorstellen muss, denn ruhen möchte man doch irgendwann. Der Mann mit den bekannten Liedern ist immerhin, Moment, fast Mitte 70. Aber nur immer wieder neue Auftritte gibt es für den gegenwärtigen Kaiser. Und immer wieder die gleichen Melodien. Er singt „Lieb mich ein letztes Mal“. Er hat es schon zehntausendmal gesungen und er träumt, wer weiß, vielleicht längst davon, dass es wirklich ein letztes Mal für ihn geben kann. Aber nach Bonn wird es keine Rast und keine Ruhe, sondern wird es Osnabrück geben. Berlin dann auch noch, und das gleich zweimal. Ihm ist, als ob es tausend Bühnen gäbe und hinter tausend Bühnen keine Welt.

Die Städte Osnabrück und Berlin liegen an der Hase und an der Havel. Ein Satz wie aus dem Lehrbuch „Deutsch als Fremdsprache, Band I“. Auch an diesen Flüssen sind die Pegel in diesem Sommer gefallen, und wer weiß, was die Ufer und Schlammgründe dort noch für uns freigeben werden. Aus der Geschichte und aus jener Zeit, in der man in aller Eile und in höchster Gefahr noch schnell etliches versenkt hat, wird dies oder das langsam wieder sichtbar. Artefakte des Grauens, Zentimeter für Zentimeter tauchen sie auf. Tote, Waffen und militärische Gerätschaften aller Art kommen dort womöglich an die Luft und ans Licht. Nach 81 Jahren könnte alles wieder einmal unter der Sonne liegen, und ein Sommerwind weht dann beim Auftauchen „Lieb mich ein letztes Mal“ heran. Vielleicht auch „Manchmal möchte ich schon mit dir“.

Was ist das denn bitte für ein Stoff. Macht da jemand ein Theaterstück draus, wird es einen grotesk überdrehten Film geben. Charly Hübner als Kampfmittelräumer im Dauereinsatz flussabwärts, Bjarne Mädel als übernächtigter Manager von Roland Kaiser, nervlich ruiniert, stark verschwitzt und mit einem nervösen Zucken im Gesicht. Herbert Knaup als Roland Kaiser, stets im makellosen Anzug stoisch für Auftritte bereitstehend, die Pflichterfüllung mit verlässlich sonorer Stimme in Person.

Oder lohnt es sich gar nicht, darüber nachzudenken, dem hinterherzuspinnen.

Weil uns schon die nächste Jahreszeit, weil uns der nächste Monat weitere Auswüchse aufzeigen wird, während sich die Polykrise fortwährend fröhlich ausweitet und uns wüste, leere Flächen für neue, ungeahnte Bilder ermöglicht. Für noch wildere Verknüpfungen, für einen wahren Karneval der katastrophalen Assoziationen.

Das muss man nun alles für möglich halten, nicht wahr, was einem nur einfallen kann. Und es wird viel schneller Wirklichkeit, als wir vor einiger Zeit noch gedacht haben. Lauter Nachrichten lesen wir gerade, die wir vor kurzer Zeit noch der Satire zugeordnet hätten, der Persiflage auf eine eskalierende Welt.

Aber wie auch immer. Wir werden es erleben. Und einige, ich werde bemüht sein, zu ihnen zu gehören, werden berichten.

Ein Sticker mit der Aufschrift: Alles ein Wahnsinn.

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Ein Kommentar

  1. Bitte gerne weiter berichten, schreiben, bezeugen, was passiert. Danke fürs Aufschreiben.
    Die Verwandten am Rhein schieben mehr Panik wegen der Fundstücke aus Kriegszeiten, als wegen der Klimakatastrophe. Obwohl jetzt beides gleichermaßen sichtbar geworden ist.

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