Er wohnt schon

Währenddessen verbringe ich viel Zeit mit Wohnen und Einrichten. Da ich nach dem Auszug von Sohn I umgehend sein Zimmer requiriert hatte, steht mir nach einer Ewigkeit an Jahren, nein, nach mehreren Jahrzehnten, wieder ein eigenes Zimmer zur Verfügung, a room of one’s own, wie es in der Weltliteratur heißt.

Das führt zum einen zu der etwas überraschenden und sich erstaunlich schnell einstellenden Frage, wie ich es denn bloß so lange habe aushalten können? Ohne einen eigenen, also wirklich ganz und gar eigenen Rückzugsraum zu haben. Denn, wie ich jetzt kraft spontaner Erleuchtung hinter verschlossener Tür weiß: Das geht doch gar nicht. Das kann man doch gar nicht aushalten, so etwas nicht zu haben. Also doch, man kann natürlich schon, man kann immerhin sehr vieles, aber zu welchem Preis bitte.

Ein eigener Raum also. Mein eigenes Bett, mein eigener Schreibtisch, meine Bücher, meine Deko, meine Lampen. Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, es wird sicher einige an den Deutschunterricht erinnern.

Meine vier Wände, wie sie auch Rio Reiser einmal besang, auch wenn der Text teils nicht zu meiner Situation passt. Dennoch ein schönes Lied.

Ich baue mit dem verbleibenden Sohn Möbel auf, und weil es mir, man kommt ja aus seiner pädagogisch wertvollen Rolle nicht mehr heraus, so vorkommt, als würde diesem jungen Menschen eine sinnvolle Beschäftigung gerade ungemein guttun, lasse ich ihn nach einer Weile das meiste allein machen. Wobei er irgendwann knurrend anmerkt, er fühle sich angesichts der Arbeitsbedingungen und meiner hilfreichen Einlassungen zu seinen handwerklichen Bemühungen wie auch darüber hinaus zu seiner Lebensgestaltung wie frisch in die Klapse eingeliefert: „Und dann mit Arbeitsdienstpflicht zur Beschäftigung, weißte, wo man dann endlos Kugelschreiber oder so etwas zusammenschrauben muss oder so, für einen Euro die Stunde.“

Ich bin aber als Arbeitgeber kein Unmensch, versteht sich, ich erhöhe daher zur Förderung der Motivation seinen Lohn bedeutend. Und zwar in einer Prozentdimension, von der andere Angestellte, also ich etwa, nur sehnend träumen können.

Eines der neuen Möbelstücke ist ein Schrank, nein, ein Schränkchen eher, wenn nicht sogar nur ein Kommodchen. Schuhschrankschmal und klein ist es. Ich habe es online bestellt und sehe zwischendurch noch einmal auf der Seite des Herstellers nach, wie es aussehen soll, wenn es fertig ist. Der beschreibende Text neben den Abbildungen ist merkwürdig lang, sehe ich dabei. Außerdem ist er auf eine Art verschwurbelt, dass mir ein Verdacht kommt. Von dem ich dann auch bald meine, dass er vollkommen angebracht ist, denn ich lese da mit einiger Sicherheit KI-Text. Da hat sich eine Software verausgabt, kein Mensch. Da wird es einen Prompt gegeben haben, wie etwa: „Beschreibe, wie großartig und vielseitig verwendbar dieses Möbelstück ist.“

Was dann dazu führt, dass auch Türen, die man öffnen kann, als starkes Feature dargestellt werden. Die schönste Stelle im Text aber, befinden der Sohn und ich, kommt erst gegen Ende der ausufernden Darstellung. Wo der Software in ihrer gnadenlosen Systematik vermutlich auffiel, dass über die Oberseite des Schränkchens bisher nicht gesagt worden war. Weswegen noch eben unterstrichen wird:

„Auf der Oberseite dieses Möbelstücks können Sie verschiedene Bücher ablegen.“

Ich bin mir gar nicht sicher, ob man es nachvollziehen kann, aber wir lachen seit Tagen immer wieder über diesen Satz. Und haben es selbstverständlich auch sofort probiert, das mit den verschiedenen Büchern. Ob es auch wirklich klappt. Ferner fragen wir uns jetzt bei jedem neuen Karton, in dem etwas Weiteres für diesen Raum angeliefert wird, voller Spannung und auch hoffend, ob man auf der Oberseite auch wieder verschiedene Bücher wird ablegen können. Wir nehmen dann welche in die Hand, also verschiedene Bücher, und wir stellen uns, fachlich kompetent guckend wie Männer in Funktionswesten, bereit zum Test vor das neue Stück. Denn wir wollen genau wissen, ob es wirklich gehen wird. Wird man die Bücher darauf ablegen können?

So führt mich – ich merke gerade, ich kann diesen Text exakt an dieser Stelle wohltuend positiv enden lassen – die KI immerhin zu ganz neuen Fragestellungen im Leben. Auch schön.

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