Nebentätigkeiten

Vorweg einen herzlichen Dank an Unbekannt, es lag kein Zettel bei, für die freundliche Zusendung des abgebildeten Romans „Der Nachtstimmer“ von Maarten ‚t Hart, Deutsch von Gregor Seferens. Hier die Verlagsseite, hier die Perlentaucherkommentare.

Das Buch "Der Nachtstimmer"

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Zum gestern hier verhandelten Thema Wohnen gehören etliche Nebentätigkeiten. Denn meist sitze oder liege ich nicht nur wohnend herum, meist mache ich dabei etwas. Ich lese vielleicht etwas, schreibe auch. Dann krame ich herum, sichte Zeugs, verräume dies und das. Ich trete ans Fenster und sehe hinaus. Auf Baustelle, Straße, Passanten und Tauben. Darüber der Himmel, attraktiv bewölkt, und ich deklariere diese Minute dann oft als entspannten Moment.

Und höre auch Musik dabei. Ich arbeite fortwährend am Soundtrack, erinnere mich an Melodien und Texte, summe etwas mit und wippe, wenn es emotional hoch hergeht, auch einmal etwas auf den Zehen.

Ich finde nämlich, es fühlt sich ungeheuer wohnend an, Musik zu hören. Daher mache ich das gerade auch exzessiv. Erstens mache ich etwas, das ich mag, gerne exzessiv, denn das ist nun einmal meine Version der deutschen Gründlichkeit. Zweitens entspannt es mich oft etwas, führt mich also zu einem Zustand, welchen ich sonst eher nicht leicht erreiche. Mehr so schweres Gelände.

Ich kann mich seelisch in einer Handvoll Playlists verorten. Sie bilden sämtliche Zustände ab, die bei mir vorkommen, und soweit ich bisher weiß, habe ich mehr Zustände einfach nicht zu bieten.

Ein angebissen rottender Apdel auf einem Stromkasten

Eine Playlist gibt es da, die von der Richtung her grob für den Abend geeignet ist. Da ist die Musik dann “gemütlich” im weitesten und vor allem nicht im ironischen Sinne. Sie ist vielleicht sogar besinnlich und sie reicht vom Wohligen bis zum Melancholischen. Mit Abstechern ins Depressive, denn auch das kann, wie alle Kennerinnen wissen, ein durchaus gemütliches Element haben. Was dann allerdings kein Vorteil ist. In dieser Playlist wohne ich am häufigsten.

Eine weitere Playlist habe ich, die ist eher für den Tag angelegt. Und zwar ursprünglich exakt für den Moment, in dem man seine Arbeit, die man sich hierbei unbedingt als gelungen und befriedigend vorstellen muss, auch wenn es schwerfällt, beendet hat. Dieser Moment also, in dem man das Notebook zuklappt, den Stuhl zurückschiebt und zumindest für eine kleine Weile den Großraum Pflicht hinter sich lässt. Da ist die Musik dann auf eine eher muntere Art relaxed oder gechillt, in den Spitzen auch locker oder sogar tanzbar.

Weiter eine Playlist für die Autobahn. Welche hierbei aber nur einen Gefühlswert darstellt, nicht präzise etwa die A 23 bei Elmshorn meint. Eine Reiseplaylist für Nichtreisende, für Sesselreisende wie mich. Für Reisen allerdings, die man unbedingt allein unternimmt, mit viel Zeit für die Gedanken, und zwar auch für schwergängigere Gedanken, die man bis zu einem Beschluss führen möchte. Da ist die Musik treibend, oft dunkel und recht eindeutig vorwärtsbewegt. Mit Anklängen von Alleinsein und Solo-Eskapaden. Einige eher geistig wegdriftende Ausnahmen für die notwendigen Pausen auf den Reisen sind allerdings auch darin.

Ich reise zwar eher nicht oder nur sehr wenig, aber sollte ich doch einmal reisen, und vielleicht sogar mit längeren Strecken, ich weiß absolut zuverlässig, dass diese Playlist als Hintergrundmusik aber so etwas von geeignet wäre.

Herbstlaub vor Altbau am Alten Wall

Eine Playlist mit ausschließlich deutschen Texten. Das gesungene Lyrikbändchen für den Freundeskreis „Deutscher Reim und gepflegte Sprache“. Mitsingkompatibel, wenn ich die Songs schon lange genug kenne. Und oft auch zu eigenen Texten oder zumindest Ideen führend. Sehr oft sogar.

Vorhin übrigens habe ich gerade ein Lied von Peter Licht gehört, das ich noch nicht kannte. Und ich habe mich dabei über eine Stelle im Text gefreut, die anschlussfähig ist für alle mit tendenziell friedlich verlaufenden Trennungen:

„Aber mögen tun sie sich weiter

Vielleicht etwas weniger heiter.“

Selbstlob kommt hier selten vor, aber ich rechne es mir doch als Vorteil an, dass ich mich lange und intensiv über solche mir gelungen vorkommenden Textstellen freuen kann. Ein so billiges, jederzeit verfügbares und auch noch beliebig oft wiederholbares Vergnügen – wie praktisch ist das denn.

Dann die Spaziertracks. Die Hintergrundmusik für den Gang durch die Stadt, Flanierfunk. Eher unaufdringlich und ohne jeden ablenkenden Text. Nur aus Soundtracks bestehend, ausschließlich Filmmusiken, zu einem erheblichen Teil aus skurrilen 70er-Jahre-Filmen stammend und gewiss nicht massenkompatibel. Eindeutig Raum lassend für den Main Character jedenfalls, vor allem aber auch für die Szenerie, für das Wetter, die Requisiten und die Komparsen.

Herbstlaub auf dem Boden, darin ein gelbes Kabel

Die nächste Liste mit der Lounge-Musik ist wiederum relaxed, aber auf diese Art, mit der eine Einstiegsszene beginnt. Also Begleitmusik für die erste Totale, durch die ein Hauptdarsteller geht. Welcher auf eine ruhige Art gut gelaunt ist und heute etwas vorhat, wobei er sich seelisch in einer Haltung befindet, die mit Geländer und anderen Sicherheitsvorkehrungen versehen ist. In dem entsprechenden Filmmoment würde man etwa sehen, wie die Figur gerade das Haus verlässt und die Straße entlanggeht. Der Abend ist jung und beinhaltet womöglich Chancen der einen oder anderen Art.

Die Figur ist außerdem im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut angezogen und geht in einer Weise durchs Bild, dass man ahnen kann – da geschieht noch etwas, in dieser Geschichte.

Oder es kann zumindest etwas geschehen.

Schließlich eine schier endlos weite Welt von Instrumental Jazz. Ruhig, saxophon- und klavierlastig. Entweder als aus dem Nichts herbeigezauberte Bar-Atmosphäre oder aber als Background für das Wegdämmern in den Mittagsschlaf zu hören. Es passt beides, je nach Betrachtung und Situation, und die Träume dabei sind auch manchmal dieselben. Ebenfalls geeignet aber auch als ungeheuer intellektuell wirkende Nachdenkmusik für geistreich sein sollende Bemühungen aller Art.

Ah, doch noch etwas, fast hätte ich es vergessen. Eine Extraschublade für die Klassik gibt es noch. Nur in der dunklen Jahreszeit ist sie zu öffnen. Für jene besondere Stimmung geeignet, die vielleicht am treffendsten mit dem schlichten Wort „Bach“ beschrieben werden kann. Oder Händel. Oder Barock, Orgel und dergleichen. Es ist jedenfalls eine schwer zu beschreibende Stimmung, die bei mir in den helleren Monaten praktisch nicht vorkommt, eine saisonale Sache.

Das war es dann. In diesen Listen kann ich mich komplett unterbringen, da passt sozusagen der ganze Buddenbohm hinein. Oder andersherum: Würden Menschen lange nach mir diese Listen komplett durchhören, was allerdings Tage, wenn nicht Wochen dauern würde, sie könnten hinterher mit einigem Recht sagen:

„Ach, so einer war das also.“

Und sie würden dann vermutlich gar nicht so falsch liegen.

Herbstlaub vor Innenstadtgebäude

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