Segel setzen, Segel streichen

Das Thema „Performatives Lesen im Datingkontext“ klang hier schon diverse Male an. Vor allem, wenn nicht sogar ausschließlich in Bezug auf lesende Männer in der Öffentlichkeit. Es wäre wohl noch zu eruieren, aus welchen Gründen das performative Lesen bei Frauen eher kein Thema ist. Vermutlich aber, weil sie ohnehin in der Mehrheit klüger sind und der anderen Seite in dieser Hinsicht also rein gar nichts beweisen müssen. Um, warum auch nicht, ein Kompliment hier auch einmal als Flächenbombardement zu verteilen.

Aber wer wäre ich, dieses Thema nicht anziehend zu finden. Denn Lesen, das finde ich immerhin gut. Und bei Frauen bin ich auch nicht gerade abgeneigt, to say the least. Also nahm ich mir, denn dies ist und bleibt ein serviceorientiertes Blog und ich gehe gewissen Themen gerne für Sie nach, versuchsweise ein Buch (immer noch den Leoparden), ging runter an die Alster und setzte mich im schmeichelhaft inszenierten Licht des Sonnenuntergangs dort auf eine wundersamerweise leere Bank, die am Ufer auf mich zu warten schien.

Ein Buch lesender Mann an der Außenalster

Das war vor ein paar Tagen, und es war gerade noch rechtzeitig. Denn es war an diesem Spätnachmittag noch so mild, dass es in der Sonne fast schon deutlich zu warm war, aber eben nur fast. Es war also noch ein deutliches Spätsommergefühl, während gestern hier schon der erste Tag mit einem durchgehenden, ausgesprochen kühlschrankfrischen 12-Grad-Gefühl war und daher all die Menschen, welche am frühen Morgen noch allzu leichte Sommerkleidung gewählt hatten, zu späterer Uhrzeit etwas bedauernswert und tendenziell unentspannt aussahen, andere aber auch schon Sachen trugen, die saisonal eher Richtung Winter zu verorten waren.

Und diese Sachen wirkten nicht zu warm.

Eine Zeitung lesende Frau an der Kleinen Alster

Aber an jenem Tag, wie gesagt, fand noch einmal die gute alte Benn-Nummer statt:

„Alte Beschwörung, Bann,

Die Götter halten die Waage eine zögernde Stunde an.“

Und ich saß da projektmäßig herum und las.

Also zumindest ein wenig.

Denn wie das so ist, wenn man da draußen ist. Es gibt dort auch immer irgendeine Szenerie. In diesem Fall eine äußerst attraktive, in der auch noch fortwährend etwas passierte. Menschen auf Segelbooten steuerten diese in immer schöner werdender Beleuchtung und langsamer Fahrt zurück an den Anleger, stellten sich dabei mehr oder weniger geschickt an und berichteten anderen dann auf dem Steg plaudernd von der Fahrt. Wobei sie erfolgreich eine speziell hamburgische Sommerfeierabendatmosphäre verbreiteten.

Andere stachen gerade erst in den See und setzten mehr oder weniger mühsam Segel. Was man immer auch als vollkommen kostenloses, symbolstarkes Motivationsseminar betrachten kann, wenn denn dazu eine Neigung oder Notwendigkeit besteht.

Ein Buch auf einem Tisch in der Außengastro an der Kleinen Alster

Liebespaare in Tretbooten sah ich auch, und gleich eine ganze Flotte davon. Eng umschlungen in den Sonnenuntergang fahrend, teils mit picknickmäßiger Ausrüstung dabei, inklusive perlender Getränke. Abende fürs Album.

Dazu und daneben Familien in Tretbooten. Wobei man immer hohe Beträge darauf wetten kann, dass zuverlässig der Vater steuert, auch heute noch. Kinder mit den kleinen Händen im goldglitzernden Wasser, funkelnde Tropfen und Spritzer.

Vereinzelt, haha, auch Singles in Tretbooten dabei. Entschlossen, alles dennoch zu machen womöglich. Aber was weiß man schon.

Menschen in allen Stadien der Liebe und der Beziehungen jedenfalls strampelten vor mir über die Außenalster. Mein Buch war interessant, wenn es auch in Bezug auf das Thema Liebe eher wenig Positives zu erzählen hat. Natürlich war es interessant, es ist bekanntlich Weltliteratur und das nicht ohne Grund. Aber das andere, das da vor mir, das war auch interessant. Und in etlichen Minuten war es auch interessanter.

Was mich dann zu einer naheliegenden Frage führte. Es war eine dieser seltsamen Fragen, die man sich manchmal etwas verblüfft stellt, wenn einem gewisse Details der Lebensführung plötzlich so bewusst werden, als würden sie im Hirn auf einmal aufleuchten. Warum ich das denn bitte nicht öfter mache, mich da hinzusetzen? Wo ich doch schon um die Ecke wohne?

Ich gehe aber immer nur. Ich setze mich da normalerweise nicht hin, nirgendwo setze ich mich hin. Also im Sinne von: nie. Gehen ist nun zweifellos großartig, denn ich liebe das Gehen wirklich sehr, aber jetzt, wo ich da so saß – also es hatte auch etwas. Und vielleicht muss man es ab einem gewissen Alter auch einüben, vielleicht passt es ohnehin? Damit man es als Fähigkeit jederzeit schon parat hat, wenn anderes irgendwann nicht mehr geht?

Segelboote auf der Außenalster

Sehen Sie, und tiefschürfende Fragen dieser Art fand ich dann auch ablenkend.

Bezogen auf das Performative konnte ich allerdings zunächst überhaupt keine Wirkung feststellen. Ich war vielmehr sitzend und mit Buch recht eindeutig noch unsichtbarer denn je. Auf eine leere Bank, da habe ich keine Zweifel, hätten vorbeispazierende Frauen und auch andere Menschen nennenswert häufiger und vielleicht sogar mit Begierde im Blick gesehen. Aber auf eine Bank, auf der ein Typ mit Buch sitzt, guckt kein Schwein, nach dieser Erfahrung zu urteilen.

Aber gut, es war nur ein erster und auch zeitlich nicht sehr ausgedehnter Versuch. Und gute Versuche, das weiß man längst, kommen stets in Reihen vor, siehe Wissenschaft.

Ich werde weiter berichten.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert