Die Deko für die nächsten Jahre

Neulich, als ich auf der Suche nach mehr oder auch neuem Sinn wieder bei der Raufaser direkt vor mir begann, fiel mir auf, dass dort auch ein Bild hängen könnte. Genau dort, wo die weiße, körnige Wirklichkeit begann. Und zwar eines, welches womöglich noch zu erwerben, zu finden sei. Umdekorieren und anders, irgendwie optimiert handeln in Lebenskrisen und Umbrüchen aller Art. Es naht immerhin auch ein Geburtstag mit markanter Null: Man kennt das.

Eddingschrift an einem Verkehrsschildmast: "Sad n happy"

In meinem Alter muss man nur unbedingt von den Eingriffen à la Aschenbach bei Thomas Mann absehen. Die gefärbten Haare und die Reisen nach Venedig, das exaltierte Gebaren lasse ich also bewusst und bemüht aus, ebenso wie die gegenteilige Variante des allzu lässigen Gehenlassens.

Obwohl ich zu der eine gewisse, situativ erklärbare Neigung spüre. Wenn ich ihr auch nicht nachzugeben gedenke. Zeilen wie die von Nick Lowe aber, in seinem Song „Lately I’ve let things slide“, ich fühle sie durchaus:

„Smoking I once quit

Now I got one lit …”

Wüsste ich nicht, dass die Nikotinsucht bei mir ein äußerst schwer zu bekämpfendes Monster war, ich wäre gerade erheblich in Versuchung.


„That untouched take-away

I brought home the other day

Has quite a lot to say“

Doch, ich mag den Text des Songs und ich stimme dem YouTube-Kommentar unter dieser Performance zu: „The kind of effortless brilliance it takes a lifetime to achieve.“

Aber wie auch immer, diese beiden Varianten sind also nicht anzustreben, okay. So ein Bild an der Wand dagegen, an jener Wand, die ein Sohn gerade erst frisch gestrichen hat, mit bemerkenswert gutem Ergebnis sogar … Das kann man doch machen. Dachte ich.

Ich fuhr daher nacheinander zu den beiden Stilbruchläden. Das sind die Geschäfte, in denen die Hamburger Müllabfuhr das verkauft, was man früher, die Älteren erinnern sich, noch mit etwas Glück auf dem Sperrmüll gefunden und bejubelt hat. Lange Zeit noch habe ich Gegenstände und Möbel aus diesem Fundus direkt am Straßenrand besessen, und es waren nicht die schlechtesten im Haushalt. Aber gut, es war auch Zeug vom Sperrmüll in Eppendorf, Ende der Achtziger Jahre. Das waren aus heutiger Sicht paradiesische Zustände, das war ein El Dorado der gebrauchten Gegenstände, in dem man dort mit wenig Suche viel finden konnte.

Heute findet man zweifellos Großartiges bei Stilbruch, und enorm günstig ist es teils auch, was besonders für die Möbel gilt (keine bezahlte Werbung, nein). Man muss nur oft genug hingehen, um etwas mitnehmen zu können. Passende Bilder für mich gab es diesmal aber nicht.

Es waren Ölgemälde da, darunter beträchtlich große, die ganz okay gewesen wären, wenn ich sie geerbt hätte. Wenn also irgendein nachvollziehbarer Bezug dabei gewesen wäre, von mir zum abgebildeten Fachwerkhaus in attraktiver Landschaft, zum röhrenden Hirsch, zum würdevollen Großonkel, zum Dreimaster im Sturm oder zum abenddunklen Teich am Dorfrand, komplett mit Mondspiegelung im schwarzen Wasser und Sternengefunkel darüber.

Aber das sagte mir alles nichts. Das wäre wie die Deko in einer Fernsehserie gewesen, wo einfach irgendwas an den Wänden hängt, mit der lapidaren Anweisung im Drehbuch: Ölbilder, alt. Das wollte ich so nicht. Und erinnerte mich noch beim Betrachten der Gemälde dieser Art an meine Antiquariatszeit, in der es manchmal Requisiteurinnen als Kundinnen gab. Die große Mengen Bücher kauften, gerne auch die teuren, vielbändigen Gesamtausgaben in Leder, auf denen man sonst Jahrzehnte sitzenbleiben konnte. Und die beim Preis nicht einmal zuckten, höchstens kurz spöttisch lächelten.

Es brachte uns dringend benötigtes Geld, denen das Zeug zu verkaufen, aber es tat auch ein wenig weh. Denn man war doch, wenn man in einem solchen Laden arbeitete, kulturell ein wenig ambitioniert. Das fanden sie erheiternd, diese biestigen Requisiteurinnen, diese zynischen Ausgeburten der Gegenwartsunkultur. Als solche kamen sie uns zumindest vor, Varianten von Cruella de Vil aus der Deko-Abteilung waren es für uns. Den Goethe, den Lessing und den Novalis haben wir ihnen aber dennoch eingepackt, versteht sich, und die Scheine haben wir dafür gerne angenommen. All die schönen und teils wertvollen Bände haben wir ihnen eingepackt, in große Bananenkartons. Buchrücken, die dann viel später in einem Fernsehkrimi zwei Minuten lang zu sehen waren, im Hintergrund einer Landhausszene.

Es gab auch Ölgemälde in den Stilbruchläden, die ich ironisch hätte aufhängen können. Aber man wächst irgendwann aus dem Alter raus, in dem man Räume noch ironisch dekoriert. Ich möchte auch hierbei annehmen, Sie kennen das.

Und es waren einige Ölgemälde da, die hatten einen Rechtsdrall. Nicht in der Pinselführung, wohl aber in der ideologischen Ausrichtung: Sehr strammer Bauer in besonders aufrechter Haltung mit flachsblondem Sohn an der schützenden Hand, und ernst winkt die Mutter am Feldrand, auf den hölzernen Rechen gestützt. So etwas.

Ein schlechtes Ölbild, eine Puppe neben einem Blumenstrauß darstellend

Dann waren viele Fotos in großem Format da. Plakate gab es, die waren das Beste aus den Achtzigern, Neunzigern und Nullern. Und zwar waren sie das Beste aus den damaligen Plakatabteilungen bei Ikea, Karstadt etc. und womöglich auch noch von Quelle, Otto, Neckermann. Und was es noch alles gab.

Es wäre auch interessant, fiel mir dann beim Durchblättern ein, unser Land aus abgelegter Deko zu rekonstruieren. Wenn man in Läden wie Stilbruch das anlandende Angebot jahrelang mitschreiben, mitfotografieren und natürlich auch verschlagworten würde, welche Rückschlüsse auf uns alle ließe das wohl zu und welche Fragen würde das aufwerfen.

Warum hatten wir etwa, wo es doch hunderttausend Künstlerinnen und Künstler aus der so vielfältigen Kulturgeschichte zur Auswahl gab, ausgerechnet diesen unübersehbaren, etwas wahnhaften Van-Gogh-Fimmel. Und was sagt das eigentlich über uns aus.

Und warum richteten wir unsere Küchen stets den schnell wechselnden Moden folgend ein, einen Farb- und Materialtrend nach dem anderen dabei abarbeitend, hängten aber quer durch die Jahrzehnte immer wieder die gleichen schwarzweißen Bilder von kleinen französischen oder manchmal auch italienischen Bistros an die Wände über der Arbeitsplatte und dem Küchentisch. Wonach haben wir uns da gesehnt.

Auch das Aufkommen, Hochbranden und Abebben der Verehrung US-amerikanischer Unterhaltungskultur könnte man so darstellen: Elvis, die Beatles, James Dean, Marilyn Monroe, Tom Cruise, Springsteen und Madonna.

Und wäre es nicht auch interessant zu wissen, durch was das Amerikanische jetzt allmählich ersetzt wird? K-Pop und was noch?

Na, wie auch immer. Ich habe dann jedenfalls bei meinem Besuch entschieden zu viel gedacht und gar nichts gekauft. Es ist recht billig, auf diese Art zum Shopping zu gehen, aber es dekoriert dummerweise nichts. Und zuhause dann wieder lediglich die Raufaser an der einen Stelle, die durch meinen steten, bohrenden Blick schon ganz abgenutzt ist.

Ich gehe demnächst noch einmal dort nach Bildern gucken, glaube ich. Oder ich gehe auch einmal wieder auf Flohmärkte. Da war ich seit Ewigkeiten nicht mehr, das Thema hatte ich schon ganz abgehakt.

Aber anders und irgendwie neu handeln in Lebenskrisen, ich sage es ja.

“I got an urban dictionary

I got an MPC

So I can be young if I want to be

And I’m gonna need that shit obviously

If I’m to take on this hopeless world”

 

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Ein Kommentar

  1. Ich ergänze die Poster- und Deko-Historie mit den Sammelbestellungen von Postern in der Schulzeit, also erste Hälfte 1980er, in der ganzen Klasse gesammelt, um zu günstigeren Einzelpreisen zu kommen. (Das war aber nicht der Zweitausendeins-Katalog, oder?)

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