Ich kam neulich in einem Gespräch darauf, und dann musste ich erst einmal kurz nachdenken, weil mir mein erster Gedanke zu dem Thema etwas unwahrscheinlich vorkam. Das ist allerdings mittlerweile ein paar Tage her und ich denke immer noch darüber nach, komme aber nach wie vor zu keinem anderen Ergebnis.
Und zwar ging es da um das Reisen als Einzelperson. Wenn ich nicht irgendetwas gründlich verdrängt habe, dann habe ich das, abgesehen von Lese- und Dienstreisen, die in diesem Zusammenhang nicht zählen können, wohl tatsächlich noch nie gemacht. Nicht einmal kurz. Nicht einmal, so wie jetzt gerade, in der Nähe verbleibend, also eher mit erweitertem Ausflugscharakter.
Nein, mir fällt wirklich nichts ein. Es hatten vielleicht alle meine Reisen, durch sämtliche Jahrzehnte, einen Eltern-, Paar- oder Familienbezug. Seltsam und unwahrscheinlich kommt es mir vor. Es fällt mir auch schwer, den Gedanken zu akzeptieren, und doch scheint es die Wahrheit zu sein.
Dabei ist es dann noch ein Glück, im Sinne der Tante Jolesch von Friedrich Torberg (siehe hier), dass ich diesen seelischen Wundschmerz der nostalgisch-romantischen Art, den bekanntlich viele Menschen an den Orten empfinden, an denen sie mit anderen, irgendwann oder immer noch geliebten Menschen einmal waren, recht kategorisch nicht im Repertoire zu haben scheine. Dieses Modul wurde bei mir wohl nicht verbaut. Und man kann natürlich damit leben, nicht permanent beim Anblick von Gebäuden, Stränden oder Landschaften vergangenem Glück hinterherzutrauern und einem nur noch imaginären Gegenüber alle paar Minuten ein seufzendes „Weißt du noch“ zuzuraunen. Ich stelle mir das unangenehm vor, so von sich selbst und seinen Erinnerungen belästigt zu werden.
Wäre ich ernsthaft in dieser Richtung veranlagt und problembeladen, ich hätte mir mittlerweile auch längst ganz Norddeutschland verunmöglicht. Das wäre etwas ungünstig. Ich würde schließlich bei so etwas wie Delmenhorst landen, auf der Suche nach nicht kontaminierten Gegenden. Man hat auch dabei immerhin seine Vorbilder:
Ich bin in einem Hotel, das mit der Mutter meiner Söhne und mir etwas zu tun hat. Wenn ich aus dem Fenster sehe, dann steht da nur zwei Häuser weiter ein anderes Hotel, in dem war ich einmal mit der Frau, mit der ich davor verheiratet war, sogar in einer ausgesprochen kurzgeschichtentauglichen Nacht.
Aber es geht. Es ist nicht schlimm, ich muss hier daher keine Liebeslyrik schreiben. Und das ist sicher sehr gut so.

Das Hotel gibt sich aber auch alle Mühe, betont gegenwärtig zu sein. Alles läuft nun digital, nicht nur die Buchung. Auch der Check-In, die Gästekarte etc. Etwa ab der fünften Mail, die mir das Hotel mit viel Enthusiasmus im Text schickte, fühlte ich mich allerdings ein wenig digitalmüde und landete wieder beim längst legendären Drosten-Zitat: „Ja, ist gut jetzt.“
Als ich sah, dass man hier sogar den Fahrstuhl per App startet, wusste ich schon, was passieren würde. Ohne jede Überraschung ging ich daher zurück zur Rezeption, denn der Fahrstuhl startete selbstverständlich nicht. Und das war dann wieder einer dieser Momente, von denen jetzt feststeht, dass sie ab diesem Jahr bei mir immer häufiger auftreten werden. Nämlich einer dieser Momente, in denen sogar ich denke: Können wir diesen ganzen digitalen Unsinn nicht einfach lassen.
Ich dachte es dann prompt gleich darauf noch einmal, nämlich beim Öffnen der Zimmertür mit der App. Ein Schlüssel wäre mir deutlich lieber gewesen. Ein guter, alter Schlüssel. Mit so einem unförmigen, merkwürdig überdimensionierten Holzdödel dran, die Älteren erinnern sich.
Na, was man so denkt und wie es eben so ist, wenn man langsam aus der Gegenwart herauswächst.



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