Ich sehe oft Filmszenen in der Wirklichkeit, ich schreibe oft darüber, und ich nehme oft Musik über Kopfhörer als Soundtrack zu etwas wahr, das da draußen gerade abläuft. Mehr oder weniger passend kann die Musik dann sein, und manchmal passt sie auch sensationell gut. Das sind diese erhebenden Sync-Momente, Sie kennen das vermutlich, wenn alles kurz zusammenpasst.
Was ich aber eher nicht sehe, was ich auch nicht fühle, das bin ich in einer Rolle in diesen Szenen. Schon gar nicht in der Hauptrolle. Auf diese Idee komme ich eher nicht. Ich laufe normalerweise herum und sehe mir lieber die Show an, die andere veranstalten. Andere Menschen sehe ich also an, die etwas machen oder einfach mehr oder weniger dekorativ vorhanden sind. Manchmal auch Tiere oder überhaupt die Natur, die Stadt, die Gebäude, die blinkenden Reklamen etc.
Ich denke ausdrücklich nicht wie Snoopy: „Hier kommt der berühmte …“, um mich dann einer Fantasie entsprechend in Szene zu setzen, gekonnt zu inszenieren oder zumindest solcherart zu empfinden, zu erträumen. Ob es aber normal wäre, so etwas zu tun, und wenn ja, in welcher Häufigkeit, das weiß ich gar nicht. Und es lässt sich auch nicht gut mal eben recherchieren. Zumindest auf den ersten Blick nicht, und mehr Zeit hatte ich gerade nicht. Wie viel Hauptrolle steht einem eigentlich zu?
Am Ende sind Hauptdarstellerinnenfantasien viel gewöhnlicher, als ich es mir vorstelle, machen das andere öfter als ich? Was weiß man schon – ich lande immer wieder bei diesem Gedanken.
Main character vibes jedenfalls. Ich habe spontan nicht ergründen können, woher der Ausdruck eigentlich genau stammt. Ich weiß, dass er in den sozialen Medien oft verwendet wird, wie auch main character energy und andere eng verwandte Abwandlungen. Eine Quelle in der Gaming-Kultur kommt mir wahrscheinlich vor und Gemini gibt mir prompt Pen-&-Paper-Rollenspiele als Herkunft an. Zum Gegenbegriff NPC ist es da in der Assoziationskette nicht allzu weit.
Den Ausdruck NPC habe ich damals von den Söhnen gelernt, übrigens.
Aber wie auch immer. Als ich am Meer ankam, das wollte ich nur eben erzählen, war es vollkommen unerwartet warm. Ein hochsommerlicher Tag, eher später Juli als früher Juni, gar kein Gedanke an den angesagten Regen. Ich stieg aus dem Zug und rollkofferte zunehmend erhitzt zum Hotel. Ich stellte das schmale Gepäck in das Zimmer und ging gleich wieder, ohne mich erst umzuziehen, runter zum Strand. Noch im Anzug also ging ich. Und zwar auf dieses Mittelding zwischen Seebrücke und Steg, über das man in Sankt Peter-Ording zum Meer gehen kann. Und wie lange geht man da. Wenn man es nicht kennt, nehme ich an, ist es ein ganz erstaunlich langer Weg, bei dem sich auch noch Scherze über Holzwege anbieten, aber das nur am Rande.

Über die Salzwiesen des Vorlandes führt dieser Weg, man sieht neben sich und in der Weite begrünte Dünen. Begrünt und bewachsen in diesen Farben, die man aus den Filmen über das schottische Hochland kennt. Man sieht auch schon die berühmten Pfahlbauten in der Ferne, vor einem und auch links und rechts. Und man sieht, zumindest zu dieser Uhrzeit, die in der Abendsonne gleißend liegende Nordsee, in friedlichster Abendstimmung. Ein Meer, das sich zahm gibt.

Der Holzweg endet endlich dort, wo der feine Sand beginnt. Wo ich dann die Büroschuhe auszog und in die Hand nahm. Um fast wie pflichtgemäß einmal zu den Ausläufern der kleinen, an diesem Abend nur äußerst dezent heranplätschernden Wellen zu gehen und ersten Kontakt aufzunehmen.



Sich vom Meer anlecken lassen wie von einem fremden Hund. Dabei vielleicht noch höchst geistreich so etwas wie „Na, du?“ murmeln. Und eine Hand tätschelnd herunterreichend, das auch.
Und dann da also einen Moment stehen und sinnend in Richtung der sinkenden Sonne sehen. Deutlich falsch angezogen und deswegen auch vielfach angesehen. So oft angesehen schließlich, dass sogar mir irgendwann der Gedanke an main character vibes kam und ich mich daher etwas gerader machte und ein paar Schritte in der Totalen ging, auf das tiefere Meer zu. Von hinten aufgenommen, langsam aus dem Bild gehend, schräg in die kleinen Wellen.
Es war dann auch okay, einen Moment lang. Aber immer müsste ich nicht im eigenen Bild sein.
***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.