Vielleicht lasse ich die Sommerpause langsam ausklingen. Der Vorhang hebt sich nicht mit Schwung, er ruckelt eher nach oben, so könnte es sein. Und das Publikum weiß dann zunächst nicht recht, beginnt hier jetzt eine Aufführung, ist es nur eine Probe oder ist es am Ende bloß technisches Versagen, dreht ein verwirrter Praktikant eventuell an der falschen Kurbel im Bühnenhintergrund. Ja, ich könnte die Pause zögerlich beenden, stückweise. In einzelnen Bröckchen, so wie beim Entenfüttern.
In Hamburg gibt es übrigens gerade wieder Diskussionen um das Füttern von Enten, Schwänen, Gänsen und Tauben. Denn es tut den Tieren nicht gut, wie allmählich sattsam bekannt sein sollte. Es ist auch ohnehin längst verboten, und es hat unerwünschte Folgen mancherlei Art. Allerdings gehe ich oft, nahezu täglich, an den Stellen vorbei, an denen die Vögel auf der Alster von den Touristen gefüttert werden.

Ich kenne diese Szenen also, ich habe das Geschehen lange und gründlich beobachtet. Und ich weiß daher: Man könnte diese Menschen nur mit Waffengewalt davon abhalten, Wasservögel mit Brot, Kuchen, Franzbrötchen und Croissants zu bewerfen, denn für ein Selfie mit Schwan umgehe sie jedes Verbot und auch jede Drohung mit Gelstrafe. Man muss sich Ranger vorstellen, die da einschreiten, und zwar mit robustem Mandat.
Ich stehe da dann manchmal etwas länger, wenn ich es mir so vorstelle: „Hände vom Brot oder wir schießen!“, und es wird mir dann erstaunlich plastisch, wie es vor sich gehen könnte. Jedem seine Abgründe.
Die Sommerpause in diesem Blog endet also unordentlich und zerfasert, stückweise und erst einmal nur in Häppchen. Und zwar endet sie auf diese Art, obwohl da draußen doch noch ein erheblicher Sommer und Pausengrund stattfindet. Obwohl auch erneut Temperaturen im Wetterbericht vorhergesagt werden, bei denen man lieber gar nichts machen möchte. Nicht einmal schreiben. Ab etwa 32 Grad wird es bei mir sogar mit dem Lesen knapp, habe ich gemerkt. Und das will etwas heißen.

Ansonsten trat während der Pause das ein, was ich in etwa erwartet hatte. Aber was ich doch mangels aktueller Erfahrung nicht genau wissen konnte. Immerhin liegt die letzte Phase, in der ich ausdrücklich nicht geschrieben habe, mehr als 21 Jahre zurück. Es verhält sich damit jedenfalls so, dass es mir nichts bringt, nichts zu schreiben. Weil ich nun einmal ein Schreibender bin. Oder besser über die Jahre geworden bin.
Schreibe ich längere Zeit nicht, weiß ich nicht mehr recht, was ich denke. Sie werden das zugehörige und vielbeschworene Zitat von Susan Sontag kennen, nehme ich an.
Aber nicht nur, dass ich nicht mehr recht weiß, was ich denke, es kommt noch ein weiteres unangenehmes Gefühl dazu. Das man vermutlich in unserer von Detox besessenen Zeit gar nicht lange erklären muss. Denn die Frage ist doch, wo bleiben die aktuellen Gedanken, wenn man sich ihrer nicht regelmäßig entäußert? Sie lungern immer weiter im Hirn herum, zusätzlich zu all dem anderen Krempel. Und es ist doch schon so eng dort, so unübersichtlich und fast messiemäßig zugestellt mit all den Ideen, Einfällen, unfertigen Pointen, halbtoten Projekten, theoretischen To-Dos usw. Und da jetzt noch neues Zeug erst einmal irgendwo hinstellen, für eine unklare Zeitspanne und mit undefiniertem Verwendungszweck – man braucht sicher keine Marie Kondo, um zu erkennen, dass dies der Ordnung kaum dienen kann.

Ich habe also, so kann ich es vielleicht zusammenfassen, nicht das Gefühl, dass etwas besser wird, wenn ich nicht schreibe. Davon abgesehen, dass ich mit Pausen eh mehr Schwierigkeiten habe als andere. Dass ich mich nicht aufseufzend irgendwo hinwerfen kann, beseelt vom Gedanken, jetzt aber mal ernsthaft nichts zu tun.
Meine bekannte Wellness-Aversion ist selbstverständlich in Wahrheit eine grundlegende Unfähigkeit. Aber wenn ich über verschiedene Unfähigkeiten nachdenke und wenn ich da noch einmal eine Auswahl treffen müsste – also ich glaube doch, genau diese würde wieder für mich in Betracht kommen. Es ist eine, mit der man gut leben kann.
Dennoch hat das Prinzip Sommerpause in Zeiten des Klimawandels für mich eine neue Bedeutung und wird wohl auch im nächsten Jahr zu wiederholen sein. Denn ich kann ernsthaft weniger bei Hitze, und heiß war es. In Wahrheit können wir sogar alle weniger bei Hitze. Vielleicht z. B. könnten Sie gerade nicht lesen, während ich gerade noch schreiben kann, weil dieser Tag in Hamburg halbwegs frisch ausfällt.
Der Sommer als Zeit der allgemeinen Minderleistung betrachtet. Wir müssen es viel öfter und eindeutiger so benennen, denke ich.
Aber sehen Sie, ich wollte nur zwischendurch mal zwei, drei Zeilen schreiben, und dann machen meine Finger aber einfach weiter. Wie brave Pferdchen, auf bekannten Wegen verlässlich trabend.
In Kafkas Geschichte vom Landarzt hat dieser überaus dringenden Bedarf an einem Pferd, denn er muss zu einem Schwerkranken und hat keine Möglichkeit, die kurze Reise dorthin anzutreten. Er geht unruhig über seinen Hof und entdeckt dabei – es wird nicht weiter erläutert, weil wir eben bei Kafka sind – dass er sowohl über einen Pferdeknecht wie auch über zwei Pferde verfügt, wovon er bisher nichts gewusst hat. Was er dann aber so hinnimmt, und es wird also angespannt:
Das Dienstmädchen stand neben mir. „Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig hat“, sagte es und wir beide lachten.
So ging es mir damals auch, als ich meinen ersten Blogeintrag schrieb. Als diese Hände zu meiner eigenen Überraschung zum ersten Mal über die Tastatur klappernd immer weiterliefen. Ganz so, als sei das immer schon ihre eigentlich vorgesehene Verwendung gewesen, und auch als wüssten sie den Weg. In einem ruhigen, stetigen Trab, den ich schon damals bald eher mit Routine als mit Sportlichkeit assoziieren konnte.
Eher mit: „Die werden morgen auch wieder laufen“ als mit „Die werden heute alles gewinnen“.
In Kafkas Geschichte geht das mit den Pferden dann allerdings nicht so erfreulich weiter, man darf diese Bilder und Bezüge auch nicht überstrapazieren. Aber das versteht sich bei Kafka eigentlich von selbst.
Meine Mutter, gerade 88 Jahre alt geworden, hat sich neulich auf einmal erinnert, denn in ihrem Alter erinnert man sich fortwährend auf einmal an irgendetwas, wie ihre große Schwester sie damals in den Siebzigern dazu gedrängt hat, Kafka zu lesen, der damals gerade sehr en vogue war.
Und sie sagte, mit noch lebendigem Widerwillen: „Was habe ich unter dem Zeug gelitten.“

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