Ich höre noch einmal das Irische Tagebuch von Heinrich Böll. Das ist einerseits gut, weil dieser Text auf eine traurig-milde Art sehr schön ist und schon ein guter Grund, den Herrn Böll in freundlicher Erinnerung zu behalten, das ist andererseits schlecht, weil ich Lust bekomme, auch irgendetwas zu beschreiben, was nicht vor der Haustür liegt. Das aber ist nicht so einfach gerade, schon jahreszeitenmäßig nicht, denn so gerne bin ich im Moment gar nicht draußen, es fehlen immerhin noch ein paar Grad bis zu den üblichen 12, auf die ich seit 2020 als Mindesttemperatur geprägt bin. Im Wetterbericht tauchen sie genau in diesem Moment auf, wie nett ist das denn – in ein paar Tagen soll es so weit sein. Vielleicht.
Wo übrigens gerade der Verkehrsminister wieder von breiteren Autobahnen träumt, wie man liest, von noch mehr Verkehr, von noch mehr Autos, es gibt da eine schöne Stelle bei Böll, wo er von den Kühen berichtet, die so selbstverständlich über die irischen Dorfstraßen zu den Weiden oder zurück zum Stall ziehen und er sagt dann weiter, dass es für eine Blasphemie halte, die Straßen künftig den Motoren zu überlassen, und er wehrt sich heftig gegen den Anspruch der Autofahrer. 1957 hat er das geschrieben, als die Verkehrsplaner gerade weltweit in langanhaltende Ekstase gerieten und anfingen, alles umzubauen oder erst einmal plattzumachen.
Im Discounter steht währenddessen schon der kleine Stand mit den Samentütchen, Radieschen, Möhrchen, etc. Es geht los, es geht los. Also zumindest demnächst. Wir gehen auf Mitte Februar zu, das ist da, wo die Tage wieder so hell sind, dass das Licht im Vorstellungsvermögen auch ankommt, man sich also nicht mehr alles, was man sich vornimmt, als routinemäßig in stockdunkler Umgebung vorzustellen hat. Ich nehme zumindest an, dass es bei anderen auch so läuft. Die Helligkeit als Planungsmöglichkeit und wieder üblicher Umstand am Tag, so in etwa. Am Montagmorgen habe ich einen routinemäßigen Termin in einem anderen Stadtteil, und der findet auf einmal bei Tageslicht statt, es fällt sehr auf.
In der Innenstadt sehe ich in einem Dekoladen im Vorbeigehen den ersten Stand mit bunten Osterhasenfiguren.
Und in der Linde vor dem Balkon die Grünfinken, endlich. Seit einem halben Jahr weiß ich, dass sie da unten irgendwo sind, ich konnte das an den Lauten klar und zweifelsfrei zuordnen, nie habe ich sie gesehen, es sind gekonnt versteckt lebende Vögel. Jetzt aber. Die Liste der vom Balkon aus gesehenen Arten bleibt immer noch stadtmittetypisch eher überschaubar, aber egal, eine Ergänzung gibt es jetzt doch. Letztes Jahr der Buntspecht und die Mauersegler, dieses Jahr die Grünfinken, hat 2023 also schon einmal ein Soll erfüllt. Nächstes Jahr dann vielleicht ein Wintergoldhähnchen oder so, man hat ja noch Wünsche offen.
Ein Dompfaff wäre auch nett. Die waren in meiner Kindheit noch ganz selbstverständlich, fällt mir gerade ein, und sie sind mir dann vollkommen aus der Wahrnehmung gerutscht. Sie kamen einfach nie wieder vor, in keiner Wohnlage, und da ist es wieder – am schwersten ist doch das zu bemerken, was man nicht mehr bemerkt.
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