Wrap up

Ich weiß noch, dass ich im Jahr 2015 so einen Moment hatte, ich habe sicher auch darüber etwas geschrieben, da waren die Nachrichtenlage und mein Alltag seltsam weit voneinander entfernt. In den Medien passierte damals etwas, in den sozialen Medien erst recht, es war eine hochkochende Stimmung, eine eindeutige Eskalation, und wenn ich vor die Tür ging, dann war da nichts. Oder ich sah einfach nichts, das trifft es sicher besser. Ich sah Alltag, business as usual, Friede auf Erden. Das fühlte sich befremdlich an und passte nicht zusammen.

Sechs Jahre später ist das Gegenteil der Fall, Nachrichten und Alltag sind seltsam synchron. Schon wegen Corona, versteht sich, denn die Pandemie findet in den Nachrichten und auch hier statt. Genau hier, schon im Treppenhaus trägt die Nachbarin von unten Maske, das ist nur zehn Meter weiter, da geht es schon los. Ich war gerade bei der Bücherei, das ist ein kurzer Weg, einmal am Hauptbahnhof vorbei, ein kleiner Gang durchs Revier nur. Ich sammele mal eben die Themen ein, die ich da gesehen habe. Zwanzig Minuten Weg vielleicht, nein, nicht einmal.

Gleich vor der Haustür ist eine kleine Senke im versiegelten Boden, teils wegen der Ratten, die da unterirdisch irgendetwas treiben und einfach nicht wegzubekommen sind (gute Wohnlage, by the way), teils weil man das irgendwann so gebaut hat. Nichts Besonders, ein kleines Gefälle nur zu einer Mitte hin, ein kleiner Platz zwischen Häusern und Wegen. Neulich hat der Senat eine Karte veröffentlicht, eine erstaunlich detaillierte Karte, auf der man online einsehen konnte, welche Ecken der Stadt bei Starkregen absaufen. Vor unserer Haustür war da ein kleiner See eingezeichnet, dunkelblau, das war diese Senke. Unser Keller wäre dann geflutet, nehmen wir an. Obwohl wir auf einem Hügel wohnen, man sieht von hier hinunter zur Alster. In Sicherheit ist ein Teil unserer Habe also nicht. Wie wahrscheinlich ist der Starkregen? Müssen wir jetzt Sachen im Keller neu sortieren und bewerten? Alles Gute nach oben schichten, machen wir das?

An der Kirche vorbei, wo nach wie vor einmal in der Woche Essen an Bedürftige ausgeben wird. Die Schlange der Wartenden wurde während Corona immer länger und länger, einmal reichte sie fast um die Kirche herum. Lauter Menschen, die auf solche Ausgabestellen angewiesen sind. Viele aus Osteuropa darunter, von da aus könnte man zwanglos zu Migration, Integration und auch zu Alkoholismus kommen, man sieht diese Themen, sie sind da. Aber auch Hartz IV, Altersarmut etc., die ganze Soziologie und all die Gruppen, die im Wahlkampf eher überhaupt keine Rolle spielen.

Da kommen die Restaurants, die Kneipen, da sitzen sie wieder eng an eng und, ich sagte es neulich bereits, ich kann das Wort Konzept nicht mehr hören. Ja, die haben alle ein Konzept, die Läden, und ja, das Wort Konzept ist ehrlich betrachtet reine Wortmagie, siehe auch an den Schulen. Hier und da ein halbhohes Plexiglasscheibchen zwischen den Tischen, im Grunde ist es alles eine Beleidigung der Intelligenz. Ich saß da auch schon, so ist es nicht, ich bin nicht klüger und ich greife niemanden an. Ich schreibe nur auf.

Da vorne hat man einen Beachclub gebaut. Ma hat feinen Sand auf einem Platz aufgeschüttet, man hat einen Cocktailstand hingestellt. Um den Impro-Beachclub hängen ein paar Bastmatten an Baustellenzäunen. Vielleicht soll es mit den Matten von innen besser aussehen, vielleicht soll man aber auch nicht reinsehen. Auf Facebook fragen sich Schwule, denn dieser Beachclub ist schwul organisiert, wenn ich es richtig verstanden habe, ob die nicht vielleicht diskriminierend sind, diese Bastmatten. Soll man Schwule nicht sehen? Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie die Matten gemeint sind, ich gebe auch das hier nur wieder, es geht um die bunte Gesellschaft. Bunt genug oder nicht.

Gleichzeitig beschweren sich Menschen, die auf Rollstühle angewiesen sind, dass sie diesen Beachclub, der doch für alle sein soll, nicht besuchen können, denn sie kommen mit den Rädern nicht durch den Sand, wie man sich leicht vorstellen kann. Wilde Diskussion über Inklusion, wer soll was wo können und wie geht eigentlich Rücksicht, wer muss die auf wen nehmen und warum. Auch da geht es auf den Facebookseiten des Stadtteils hoch her, immer ist dort alles nur einen Halbsatz von der Aggression entfernt, und dann aber gib ihm. Oder ihr.

Auf der Straße vor dem Hauptbahnhof liegen wieder E-Scooter im Weg. Also quer zum Weg. Eine Frau mit Kinderwagen fährt ungerührt darauf zu und schiebt sie mit dem Wagen und mit Schwung aus dem Weg, es gibt unerfreuliche Geräusche und den Rollern tut das sicher nicht gut. Der Kampf um Platz und Sieg im Verkehr findet hier in einer solchen Offenheit statt, dass es immer übertrieben klingt, wenn man einfach nur das notiert, was ist.

Auf einer Brücke hält ein Polizeiwagen, ein Blinkeschild auf dem Dach: Unfall. Zwei Polizisten nehmen Daten auf, eine Autofahrerin steht in der offenen Fahrertür ihres lädierten Fahrzeugs und erzählt. Das ist in etwa die Stelle, an der die Herzdame in unserem Auto neulich von hinten gerammt wurde, der andere Fahrer fuhr dann ungerührt weiter und auf und davon.

Am Wegesrand Wahlplakate, ich soll jemanden wählen, weil er so schön grinst. Von wegen.

Kurzer Blick nach rechts, zur Innenstadt, da stehen die endgültig geschlossenen großen Kaufhäuser, auch für die sucht man jetzt, wie heißt das, ein Konzept, natürlich. Mit einem Konzept wird alles gut. Ja, mach nur ein Konzept! Sei nur ein großes Licht! Erst einmal stehen die Häuser aber weiter als Mahnmal für sterbende Innenstädte herum.

Über die Ampel. Da hinten ist die Methadonausgabestelle. Davor ist Zone 30, man sagt, dass die da auch deswegen ist, weil die Kundinnen und Kunden dieser Ausgabestelle den Verkehr oft schlicht nicht wahrnehmen, nicht dann, wenn sie dringend etwas brauchen, nicht dann, wenn sie gerade etwas hatten. Sichtlich sehr kaputte Menschen wanken über die Straße, Autos bremsen abrupt. Diese Ausgabestelle hat seit einiger Zeit deutlich mehr Zulauf, ich weiß nicht, woran das liegt. Vielleicht hat man nur mehrere zusammengelegt, vielleicht steht etwas Größeres dahinter, etwas Krisenhaftes, man müsste informierter sein.

Unter der Brücke ein Gewirr von Bahnschienen, da fährt auch die S-Bahn zu meinem Büro, aber die fährt wieder ohne mich. Ich sitze im Home-Office, wenn ich nicht gerade zur Bücherei gehe.

Das sind hier so die Themen, nicht wahr. Also nur die, die mir im Vorbeigehen auffallen. Gar nicht auszudenken, was alles dazu kommt, wenn man stehen bleibt oder wenn man sogar mit den Leuten spricht, oder wenn man all die Aufkleber und Plakate liest, die Zettel in den Fenstern, wenn man nur aufmerksam genug zuhört, was die Passanten sagen.

Aber auch andere Themen. Vor dem Bahnhof steht ein kleiner Junge und weint und weint, bitterlich weint er, herzzerreißend und jämmerlich, weil eine ältere Frau, die Oma vermutlich, jetzt abreisen will oder muss. Die Eltern stehen dabei und die Erwachsenen sagen mehrmals: „Aber sie kommt doch wieder!“ Woraufhin der Junge aufheult, als hätte man ihm wehgetan, was vermutlich auch stimmt, denn es ist ja nun einmal kein Trost, es gibt auch gar keinen Trost, es gibt nur das vergebliche Bemühen darum und den reinen Schmerz, und das ist ein großes, ein ganz großes Thema.

Und dann. Vor einer Pizzeria sitzen zwei junge Frauen auf Stühlen neben einem Bistrotisch. Eine hat einen großen Koffer dabei, eine hat nichts dergleichen. Sie sitzen sich gegenüber und halten sich an den Händen, beide Hände der einen fassen beide Hände der anderen, dass man denkt, die lassen sich so schnell nicht wieder los, die werden sich vielleicht lange Zeit nicht gehabt haben, so sieht das aus. Ihre Oberkörper sind ein wenig zueinander geneigt. Die eine erzählt, die eine hört zu, und sie guckt dabei so dermaßen freundlich, liebevoll und zugewandt, dass man im Vorbeigehen spontan neidisch werden könnte und bitte auch Händchen halten könnte und erzählen, was könnte man nicht alles erzählen, wenn jemand so zuhört, wenn jemand endlich einmal so zuhört. Jetzt sagt die eine aber nichts mehr und guckt nur noch in diese unglaublich freundlichen Augen und lächelt dann so und dann fassen sich die vier Hände neu und besser und das ist natürlich auch ein großes, ein ganz großes Thema, wie man sich liebevoll genug begegnet.

Ich gehe in die Bücherei, ich suche Bücher aus. Ich gucke heute mal bei Z, das hat überhaupt keinen Grund, das fällt mir nur so ein. Ich gucke mal, was ganz hinten steht. Zweig steht da, Zola steht da. Pia Ziefle steht da auch und da freue ich mich, denn die kenne ich, die mag ich. Die ist aus meiner Timeline, die ist aus meinem Internet. Ich nehme ihr Buch aus dem Regal und freue mich, als hätte ich eine alte Bekannte getroffen, und es ist doch um mich herum recht durchlässig geworden zwischen Offline und Online, denke ich. Das war früher nicht so.

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Links am Morgen

Nächsten Sonntag gibt es einen Text von mir am Strand. In zwei Metern Höhe, warum auch nicht.

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Rauchschwalbenfütterung. By the way, auf meiner Lesewunschliste habe ich noch dieses Buch, das passt hier gerade. Neulich in der Bücherei aus dem Augenwinkel gesehen und nicht mitgenommen, man macht ja manchmal Fehler.

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Ein Fahrradumbau, ziemlich beeindruckend. Bei uns ist so etwas ein allerdings eher abwegiger Gedanke, ein Fahrrad muss hier unbedingt so aussehen, als es gebraucht, schief zusammengebaut, etwas schadhaft und verkommen. Es wird sonst in den nächsten sechzig Minuten geklaut, wenn man es nicht durchgehend festhält.

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Mit dem Städtebau ist es wie mit dem Klima: Es gibt Kipppunkte, bei deren Erreichen eine unumkehrbare Entwicklung einsetzt.

Die geschätzte Kaltmamsell fand diesen Artikel auch verlinkenswert und leitete ihn mit diesen Sätzen ein: “Die umweltfreundlichste Kleidung ist die, die man nicht neu kauft. Und das umweltfreundlichste Haus ist das, das nicht neu gebaut wird. Möchte man meinen.  Das ist ein Gedanke, der mich schon seit einer Weile beschäftigt, dieses Nein zu etwas, das im Grunde immer die umweltfreundlichste Aussage ist. Nicht kaufen, nicht machen, nicht dahin fahren. So unpopulär wie nur irgendwas, so extrem naheliegend und simpel. Keine E-Bikes, keine E-Scooter z.B. Einfach nein. Nichts. Fehlt nur die Antwort auf die Frage, was der Mensch sinnvollerweise macht, wenn er nicht konsumiert, denn die meisten wollen ja dauernd etwas machen, warum auch immer, ich muss auch nicht alles verstehen. Und wie jemand anderes dann davon leben soll, dass andere nichts oder deutlich weniger verbrauchen, das müsste ebenfalls noch mal eben beantwortet werden. Da müsste mal jemand darüber nachdenken, der sich damit auskennt. Also ich z.B. nicht.

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Wie lange darf man überhaupt

Ich gehe an den Restaurants und Cafés und Kneipen vorbei, an den Menschentrauben der überbordenden Außengastronomie, die jetzt über Parkplätze, Bordsteine und Gehwege wuchert und überall bis zum letzten Platz besetzt ist. Noch ein Bier, bevor der Regen kommt, bevor die vierte Welle kommt oder irgendwelche Maßnahmen, die Polizei oder die Sperrstunde. Ja, die Polizei. Gestern haben sie hier um die Ecke Läden zugemacht, weil sich niemand mehr an egal was hält.

Ich gehe an den Tischen vorbei. Ich höre im Vorbeigehen ein Wort, ganz deutlich höre ich es aus dem Satzgewimmel heraus: „Corona.“ Ich höre es auch am nächsten Tisch und am übernächsten, „Corona, „Corona“, dann kommt noch ein Tisch, da höre ich „Sex.“ Das klingt nach Rap, finde ich, Corona, Corona, Corona, Sex, man hört doch den Rhythmus, das müsste doch noch weitergehen. Das würde dann vermutlich auch in meine Jazzraphopgroovefunk-Playlist auf Spotify passen.

Mir kommen zwei entgegen, die sagen:

„Bist du Biontech?“

„Ich bin das gute Astra.“

Dann kommt mir ein verwirrter Brabbler entgegen, einer von denen, die den ganzen Tag reden. Seltsam angezogen, das Hemd hängt aus der Hose, stark beschädigte Kleidung. Ein Buch in der Hand, in das er beim Gehen guckt. Ich kann nicht erkennen, was für ein Buch das ist. Er sieht sich über seine Lesebrille hinweg um, er sieht die Tische und all die voll besetzten Plätze und er sagt: „Das ist doch alles nicht realistisch hier.“ Er sagt es mehrfach vor sich hin und dann zu mir, ich nicke. Dann geht er zu den Tischen und sagt es den Leuten, dass das hier nicht realistisch sei, immer wieder sagt er das, mit erhobenem Zeigefinger und auch mit einiger Vehemenz. Die Leute gucken weg oder winken ab.

Es ist bald zehn, einer der Gäste der Außengastronomie sieht auf die Uhr und fragt, wann eigentlich Schluss sei, um zehn oder um elf oder um zwölf oder was: „Wie lange darf man denn überhaupt?“

Das ist der letzte Satz, den ich auf dem Spaziergang höre, und der ist als Ende auch okay.

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Nächste Woche

Wenn in der nächsten Woche die Schule in Hamburg wieder losgeht, werden die Schülerinnen und Schüler, in den unweigerlichen Schulmails dann wieder mit SuS abgekürzt, ganztägig mit Maske im Unterricht sitzen. Und sie werden das einigermaßen komisch finden, denn sie sehen ja, etwa hier im kleinen Bahnhofsviertel, wie sich der ganze Stadtteil und zahlreiche Gäste von außerhalb abends in und vor den Kneipen zum Kuscheln trifft, ganz ohne Maske, Abstand und Umstand. Aber die Hygienekonzepte, sagt da irgendwer, und ich lache gerade noch freundlich und winke ab.

Ich will auch gar nichts dazu sagen, ich enthalte mich. Ich bin mir nur sicher, dass die SuS das seltsam finden werden. Wie auch die Tatsache, dass sie jeden Tag in die Schule sollen, wo sie doch jetzt wissen, dass Wechselunterricht in Kleingruppen viel besser und gechillter ist. Wie auch die Tatsache, dass einige von ihnen geimpft sein werden, aber mehr so heimlich, denn eine offizielle Impfkampagne für die Altersgruppe ab 12 gibt es bekanntlich nicht, und die Kinder unter 12 gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung sowieso nicht mehr. Ich enthalte mich auch da, ich notiere nur.

Die Eltern werden wieder Zettelchen unterschreiben, dass sie in den Ferien nicht in einem Risikogebiet waren. Die Lehrerinnen und Lehrer, die in den Schulmails dann wieder LuL heißen werden, sammeln diese Zettel ein und, was weiß ich, heften die ab oder so. Auf diesen Zetteln eine Unwahrheitsquote von x%, da darf man einmal raten und den jeweils anderen mehr oder weniger Moral zutrauen.

Und dann, nach ein, zwei Wochen, wird es Fälle geben, wie das Amen in der Kirche wird es die geben, es ist ja Stand heute vollkommen unvermeidlich. X Fälle pro Klasse und Jahrgang wird es geben, man denke sich eine Zahl. Und dann wird eine Klasse nach Hause geschickt, ein Jahrgang, eine Stufe, was weiß ich. Für zehn Tage, für vierzehn Tage, keine Ahnung. Man wird es vermutlich um Gottes willen nicht Home-School nennen, sondern irgendwie anders, damit es nicht so schlimm rüberkommt. Mobile-School oder so.

Ich habe keine Ahnung, was das Richtige wäre. Es ist schön, dass Sie alle eine Meinung zu allem haben, irgendwer von Ihnen wird sicher auch Recht haben, aber ich weiß es nicht. Ich weiß es alles nicht.

Na, wozu sollte ich es auch wissen. Bestimmt gibt es Pläne für alles. Da fällt mir gerade ein Text von mir wieder ein, ich glaube, der stimmt noch. Ich fürchte, der stimmt noch.

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Fortgeschrittener Fatalismus

Nur kurz, mir fehlt schon wieder die Zeit. Aber ein paar Zeilen gehen doch, ein paar Zeilen gehen ja immer. Ich fand wieder Bestätigung für meine vermutlich nicht mehrheitsfähige Theorie, dass fortgeschrittener Fatalismus zu besseren Ergebnissen in der echten Welt und auch zu belastbarer Resilienz führt. Erwarte das Schlimmste, dann kommt es besser, es ist im Grunde doch verlockend einfach und wahr. Wenn ich das nämlich einmal kurz nicht beachte, wie gestern etwa, wenn ich also unbedacht, in ungewöhnlich entspannter Haltung und versehentlich sogar fröhlich pfeifend zum Briefkasten gehe, dann ist da eine unerwartete Mieterhöhung drin. Und was für eine! So eine, bei der man im Kopf kurz etwas mal zwölf überschlägt und dann „Alter Schwede“ sagt. Oder etwas in der Art. Eine wesentlich vulgärere Formulierung wäre nicht abwegig gewesen, to say the least.

Okay. Das war eine Art Anfängerfehler. Es war ein Rückfall, ich weiß es doch eigentlich besser, und lange schon weiß ich es. Rechtlich geht das Ansinnen des Vermieters vermutlich glatt durch, soweit ich es verstehe. Aber ich habe, wie soll ich sagen, solche furchtbaren Systemschmerzen in allen Marktsituationen, in denen jemand die Leistung verschlechtern und gleichzeitig die Preise erhöhen kann, es geht mir so dermaßen gegen den Strich. Beim Wohnungsmarkt in Großstädten ist das bekanntlich so, niemand muss da mehr irgendeinen Service bieten, modernisieren, warten, pflegen oder irgendwas, das ist alles komplett egal. Mieterinnen gibt es eh, und wie es die gibt. Schlange stehen die und jeden Preis zahlen sie. Weswegen man seit einigen Jahren auch Wohnungen ohne irgendwas vermieten kann, wir haben solche besichtigt. Ohne Fußboden, ohne Küche, ohne Türen zu den Zimmern – kann sich ja jeder selbst einbauen! Also wenn er da unbedingt wohnen will. Es ärgert mich erheblich. Es ist ein Ärger, der allerdings zu nichts führt, denn ich ziehe hier dennoch noch nicht weg. Wegziehen würde ja nur Spaß machen, wenn man wüsste, also diese Bude, die werden die jetzt nie mehr los, das haben sie jetzt davon. Das wird ihnen noch leidtun! Nur das wäre doch ein feiner Abgang.

Egal. Am Nachmittag gehe ich in die Bücherei. Ich gebe Bücher ab, das geschieht hier mittels eines Automaten, in den man die Romane etc. schiebt. Eine große Sortieranlage verdaut die Werke dann, wobei man durch eine Scheibe zusehen kann. Kinder stehen da manchmal lange und sehen Büchern zu, die auf Schienen herumfahren. Eltern stehen daneben und sehen auf die Uhr. Die Frau neben mir am Automaten legt sich einen Bücherstapel zurecht, den sie abgeben will. Und dann blättert sie die alle, es sind sicher über zehn Bände, sorgsam durch, geradezu aufreizend langsam macht sie das. Und sie guckt tantenhaft genau, ob da nicht noch etwas drin ist. Ein Lesezeichen oder so, was weiß ich. Was in Büchern eben stecken kann.

Ach guck, denke ich, denn ich bin eher schlecht gelaunt durch die Post am Vormittag, das ist doch wieder so eine dämliche Alltagsbelehrung, vorgeführt durch besonders bedachte Mitmenschen, das kann ich ja ab. Seht her, so geht es richtig, liebe Kinder, man muss immer alles durchsehen! Ich sehe natürlich nie alles durch. Ich bin viel zu hektisch für so etwas, zu ungeduldig. Ich habe keine Zeit und keine Muße für so etwas, und es hat auch viel zu geringe Erfolgsaussichten. Was soll man denn da schon finden? Lesezeichen, das sind bei mir alte Einkaufszettel, was soll ich damit, das lohnt sich doch alles nicht. Ich ziehe aber immerhin kurz in Erwägung, etwas über diese Situation zu schreiben, das dann doch, siehe hier, bitte sehr, bitte gleich. Ich nehme zu diesem Zweck also eines meiner Bücher, ich blättere es durch. Quasi method writing, immer alles nachmachen. Und was ist da drin? Ein Zehneuroschein.

Also gut. Wir haben da einerseits diese gewaltige Mieterhöhung. Aber wenn ich andererseits ab jetzt immer alle Bücher ganz sorgsam durchsehe …. Nein, es kommt wohl nicht hin. Schade.

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Links am frühen Nachmittag

Diese Rezension klang interessant.

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Mit diesem Buch angefangen und die erste Geschichte war schon einmal gut, auch wenn man bei dem Thema denkt, dass nicht viel herauszuholen ist. Die Leiche einer Frau in einer Gletscherspalte taucht durch Tauwetter Jahrzehnte nach einem Unfall wieder auf, der Mann, der sie vor langer Zeit geliebt hat und sich damals in den Bergen als ihr Ehemann ausgegeben hat, erhält einen Brief der Behörden … So ein Setting, es kommt einem bekannt vor. Aber kann man etwas draus machen. David Constantine: Wie es ist und wie es war. Deutsch von Dirk van Gunsteren.

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Das ist ja mal ein interessantes …. nun, Ding.

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Schmetterlingsflieder. Gründlich.

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Stand here for dance party. Via Newsletter der Krautreporter.

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Über E-Scooter in Großstädten. In Hamburg sind sie allen, die in irgendeiner Form Aufsicht haben, vollkommen egal. Man kann zu dritt und auf dem Fußweg an Ordnungshütern vorbeifahren, das macht hier alles nichts (ich bin verkehrsregelkonservativ, ich blinke auch noch beim Abbiegen).

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New York nach der Pandemie. Die 62%, die dort erwähnt werden, das ist die Zahl, die mich interessiert. Der Anteil der Büromenschen, die wieder in die Büros gehen. Nur eine Schätzung, versteht sich. Aber entspricht auch meinem Gefühl. So um 60, 70 Prozent. Doch vielleicht 80? Oder sagen wir so, ein Viertel bis ein Drittel werden dauerhaft, nein, auch das nicht, sondern: werden pro Tag jeweils eher nicht mehr da sein. Was auch heißen wird: Nicht in der Stadt sein, nicht im Büroviertel. In meinem Fall: Nicht in Hammerbrooklyn, wie die damit beauftragten Werbemenschen das olle Hammerbrook gerne nennen. Das wird sich also gewaltig ändern dort und am Ende ist es wieder ein Wohnviertel, wie vor dem Krieg. Darauf schon wetten? 

Und übrigens auch interessant: Home-Office in der Industrie,

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Ich habe es auch drüben auf Instagram gerade noch einmal empfohlen, es war hier auch schon einmal im Blog, aber bestimmt haben es ein paar nicht gesehen: Dieser Account bei Instagram. Es geht um Bilder der Irish Traveller und es ist ein Account wie ein guter Fotoband, so einer, den man bis zum Ende durchblättert.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Joseph-Philippe Bevillard (@jpbevillard_colour)

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Die Tapetentür

Marlen Haushofer, Die Tapetentür. Was für ein gutes Buch, denke ich beim Lesen alle paar Seiten, was für ein gutes Buch, noch besser als die Mansarde, die ich vorher gelesen habe. So viele Sätze sind darin, die ich unterstreichen könnte oder müsste. Ich lese in einem alten und angenehm angegilbten Bibliotheksexemplar, in dem das schon jemand für alle Nachfolgenden gemacht, mit einer angenehm hohen Trefferquote immerhin. Ja, denke ich, den Satz da hätte ich auch genommen, und den da auch, hier ein Kringel, ganz richtig, und da das Ausrufezeichen am Rand, das passt. Ich nicke der unbekannten Leserin, es war eine Frau, so schließe ich kenntnisfrei aus der Schrift, beifällig durch die Jahre zu, denn ich habe auch beschlossen, dass die Kringel in dem Buch schon alt sind. Es ist ein bitter gutes Buch, es beschäftigt mich erheblich.

Ein Nachwort ist in dem Buch, das ist von Manuel Reichart, sie zitiert darin den letzten Tagebucheintrag der Dichterin, sie wurde nur fünfzig Jahre alt: „Mach Dir keine Sorgen – alles wird vergebens gewesen sein – wie bei allen Menschen vor Dir. Eine völlig normale Geschichte.“ Ein, wie soll man sagen, durch und durch ehrwürdiger Tagebuchausklang.

Wenn ich überhaupt zu Rankings neigen würde, das Buch wäre Stand jetzt die Nummer eins in diesem Jahr. Aber es sind noch Monate übrig und ich neige gar nicht zu Rankings. Ich müsste schon zu lange darüber nachdenken, was die Nummer zwei war (Lucia Berlin vermutlich) und ich führe nicht einmal Listen, das mache ich aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen nur bei Hörbüchern.

Noch ein Zitat: „Als junges Mädchen bildete ich mir zeitweise ein, einen Stein in der Brust zu tragen. Damals wusste ich noch nicht, dass man diesen Zustand Depression nennt, litt aber häufiger darunter als heute. Junge Leute leiden überhaupt mehr, als man sich vorstellen kann, und ich begreife nicht, dass es bei den meisten Menschen den Anschein hat, sie hätten es völlig vergessen.“

Nicht gerade ein vergnügliches Buch, Sie merken es. Aber ein gutes.

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Links am frühen Nachmittag

Die Leere. Auf Twitter kommentierte Christine Finke mit dem Zitat eines Therapeuten, dass es sehr müde mache, nicht im eigenen Tempo leben zu können, und vielleicht ist das tatsächlich ein Teil der Erklärung. Aber dann wieder: Wer bitte kann denn das? Es haben doch alle Umstände, Verwandte, Jobs und was weiß ich was alles, wer ist denn in seinem Tempo.

Exkurs, weil es mir gerade einfällt. Ich habe einen seltsamen Biorhythmus, ich weiß. Ich bin verhaltensauffällig, schon wenn es nur um banale Uhrzeiten und mein Tempo geht. Wenn es nach mir ginge, also wenn es nur nach mir ginge, was so leicht selbstverständlich nicht abzusehen ist, denn ich habe ja – genau wie Sie! – Familie und Jobs und was weiß ich noch alles, aber wenn es nach mir ginge, dann würde mein typischer und auch toller Tag so aussehen: Aufstehen um 05:00 oder etwas früher, ziemlich zuverlässig jedenfalls vor allen anderen. Dabei Erster sein, wenn schon sonst nicht im Leben. An den Schreibtisch gehen und exzessiv schreiben. Blogeinträge, Kolumnen, Geschichten, Tagebuch, irgendwas, alles runterschreiben, neu entwerfen, korrigieren, ältere Sachen in Schleifen korrigieren und weiterschreiben, tipppeditipp, gar nicht hochsehen. Welt, Wetter, alles egal. Kaffee wegkübeln und immer weiter Text produzieren, für Kunden, für Sie, nur für mich, für die Söhne in dreißig Jahren, wie auch immer – perfekt. Schreiben um diese Uhrzeit, das ist die reine Lust. Nebenbei noch Twitter mit ein paar Scherzen betanken, meinetwegen sogar FB, obwohl ich damit schon lange nicht mehr klarkomme. Kurz aufstehen, ein Foto machen, auch noch Instagram füllen. Schreiben, schreiben, schreiben. Ein richtiggehender Laberflash ist das, denn ich da morgens habe, aber eben getippt und gesendet, nicht geredet, denn wer redet denn um diese Uhrzeit, also wirklich, ich muss doch sehr bitten. Aber dieses leise Tippen und dazu von draußen allmählich die allerersten Stadtgeräusche – zu und zu schön, immer wieder. Das ist die Zeit des Tages, da kann ich ich sagen und es stimmt sogar. 

Etwa um zehn oder spätestens gegen Elf Uhr dann Feierabend, der Computer kann aus. Den Rest des Tages danach bitte nur noch mit Lesen und Nachdenken verbringen. Ab und zu handschriftliche Notizen machen, um sie am nächsten Morgen im nächsten Rausch zu verarbeiten. Herumgehen und Herumgucken und was sonst eben anfällt, ein wenig Herumleben eben. Hier und da einen geschätzten Menschen treffen, gerne auch gefälligen und gutgelaunten Nachwuchs oder angetraute Personen. Um neun Uhr mit Buch ins Bett, gegen zehn wegdämmern.

Ja, das wäre es, so hätte ich es gerne. Man soll sich immer klar machen, was man wirklich will, das habe ich mehrfach in den letzten Jahren gelesen, auch von Menschen, die ich für klug halte. Okay. Was kam dann? Ich muss das alles noch einmal nachlesen. 

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Einiges über Delta. Dann weiß man das auch. Wobei ich das unbestimmte Gefühl habe, dass es vollkommen schnurz ist, ob ich das weiß oder nicht. Es passiert eh alles genau so, wie wir es jetzt schon absehen können, wie es die Expertinnen vorhersagen und exakt so, dass gewisse Politiker bald sagen werden, ich könnte schwören, dass sie es sagen werden: “Es hat uns alle überrascht”. Oder überrumpelt, das Wort fiel, ganz im Ernst, heute schon in einer Zeitung, ich sah es aus dem Augenwinkel auf Twitter. Das Einzige, was mich noch überrumpelt, immer wieder, ist die unsagbare Bräsigkeit der Zuständigen. Und dann wird man wieder aggressiv werden müssen, wenn man das mit der Überraschung hört und es wird natürlich nichts nützen und meine Güte, wie gut wir das alles schon kennen, okay, es ist die vierte Staffel, es reicht dann auch bald mal. Aber ja, ich lese das alles. Ich lese es quasi pflichtgemäß, aber es lässt doch, siehe ganz oben, so etwas wie Leere zurück, es gibt da irgendeinen Zusammenhang, über den ich wegen anderer Verpflichtungen allerdings jetzt gerade nicht länger nachdenken kann. 

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Angewandte Lebenserfahrung

Ich stehe vor der Apotheke an, denn in die Apotheke dürfen nur zwei Personen, die sind aber schon drin. Noch vier vor mir, Tür auf, einer raus, einer rein, na, Sie kennen das. Neben mir ein Café. Menschen sitzen draußen und beleben die vermutlich nach wie vor notleidende Gastronomie, so ist es recht. Zwei Meter weiter sitzt da eine junge Frau, die guckt auf ein Notebook. Ich kann nicht sehen, worauf sie da guckt, ich sehe die Rückseite des Bildschirms. Sie tippt etwas, nur ganz kurz, dann lächelt sie und wartet kurz, sie sieht gespannt aus. Sie tippt wieder, aber nur eine Taste wird dabei gedrückt, mit dem Zeigefinger der rechten Hand, der eine Sekunde über der Tastatur verharrt, kurz zögert und dann erst entschlossen landet. Es sieht aus, als würde sie etwas final abschicken, mit einem kleinen Bedenkmoment. Ein Finger, der eine Botschaft auf den Weg gebracht hat. Ja, das wird es sein. Die Frau nimmt einen Schluck Kaffee, lehnt sich zurück und guckt immer weiter auf den Bildschirm, wobei sie erfreut aussieht, als würde da etwas Schönes passieren. Sie wird aber keine Serie oder einen Film sehen, denn sie hat keine Kopfhörer. Im Vergleich zu den meisten anderen Menschen, die hier im Stadtteil allein in einem Café vor einem Notebook sitzen, ist diese Frau auffällig gut gelaunt, die hat Spaß. Jetzt stützt sie den Kopf in die Hand und kneift die Augen ein wenig zusammen, streicht dann über das Touchpad und murmelt unhörbar und nickend etwas, denn das, was sie sieht, es muss wohl weiterhin sehr gut sein. So gut muss das sein, dass sich ihr Lächeln in ein breites Grinsen wandelt. Sie tippt noch einmal, es könnte ein Wort sein oder ein kurzer Satz, dann verzieht sich ihr Mund so, wie man ihn vielleicht unwillkürlich verzieht, wenn man vor einem Notebook sitzt und eine richtig gute Pointe in einem Chat schreibt oder gerade das genau treffende Emoji abschickt, witzig und überraschend. Sie wartet kurz, guckt und lacht dann auf und lehnt sich zufrieden zurück. Ein Chat, denke ich, so sieht man aus, wenn man chattet. Mit einem sympathischen anderen Menschen und in bester Stimmung, ja, das passt. Immer alles deuten, was man sieht, ganz wichtig. Angewandte Lebenserfahrung, Zeichen erkennen. Im Grunde auch eine Übung in, Vorsicht, schlimmes Wort, Achtsamkeit.

Ich gehe in die Apotheke, ich hole das bestellte Zeug ab. Ich gehe nach Hause, dabei auch an der jungen Frau vorbei. Ich kann kurz sehen, was da auf dem Bildschirm so erfreulich ist, ich kann es erkennen. Ganz leicht kann ich es erkennen, denn es ist mir aus dem Job einigermaßen vertraut: Es ist Excel.

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Innen verwickelt

Zu dem gestern erwähnten Thomas Hardy, ich habe ihn noch nicht aufgegeben, habe ich hier eine ältere Rezension gefunden. „Außen Schmöker, innen verwickelt“, da weiß man doch gleich Bescheid. Wobei ja „innen verwickelt“ bei mir als Leser meistens heißt, dass ich eh irgendwann nicht mehr mitbekomme, wer da was mit wem und warum, und das Buch muss dann eben so gut geschrieben sein, also für meinen Geschmack, dass mir das egal ist.

Apropos geschrieben, ich schreibe dies an einem neuen Notebook, das ein nettes Feature hat, über das ich mich sehr freue, nämlich einen Fingerabdrucksensor. Das Notebook ist raumschiffgrau und ich mag es, da den Finger draufzulegen, und dann leuchtet es freudig auf und ist einsatzbereit, nur für mich. Es sind die kleinen Dinge! Auf dem alten Notebook musste ich noch ein Passwort eingeben, das waren ja Zustände wie im Mittelalter hier. Aber jetzt – ein Fingerzeig und alles ist zu Diensten, so soll es sein. Ich will ja gar nicht viel, ich will nur, dass es reicht, einen Finger zu heben. Siehe auch Erziehung! Wenn das die Söhne lesen, sie lachen wieder wochenlang.

Es ist auch das erste Notebook, das ich einfach eine Weile neben das alte gestellt habe und zack, hatte es sich alles rübergezogen und ich konnte einfach so weiterarbeiten. Wenn Sie auf einem Applegerät arbeiten, dann kennen sie das natürlich schon länger. Ich hatte es bei einem Windows-Notebook jetzt aber zum ersten Mal in Perfektion und Eleganz. Na gut, so oft kaufe ich die Dinger auch nicht.

Aber immerhin, ich stelle also fest, es ist etwas besser geworden, das muss in diesen Zeiten unbedingt gesondert vermerkt werden.

Hier, noch etwas über Aphantasie, das ist auch interessant. Eine Erkenntnis, die ich eher spät im Leben hatte, war die, dass andere Menschen ganz entschieden anders denken können – als ich, als Sie, als wir, wie auch immer. Nicht nur bezogen auf die Inhalte, sondern schon auf den Vorgang des Denkens. Nichts ist vergleichbar, oder jedenfalls nicht zwingend. Das wurde im letzten Jahr auch in diversen sozialen Medien diskutiert, das fand ich faszinierend. Da haben dann Menschen zum ersten Mal gemerkt, dass andere Menschen gar nicht permanent im Kopf Musik hören oder mit Stimme denken, dass das Denken viel grundsätzlicher abweichen kann, als man zunächst annimmt. Andere Menschen sind eventuell auf eine Art anders, dass einem ganz anders wird, es ist gar nicht so einfach zu verinnerlichen.

Ich habe, um auf den verlinkten Text zurückzukommen, beim Lesen keine Personen im Kopf, keine Gesichter, keine Figuren, die finden nur als vage Platzhalter statt. Aber Landschaften, Räume, Möbel und Szenen – da ist das Lesen für mich wie Kino, wenn ich im Text nur genug Hinweise bekomme. Vielleicht ist auch das auch ein Grund, warum ich nicht so scharf wie andere auf die Handlung in Büchern bin – wenn man die Schauspieler im Theater nicht sieht, ist die Kulisse eben das Spannende. Also etwa die Heide bei Thomas Hardy.

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