Es wintert ein

Ich gehe die Straße entlang, ich sehe dabei auf dem Handy, dass eine Mail mit einem Termin ankam. Eine Routinemail mit einem jährlichen Routinetermin in 2024, ich übertrage ihn eben in meinen Onlinekalender. Als ich wieder hochsehe, merke ich, dass ich dabei vor einem großen Plakat für ein Howard-Carpendale-Konzert stehe, es hat den Titel: „Let’s do it again.“ Passt schon.

Wir können hier zwar nicht mit München mithalten, wo die Jahreszeit etwas mehr saisonal Typisches zu bieten hat, wie ich in den sozialen und anderen Medien auf zahlreichen Bildern sehe, aber der Schnee bei uns reichte immerhin für einen bemerkenswert anerkennenden Kommentar von Sohn II am Morgen: „Cool, es wintert ein.“

Die Krähen, die sich die Erdnüsse aus dem dick eingeschneiten Blumentopf auf dem Balkon holen, haben danach für Sekunden einen weißen Schneeschal um den Hals, gut, edel und elegant sieht es aus. Sie sehen jetzt übrigens nach, hinter welchem Fenster dieser Wohnung ich vielleicht gerade zu sehen sein könnte, und sie machen dann durch kurvende Vorbeiflüge auf sich und ihren Hunger aufmerksam, freundlich und diskret, es ist ein ausgesprochen angenehmer Umgang mit ihnen. Ein zivilisiertes Volk.

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Passend zum Klimagipfel habe ich ein längeres Radio-Feature gehört: Die Vertriebenen von Louisiana. Da kommt zur Geltung, was in den Nachrichten meist fehlt, wie der Klimawandel nämlich mittlerweile zu Geschichten wird, die, versteht sich, keine schönen Erzählungen sind. Hier geht es um die (wiederholte) Vertreibung der indigenen Einwohnerinnen an der Küste in den Südstaaten der USA, es geht um den steigenden Meeresspiegel, um aufgegebenes Land, um Umsiedlungen. Das ist dort alles vielleicht schon viel weiter fortgeschritten, als wir es bei uns parat haben, und das wird nebenbei auch erklärt, warum wir es uns etwa an den norddeutschen Küsten und auch in Hamburg leisten können, das noch nicht so parat zu haben. Es ist auch eine Frage des Geldes.

Es sind 52 gut aufbereitete, angenehm gesprochene Minuten, da weiß man dann wieder, was man an den großen Radiosendern hat.

Ich gehe gerade trotz der dunklen Jahreszeit eher mehr als weniger draußen herum, ich habe also Zeit, etwas zu hören, da sind mir neben den Hörbüchern solche Formate ebenfalls willkommen.

Auch interessant war, wenn ich schon dabei bin, eine halbe Stunde über die innere Stimme im Kopf, also über ein eher schwer zu erforschendes, aber faszinierendes Thema – hier beim Deutschlandfunk.

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Weihnachtszeit ist bald schon, sie fällen alle Tannen, stellen alles auf und überall Gesang“ – Wilhelmine wird mir zur Weihnachtstradition, und die Stelle „Sie weint wieder“ kann ich dann bei jährlich erneutem Abspielen mit den Erinnerungen an die letzten Feste verknüpfen, wie es sich bei Weihnachtsliedern gehört. Alle Jahre wieder.

Und auch der jährliche Erdmöbel-Song ist mittlerweile draußen, diesmal mit Cäthe: Winterblüher. „Die Bäume sehen aus wie Skelette, im Park schmilzt der Regen Discounterprospekte.“

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Im Bild noch eben ein wenig Alstereis. Vor dem Betreten wird gewarnt.

Blick über die Binnenalster auf den Jungfernstieg, dünnes, frisches Eis im Vordergrund, es reicht nicht über die ganze Fläche

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Währenddessen in den Blogs

Über nominativen Determinismus. Das kommt bei mir nicht so recht hin, aber ich bin ja auch schon beim dritten Nachnamen und arbeite immer noch in derselben Firma wie immer, die ihren Namen in den letzten dreißig Jahren allerdings auch dreimal geändert hat. Wie soll man da dauerhaft nominativ determiniert sein.

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Sensory overload

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Schnee als Normalität. Da staunt der Norddeutsche und verkneift es sich nur mühsam, schon wieder von 78/79 zu faseln, als der Schnee noch so hoch (der Autor deutet an dieser Stelle mit dem Arm in eine ungewisse, schwer erreichbare, fast märchenhafte Höhe) …

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Die Kaltmamsell listet ihre Medienausgaben, ich staune über ihre Anmerkung zur SZ, das habe ich nicht gewusst. Auch bei der Kaltmamsell der Hinweis auf eine kaum beachtete Selbstverständlichkeit – niemand versteht seinen Gehaltszettel. Wobei ich anmerken möchte, ich habe es heute mit der Nostalgie, dass ich in immerhin drei Jobs am Anfang meines Berufslebens noch bar bezahlt worden bin, und zwar auch in der Firma, in der ich heute noch arbeite. Wenn ich das jungen Menschen erzähle, gucken sie so, als sei ich in meiner Jugend noch zur Arbeit geritten, bei welcher Gelegenheit ich dann freudig ergänzen kann, dass mein Vater in seiner Ausbildung noch eine Kutsche als Lieferwagen hatte. Na gut, einen Pritschenwagen wohl eher, in der Nachkriegszeit war das nicht so ungewöhnlich. Ich erinnere mich auch noch an Lohntüten, die im Handwerksbetrieb meiner Eltern zum Monatsende an die Angestellten ausgegeben wurden. Lohntüte, was für ein nettes Wort eigentlich, es ist doch wesentlich wohlklingender als das „PDF der Gehaltsabrechnung“.

Na egal, zurück in den Schaukelstuhl.

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Politische Fantasie ist nirgends zu erkennen. Nils Minkmar über die Lage. „Die besten PolitikerInnen, fürchte ich, kommen noch. Sie machen heute ihren Adventskalender auf und gehen am Montag zur Schule.“ Und sie machen da, kann ich anfügen, vielleicht gerade interessante Projekte zur Verkehrspolitik, und deren Beschreibungen lesen sich ein klein wenig progressiver als das, was der Verkehrsminister im Sinn hat.

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Ab und zu zurückdenken

Ich werde überraschend aus der Arztpraxis angerufen, man habe dort gerade Dosen über, ob ich nicht eben zur Doppelimpfung … ja, aber gerne doch. Ich klappe das Home-Office zu und eile. Und so stellt man sich das eigentlich auch vor, in einer idealen Welt, dass man freundlich gebeten wird, sich doch mal eben impfen zu lassen, dass man dem Zeug also nicht nachjagen muss wie schon damals, 2021, 2022 etc., in den dunklen Schwarzmarktzeiten, als die Informationen zu Impfgelegenheiten noch wie in kriminellen Netzwerken weitergereicht wurden, wissen Sie noch? Und dann quer durch die Stadt, zu Adressen, wo man noch nie war. Ich habe in diesem Jahr wieder ähnliche Erlebnisse mitbekommen.

Wir haben, das muss man sich vermutlich aus Gründen der seelischen Gesundheit ab und zu wieder aufsagen, schon etwas mitgemacht in den letzten Jahren. To say the least. Ab und zu zurückdenken und den Kopf schütteln. Lange.

Am Morgen nach den Impfungen fühle ich mich mäßig grippig, von einem Nebenwirkungsdrama kann ich da nicht reden. Andere hatten es am Tag nach der Impfung deutlich schwerer, las ich mehrfach.

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Ansonsten habe ich wieder einen Tag erlebt, der einleuchtend demonstrierte, wie schnell man zerrieben werden kann, wenn man für mehrere Personen aus verschiedenen Generationen mehr oder weniger zuständig ist. Auch die kleinen Besorgungen und organisatorischen Aufgaben addieren sich nämlich, auch wenn gar nichts oder doch kaum etwas ist, so ist immer doch etwas, wie man dann am Abend merkt, der so erstaunlich schnell kommt, nach einem Tag, von dem man kaum etwas mitbekommen hat, so dermaßen voll war der, so herumgerannt ist man.

Es ist im Grunde, aber das haben andere schon wesentlich gründlicher ausgeführt als ich, ein vollkommen verrücktes Konstrukt, berufstätig zu sein und auch noch den Haushalt, den Rest des Lebens und auch der Care-Arbeit im weitesten Sinne regeln und erledigen zu wollen. Man kann das leicht nachrechnen, dass diese Aufgabe gar nicht aufgehen kann, es ist nicht möglich. Es ist wie damals bei dieser einen Mathe-Aufgabe mit dem Druckfehler im Lehrbuch.

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And he took the road to heaven in the morning: Wir winken Shane MacGowan. Er hat lange durchgehalten, wie man bei seinem Lebenslauf wohl sagen muss. Danke für die Lieder.

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Im Bild ein Nebenarm der Elbe am Oberhafen. Im Hintergrund die wachsende Stadt, da wuchert sie hin.

Blick von der Oberhafenbrücke in Richtung Neubaugebiete

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Dunkel bleiben die Fenster

Schleichende Änderungen der Normalität sind schwer zu erfassen in Chroniken wie dieser hier, oft bemerke ich sie erst deutlich nach ihrem Eintreten und weiß dann nicht recht, wie lange der beobachtete Umstand schon so ist, es fehlen mir auch oft die Anhaltspunkte im Rückblick. Aber es sei doch einmal festgehalten, was schon seit geraumer Zeit so ist – das Einkaufen dauert länger. Länger als, na, sagen wir vor der Pandemie, vielleicht aber auch länger als vor einem Jahr, fast bin ich mir dabei sicher.

Und das liegt wenig überraschend am Personalmangel. Ich stehe einfach deutlich länger und zu allen Zeiten in Kassenschlangen, weil niemand mehr da ist, der oder die eine weitere Kasse öffnen könnte. Und selbst die unfreundlichsten Kundinnen, die noch bis vor einigen Wochen immer wieder quer durch den Laden lauthals nach mehr Personal und Service bellten, sie haben es mittlerweile verstanden und stehen nahezu still und ergeben, nur noch verhalten grummelnd und fluchend. Es ist eben, wie es ist und in meinem kleinen Ausschnitt der Gesellschaft hat sich das Bild also wieder etwas verschoben. Man steht und wartet jetzt. Und wartet, und wartet.

Ich gehe außerdem mit einem Sohn am Morgen in eine Artpraxis, ein kleiner Schulunfall, es wird etwas geschient und gegipst. In der Praxis höre ich dabei mehrfach den Hinweis, wie lange heute alles dauern würde, denn es sei niemand da, alle erkrankt. Die noch Standhaften übernehmen die Aufgaben von mehreren. Eine vom Personal steht noch während des Gesprächs auf und geht nach Hause, es geht ihr nicht gut. Alle anderen sind sichtlich und deutlich hörbar krank, blubbernde Infektionsherde, die munter Viren weiterreichen, sie machen dennoch weiter. Eine Szene wie zur Bebilderung eines entsprechenden Berichts über die Infektionswelle und all die Ausfälle in den Abendnachrichten.

Man findet keine Leute, und die, die man findet, sind krank. So in etwa die Quintessenz der letzten Wochen hier. Und die eine Bäckerei um die Ecke ist auch schon wieder seit Tagen zu, dunkel bleiben die Fenster, woran das wohl liegen mag?

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Der Nachbar übt währenddessen „Ihr Kinderlein kommet“ auf dem Klavier, die Kinder auf dem wie immer schneelosen Hof der Grundschule singen laut und ironisch „Jingle bells“ im improvisierten Chor. Weihnachten rückt näher.

Nachtaufnahme - eine tannenbaumförmige Leuchtskulptur vor dem Hamburger Rathaus, sehr hoch, mit einem Stern an der Spitze

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Im wabernden Fettgeruch der Schmalzgebäckbuden

Herzlichen Dank vorweg, es wurde uns das Buch „Die Zeit der Verluste“ von Daniel Schreiber geschickt. Sehr fein, es liegt nun auf dem Nachttisch.

Montag, 27.11. Es findet in diesen Tagen einiges ritualisiert statt, so schneit es etwa überall, quer durch die Timelines und durchs Land, nur bei uns in der Mitte der großen Stadt nicht, so scheitert etwa unsere Heizung wieder an den ersten richtigen Kältetagen und möchte lieber nicht; wir dulden still und gefasst bei 17 Grad Innentemperatur. Das sind immerhin deutlich mehr als null und andere haben gar nichts, immer alles relativieren und die Wärmflaschen und auch die besonders flauschigen Decken heraussuchen. Der Haustechniker wird es richten, irgendwann.

In der Stadt hat sich die Weihnachtszeit nun programmgemäß voll entfaltet, alle Märkte wurden eröffnet, alle Schaufenster wurden im Geschenk- und Festmodus voll aufgebrezelt oder, wie Sohn II sagt: „Die Deko ist gespawnt.“.

Im wabernden Fettgeruch der Schmalzgebäckbuden in der Fußgängerzone sitzen wieder obdachlose Menschen und betteln, „Hunger“ steht auf dem kleinen Pappschild, das einer hält. Gegensätze aushalten, schon klar. Die ersten Straßenmusikanten flöten dazu ihre Weihnachtslieder.

Ich gehe durch die verregnete Stadt und renoviere meine Weihnachtsplaylist. Ich konzentriere mich dabei auf die drei, vier kümmerlichen Schneeflocken, die ich in den Schauern ausmachen kann. Ich gehe nach Hause und trinke Christmas Tea, ich erreiche immerhin mäßige Ergebnisse, was die dezembrige Stimmung angeht. Aber es sind auch noch ein paar Tage Zeit, ich bin im Vorlauf und überpünktlich, so wie ich es gerne habe. Um bezüglich des restlichen Winters noch einmal Sohn II zu zitieren: „Auf Tiktok sagen sie, es wird viel Schnee geben. Aber auf Tiktok sagen sie vieles.“

Ich lese am Abend ein wenig in Johnsons Jahrestagen, denke dann aber wieder, dass es wegen des beträchtlichen Umfangs doch eher ein Projekt für die Rentenjahre ist. Das dann mal später am Stück vornehmen. Vielleicht.

Schließlich doch weiter Alice Munros Geschichten gelesen und sehr zufrieden damit gewesen.

Die Rathausarkaden in der Dunkelheit, im Vordergrund ein Teil der beleuchteten Schleusenanlage

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Währenddessen in den Blogs

Eine Vorhersage zur Wiedergeburt der Kaufhäuser. Der kann ich mich anschließen, das erwarte ich auch so. Passend dazu Frau Novemberregen über Kaufhäuser und seltsame Sortierungen der Ware.

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Man macht es sich aus hässlichen Gründen schön

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Hier wird an die Deutschstunde angelegt

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Über das Bahnfahren in dieser Zeit. Natürlich gibt es viele Artikel dieser Art, ich könnte nach gewissen Vorkommnissen in der letzten Woche auch wieder einen schreiben. Aber das sind allzu erwartbare Texte, ich verzichte diesmal. Bahnfahrten sind nun einmal Dramen geworden, wir wissen es mittlerweile, ich teile nur ab und zu einmal einen Artikel dazu, für die Materialsammlung Verkehrswende, die man vielleicht in ironische Anführungszeichen setzen müsste.

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Ein ansprechender und außerdem besonders novemberkompatibler Internetradiotipp. Sehr schräges Zeug läuft da teils, gefällt mir.

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Auf die nunmehr angekommene kalte Winterzeit

Schmale, schmuddelige Schneefetzen auf den Randstreifen der graupelnassen Autobahn durch Niedersachsen, im Licht der Scheinwerfer in der Dunkelheit des späten Nachmittags aufscheinend, einige Kilometer entlang nur, für wenige Minuten, irgendwo auf der Höhe von Soltau. Das norddeutsche Winterwonderland des späten Novembers. „Schnee“, sage ich und zeige, „Hm“, sagt die Herzdame, da haben wir das Thema auch schon abgehandelt. Der Sohn auf der Rückbank guckt kurz vom Bildschirm hoch, eher desinteressiert. Er glaubt generell nicht an Schnee. Eine Generationenfrage.

Später dann noch Regengüsse, Sturm, Hagel und Gewitter, aber da sind wir schon im Heimatdorf der Herzdame, da sitzen wir schon vor dem Kamin. Zwei, drei Grad draußen und alle Arten von Nass auf dem Dach, der Wind heult ums Haus und ruckelt ruppig an der Katzenklappe der Hintertür.

„Kommt, lasst uns Holz zum Herde tragen

Und Kohlen dran, jetzt ist es Zeit.“

Das sind Zeilen aus dem Gedicht, von dem ich mir auch den Titel dieses Eintrags geliehen habe. Es ist noch aus dem frühfossilen Zeitalter, Johann Rist hat es geschrieben, 17. Jahrhundert. Wenn Sie Kirchenlieder aus der evangelischen Richtung parat haben, dann kennen Sie den vermutlich.

In der Nacht ziehe ich zum ersten Mal in dieser Saison in Erwägung, das Fenster doch zu schließen, denn die Kälte geht mir feinfingrig unter die Decke und an die Beine, das behagt mir nicht. Unruhige Träume von wärmenden Gehäusen.

Am nächsten Morgen steht das Wasser hoch in den Gräben und auch auf dem Acker vor dem Haus, metallisch glänzend im ersten Licht, filigran ausgezackte Silberintarsien auf schwarzer Erde. Blätter und frühe Kohlmeisen treiben wirbelnd darüber hin. Man möchte heute nicht aus dem Haus müssen.

„Glatteis geringfügig“ sagt die Wetteranzeige am Computer, und unter „Vorschläge für diesen Tag“ steht kurz und lapidar: „Draußen sehr schlecht.“ Ja, das sieht man. Es sind noch einige Blätter an dem Baum vor dem Fenster, aber es werden mit jeder Stunde weniger, es wird jetzt alles abgeräumt. Die Birken am Feldrand sind schon bar allen Laubes, nackte Zweige wehen im Wind, und wenn man genau hinsieht, sitzt ein Sperber auf einem Ast und sieht über das Feld.

Ich habe wohl das Alter erreicht, in dem mir bei Kälte manchmal dies und das wehtut, es zieht in der Schulter und im Kreuz. Ich setze mich seufzend neben den brennenden Kamin, wie ich es als Kind bei den Alten gesehen habe.

Später der Spaziergang. Im Dorf wird vor dem Altenheim heute der große Adventskranz gehisst, rote, glänzende Kugeln darin. Vor der Kirche stehen Männer auf einer Hebebühne. Es wird dort etwas in die Bäume montiert, Lichterketten werden es sein. Auf dem nahen Friedhof gehen mehr Menschen als sonst herum, kurz vor dem Totensonntag wird hier und da noch etwas gerichtet. Neu erworbene Gestecke liegen auf zahlreichen Gräbern, viele in Herzform. Diesen Brauch kannte ich nicht.

Der Laden des Bäckers, der neulich aufgegeben hat, steht leer. Die Kaugummiautomaten am Straßenrand sehen aus, als würden sie schon lange nicht mehr funktionieren. „Die Apotheke macht auch zu“, sagt die Mutter der Herzdame.

Ein letztes verfärbtes Herbstblatt an einem Zweiglein vor einem unter Wasser stehenden Acker, sehr novembrige Anmutung

Am Totensonntag liegt dann eine hauchdünne weiße Schicht auf den Dächern im Dorf, gerade eben noch ist sie zu erkennen und bald schon weggeregnet. Ich könnte dem erst spät aufwachenden Sohn sagen, dass es am Morgen weiß draußen war, und er würde es wieder zweifeln.

In der Kirche werden die Namen der Verstorbenen vorgelesen, 27 sind es in diesem Jahr. Name, erreichtes Alter und letzte Adresse sagt man da an, auch den etwaigen Geburtsnamen. Bei jedem Namen wird eine Kerze angezündet, dann ist der Mensch abgekündigt, lerne ich. Die Kirche ist voll, ich nehme an, dass zu jedem Namen Angehörige anwesend sind, so wie wir.

Nun kenne ich auch so einen Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag. Ich habe nicht allzu viel Erfahrung mit kirchlichen Vorgängen und kenne diese Gepflogenheiten nicht.

Einen Satz des Pastors vor dem Abendmahl habe ich uns noch für die große Pandemie-Chronik notiert: „Seit Corona sind wir zu Einzelkelchen übergegangen.“ Diese Formulierung mal merken, die mal übernehmen, etwa für die Stoßseufzer bei gewissen Problemen, wenn sie denn klar abzugrenzen sind von der Gemenge- und der Weltlage: „Lass diesen Einzelkelch an mir vorübergehen.“

Man lernt auf Reisen doch immer und wird irgendwie bereichert, selbst wenn man nur kurz übers Wochenende unterwegs ist, selbst wenn es nur eine kleine Pointe ist.

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Am Nachmittag zurück nach Hamburg. Wir holen Weihnachten aus dem Keller.

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Glad to be unhappy

Man wird gerade überall erschlagen von der Black-Friday-Werbung, und ich stelle ebenso zufrieden wie renitent fest, dass ich nichts brauche oder will, was natürlich sehr befreiend ist und ein wenig wohl auch Glückssache. Ich muss gerade keinen Preisen hinterherjagen, ich muss nichts im Auge behalten, nichts suchen, ich muss nicht einmal Geschenke besorgen, es ist überaus angenehm so.

Der große Werbedruck drängt mich also eher zu: Dann kaufe ich eben nichts, das habt ihr jetzt davon. Man wehrt sich, wo man noch kann, wie jämmerlich es auch ausfällt.

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Ansonsten Home-Office, sehr viel Arbeit, dazu Deadlines im freiberuflichen Teil des Tages, es ist alles etwas eng bemessen. Daneben weitere Krankmeldungen, auch aus der Schule, auch als Privatnachricht aus anderen Kreisen. Ungefähr jeder zweite Kontakt ist krank, war gerade krank oder wird noch im Laufe des Tages krank, man hört es schon.

Immerhin dabei ergiebiger Regen auf den Dachfenstern, beste und beruhigende Arbeitsstimmung also, vor allem mit der richtigen Musik. Und immerhin gehöre ich noch zur Bevölkerungshälfte ohne Infekt, das mal jeden Tag feiern. Ich habe Schulkinder, meine Chancen sind auf Dauer denkbar gering.

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Ich zitiere aus einem Handelsblatt-Artikel über Javier Milei, gerade gewählt in Argentinien: „Seine emotional engste Verbindung hatte er zeitlebens zu seinem Hund Conan, über dessen Tod ihn nun vier geklonte Welpen trösten, die nach libertären Ökonomen benannt sind.

Und dennoch soll man immer weiter die Nachrichten ernst nehmen. Es ist doch allmählich etwas herausfordernd, finden Sie nicht auch? Leben wir in einer satirisch gefärbten Dystopie, und wie konnte es denn bloß soweit kommen?

Bei mir um die Ecke bringt ein Polizist Grundschülern Verkehrsregeln bei, er weist dabei einen Passanten darauf hin, dass er bei Rot über die Straße geht – und wird daraufhin von ihm angegriffen (Meldung hier). Werden alle immer schneller verrückt oder kommt es einem nur so vor, ich kann es kaum noch abwägen und verbleibe einigermaßen ratlos.

Zumal es doch richtig wäre, sich bei der Feststellung, dass alle verrückt werden, stets zu fragen, ob „alle“ nicht fast zwingend auch den Fragenden inkludiert, denn wer ist man, sich über die Gesellschaft zu erheben.

Was aber heißt das alles nun wirklich? Schon gut, ich erwarte keine Antworten.

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Im Tagesbild sehen Sie, wie Weihnachten auf LKW-Anhängern in die Hamburger Innenstadt gekarrt wird, man kann gut erkennen, dass es groß ausfällt.

Eine riesige rote Christbaumkugel auf einem LKW-Anhänger

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Der Himmel über Hamburg

Es gibt eine neue Meldung zur Lage am Hauptbahnhof, zu den Maßnahmen, die von der Stadt ergriffen werden sollen, erst einmal ein runder Tisch, meine Güte. Man initiiert also Spitzengespräche, und ich hätte jetzt gedacht, diese zuständigen Leute würden aus beruflichen Gründen ohnehin miteinander reden, und zwar öfter, wenn nicht sogar dauernd.

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Beim diesmal etwas lustlosen Laubharken im Garten höre ich weiter die Deutschstunde von Siegfried Lenz. Ich halte es dabei für eine schöne Vorstellung, dass das ganze Werk gemäß der Erzählung mit Füller in Schulhefte geschrieben worden ist, sogar noch mit Tinte aus Fässern, es wird mehrfach erwähnt. Es ist ein dickes Buch, es wird also ein hoher Stapel Hefte gewesen sein, und ich stelle mir die langsame Handarbeit über viele Wochen heute sicher viel deutlicher vor, als ich es bei der ersten Lektüre des Buches getan habe. Ich habe in den letzten Jahren mehr mit der Hand geschrieben als in meiner Schulzeit, und mit bedeutend mehr Vergnügen dabei. Fast alles hier entsteht aus handschriftlichen Notizen, die aber meist nur aus Stichworten bestehen, seltener aus ganzen Sätzen.

Stelle ich mir alle Jahrgänge dieses Blogs handgeschrieben in Schulheften vor, ist es eine regalbrettfüllende Angelegenheit, ausreichend für mindestens ein selbstvergebenes Fleißsternchen. Heute wie damals aber würde Lehrpersonal zuverlässig überall an den Rand schreiben: „Das kann man kaum lesen!“

Die Söhne kennen das, man vererbt halt auch oder vor allem den Unfug.

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Gelesen: Peter Stamm: Der Lauf der Dinge. Seine sämtlichen Erzählungen. Es war ein verregneter, extragrauer Sonntag, da passte das gerade gut hinein. Viele angenehm kurze Texte ohne jede Politik, wenn Sie so etwas vielleicht einmal suchen … manchmal hat man doch nicht den Atem für den Konsum vielseitiger Erzählungen mit zahlreichen Verwicklungen und Ebenen, manchmal liest man auch morgens schon von Wahlen in Argentinien und ist dann für den Rest der Woche mit Nachrichten bedient und braucht andere Inhalte.

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Die Krankenquote im Umfeld steigt und steigt ansonsten, die halbe Stadt liegt mittlerweile flach, die andere Hälfte pflegt vermutlich, holt und bringt Medikamente. Ich will am Freitag bei einem Arzt etwas abholen, an der Tür der Praxis ein Schild: Wegen Grippe geschlossen.

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Die Tagesbilder werden allmählich knapp, ich mache zu wenig neue Fotos, das liegt am Monat, an der Dunkelheit und am Regen. Nur noch wenige Bilder habe ich auf Vorrat, und am Ende muss ich dann wie ein Tourist zu den Postkartenstellen dieser Stadt, um Motive nachlegen zu können. Peinlich.

Hier noch einmal die Alster, drüben, auf der anderen Seite, nicht bei uns im kleinen Bahnhofsviertel. Die Landlebenbloggerin hatte sich neulich einmal gefragt, wie denn die Menschen in den großen Städten bloß mit so wenig Himmel auskommen, aber hier an Alster und Elbe kommen wir schon klar, das wollte ich noch eben belegen.

Blick über die Alster von der Harvestehuder Seite aus, Richtung Sankt Georg. Im Vordergrund leere Stege auf dem Wasser.

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