Wieder so eine unleidliche Phase, in der mir die meisten Bücher nicht gefallen, wofür sie aber gar nichts können. Ich hole mir hohe Stapel aus der Bücherei, lese reihenweise Romane an und werfe sie nach ein paar Seiten zur Seite. Ich weiß nicht, was ich lesen soll, es passt alles nicht, ich finde alle Handlungen furchtbar, was interessiert mich das, wer da was macht, ich möchte die ganze Zeit “Mir doch egal!” rufen. Normal, das habe ich alle paar Wochen, das gibt sich wieder. Einige schöne Szenen immerhin bei Tove Jansson gefunden, “Die Tochter des Bildhauers”, Deutsch von Brigitta Kicherer, auch ein bemerkenswerter Nachname, aber das nur am Rande. Wenn da mal keine albernen Vorfahren im Spiel waren! Schon schön.

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In dem Buch jedenfalls geht es um die Kindheit, wenn nicht sogar um den – Achtung! Schwer abgenutzter Begriff! – Kindheitszauber, man traut sich gar nicht, das hinzuschreiben, pfui Spinne. Aber gleich zu Anfang wird da kindlich-religiöse Verzückung geschildert und die Kleinen spielen im Garten das Volk Israel und ziehen umher und murren, weil die das in der Bibel auch gemacht haben, das ist ganz groß. Schon die Vorstellung, murrend umherzuziehen, die sprach mich an, sogar sehr, eventuell mache ich das einfach auch gleich mal. Dann wird in dem Buch in heidnischer Verkommenheit noch ein goldenes Kalb gebaut, das die depperten Erwachsenen später für ein frommes Lamm halten werden, und darin liegt so viel von der Dramatik der stets verkannten Kinderspiele, man erinnert sich nur mit Schaudern an ähnliche Erfahrungen. Empfehlenswertes Buch! Es ist, kommen Sie mal näher ran, ich muss ein peinliches Wort benutzen, das schreibt man nicht gerne laut, es ist poetisch. Ja, schlimm. Als würde man André Heller sagen, huah! Dabei kann das Wort ja gar nichts dafür, es ist eben nur etwas unzeitgemäß und abgenudelt.

Mir kommen im Zuge meiner Beschäftigung mit Gartendingen übrigens dauernd Wörter von besonderem poetischem Reiz unter, ich hatte das neulich schon am Beispiel des Mulchens erläutert, aber das hört gar nicht auf. Und irgendwo hatte ich gerade einen Artikel verlinkt, in dem es um das Verschwinden der Natur aus der Sprache ging, wir alle und natürlich besonders die Jüngeren benutzen angeblich immer weniger Vokabeln und Metaphern aus der Natur, stand da. Und da möchte man ja aus reiner Reaktanz sofort zum Naturdichter werden und ostentativ Gänseblümchen besingen, mir fällt nur gerade gar kein Reim darauf ein, irgendwas ist immer. Was bohrt sich durch die Ackerkrume? Ist das nicht eine Gänseblume? Na ja. Da nochmal drüber nachdenken!

Zu den poetischen Begriffen aus dem Gartenbereich gehört zum Beispiel einer, der bezeichnet ein Mittelchen, das man einfach so kaufen kann. Aber wie das klingt! Es klingt so, als würde man es beim Zauberer seines Vertrauens holen müssen. Als würde man dort ganz verstohlen hingehen, wenn die Nachbarn gerade nicht hinsehen, in der Abenddämmerung vielleicht, als würde man da leise anklopfen und warten, dass der alte Mann endlich öffnet. Man würde schüchtern seinen Wunsch murmeln, während der Greis sich am selbstverständlich sehr langen Bart krault. Er würde eine Augenbraue heben und sagen, dass das aber schon wirklich lange niemand mehr bei ihm bestellt hat. Und er würde einen hinein bitten, man würde ihm zögernd ins Lager folgen, durch unvorstellbar unaufgeräumte Gänge. Lauter Kisten und Kasten und Tiegel und Schachteln und verstaubte Gläser mit dem absonderlichsten Inhalt und Beutel und Fässer, aus denen hier und da etwas ragt, das man lieber nicht so genau ansieht. Er würde kramen und wühlen und räumen und endlich würde er ein schillerndes Reagenzglas sinnend ins allerletzte Tageslicht halten, sachte dagegenklopfen und sagen: “Ich wusste doch, ich habe noch etwas.” Und er würde einen erstaunlich geringen Betrag nennen, bevor es dann den Besitzer wechselt, das Bewurzelungspulver. Das doch beim besten Willen überhaupt nicht so klingt, als sei es ein normales Mittel im Garten, eher so, als würde man es ruhelosen Menschen heimlich nachts in die Schuhe stäuben, damit sie endlich irgendwo ankommen. Wir haben das Zeug jetzt jedenfalls hier und ich überlege noch, was ich damit mache. Und bei wem.

Ein anderes Wort, einem Gartenblog entnommen, ist eine wunderschöne Beleidigung für missliebige Senioren. Und wer würde da nicht irgendein Beispiel kennen, die alte Hexe von nebenan, den Rumpelgreis von um die Ecke, den besorgten Nörgelrentner vom Dienst in der Warteschlange vor einem. Für diese Beispiele bitte einmal vormerken, sie bei passender Gelegenheit mit “Sie Fruchtmumie!” zu beschimpfen, einfach nur, um das Wort einmal im Leben so wunderbar treffend angebracht zu haben. Und nicht, wie es eigentlich gemeint ist, als Bezeichnung für verschrumpelte Äpfel oder Birnen, die aus irgendeinem Grund nicht vom Baum gefallen, sondern oben vergammelt sind, als hätten sie ein Recht auf ewiges Leben.

Egal. Ich lese weiter Bücher an und werfe weg. Macht dann doch auch Spaß.