Der Anfang der Wandertour scheitert fast am Fahrkartenautomaten der Bahn, der möchte nämlich unbedingt, dass Lübeck mein Startbahnhof ist, nicht mein Zielbahnhof. Da kann ich drücken, was ich will, das interessiert den Automaten einfach nicht, Lübeck, meint er, ich komme aus Lübeck. Ich komme zwar tatsächlich aus Lübeck, also gebürtig, ich brauche dahingehend aber keine Belehrung durch einen DB-Automaten, ich möchte heute bitte mal aus Hamburg kommen. Da wird man ja noch herkommen dürfen! Nein, sagt der Automat, ich komme doch aus Lübeck. Ich gehe ins Reisezentrum um mit echten Menschen zu reden, da sind aber unendlich viele andere Reisende vor mir dran, natürlich, es ist Ferienzeit, alle sind unterwegs. Ich gehe zurück zu den Automaten, da stehen mittlerweile lange Schlangen vor jedem Gerät. Einige schütteln die Köpfe, vielleicht haben die auch alle ein Lübeckproblem, ich kenne das. Es dauert zehn Minuten, bis endlich ein anderer Automat frei wird, der mich auch noch aus Hamburg kommen lässt, viel länger hätte es nicht dauern dürfen, dann wäre unser Zug weg gewesen.

Im Zug ist der Sohn verständlicherweise etwas aufgeregt, immerhin ist es seine erste große Wanderung, mit Übernachtung und so, also mit allem. Wir sind zwar schon einmal in Hamburg gewandert, bis Blankenese etwa, aber das war nicht ganz richtig, da war man ja nicht wirklich aus der Stadt weg und hat nicht übernachtet, das kann ja jeder, das war quasi nur ein Spaziergang in lang. Aber jetzt! Es hält ihn keine zehn Minuten auf seinem Sitz, er geht den Zug erkunden und läuft bis zum Ende und dann bis zum Anfang, dann noch einmal und noch einmal, den ersten Kilometer geht er auf diese Art schon während der Hinfahrt.

In Travemünde steigen wir aus, der Bahnhof ist heruntergekommener als zu meiner Zeit. Ein Gleis wurde aufgegeben und liegt brach, da wachsen Sträucher und Bäume durch die Anlagen. Nach der Wende ging es damals mit Travemünde erst einmal bergab, das sieht man heute noch, auch wenn die Immobilienpreise längst wieder steigen und überall “Exklusiv” dransteht, wo gebaut wird, und gebaut wird nicht wenig.

Der Bahnhofsvorplatz ist für mich verwirrend, das ist der Platz, wo früher mein Schulbus abfuhr, da war ich jeden Tag. Als ich aus dem Zug stieg, hätte ich noch sagen können, wie es dort früher aussah, jetzt stehe ich da vor dem umgestalteten Platz und alles ist sofort überlagert und weg, was war denn noch einmal da, wo jetzt der Bäcker ist? Und war da nicht ein Gebäude, hieß das Lokal da nicht anders und war an dieser Ecke früher auch schon eine Ampel? Nach ein paar Minuten ist mir das egal, vergangen ist vergangen, der Sohn sieht eh nur den neuen Ort, dem schließe ich mich jetzt einfach an. Bis er an einem Kiosk eine Limo kaufen möchte, da sehe ich den Namenszug auf der Markise, das ist immer noch der alte, ist es denn zu glauben. Alles vergeht, der Kiosk bleibt, ich könnte da immer noch einen Comic kaufen, genau wie als Zwölfjähriger. Die Dame vor mir kauft Saft und fragt nach großen Flaschen, ist dann aber überrascht vom Preis des Einkaufs und lässt sich die Addition vorrechnen. “Das ist ja alles sehr, sehr teuer”, sagt sie kopfschüttelnd, und die Verkäuferin im Kiosk sagt, dass es ihr leid tut: “Aber so ist das nun einmal.”

Wir gehen zur Promenade am Strand und machen eine kleine Pause für reichlich Sonnenschutz, es ist früh am Morgen und schon heiß. Es ist viel heißer als ich dachte, der Wetterbericht hatte eigentlich einen frischeren Tag vorhergesagt und hat erst am Vorabend auf Hitze gedreht. Hitze, nicht Wärme. Egal, habe ich gedacht, an der See geht ja immer etwas Wind, das wird schon passen. Wir stehen am Geländer der Promenade und sehen auf die Ostsee, da geht allerdings kein Wind, kein Lüftchen, kein Hauch, da geht gar nichts. Das Meer liegt so ruhig wie ein Meer nur ruhig liegen kann, also etwa so ruhig, wie ich ruhig liege, wenn ich mal ganz bewusst ruhig liegen will. Irgendeine Kleinigkeit bewegt sich da immer noch, es kribbelt hier, es zuckt da, ab und zu ein winziger Wellengang. Aber im Großen und Ganzen bewegt sich tatsächlich nichts. Ich finde es immer ein wenig anstrengend so zu liegen, und die Ostsee wirkt auch nicht gerade so, als würde es ihr Spaß machen, die liegt da wie niedergedrückt und von der Hitze gebügelt. Die Möwen vom Dienst segeln lustlos und tief, das ist ohne Brise wohl auch auch nicht so ein Vergnügen wie sonst.

Der Strand ist schon voll, obwohl es immer noch früh ist, wir sehen uns die Strandkörbe von der Promenade aus an. Es gibt nicht mehr so viele Burgen wie früher, das ist wohl zwischenzeitlich etwas aus der Mode gekommen, sich mit Schaufeln einzugraben und abzugrenzen. Dafür gibt es jetzt ungeheuer großes Plastikspielzeug zum Aufblasen, überdimensionierte Rettungsringe mit hoch aufragenden Einhornköpfen vorne dran, mit Flamingoköpfen, mit Schwänen und weiß Gott welchen Tieren und Fabelwesen, alles natürlich in schreibunt. Und es sind nicht nur Kinder, die damit ins Wasser gehen. Ich denke an die Luftmatratze, die ich als Kind lange benutzt habe, die war oben dunkelblau und unten dunkelrot, die würde man heute gar nicht mehr wahrnehmen, so unauffällig war die.

Keine der Frauen am Strand läuft oben ohne herum, das fällt mir auch auf. In den Siebzigern war das normal, das macht heute niemand mehr, ich weiß gar nicht, wie das kam. Wieso werden Gesellschaften eigentlich wieder prüder? Ist das eine Wellenbewegung, sind das soziale Zyklen? Neben den Strandkorbverleihkabäuschen gibt es aufgestellte Wände, das sind Umkleidekabinen. Die hat früher keiner vermisst, heute werden sie rege besucht. Später am Tag werden wir in anderen Orten noch mehr von diesen Kabinen sehen, manche sind sogar historisierend gestaltet, das Wort “Umkleide” daran in Fraktur geschrieben. Aber die verweisen nicht auf das Neunzehnte Jahrhundert, diese Kabinen, die verweisen nur auf eine Zeit vor den Siebzigern.

Da, wo man von der Promenade zum Strand runtergeht, hängen Automaten, an denen man eine Beach User Fee bezahlen soll. In den anderen Orten später am Tag wird das Strandkarte heißen, Gästekarte, Ostseekarte, Kurkarte, wie auch immer, überall anders. Das lässt der Sohn sich erklären und ist hell empört, Eintritt für den Strand, das geht doch nicht? Der ist doch Natur? Alle verrückt oder was? Ich erzähle ihm, dass in einer Nordseegemeinde jemand gerade erfolgreich gegen diese überall erhobene Gebühr geklagt hat, das findet er super. Es lässt ihm gar keine Ruhe, so unglaublich findet er das, muss man da bezahlen, um ans Meer zu dürfen, also echt jetzt mal, das geht nicht. Er findet, ich müsse dagegen demonstrieren oder wenigstens was im Blog dazu schreiben, ich sage, dass das klar geht. Bald schon.

Wir stehen noch eine Weile oben auf der Promenade und sehen uns das Treiben an, wir stimmen uns erst einmal ein, eilig haben wir es sowieso nicht. Uns fällt auf, dass sich viele zu streiten scheinen, Urlaub ist auch nicht immer ganz einfach. Da werden Kinder angekeift, da wird auch unter Erwachsenen gezickt und gebrüllt und ermahnt und streng angewiesen, du kannst doch das Handtuch da nicht einfach so in den Sand legen! Also wirklich! Entspannung am Strand ist am Ende auch eine höhere Kunst. Ein fast erwachsener Sohn spielt Beachtennis mit seiner Mutter, nach drei Schlagwechseln  wird er aber schon ungeduldig, die Mutter trifft einfach nichts. “Du musst dich kontrollierter bewegen, Mutter”, ruft er ihr zu, das klingt wie ein Liedtitel von Tocotronic und die Mutter sieht für eine Sekunde so aus, als würde sie den Schläger dem Sohn kontrolliert über den Schädel ziehen wollen, aber dann nimmt sie nur den Ball, wirft ihn hoch und macht eine Angabe, die vielleicht ein klein wenig zu stark ausfällt, so dass der Sohn fluchend über den Strand stapft, dem verdammten Ball hinterher, der da ganz hinten irgendwo gelandet sein muss.

Die meisten anderen machen keinen Sport, die meisten anderen machen gar nichts. Sie sitzen in glutheißen Strandkörben und gucken in einem Martin-Parr-mäßigen Licht auf die anderen, die auch alle so sitzen, wenige im Schatten, die meisten in der Sonne, fettglänzend vor Sonnencreme. Man brät allgemein vor sich hin, wozu geht man bitte sonst an den Strand.

Das Licht ist heute tatsächlich etwas speziell, die bunten Segel der wenigen Schiffe da ganz hinten leuchten greller als sie eigentlich sein können, das sieht nicht realistisch aus, das ist völlig überzeichnet. Auch der DLRG-Turm mit seiner Signalfarbe, die Menschen darin in ihren signalfarbenen T-Shirts, alles leuchtet wie irre und knallt ins Auge, das kann doch so nicht gehören. Wir gehen an der großen Liegewiese vorbei, die leuchtet nicht, die liegt stumpfgelb und staubig da, verdorrt wie alle Rasenflächen in diesem Sommer. Wir gehen weiter am Strand entlang zum Steilufer, der Rucksack sitzt gut, die Laune ist bestens, nur die Hitze ist etwas besorgniserregend.

Am Golfplatz vorbei weiter zum Steilufer, wir gehen ins erste Wäldchen, da ist Schatten, da machen wir schon die erste Pause und gucken von oben über die Ostsee. Von hier sieht man keine Menschen mehr, man sieht nur noch die Fährschiffe weit draußen und der Sohn sagt, dass er genau da jetzt ab sofort öfter sein möchte, an dieser Steilküste und in diesem Wäldchen, denn da sei es ja wohl wirklich, wirklich schön. Womit er natürlich Recht hat. Ich sage ihm, dass ich da früher andauernd war, das kann er sich nicht vorstellen.

Die Hermannshöhe ist heute ein Erlebnisrestaurant, was immer das genau ist, die lassen wir links liegen und gehen weiter in Richtung Niendorf. Wir suchen uns den nächsten Schatten unter Bäumen und setzen uns schon wieder hin, in der Sonne ist es jetzt endgültig zu heiß, viel zu heiß. Wir beschließen, jeden auffindbaren Schatten mitzunehmen, und wenn wir dafür alles im Zickzack gehen müssen, das ist egal. Den ganzen Weg in der Sonne würden wir ziemlich sicher nicht schaffen, “die Sonne will uns erschlagen”, sagt der Sohn. Auf einem Acker am Weg stehen Pflanzen, ich erkenne nicht einmal, welche Kultur das ist, jedenfalls ist alles noch vor der Ernte zu Stroh geworden. Es ist auch ziemlich egal, was es ist, verwerten wird man das trockene Kraut nicht können. “Der Bauer hat aber nicht gegossen”, sagt der Sohn und ich erkläre ihm, dass es fast überall so aussieht. Wir gucken uns die Landschaft an, die Büsche am Wegesrand, die Bäume, die Wiesen, es ist alles struppig und wirkt wie zerzaust und räudig, wo man nur hinsieht, auch die Gärten sehen alle so aus, der letzte Regen ist wer weiß wie lange her. Leuchtend grün ist nur der Seetang unten im flachen Wasser der Ostsee, der sieht herrlich frisch aus. Ein sommerliches Grün, vor gar nicht langer Zeit gab es diesen Farbton auch noch an Land.

Die Steilküste senkt sich jetzt langsam etwas ab, wir gehen allmählich auf Niendorf zu.

Fortsetzung hier.

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