Weil Baum

In den Kommentaren zum letzten Text wurde verschiedentlich angemerkt, ich könne das Handy beim Diktieren doch auch einfach anders oder sogar richtig halten, also ans Ohr, wo es hingehört – ich muss aber beim Reden doch auf den Bildschirm sehen, um zu prüfen, wie die Sätze entstehen, die ich da spreche. Deswegen die bekloppte Haltung.

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Bild Kreuzigungsgruppe Sankt Georg

 

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Man muss, wenn man so herumläuft, um etwas zu diktieren, auch erst einmal auf etwas kommen. Also so lange gehen, bis einem etwas einfällt oder auffällt, bis man irgendeinen Gedanken erwischt, aus dem man vielleicht etwas machen könnte. Das kann dauern, sowohl in Minuten als auch in Metern gerechnet, es kann sogar ziemlich lange dauern, denn man denkt zwar dauernd irgendwas, aber nicht unbedingt etwas, das einem auch brauchbar erscheint, geschweige denn dem hochgeschätzten Publikum. Und man sieht auch nicht immer etwas, das man für berichtenswert hält, schon gar nicht in der eigenen Hood, wo man meist völlig bermerknisblind herumlatscht. Es kann also sein, dass man geht und geht und auf nichts kommt, so wie heute. Der Gebrauch gewisser Stimulantien scheint mir daher absolut gerechtfertigt, ich denke da etwa an traurige Musik.

Das hat natürlich nur Sinn, wenn man traurige Musik gewissermaßen als geistigen  Treibstoff nutzen kann, aber vielleicht ticken Sie ja zufällig dauerhaft oder zumindest ab und zu in dieser Hinsicht gerade so wie ich und verstehen das daher. Ich brauche traurige Musik zum Schreiben, je Melancholie, desto Text, das gilt auch für heitere Texte und Pointen aller Art, mit anderer Musik geht das nicht.

Aufkleber "Too shy to rap"

Warum auch immer, das kann ich gar nicht weiter erklären. Oder, wie die Söhne sagen würden, weil Baum. Das ist ihre Antwort, wenn etwas nicht weiter zu begründen ist, ich finde diese Antwort ganz hervorragend und kann mich gar nicht erinnern, ob wir als Kinder auch eine Antwort in der Art parat hatten, also außer “darum”. “Warum hast du für Englisch nicht gelernt? “Weil Baum.” “Warum heilt der Ellenbogen nicht?” “Weil Baum.” “Warm hörst du immer nur traurige Musik?” “Weil Baum.” Man kann sehr viel damit abkürzen, probieren Sie das ruhig auch einmal im Büro.

Jedenfalls habe ich da mal etwas vorbereitet, 99 ziemlich traurige Songs, damit komme ich sinnend um den Block und noch etwas weiter, vielleicht wollen Sie ja auch mal. Deutschsprachige Songs sind nicht dabei, EoC fehlen also, aber deutschsprachige Songs gehören für mich auch zu einer anderen Schreibart, mehr so Richtung Kurzgeschichte.

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Ich versuche gerade, die Sachbuchphase wieder zu beenden, das ist gar nicht so einfach. Immerhin habe ich 50 Seiten in einem Familienroman geschafft, geht doch.

Buchcover "Unter dem Feigenbaum"

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Laut der Zeit wird das “schräg zum Zeitgeist stehende” Hobby gerade wiederentdeckt, Sie merken, ich muss noch Links aufräumen. Ob das Wandelbloggen wohl schräg genug steht?

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Beim Deutschlandfunk finde ich schöne Belege für meine gestern geäußerten Zweifel am Konzept Wahrheit: “Korrektes Erinnern ist unmöglich.

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Jonas Schaible denkt über die Rechten nach. Ganz kurz ist darin der vielleicht wichtigste Satz, wenn den doch bloß auch die Damen und Herren in den Medien mal herauslesen wollten: “Mehr über anderes reden.

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Aufkleber "Rechte Hetze"

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Am Hauptbahnhof wird schon wieder herumgebrüllt, diesmal ist es aber keine Demo, diesmal ist es der Fußball. Der HSV spielt gegen St. Pauli, das sorgt für reichlich Alkoholkonsum am frühen Morgen, für grölende Menschen in befremdlicher Aufmachung und das beschäftigt ziemlich viele Polizistinnen und Polizisten, die rauchend auf dem Bahnhofsvorplatz vor ihren Einsatzfahrzeugen stehen, an ihrer vielteiligen Rüstung herumzuppeln, sehr genervt gucken und mit ihrer Berufswahl vermutlich gerade nur bedingt glücklich sind.

Der Garten, der unserer Parzelle schräg gegenüber liegt, der gehörte einmal einem bekannten HSV-Torwart, habe ich gestern gerade gelernt. Ich habe seinen Namen schon wieder vergessen, mir fehlen da die Kenntnisse. Das heißt jedenfalls, dass die gesamte HSV-Prominenz, Uwe Seeler eingeschlossen, früher dauernd an unserem Garten vorbeigegangen ist, wenn sie den da besucht haben. So etwas lernt man beim Smalltalk an der Hecke, damit habe ich auch nicht gerechnet.

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Aufkleber "Make Racists afraid again"

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Die Gartensaison nähert sich dem Ende, in den Beeten steht nichts mehr außer der Tomatennachhut, einigen prächtigen Kürbissen und etwas rotem Grünkohl, die anderen Beete werden demnächst freundlich mit Laub zugedeckt und haben ein paar Monate Ruhe. Ich habe während des Sommers mitgeschrieben, was wir dem Garten zum Verzehr entnommen haben, in wie kleinen Mengen auch immer. Das war erstaunlich vielfältig, das hätte ich gar nicht so erwartet:

Aubergine

Äpfel

Blutampfer

Basilikum

Blaubeeren

Buschbohnen

Chili

Dicke Bohnen

Dill

Eichblattsalat

Eisbergsalat

Erdbeeren

Estragon

Himbeeren

Hokkaido

Johannisbeeren

Kapuzinerkresse

Kartoffeln

Kirschen

Kohlrabi

Koriander

Knoblauchsrauke

Gänseblümchen

Giersch

Grünkohl

Löwenzahn

Mairüben

Minze

Oregano

Petersilie

Radieschen

Rauke

Rote Melde

Pflücksalat

Rosmarin

Sauerkirschen

Schokominze

Schnittlauch

Stachelbeeren

Tomaten

Thymian

Zitronenmelisse

Zitronenverbene

Zuckererbsen

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Panorama Alster am Rathaus

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Die Herbstferien haben begonnen. Ein Sohn ist alleine auf Reisen, weil er unbedingt was mit Pferden machen will, einer macht wochenlang Workshops beim Theater, weil er unbedingt auf eine Bühne will – schon wieder so ein Fall von “Sie werden so schnell groß”. Anfang des Jahres dachten wir noch, wir hätten im Herbst ein kompliziertes Betreuungsproblem, jetzt organisieren sich die einfach selber was. Auch recht!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Wie man beim Verfertigen der Gedanken guckt

Ein bemerkenswert bebilderter Artikel über Chemnitz, da mal genauer hingucken! Den Text kann man aber auch ruhig lesen.

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Erwin fährt in die Schweiz.

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Alkohol trieb den Menschen in die Sesshaftigkeit. Und dann hat er es durch all die Jahrtausende bis zum Oktoberfest gebracht. Eine starke Leistung.

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Subsahara.

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Ein Beitrag aus der Reihe “Blogger gegen rechts”.

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Mely Kiyak über Angela Merkel.

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Wie soll man Keyserling lesen? Ich empfehle das Verschlingen. Dem schließe ich mich an, der wird nämlich immer noch unterschätzt.

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Zwischendurch ein Dank an die Leserin P.G.:

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Ein Beitrag geteilt von maximilian buddenbohm (@buddenbohm) am

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Der oben erwähnte Herr Keyserling hat seine Texte auch diktiert, das nehme ich im Moment natürlich mit besonderem Interesse zur Kenntnis. Dieser Text hier entsteht auf dem Weg zum Einkaufen, denn das Diktieren, daran habe ich noch gar nicht gedacht, schafft natürlich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich ganz neue Möglichkeiten. Wobei ich räumlich jetzt etwas sonderlich werde, im wahrsten Sinne des Wortes, denn was ich so vor mich hin diktiere, das muss ja nicht jeder hören, es wirkt auch sicherlich seltsam, weil ich die Satzzeichen und Absätze selbstverständlich mitspreche – also gehe ich stets auf der Straßenseite, auf der gerade keiner ist, ich drücke mich in Einfahrten und auf Parkplätzen herum oder strolche murmelnd durchs Straßenbegleitgrün. Wer diktiert, der benimmt sich entschieden verdächtig. Was aber noch viel schlimmer ist, wer im Gehen diktiert, der hält sein Handy wie die jungen Leute vor den Schnabel und nicht ans Ohr, wie es sich doch gehört. Schlimm!

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In den Kommentaren unter dem letzten Artikel fragte jemand nach dem Verfertigen der Gedanken beim Diktieren und beim Schreiben. Vermutlich wird sich meine Erkenntnis dazu im Laufe der Zeit noch ändern, ich fange ja gerade erst an, aber es fällt mir zuerst ein Unterschied in der Bedachtheit auf. Obwohl ich die Sätze, die hier erscheinen, erst denke und dann diktiere, wirken sie auf mich undurchdachter, als wenn ich sie erst einmal getippt hätte. Was vermutlich nur daran liegt, dass ein getippter Satz sozusagen noch durch ein Werkzeug geht bevor er manifest wird, und sich deswegen vielleicht immer verfertigter anfühlen wird als ein nur gesprochener Gedanke, obwohl er sich inhaltlich nicht groß unterscheiden muss. Das Tippen also als Veredelung betrachtet? Ich muss da mehr drüber nachdenken.

Wenn ich besser denken könnte, müsste ich natürlich auch nicht vor dem Diktieren denken, ich könnte einfach spontan denksprechen. Sicher gibt es Menschen, die über diese bemerkenswerte Fähigkeit verfügen, vermutlich ist das beneidenswert. Man könnte dann im Radio eine Stunde lang über die Entwicklung der Gesellschaft dozieren, einfach so, aus dem Stand heraus, ohne Skript und doppelten Boden. Ich könnte das nicht, ich bin ein bestenfalls mäßiger Denker. Ich könnte nicht einmal eine Stunde lang über die Entwicklung der Gesellschaft schreiben, ohne mich entsetzlich zu verhaspeln und in trivialsten Details zu verlieren oder thematisch womöglich völlig unangemessene Pointen mitzunehmen. Ganz schlimm.

In den Kommentaren unter dem letzten Artikel schrieb auch jemand, dass das Diktieren eventuell mehr Konzentration verlangt als das Schreiben mit der Hand, das ist noch so ein interessanter Gedanke, und das scheint mir tatsächlich so zu sein. Ich habe eben in einem Schaufenster zufällig die Spiegelung meines Gesichts gesehen, ich sehe beim Diktieren aus, als würde ich mich gerade noch einmal in die höhere Algebra einarbeiten, wie damals in der zehnten Klasse oder wann das war – und leicht fällt mir das auch diesmal nicht, das sieht man. Wobei ich andererseits gar nicht weiß, wie ich beim normalen Schreiben aussehe, ich habe ja keinen Spiegel über dem Notebook hängen, was für ein Gedanke. Was für einen Gesichtsausdruck mache ich denn wohl beim Tippen? Man kommt aber auch auf Fragen!

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Während ich hier so vor mich hin denke, hält neben mir gerade ein Auto, aus dem dröhnend laut Las Ketchup singen. Ein nagelneuer SUV mit dezent rückständiger Beschallung. Der Wagen hält vor dem Hintereingang eines Hotels, vor dem ein Security-Man im schwarzen Anzug steht und jetzt skeptisch guckt, was das wohl wird, mit dem Stück und so laut und dann noch da, wo man doch gar nicht halten darf? Wie toll wäre es, wenn Sie jetzt beim Scrollen durch den Text an dieser Stelle auch kurz dieses Stück hören würden? Ich merke schon, auch das Wandelbloggen hat technisch noch Möglichkeiten, man müsste mehr Sound und ab und zu auch ein Bild einbinden, auf Medienseiten findet man gelegentlich solche Sonderformate, ich mag das. Vorerst kann ich nur quasi oldfashioned das Video einbinden, die Älteren erinnern sich . Lange nicht gesehen!


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Ich komme an einer morgendlichen Demo am Hauptbahnhof vorbei, ich weiß gar nicht was für eine Demo das ist, ich kann es auch nicht erkennen, die hoffentlich sehr große Großdemo gegen Rassismus (es waren dann wohl 20.000, geht doch) kommt doch erst später am Tag. Auf der Demo wird jedenfalls laut und per Megaphon herumgebrüllt, man kann allerdings kein Wort verstehen. Das ist das, was mich an Demos welcher Art auch immer am meisten stört, immer wird dort herumgebrüllt, ich mag kein Herumbrüllen. Es ist meistens nicht hilfreich, siehe auch Pädagogik oder Paartherapie.

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Die Musik des Tages, also abgesehen von Las Ketchup, wähle ich passend wandelbloggish, man möchte ja doch alles Ton in Ton haben. Schöne Version!

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Ich habe außerdem den Verdacht, dass ich fürs Wandelbloggen noch eine eigene Bildsprache finden muss, wenn der Text schon anders entsteht, dann sollten es die Bilder doch auch, und Bilder zwischendurch müssen sein, man kann doch nicht herumlaufen, ohne zwischendurch etwas zu zeigen. Versuchsweise nehme ich mal die schwarzweiße Variante, die ist auch irgendwie bemühter als die farbige, das passt vielleicht ganz gut zum Modus des diktierten Textes und auch zum Herbst. Ich spiele also etwas mit der Lenka-App herum, die ist so angenehm minimalistisch und hat keinen Selfie-Modus, auch gut.

Friseurwerbung

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Wandelbloggen

Ich probiere also erstmalig einen Text ganz ohne den Gebrauch der Finger zu erstellen, ich benutze eine Diktiersoftware auf dem Handy. Das hat zur Folge, dass ich auch nicht am Schreibtisch sitze, denn dazu gibt es keinen Anlass. Im Grunde ist mein Schreibtisch auch nicht gerade die schönste Ecke der Wohnung und ich kann ja jetzt herumlaufen. Free Buddi! Ich stehe am Küchenfenster und sehe auf den Spielplatz, die Szenerie habe ich gestern allerdings bereits beschrieben, die lasse ich also weg, Eichhörnchen, Tauben, Bäume, das kennen wir schon. Ich müsste aber auch nicht am Küchenfenster stehen, ich müsste eigentlich nicht einmal in der Wohnung sein. Ich könnte mit dem Handy in der Hand irgendwo herumgehen, vielleicht sogar durch sogenannte interessante Gegenden. Ich könnte dabei das Wandelbloggen entwickeln und mit dem Format endlich reich und berühmt werden, so lauert eben an jeder Ecke eine neue Projekt-Versuchung.

Ich nutze, falls das jemanden interessiert, die Diktiersoftware Dragon Anywhere, es ist einigermaßen erstaunlich, wie gut das technisch funktioniert und nein, ich habe da keinen Werbedeal. Und erst einmal bin ich mir auch noch nicht sicher, ob ich das wirklich bin, der hier schreibt – oder irgendeine andere Instanz von mir. Der Vorgang des Schreibens per Diktat ist tatsächlich grundsätzlich anders, als wenn man mit der Hand schreibt, es fühlt sich an, als müsste ich alles neu lernen. Am Ende ist natürlich auch das nur eine Frage der Gewöhnung, werden sie sagen – ich bin mir nicht sicher. Es kommt mir zum Beispiel ein wenig so vor, als müsse ich per Diktat viel geistreicher als sonst sein, als müsse jeder Satz besser sitzen, jede Formulierung knackiger sein, weil es doch irgendwie sehr komisch ist, schlechte oder undurchdachte Sätze per Diktat laut durch die leere Wohnung oder sogar auf der Straße zu sprechen. Was natürlich Unsinn ist, ich sage hier ja keine Gedichte auf, ich halte auch keine Reden im großen Saal und in jedem beliebigen Gespräch gibt man doch sehr viele schwache Sätze von sich, dauernd, also ich jedenfalls. Ich könnte die seltsamen Sätze hinterher einfach korrigieren, wie beim normalen Schreiben mit den Händen, da schreibe ich ja auch mehr als genug schwache Sätze, wo ist denn das Problem? Ach, ich fremdele so herum.

Ich kopiere hier jetzt zwei bereits vorgeschriebenen Absätze in das Dokument, das ist quasi geschummelt, aber immer noch rühre ich keinen Finger dabei und werkele nur per Stimme am Text, das ist schon schick.

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Ich habe ein paar Seiten Fachliteratur gelesen, die mir unsere Steuerberaterin geschickt hat, darin ging es einerseits um die korrekte steuerliche Veranlagung von Honoraren, Trinkgeldern etc., die man mit Blogs, Instagram-Accounts, Podcasts und dem ganzen anderen Online-Zeug verdienen kann, andererseits auch um die Bewertung der sozusagen betrieblichen Ausgaben, die man für den Unterhalt dieser Medien und Accounts aufwendet. Ich möchte mich nicht allzu weit aus dem Fenster hängen, aber ich glaube, wir machen das bei Buddenbohm und Söhne stets bemüht halbwegs richtig, auch mal eine nette Erkenntnis. Aber wenn man das ganze schon so lange macht wie ich, dann ist es auch witzig, wie das, was für uns alle damals zunächst nur ein Online-Späßchen war, jetzt Eingang in steuerliche Fachliteratur findet und dort in ungeheuer komplexen Satzverschwurbelungen vorkommt, von denen man tendenziell Kopfschmerzen bekommt.

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Zwischendurch zur Aufheiterung “Alles ist relativ und anything goes” gelesen, sehr unterhaltsam, sehr kurzweilig, man lernt auch etwas.

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Außerdem “Die Ordnung der Zeit” gelesen, das war teilweise faszinierend, teilweise war es mir auch eindeutig zu hoch, die Geschichte meines Physikinteresses ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Zwischendurch kam es mir ein wenig so vor, als würden sich die Physiker dem Zeitverständnis der Erzähler annähern, die ja einen eher laxen Umgang mit zeitlichen Wahrheiten und Zeitebenen pflegen. Nicht einmal in diesem Blog ist “gestern” unbedingt gestern, wenn ich “gestern” schreibe, dann weil es gut klingt, nicht weil 24 Stunden vergangen sind. Gestern kann auch vorgestern oder letzte Woche gewesen sein, das ist für meine Texte nämlich in der Regel vollkommen unerheblich und das Konzept Wahrheit ist ohnehin ein wenig ding, wie Wolf Haas sagen würde.

Immerhin aber habe ich direkt nach dem Lesen einen dieser großartigen Träume gehabt, in denen man plötzlich alles ganz anders und viel tiefer versteht. Wovon man nach dem Aufwachen zwar nichts mehr hat, weil es dummerweise absolut nicht reproduzierbar und nicht einmal halbwegs beschreibbar ist, aber dennoch, das war kurz ein gutes Gefühl. Und kurz ein gutes Gefühl zu haben, das ist ja nicht nichts.

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Nach langer Pause wieder mit Isa im Kino gewesen und den leisen Verdacht gehabt, dass um mich herum bemerkenswert viele Deutschlehrerinnen und -lehrer saßen. Das machte den Film aber nicht schlechter, der war nämlich ein großer Spaß, den kann ich gerne und wärmstens empfehlen, den Dreigroschenfilm. Hier eine ausführliche Rezension in der SZ. Beim Reingehen debattierten zwei der deutschlehrerhaften Besucher bierernst die Frage, ob der Begriff Musical für den Film nun angebracht sei oder nicht. Ich denke, der olle Brecht hätte Spaß an dem Gespräch gehabt.

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Und jetzt teste ich also tatsächlich wie es ist, mit dem Handy herum zu laufen und dabei sozusagen live zu bloggen.

In

Diesem

Moment

Zum

Beispiel

Fahre

Ich

Fahrstuhl

Vier

Drei

Zwei

Eins

Erdgeschoss, Wirklichkeit und täglicher Bedarf, die Fahrt endet hier.

Vor dem Hamburger Hauptbahnhof, der liegt quasi ein paar Schritte vor meiner Haustür, steht eine Damenreisegruppe. Die Damen stehen im Kreis und eine schenkt gerade allen Eierlikör ein, sie haben Gläschen dabei. Jetzt trinken Sie gleichzeitig und lachen dann ein wenig befangen und gucken unsicher, da kommt noch keine rechte Stimmung auf, die eine schenkt gleich noch einmal nach, na komm, die ersten kichern schon, geht doch. Ob wir hier mittlerweile so sehr Szeneviertel geworden sind, dass man besser vorglüht, bevor man bei uns durch die Straßen geht?

Von links läuft einer durchs Bild, der trägt einen ganzen Karton voller Energydrinkdosen. Er sieht ein wenig so aus, als könne es ihm nicht schaden, wenn er ein, zwei der Dosen sofort konsumieren würde, der Herr ist nämlich eindeutig im Zeitlupenmodus und mit seiner Gesichtsfarbe stimmt auch etwas nicht, fifty shades of Übermüdung. Mehr passiert aber erst einmal nicht und mehr Bemerknisse sind nicht zu verzeichnen, auf diese Art beginnt das Wandelbloggen also mit Energie und Eierlikör, das halte ich doch sofort fest, was für ein Omen auch immer das sein mag. Energie und Eierlikör, es gibt auch schlechtere Einstiege. Morgen mehr!

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15 Minuten am Donnerstag

Der Ellenbogen weigert sich nach wie vor, es bleibt hier also kurz und wird vielleicht sogar wieder kürzer, es ist ein Kreuz. Aber ein paar Zeilen pro Tag müssen doch sein, sonst gehe ich seelisch auch noch über die Wupper. Das hier tippe ich gerade nur mit links, was ein Spaß. Aber ich habe ja Zeit. Viel, viel Zeit, noch drei Wochen ohne Büro. Es ist ein wenig absurd, da bin ich einmal im Leben etliche Wochen ohne Bürojob, ich könnte herrlich ein Buch oder sonstwas schreiben, aber ich kann eben nicht. Grotesk.

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Der Wein an der Kirchenwand zeigt alle Farben der Saison, was man im Herbst eben so trägt, es geht den Gewächsen wie den Leuten. In den Büschen werden überreichlich gelbe Beeren angeboten, die die Vögel noch gar nicht interessieren, vielleicht später im Jahr. Auf dem Spielplatz ist kein Mensch mehr, es wird den Eltern jetzt zu kalt, noch stundenlang auf dem niedrigen Mäuerchen an der Sandkiste zu sitzen und überhaupt, die Kinder können auch mal drinnen spielen, wozu hat man das ganze Zeug in den Kinderzimmern denn. Tauben schreiten durch die unberührt daliegende Sandkiste und gehen leer aus, die Kekskrümelsaison ist von einem Tag zum anderen vorbei. Indignierte Blicke, sollen wir jetzt Käfer und Körner essen oder was. Ein Eichhörnchen rennt geschäftig vorbei, keine Zeit, keine Zeit, es empfiehlt ansonsten Eicheln, nahrhaft und köstlich, die Tauben gucken noch viel indignierter und wenden sich ab. Ein leuchtendes Blatt fällt von einer Linde und taumelt langsam im Wind, der den Kirchhof unablässig umkreist. Es fällt dann in Zeitlupe genau auf die unbewegt und verlassen an ihren Ketten hängende Schaukel, es bleibt dort mittig, kitschig und auf eine denkbar banale Art malerisch liegen, aber so ist das mit der Natur, der gelingt auch nicht jedes Bild stilsicher und originell.

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Im Legoladen in der Innenstadt hatte ich meine Kundenkarte vergessen, als Elternteil hat man in solchen Läden Kundenkarten, wenn schon sonst nirgendwo. Ich nahm an, sie würden mich da auch so im System finden können, na klar, sagte die Dame an der Kasse und schob mir schnell einen Zettel hin, ich sollte meinen Namen da aufschreiben. Den kann ich ja auch eben so sagen, sagte ich, mein Name ist Bu – “NICHT DEN NAMEN SAGEN!”

Ich sah die Verkäuferin irritiert an. “DSGVO! NICHT DEN NAMEN LAUT SAGEN!”

Ich sagte ihr, dass das immerhin mein Name sei, und den könne ich ganz sicher nennen, so oft ich nur wolle, Buddenbohm, Buddenbohm, Buddenbohm, nänänä.

Die Auswirkungen der DSGVO sind womöglich die alleralbernsten, die ich je bei einem Gesetz erlebt habe.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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15 Minuten am Mittwoch

Ich habe in den sechs Wochen ohne Arbeit auch Erziehungsratgeber gelesen, das mache ich ab und zu, denn dann merkt man wieder, was man alles schon falsch gemacht hat, wo man gar nicht so verkehrt lag und wo die Hoffnung vielleicht noch nicht ganz verloren ist, das ist doch alle paar Jahre ganz interessant. In dieser Runde gab es: Nora Imlau mit “So viel Freude, so viel Wut”, Alfie Kohn mit “Liebe und Eigenständigkeit” sowie Katherine Reynolds Lewis mit: “The good news about bad behaviour – Why kids are less disciplined than ever and what to do about it”. Ich fand sie alle drei lesenswert und war wieder beeindruckt, wie überaus einleuchtend Aspekte der Pädagogik in Büchern formuliert sein können und wie grandios man dennoch nur zehn Sekunden nach dem Weglegen des Buches ganz ähnliche Situationen wie die dort beschriebenen komplett vergeigen kann. Großes Kino.

Wobei, auch das noch kurz zur Erziehung, es schon auch beeindruckend ist, wie dramatisch der Stresspegel der Familie sinkt, wenn einer mal eine Weile nicht seinem Job nachgeht. Wenn ich Zeit habe, also richtig, richtig viel Zeit, dann läuft hier nämlich alles super und easy, wenn ich Zeit habe, kriege ich alles lächelnd, harmonisch und friedlich und zur schönsten Zufriedenheit aller geregelt. Na, fast alles.

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Zu einem der Kindergeburtstage waren wir wieder in so einem Fantasy-Rollenspiel-Ding, in dem ich schon wegen meiner seltsam stark ausgeprägten Fantasy- und Spielaversion kategorisch nichts verstehe und, schon klar, auch gar nichts verstehen will, wozu auch, das ist einfach nicht meine Welt. Weswegen eines der Kinder, welches mir das Geschehen dort dennoch sehr bemüht zu erklären versuchte, seine Ausführungen irgendwann entnervt abbrach mit dem wunderbaren Satz: “Es geht hier nicht darum, irgendwas zu werden oder irgendwas zu gewinnen. Es geht einfach nur darum, immer weiter zu spielen.” So findet man überall Perlen der Lebensweisheit, wenn man nur gut aufpasst, ist es nicht zu und zu schön? Den zitierten Satz kann man spaßeshalber mal auf verschiedene Themen beziehen, das ist gar nicht uninteressant, nehmen wir einfach mal die Erziehung oder den Job oder die Liebe, da hat man dann was zum Herumdenken, da kann man sich geistig wieder, um im Kontext zu bleiben, etwas aufleveln. Und dann wieder weiter spielen.

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Und hier eine Gardinenpredigt. Es ist immer wieder ganz erstaunlich und weithin völlig unbekannt oder zumindest doch dramatisch unterschätzt, wie schnell man in diesem Land Einfluss nehmen kann. Man muss nur irgendwo hingehen, man muss nur etwas wollen, man muss nur etwas sagen. Was ich jetzt aber auch nur schreiben darf, weil ich heute noch einen Termin in und mit der Lokalpolitik habe.

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Zeit für ein Kaltgetränk, eine bequeme Sitzhaltung und ein gutes Gespräch. Etwa dieses hier. 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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