Briefe aus meiner Laube

Ich bin nicht Euer Feigenblatt.” Die neue Landtagsvizepräsidentin in meinem Heimatland. Da singe ich doch heute zum Sendeschluss wieder einmal in alter Tradition die Schleswig-Holstein-Hymne, wie früher. Für die Südelbier: Der erste Privatsender in diesem Land hat damals, als es noch den Sendeschluss gab, tatsächlich immer diese Hymne gespielt, und ich habe das – natürlich ironisch! – stramm mitgesungen. So lange, bis ich sie versehentlich tatsächlich irgendwann gut fand. Nun, die ersten drei Wörter vom Text kann man stehen lassen, die gehen glatt durch: Schleswig-Holstein meeheeruhumschluhungen. Kann man nichts dagegen sagen. Danach wird es deutlich schwieriger.

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Ich habe bei weiterhin großer Hitze in der Laube gesessen und mir, da es sogar zum Lesen entschieden zu warm war, die “Briefe aus meiner Mühle” von Alphonse Daudet (übersetzt von Curt Noch, gelesen von Alexander Bandilla) vorlesen lassen, zumindest ein paar Kapitelchen. Ringsum Schrebergärten, also Natur, außerdem Sommer, wie es in Hamburg nur Sommer sein kann, vor dem Fenster immerhin ein einsamer Lavendel, stellvertretend für alle lilafarbenen Felder der Provence, die heutzutage übrigens auch gerne von Touristen für schicke Instagrambilder zertrampelt werden, wie ich gerade in irgendeinem Podcast gehört habe. Vor der offenen Tür ein Schmetterling an sacht wippender Schafgarbe, außerdem kein Mensch weit und breit, denn es war ein früher Werktagnachmittag, die ganze Stadt war noch fleißig, nur ich nicht. Ich stehe aber auch früher auf als der Rest, macht nichts. Das war insgesamt eine sehr stimmige Angelegenheit, es war sozusagen der Wellness-Moment der Woche. Wobei der Herr Daudet in Wahrheit niemals in dieser Mühle gewohnt hat und die Texte alle in Paris entstanden sind, im ach so furchtbaren Paris, das im Buch stets als Inbegriff der Unruhe erwähnt wird.

Dann habe ich schließlich doch noch einen Nachbarn getroffen, der mir über die Hecke eine traurigschöne Geschichte erzählte, die so dermaßen mustergültig kurzgeschichtentauglich war, ich brauche nur noch zwei, drei in dieser Art und ich schreibe die “Briefe aus meiner Laube.” Notiz gemacht!

Apropos Notiz. Es gab Nachfragen nach diesem dauernden Verfertigen der Notizen, nach System und Methode, ich habe also angefangen, mir dazu Gedanken zu machen, denn ich neige ja dazu, Leserinnenfragen ernsthaft zu beantworten. Allerdings sind Notizen ein verblüffend abgründiges Thema, man kommt schnell aufs Merken und aufs Denken und auch auf auf manches Warum, eine korrekte Beantwortung der Fragen scheint mir daher auf den ersten Blick nur in geradezu epischer Breite möglich. Jetzt muss ich mir erst einmal überlegen, ob ich das tatsächlich so möchte oder ob ich doch noch zu einer blogtypischen Kurzform finde.

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Das Wort “arg” ist aus der Mode gekommen, dennoch wird es noch hier und da in der Umgangssprache verwendet. Wenn ich es richtig rate, wird es im Süden des Landes wesentlich mehr verwendet als im Norden, aber da kann ich auch falsch liegen. Das ist aber auch egal, denn es geht mir nur darum, hier kurz festzuhalten, dass ein Sohn gerade die ihn überraschende Erkenntnis hatte, dass “arg” gar keine beschönigende Umschreibung für “arsch-” ist, sondern ein richtiges und eigenständiges Wort. Er hatte bisher immer angenommen, dass ein Satz wie etwa: “Das ist aber arg lustig” nur eine erwachsenentaugliche Version für “Das ist aber arschlustig” ist, also gewissermaßen ad usum Delphini. Wieder eine Illusion weniger, was soll man machen.

Lesen hier Juristinnen mit? Dann bitte vor diesem Hintergrund die Sache mit der arglistigen Täuschung noch einmal neu durchdenken. Passt schon.

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Musik! Zwölf Beatles-Minuten, die Sie vielleicht so noch nicht kennen. Ist das nicht großartig?

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Lastender Spätsommer

Lastender Spätsommer, wie eine viel zu dicke, allzu warme Bettdecke, und so kuschelig es darunter auch sein mag, der Gedanke, sie irgendwann von sich zu werfen, aus dem Bett und in den Tag, nein, in den Herbst zu springen, dieser Gedanke ist schon auch ganz schön.

Hier gab es etliche schlaflose Nächte, so schlaflos wie zuletzt in den wilden Kleinkindjahren der Söhne (siehe hier, lange her), da kamen gerade diverse ungünstige Umstände zusammen, denen nur gemein war, dass sie alle nichts mit mir zu tun hatten und ich mich also mit Fug und Recht als komplett unschuldiges Opfer der Situation betrachten kann, was auch einmal erleichternd ist, dann spart man sich diese ganzen Umstände mit dem schlechten Gewissen. Aber wenn man sich nachts die Hände in Unschuld wäscht, dann schläft man dabei auch wieder nicht, irgendwas ist immer. Aber egal, schlaflos ist also schlaflos, woraus auch immer das resultiert, das Ergebnis issteckt doch immer gleich, man leidet schon nach zwei, drei Nächten ohne ausreichenden Schlaf zusehends unter fortschreitender Hirnerweichung und durch die gottverdammte, pardon, durch die übermäßige Hitze wird es auch nicht gerade besser, denn im Freundeskreis Dachgeschosswohnung weiß man natürlich Bescheid, wenn im Wetterbericht wieder von “Tropennächten” die Rede ist. Die Söhne schlafen seit ein paar Tagen wieder mit Kühlakkus im Bett. Wenn sie denn schlafen.

Ich erinnere mich ganz dunkel an eine Geschichte von Ephraim Kishon, die habe ich gelesen, als ich etwa dreizehn Jahre alt war, nehme ich an. Da ging es um eine Hitzewelle in Israel und darum, wie der angeschmolzene Autor da allmählich das Denken einstellte und zusehends an Wahrnehmungsstörungen litt. Er ging durch die Straßen von Tel Aviv (das ist geraten, aber es wird schon passen) und führte Selbstgespräche, ich kann das natürlich auch völlig falsch erinnern, aber egal, und er kommt dann jedenfalls nicht mehr darauf, ob es korrekt Afrika oder Arfika heißt. Es klingt plötzlich beides völlig plausibel, er sagt sich mehrmals verblüfft beide Varianten auf und bleibt ratlos, sein Hirn kann das einfach nicht mehr leisten, es ist alles durchgeschmort.

Was ich nur sagen wollte, in dem Zustand bin ich mittlerweile auch und wenn ich mir das Wort Arfika noch länger ansehe, wird es sich mir gefährlich gut einprägen. Oder Arfica. Bekannt auch als Lied von Toto.

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Wir haben im Garten Kartoffeln geerntet, das ist auch noch eine Erwähnung wert, denn die habe ich so angebaut, wie es wohl in keinem Lehrbuch steht. Ich hatte zwei neue Komposter aus Holz, diese einfachen Stecksysteme, für die ich nicht genug Füllmaterial hatte, um sie als regulären Kompost oder sogar als ordnungsgemäß geschichtetes Hochbeet zu nutzen. Die habe ich einfach mit frischem Rasenschnitt gefüllt und diesen mit etwas Kompost vom Recyclinghof vermischt. Da hinein habe ich im Mai Kartoffel gepflanzt und mich dann nicht mehr darum gekümmert, keine Minute lang – und es waren die dicksten und schönsten Kartoffeln, viel besser als die im Beet, das mache ich jetzt immer so.

Warum aber neben den Kartoffeln in diesen Kästen auf einmal auch prächtigster Topinambur wächst – es ist vollkommen unerfindlich. Aber was soll’s, der schmeckt auch gut.

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Musik! Dave Brubeck, Paul Desmond, Gerry Mulligan. Zehn wunderbare Minuten.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Kurz und klein

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Alltagspointe

Im Dickicht des Literaturbegriffs – vermutlich nur für Leserinnen und Leser interessant, die in der letzten Woche hier und da etwas von der Miroloi-Debatte mitbekommen haben. Aber für die dann sehr.

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Eine Rezension zur Rühmkorf-Ausstellung in Altona.

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Was die Amazonas-Brände wirklich bedeuten

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Der Klimawandel und die Bürgermeister

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Kein Weg führt nach Utopia und Träume von den Fleischtöpfen in Ägypten – eine Rede von Àgnes Heller.

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Wir müssen aufhören zu glauben, dass besondere Erlebnisse etwas sind, das man konsumieren kann.”

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Wir haben uns an die Dauer­nachrichten vom Klimawandel gewöhnt. Sie sind für uns nicht mehr als Hintergrund­musik zu einem angenehmen Leben.

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Stellen Sie sich bitte einen misslungenen Familienmorgen vor. Sie werden da ja Ihre ganz eigenen Assoziationen haben, aus der damaligen Kindheit oder aus dem heutigen Leben mit Ihren Kindern, egal, so etwas ändert sich kaum, na gut, es läuft heute sicher gewaltfreier ab als noch vor ein paar Jahrzehnten, das dann doch. Also so ein Morgen, an dem überhaupt nichts klappt, das Brot ist verschimmelt und der Kaffee ist alle, die Milch reicht nur noch für einen und die Müslisorte ist falsch, die Behälter für die Pausenbrote waren nicht in der Spülmaschine und die Wasserflaschen sind unauffindbar, die neue Jacke hat ein unerklärliches Loch von erstaunlicher Größe und vor der Tür steht eine ungerade Anzahl Schuhe. Die Nachbarin hört wieder in Endlosschleife und voller Lautstärke “Heal the world”, die Söhne hören Partykracher im Bad, wobei sie erbittert um die Auswahl streiten, und der Computer möchte jetzt bitte sofort ein Update, das aber selbstverständlich hängenbleibt, blauer Bildschirm, aus die Maus. Sie kennen vermutlich all diese Versatzstücke, suchen Sie sich genug aus, so dass es in der Gesamtheit völlig absurd klingt, denn so ist es eben manchmal. So ein Morgen also, an dem keiner etwas will und alle nur müssen, an dem es in jedem Raum vor sich hin eskaliert und man sich zwischendurch fragt, in welchem Film man denn jetzt wieder gelandet ist und vor allem warum und wieso ausgerechnet nach dieser fast komplett schlaflosen Nacht, was ist das bitte für ein Timing und wenn ich den Drehbuchautor erwische, das wird aber unschön. Zu einem misslungenen Familienmorgen gehören unbedingt noch allerlei fehlende Zubehörteile in Sachen Schule, also verschollene Hefte, leere Federmappen und Ranzen. Sportbeutel mit bestenfalls halbem Inhalt stehen mahnend und kläglich in sich zusammengesunken im Flur, es folgt ein sinnloses Suchen und Wühlen, es gibt intensive Verhöre mit verstockten Verdächtigen und gemeinsames Raten, die Kamera schwenkt währenddessen immer wieder auf die Uhr, die unerbittlich kurz davor ist, den roten Bereich anzuzeigen, den roten Bereich, in dem dann endgültig alle zu spät zu Schulen und Jobs kommen, wobei es gerade heute dort doch Arbeit und Arbeiten von einiger Wichtigkeit gibt, versteht sich.

Es fehlt in der allerletzten Minute schließlich immer noch eine entscheidende Information über zu lernende Englischvokabeln, wir brauchen die aber aus hier gerade zu komplizierten Gründen jetzt, sofort, unverzüglich. Wir suchen also alles ab, was mit Englisch auch nur entfernt etwas zu tun haben kann, es wird natürlich auch per Whatsapp in der Klasse nachgefragt – und von dort kommt endlich in aller Trockenheit die Antwort. Das Kapitel, dessen Vokabeln umgehend zu erlernen sind, es trägt den wunderschönen Titel: “Everybody can enjoy a challenge.

Altkluger Alltag, das hat mir gerade noch gefehlt .

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Wir waren auf einer Hochzeit, was ein hervorragender Anlass war, mir nach längerer Zeit mal wieder einen Anzug zu kaufen. Den habe ich dann zuhause vor dem Spiegel angezogen und mich prüfend darin betrachtet. Nachdem man eine Weile keinen Anzug getragen hat, sieht man darin immerhin auf einmal aus wie ein komplett anderer Mensch. Immer spannend, so ein Relaunch. Ich überlegte dann noch eine Weile, ob der andere da nun besser oder schlechter als der sonst übliche Typ im Spiegel aussah, denn wenn man kraft ausreichender Lebenserfahrung erst einmal skeptisch genug geworden ist, dann glaubt man auch dem Spiegel nichts mehr auf den ersten Blick, nein, dem schon gar nicht. Die Söhne sahen mir erstaunt dabei zu und kommentierten schließlich:

“Papa, du bist schon verheiratet. Weißte, ne.”

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Musik! Wo wir schon bei Anzügen sind – Tom Jones in alltagstauglicher Herrenmode.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Meins, meins, meins

Falsche Nachrichten – falsche Erinnerungen.

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Serendipity und Horace Walpole

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In den letzten sieben Tagen ist mir gleich zweimal das Wort Pfadabhängigkeit begegnet, ein Begriff, zu dem ich aus dem Stand gar keinen Inhalt hätte referieren können, weil er mir bisher noch nicht untergekommen war. Was ich ziemlich seltsam finde, denn er passt hervorragend zu den Themen, die mich interessieren, sogar aktuell, er bezeichnet etwas, über das ich schon nachgedacht habe, er ist auch recht schön auf Familien anwendbar und so weiter, die Wahrscheinlichkeit, dass ich diesen Begriff selbst längst souverän verwende, sie war im Grunde ziemlich hoch. Aber – nie gehört.

Jetzt gerade habe ich ihn immerhin aktiv wiederholt, das ist schon einmal gut, so unter bildungsbeflissenen Strebern, jetzt muss ich da nur noch ein wenig drüber nachdenken, vielleicht auch nachlesen und ihn natürlich auf das eigene Erleben anwenden, eigene Gedanken dazu haben oder ihn irgendwie originell platzieren und zack, fertig damit, dann ist das meins, wie die Möwen in “Findet Nemo” schreien.

Bei Hartmut Rosa, das ist der mit der Resonanztheorie,  kommt die Formulierung vor, dass wir dazu neigen, die Welt nur noch als Ansammlung von Aggressionspunkten zu sehen, womit er meint, dass wir alles haben wollen, verwenden und verwerten wollen, umsetzen wollen, ändern wollen, abbilden, konsumieren und abhaken wollen, das trifft bei mir auch auf die Sprache zu, wenn ich’s recht bedenke. Geben Sie mir Ihr Wort, ich will das haben und gebrauchen.

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Apropos Wort, jetzt noch der umgekehrte Fall. Im Familienkreis benutzen wir in humorigen Momenten ein Wort für das Nichtstun, welches ich vermutlich erfunden habe, woran ich mich aber nicht erinnern kann. Es hat null Treffer bei Google, es kommt nicht einmal in meinem Blog vor, obwohl ich gewettet hätte, es bereits verwendet zu haben. Es handelt sich um eine norddeutsch klingende und fortgeschritten alberne Umschreibung des, pardon, Eierschaukelns, beschreibt also jenen Zustand, in dem mit Eiern ausgestattete Menschen nichts zu tun haben, was in dieser Familie anatomisch bemerkenswert irreführend als “Klötenklackern” benannt wird. Und bei uns ist es so gängig, ich halte es manchmal für eine vollkommen übliche Bezeichnung.

Nun, in Kürze gibt es dazu immerhin einen Google-Treffer, man muss ja irgendwo anfangen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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