Ein reitender Philosoph, der auch bloggt

Die Fortsetzung zu diesem Artikel.

Wir gingen an der nur mäßig hohen Steilküste entlang, die hier etwas weniger beeindruckend als bei Brodten ausfällt, die etwas arrangierter aussieht, nett angerichtet. Wir gingen durch die Hitze, die wir, das wurde uns ziemlich schnell klar, wieder deutlich unterschätzt hatten, ganz so, als seien wir nicht im Geringsten lernfähig. Trotz großzügiger Mengen von Sonnencreme fühlte es sich bedrohlich so an, als würden sich die Strahlen durch die Haut am Hals bohren, ich hängte Pullover über den Sohn, der wenigstens ging dann beschatteter weiter. Alle paar Minuten drehten wir uns um um zu prüfen, ob der bauliche Schrecken von Sierksdorf immer noch zu sehen war. Das war stets der Fall und nach einer Weile kamen wir zu dem Schluss, dass man dieses riesige Ungeheuer von Bauwerk vermutlich in ganz Norddeutschland sehen kann, wo auch immer man steht und sich umdreht, es war uns bis dahin nur noch nie aufgefallen.

Auch dieses Stück Weg war ich mit T. schon im letzten Jahr gegangen, aber bezogen auf meine Kindheit und Jugend war es da endlich Neuland für mich, hinter Sierksdorf bin ich früher nie gewesen, das war zu weit. Von da bis Dänemark kenne ich nur einige wenige Küstenmeter von späteren Besuchen als Erwachsener, da war ich in Neustadt, Eckernförde und einmal sogar in Kiel, und auch diese Besuche waren nur kurz, im Grunde ist mir da alles unbekannt. Der Anblick dieses Küstenstreifens zwischen Sierksdorf und Neustadt war – jedenfalls mit Blick nach vorne! – dauerhaft recht bilderbuchmäßig. Abgeerntete Felder unter blauem Landschaftsbildhimmel mit wenigen Dekowölkchen ganz weit hinten, ein graublaues Meer, das in seiner Farbgebung trotz des prächtigen Sommertages Wert darauf legte, ganz gewiss nicht die Südsee zu sein. Heller Strand unten am Rand des Steilufers, fast nirgendwo Menschen. Zwei, drei Badende nur, zwei, drei Fahrradfahrer mit Hunden dabei, die machten da Strecke, und ob das nun schlau war, Hunde bei der Hitze so laufen zu lassen, wir wussten es nicht recht.

Als ich mit T. im letzten Jahr dort entlang ging, da war es auch so menschenleer. Nur einer kam uns entgegen, der uns schon aus erheblicher Entfernung gestikulierend etwas zurief, es war unmöglich, irgendetwas zu verstehen. Erst als er mit sportlichem Schritt an uns vorbei wanderte, konnten wir das richtig deuten, was er hastig winkend rief: “Halleluja! Ich segne euch, meine Brüder!” Und damit war er auch schon wieder weg. Wenn er im Auftrag Gottes unterwegs, dann war dieser verdammt eilig. Wenn er andererseits einfach nur irre war, dann schon etwas fortgeschritten, denn er ging ganz so, als müsse er noch an diesem Tag alle ihm entgegenkommenden Wanderer segnen, bis runter nach Lübeck oder weiter, und da lag noch viel vor ihm.

Der Weg an der Steilküste entlang war hübsch aber ereignislos, der Sohn und ich redeten also viel. Es ging zunächst um eine Frage, die mehrere Kinder an der Grundschule gerade umtreibt. Ich habe nicht ergründen können, wo sie eigentlich herkommt, die Frage nämlich, ob etwas ganz sein kann, hundert Prozent, vollendet. Das Thema begann mit dem Meter und dem Kilo, denn die beiden gibt es, so der Sohn, in der Wirklichkeit eben nicht exakt. man müsse ja nur genau genug messen, das sei ganz leicht zu beweisen, dass nichts genau hundert oder tausend irgendwas sei, in welcher Maßeinheit auch immer, und das gelte dann eben für alles. Es ist nichts ganz schwarz, es ist nichts ganz umsonst, es ist nichts nur Energie oder nur schön und immer so weiter. Wie übrigens auch das Zählen bis Zehn eigentlich nur eine Krücke sei, ein Zählen über Lücken hinweg, denn man lässt dabei ja alles aus, was dazwischen ist, und das ist doch sehr viel und es wird immer mehr, je mehr man nachdenkt, man kann also durch reines Denken Zwischenräume vergrößern. Es ist im Grunde ziemlich abgefahren, weil auf diese Art nichts Bestand hat. Von da aus kamen wir auf das Ganze und auf das Nichts an sich, das waren ziemlich schwere und große Themen für einen heißen Tag, es waren eigentlich eher Themen für den Schatten. Es gipfelte dann darin, da konnten wir dann aber auch schon nicht mehr, dass das Nichts stets zum Etwas wird, wenn es einen Betrachter gibt, der es als solches erkennt und feststellt. Womit wir vermutlich bewiesen haben, dass es das Nichts aus menschlicher Sicht gar nicht geben kann, aber ganz sicher waren wir uns nicht und der Rest der Gedanken schmolz so dahin. Es war wirklich ganz außerordentlich heiß und es gab keinen Schatten, weit und breit nicht.

Der Sohn fragte, wie das heißt, wenn man etwas bis zum Ende durchdenkt. Ich sagte, dass es dabei um die Philosophie ginge und dass es auch Bücher gäbe, die das für Kinder verständlich darstellten, die könnte ich ja aus der Bücherei … das fand er aber abwegig, denn wenn das für Kinder sei, dann sei das ja schon bearbeitet und also fremddurchdacht, und es ginge doch gerade um das Selberdenken. Ein Philosoph, sagte er, das wolle er dann auch werden, und er dachte noch etwas weiter nach. Ein reitender Philosoph, der auch bloggt, fasste er dann schließlich seinen aktuellen Berufswunsch zusammen. Ich habe selten einen plausibleren Wunsch gehört, es war die denkbar passendste Zukunftsvision für ihn. Davon sollte dich nichts abhalten, das ist total super, sagte ich und meinte es völlig ernst, denn in dieser Welt ist alles möglich und warum sollte sich ein Berufswunsch denn auf einen festgelegten Katalog von Ausbildungsgängen und Studienfächern beziehen. Ich wollte als Kind Rentner werden, fiel mir ein, und ich habe vielleicht sogar ganz gute Chancen, das noch zu schaffen, man braucht eben ein Ziel im Leben. Wobei ich mich tatsächlich nicht erinnern kann, ob ich als Kind überhaupt wusste, was ein Rentner ist, aber die Erwachsenen fanden meinen Wunsch jedenfalls lustig und Pointen haben für mich immer schon gezählt. Der Sohn ist womöglich etwas tiefsinniger und ernster als ich.

Ich blieb stehen und schrieb mir das auf, was der Sohn da gerade gesagt hatte, ich schreibe mir immer alles auf. Das macht er mittlerweile übrigens auch und vielleicht sogar noch akribischer als ich. Etliche Wochen und Monate später saß er bei seiner wöchentlichen Reitstunde auf dem Pferd und holte, als die Gruppe gerade im gemütlichen Schritt ging, sein Notizbuch heraus, um schnell und heimlich etwas aufzuschreiben. Das war einer dieser seltenen Momente, in denen ich an einen übergeordneten und geradezu romanhaften Sinn des Ganzen glauben wollte, zumindest kurz einmal. Denn das ist ein enorm schöner und tröstender Gedanke, diesen Sinn kurz für möglich zu halten, und ich gönne mir ja sonst nichts.

Am Steilufer kam dann bald die Stelle in Sicht, in der ein kleines Stück Wald bis an den Ostseestrand reicht, wo tatsächlich Bäume in die Wellen fallen, was ein Bild von großer Schönheit ist. Allerdings war es wie bei einem Suchbild, zwei Sachen waren dort grundfalsch.

Fortsetzung folgt.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, heute natürlich wieder für Sohn II, ganz herzlichen Dank!

Hörbücher und Herbstmorgennebel

Beim Einkaufen und Herumlaufen gehört: Simenons “Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien”, gelesen von Walter Kreye. Das Buch hat sich vermutlich von selbst übersetzt, es wird jedenfalls keine entsprechende Angabe gemacht. Das ist natürlich schlecht, aber Walter Kreye ist wiederum gut, der hat nämlich eine Stimme, die für mich genau zu Maigret-Geschichten passt, sie ist geradezu ideal. Der Roman spielt teils in Bremen, wo sich Maigret nicht wohlfühlt, es ist ihm alles zu fremd und er spricht nur sehr wenig Deutsch. Ich habe nicht gewusst, dass Norddeutschland überhaupt je bei Simenon vorkam. Es zeichnet sich für ihn dadurch aus, dass die Armut nirgendwo schwärzer als dort aussieht. Nanu.

Außerdem als Hörbuch angefangen: “Blackbird” von Matthias Brandt, das ist gut oder sehr gut geschrieben, es ist allerdings thematisch keine leichte Kost und ich weiß noch nicht recht, ob mir das im Moment liegt.

Nebenbei hatte ich aber immerhin die Erkenntnis, dass ich in Hörbüchern überraschend weit komme, wenn ich die bei Besorgungen und auf Wegen etc. laufen lasse, das ist doch ziemlich viel Zeit am Tag.

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Donnerstag: Ein von der Elbe herübergelungerter Herbstmorgennebel zeichnet in Hammerbrook die Verwaltungsgebäude gnädig weich, verwischt sie und löscht alle oberen Stockwerke der Nachkriegsbüroungetüme aus, es verschwimmen auch die Konturen der besten Sachbearbeitungspaläste aus den 70ern, 80ern, 90ern und von heute. Aus der aufgeständerten S-Bahn durch die Straßen blickend denkt man an Hamilton, zärtliche Gebäude.

Rund um die letzten Neubauten stehen Architektenbäumchen mit goldenem Herbstlaub, womöglich ist es sogar echt. In einem der Hausboote auf dem Fleet neben der Station ist schon Licht, der Schein über dem noch dämmerungsdunklen Wasser sieht aus, als könnte es da an Bord geradezu gemütlich sein.

Für einen Morgen in Hammerbrook ist der Anblick wirklich ganz okay – und mehr Komplimente sind in der Gegend auch beim besten Willen nicht möglich.

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Ich habe auf Twitter gesehen, dass in meiner Timeline hier und da dreier guter Momente pro Tag gedacht wird, das ist so eine Gratitude-Geschichte, das wird allenthalben empfohlen und nein, ich möchte das nicht abwerten oder Witze darüber machen. Ich hätte an diesem Tag jedenfalls ein wunderbares Geräusch erwähnt, und zwar den Sound des Motors, der im Büro meinen Schreibtisch rauf- und runterfährt. Ich habe da so ein Möbel, an dem man ganz nach Bedarf auch im Stehen arbeiten kann. Das ist nämlich ein enorm befriedigendes Geräusch, es gefällt mir ausgesprochen gut, es hat genau die richtige Lautstärke und Intensität. Wenn ich das anwerfe, während ich telefoniere, kommt immer die entgeisterte Frage, was denn bei  mir da los sei? So laut? Es hat ganz entschieden etwas, so als Schreibtischtäter zwischendurch einfach mal einen Motor zu starten, eine Maschine zu bedienen, und dann passiert sogar etwas.

Ich könnte diesen Schreibtisch sehr oft rauf- und runterfahren, fast pausenlos, wenn ich ehrlich bin. Aber Großraumbüro, und dann gucken wieder alle. Schlimm.

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Später am Tag steht ein kleines Mädchen im Park und sagt ganz begeistert: “Guck mal Mama, die Eicheln!”Und sie kickt lustig umher, was da auf dem Boden liegt. “Ich glaube ja, das könnten auch Haselnüsse sein”, sagt die neunmalkluge und pädagogisch beseelte Mutter ernst und blickt sinnend auf die Dinger vor ihrer Schuhspitze. Ich sitze daneben und lächel milde und sage nichts. Ich denke nur in Wahrscheinlichkeiten und daran, dass dieser kleine Mutter-Tochter-Dialog da gerade unter einer ziemlich großen Eiche stattfindet. Aber was weiß ich schon.

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Musik! Bill Callahan.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Goldene Momente

Hier, ein Video von Kiki: Escaping the social media trap. (And it’s all true.)

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In den Kommentaren zu meinem letzten Text wurde auf Facebook ASMR erwähnt, das wird sicher nicht jedem etwas sagen. Clemens Setz hat einmal etwas darüber geschrieben, und wenn Sie jetzt auf Youtube zum ersten Mal danach gucken sollten, Sie finden da hochgradig erstaunliches Zeug. Wenn Sie etwas weiter suchen, wird es noch entschieden seltsamer, versprochen. Natürlich wirken diese Videos in der von Clemens Setz beschriebenen Weise nur bei einigen wenigen Menschen. Bei mir z.B. wirken sie nicht oder jedenfalls nicht in der intendierten Weise. Bei mir wirken sie wie diese Fokus-Playlists auf Spotify, die ich brüllend ausstellen möchte, und das ist ja wirklich nicht erstrebt. Ich habe dennoch vor einer Weile ein paar dieser ASMR-Videos gesehen, aber es war doch eher die Faszination des Schreckens. Wenn es nicht wirkt, wirkt es eher seltsam.

Ich kann aber etwas in der Richtung beisteuern, da ist sogar auch eine körperliche Reaktion dabei. Es ist kein Kribbeln oder etwas in der Art, aber es ist doch immerhin ein Schönheitsempfinden, das irgendwie auch den Bauch erreicht und das vor allem sehr entspannend wirkt, weil kurz – viel zu kurz! – alles richtig ist. Dazu brauche ich Kopfhörer, Musik, die mir sehr gut gefällt und ich brauche, das ist dann der Teil, bei dem es verdammt schwierig wird, eine Stadtszene, in der die Bewegungen mehrerer oder im Idealfall sogar aller Passanten und/oder aller sich bewegenden anderen Elemente im Bildausschnitt genau zum Rhythmus des Songs passen. Das klappt gar nicht so oft, aber manchmal eben doch. Vielleicht sogar über mehrere Takte! Das ist dann schon fast perfekt, ein goldener Moment.

Ich nehme an, das ist ein Folgeschaden meines exzessiven MTV-Konsums als junger Erwachsener. So etwas bleibt doch sicher nicht ohne Folgen, wenn man diese Clips jahrelang wie ein Junkie verbraucht, statt sich sinnvoll zu beschäftigen. Im Grunde gehe ich nach all den Stunden vor dem Bildschirm mit dauerlaufenden Musikvideos vermutlich unbewusst davon aus, dass Szene und Ton gefälligst harmonisch zu passen haben, dann ist es nämlich richtig, dann gehört alles so und ist sinn- und planvoll. Wobei man sich natürlich an den heute völlig unfassbar  erscheinenden Umstand erinnern muss, dass wir damals nicht vorspulen konnten. Wir haben also stundenlang alles gesehen, auch den übelsten Müll, auch Last Christmas, immer wieder und immer in der Hoffnung, irgendwann doch noch das sehen zu können, was wir gerade gut fanden. Und es hat sich auf diese Art alles recht tief eingeprägt, möchte ich meinen.

Wenn ich heute morgens im Hamburger Hauptbahnhof stehe und am Gleis gegenüber der Regionalexpress aus Lübeck einläuft, wenn aus dem die vor Müdigkeit wankenden Pendler aussteigen und die ersten drei Figuren das zufällig im richtigen Takt meiner Musik tun, dann, so deute ich das jedenfalls, bin ich ganz kurz in einem Video und mein innerer Jugendlicher bebt mal eben ergriffen. Und das soll er auch ruhig tun, er hat ja sonst nichts mehr zu melden.

Ein Glas auf Ray Cokes! Ist zwar nur Wasser, aber egal. Die Geste zählt.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Die geschenkte Zeit

Die Herzdame und ich haben heute den 15. Hochzeitstag. Läuft. Oder, wie die Herzdame es ganz untypisch ausdrückte: “Immer noch die große Liebe.” 

Die Söhne schenkten uns Zeit, wir konnten zu zweit in ein Restaurant gehen. Das haben Sie neulich schon einmal gemacht, da kamen wir beide abgehetzt von der Arbeit und fragten, was denn jetzt wieder zu tun sei und wer mit wem wohin und so, da saßen sie da gechillt auf dem Sofa und sagten ganz ernsthaft : “Nichts. Geht Kaffee trinken oder so. Wir brauchen Euch hier nicht, es ist alles gut.”

Wir saßen dann kurz darauf irritiert, erfreut und amüsiert im Café vor ausgezeichneter Mandelkaramelltorte. Auch an diese Phase müssen wir uns erst gewöhnen. 

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Ich habe gerade eine etwas überladene Woche im Büro, zur Erleichterung habe ich versucht, mir während der Arbeitszeit irgendwelche Spotify-Playlists mit “Focus” im Titel anzuhören, also so deepes Konzentrationszeug, das war ganz schrecklich. Als ob eine Frau mit viel zu sanfter Stimme, eine Ersthelferin in der Psychiatrie oder etwas in der Art, einem tief in die Augen sieht und betont freundlich und sehr deutlich sagt: “Jetzt beruhigen Sie sich doch erst einmal.” Es macht mich, wie soll ich sagen, spontan eskalationsbereit. 

Das funktioniert also nicht, da höre ich doch lieber weiter monumentales Georgel von Bach. Ich finde, Bach klingt nach Konzentration.

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Keine bezahlte Werbung und kein Partnerlink, nur ein freundlicher Hinweis: Ich benutze als Notizbuch gerade etwas mit dem seltsamen Namen Filzduett in freundlichem Grau, und das ist sehr gut. Falls Sie auch Notizbuchjunkie sind, das dann mal probieren, es liegt hervorragend in der Hand. Und hier übrigens noch Kritzeleien von Kafka, apropos Notizbuch. 

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Ein Nachtrag zum Wochenende. Auf dem Weg vom Garten nach Hause (wir haben Hochbeete versetzt, eine sehr befriedigend Arbeit) fährt Sohn II auf Inline-Skates, und zwar macht er das auf eine Art, die bei mir für Rückenschmerzen sorgt. Bei Ihnen vielleicht auch gleich, wer weiß, ich beschreibe Ihnen das mal. 

Und zwar müssen Sie sich vorstellen, Sie haben ja Fantasie, dass Sie da so ganz zwanglos auf Inline-Skates einen Fußweg entlang fahren, der ist breit und eben und menschenleer, darauf kann man wirklich prima fahren, top Bedingungen, gutes Wetter auch. Jetzt stellen Sie sich bitte weiter vor, wie Sie sich beim Rollen langsam und mit ausgestreckten Beinen nach vorne beugen. So lange beugen Sie sich, bis ihre Handflächen den Boden berühren können, die Handflächen, wohlgemerkt, nicht etwa nur die Fingerspitzen. Weil sie das also können und wo Sie mit den Händen schon einmal da unten sind, machen Sie mit den Händen einfach mal schwungvoll krabbelnde Bewegungen, wobei Sie feststellen werden, dass Sie, wenn Sie die Beine nur breit genug auseinander spagatiert bekommen und geschmeidig genug in der Wirbelsäule sind, auf diese Art erstens recht lustig und zweitens auch noch ziemlich flott vorankommen, also wenn Sie denn auch ausreichend Kraft in den Armen haben.

Sohn II zumindest kommt auf diese Art vorwärts wie ein seltsames Rieseninsekt auf Speed, er kann sich auch zwischendurch einfach so wieder aufrichten, lachend und winkend, während mir allein vom Zusehen so ziemlich alles wehtut, was mit Muskeln und Gelenken zu tun hat, was ja eine ganze Menge ist. 

“Guck mal Papa, guck mal!”

“Ich sehe es”, sage ich stöhnend und halte mich weiter aufrecht, sehr aufrecht. 

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Musik! Suburban kids with biblical names, wenn das kein schöner Bandname ist.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

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Der Morgen – gerne wieder

In Hamburg ist übrigens Klimawoche, da kann man auch mal hingehen.

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Für diese Gesellschaft ist das jeweils erreichte historische Maximum jederzeit das unabdingbare Minimum, ohne das wir hier, ja was, zusammenbrechen?” Viele Stellen drin, bei denen man noch etwas weiterdenken kann.

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Fotos aus Japan (Via Kathrin Klette auf Twitter)

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Ich höre weiter Alexander von Humboldt, die Ansichten der Natur als Hörbuch, mittlerweile hört da ein Sohn sehr angetan mit. Das ist abends schön beruhigend, sich von Südamerika damals erzählen zu lassen, das macht angenehm müde und klingt dabei noch so lehrreich. Und während das Kind fasziniert zuhört, wie die Indianer Curare zubereiten, denke ich über praktische Anwendungsbeispiele im Alltag nach. Ich mache ja keine Ballerspiele, ich muss das mit den Aggressionen zumindest im Kopf und in der Träumerei irgendwie anders lösen

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Im Garten haben wir noch zwei Hokkaidos und zwei Zucchinis geerntet, erstere werden in Kürze versuppt. Es warten noch zwei Kürbisse im Garten, dann war es das aber auch schon, gesamt waren es jetzt sechs. Das reicht mir noch nicht, das reicht noch lange nicht, damit kommt man ja mit vier Personen nicht allzu weit. Das Kürbisprogramm muss dringend weiter ausgebaut werden, ich mache da im Winter einen Plan und hänge mir dann nächstes Jahr LPG-mäßige Motivationsposter in die Laube. Man muss das doch wohl zweistellig schaffen? Schafft zehn, zwanzig Hokkaidos!

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An der U-Bahn-Haltestelle kurz vor dem Garten hängen große Werbeposter, die werben für den Religionsunterricht (“Dein Religionsunterricht”) und für den Tag der Deutschen Einheit. Beides ist mir einigermaßen rätselhaft. Man hat hier in der Schule keine Wahl, man muss zum Religionsunterricht, der übrigens von Lehrerinnen gegeben wird, die in der Kirche sein müssen, was ich auch einigermaßen fragwürdig finde, aber das nur am Rande. Was gibt es da denn bloß zu bewerben? Glaubt irgendwer im Ernst, dass auch nur eine Schülerin beim Anblick eines Plakats plötzlich den tieferen Sinn dieses Unterrichts so dermaßen durchdringt, dass sie die nächste Stunde dann gar nicht mehr abwarten kann? Gibt es auch Poster für Deutsch und Mathe, was bitte soll das? “Dein Kunstunterricht – Come in and create.” Hm. 

Das Poster für den Tag der Deutschen Einheit fragt, ob ich mich auch schon freue. Ich stehe davor und sage: “Nein”, denn ich rede öfter mal mit Dingen und bin dabei recht direkt, ich denke immer, Dinge können das ab. Deutsche Einheit gut und schön, ich würde ohne die viele großartige Menschen nicht kennen, aber der Tag ist mir doch vollkommen egal. Ein Staatsfeiertag eben, da werden die tätig, die damit offiziell beauftragt sind, der Rest hat frei und mit Glück einen Brückentag, das führt dann in der Tat zur lebhaften Freude. Ändert da Werbung etwas? Freust du dich schon, was für eine höchst seltsame Frage. Das dann bald auch zum Reformationstag, seid ihr schon aufgeregt? Und dann kreischen alle. 

Mir kommen beide Werbeaktionen so dermaßen sinnlos vor, man könnte meinetwegen auch Wochentage oder Tageszeiten auf diese Art bewerben. Etwa den Morgen, denn das ist doch eine wirklich tolle Tageszeit, echtjetztmal, so ein Morgen ist super, gerne wieder, der Morgen hat jederzeit eine ganz große Kampagne verdient. 

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Musik! Niels Frevert. Und der Herr Bunger, der auch, und der via Isa auf FB. 

 

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. Aber ist es nicht verblüffend? Er ist immer noch da. Ab und zu fällt es mir auch auf. 

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

 

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