Die Verkehrsmeldungen

Bei HONY wieder eine ganze Romanhandlung in einem kurzen Beitrag.

***

Warum es Wasser zum Kaffee gibt. (Via Petra auf Twitter)

***

Währenddessen geschieht hier auf den Straßen Seltsames, ganz so, als würden diverse Meldungen aus den Medien in der Stadtmitte zuspitzend und geradezu volkstheaterhaft inszeniert. Zum einen sehen wir mehr und mehr ganz neue SUV-Modelle, noch einmal größer und barocker als die Vorgänger, schier riesige Kutschen, unfassbar eigentlich, monströs, gigantisch. Wie drehbuchoptimiert gibt es auch immer mehr kleine Szenen, in denen diese Autos in den kleineren Nebenstraßen nicht mehr aneinander vorbei passen oder Kurven nicht mehr richtig zu nehmen in der Lage sind oder an Garageneinfahrten scheitern, die noch in den Zeiten des Fiat Panda gebaut worden sind. In Artikeln wird wieder und wieder auf das Sicherheitsgefühl verwiesen, das diese Ungetüme ihren Insassen ermöglichen, ich frage mich, warum dann der Fahrersitz immer noch ganz außen an der Seite ist, in der Mitte müsste man darin doch sitzen, in der Mitte, da ist es ganz klar am geschütztesten. Und dann natürlich auch etwas erhöht, damit die Rundumsicht noch besser wird, dann erst wäre alles richtig und hier, noch ein Vorschlag – apropos Barock. Wenn so ein SUV schon eine dermaßen verschwenderische Nutzung der Gegenwart ausstrahlt, wären nicht dezente Memento-Mori-Applikationen eine schicke Ergänzung? Könnte man nicht Gebeine und Schädel, meinetwegen auch stilisiert, rundum am Fahrzeug anbringen, verchromt und alles, aber doch so, dass die Vergänglichkeit ständig mitfährt? So Vanitas-Gelöt? Ich würde das gut finden. Oder warten Sie, eine günstigere Variante, die auch der Tatsache gerecht wird, dass man mit einem Auto immer ein potentielles Mordgerät fährt, standardmäßig sollte ein Betrachtungssärglein mitgeliefert werden, das dann am Rückspiegel baumelt wie früher der Wunderbaum, wäre das nicht etwas? Ja, Betrachtungssärglein, so heißt das.

Zum anderen brausen gefühlt jeden Tag noch mehr getunte Superbrummer um die Blöcke, Sportwagen der allerhöchsten Leistungs- und Tuningklasse, die ihren Sprit laut schlürfend in Tempo-30-Zonen vergurgeln. Die sorgen hauptsächlich für Geräusch, und dieser Sound wabert dann so durch die Straßen und die Bebilderung erfolgt durch die SUVs, in der Kombination ergibt das so eine Endzeit-Ausstrahlung, kurz bevor die Autos verschwinden, kurz vor dem Untergang, muss alles, alles noch einmal gezeigt und vorgeführt werden. Vielleicht ist es das.

In einer Nebenstraße fährt eine Radfahrerin, die Straße ist eine Einbahnstraße, Radfahrerinnen dürfen da aber auch in beiden Richtungen fahren, das ist hier in fast allen Einbahnstraßen so, wenn nicht sogar in allen. Da aber für die Autos die Einbahn angezeigt wird, sehen die keinen Grund, den entgegenkommenden Menschen auf Rädern auszuweichen, nein, keine Handbreit dem Radgelumpe! Sie lassen es also darauf ankommen, sie sind im Recht und wer im Recht ist, der darf andere auch umbringen, das kennt man schon aus Western, das ist richtig so. Ein Auto kommt der Radfahrerin entgegen und weicht also nicht aus, nimmt keine Rücksicht, wie es jetzt Standard ist. Es fährt ihr im Gegenteil sogar in den Weg, weil es in eine Garage gesteuert werden soll, der Fahrer denkt dabei gar nicht daran, die Radfahrerin durchzulassen, die gehört da nicht hin, die soll weg. Die Radfahrerin wird sauer und hat doch irgendwie auch Rechte, meint sie jedenfalls, sie weicht also auch nicht aus und es kommt fast zum Crash, der Autofahrer bepöbelt die Radfahrerin aus dem Fenster als Fotze und die schlägt in höchster Wut im Vorbeifahren aufs Auto, aus dem der Fahrer springt wie ein röhrender Schachtelteufel und die Enteilende am Gepäckträger festhält. Ich stehe am Straßenrand und frage höflich, ob ich vielleicht die Polizei? Der Autofahrer sieht mich an und nickt begeistert, ja, die Polizei, toll! Guter Mann! Ich kläre ihn auf, dass ich die eher für die Dame, nicht aber für einen Verkehrschaoten wie ihn zu holen gedenke, da ist er baff, was mangelt es mir auch an männlicher Solidarität? Hält der Kerl da im Ernst zu der Schreckschraube? Betroffen guckt er mich jetzt an, ja, das beschreibt es am besten, betroffen ob der Ungerechtigkeit der Welt und auch ob meiner Schlechtigkeit. Denn er fuhr doch in der richtigen Richtung, er konnte da also machen, was immer er wollte und die Dame und ich belehren ihn erst einmal, belehren ihn wie die bürgernahen Beamten die Grundschüler auf dem Schulhof. Wisst ihr, was dieses Schild bedeutet, liebe Kinder? Na? Ja, fein!

Am Ende trennt sich alles knurrend und ohne weitere Eskalation, aber wie knapp das immer ist! Wie kurz vor Ohrfeigen und Tritten und purer Barbarei. Es nervt erheblich.

***

Musik! Bedouine.

***

Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

***

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

Kurz und klein

***

Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

***

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

Grünmantel von Maurenbrecher

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von maximilian buddenbohm (@buddenbohm) am


Den folgenden Text wollte ich im Mai schreiben, wenn ich das noch richtig erinnere. Ich kam dann gründlich davon ab und erst jetzt wieder dazu, im Zuge meiner andauernden Aufräumarbeiten, die sich übrigens mittlerweile doch langsam dem Finale nähern. Ich kann dann, darauf freue ich mich jetzt schon, wenn ich endlich alle Rückstände in nahezu sämtlichen Lebensbereichen abgearbeitet habe, final feststellen, dass das unterm Strich auch nichts besser machen wird. Also das nehme ich jedenfalls an, bescheiden wie ich bin, aber ich bin auch wirklich gerne bereit, mich vom Gegenteil überraschen zu lassen. 

Ich muss zwei Anmerkungen vorweg schicken, zum Mann und auch zum Land. Denn erstens kenne ich Manfred Maurenbrecher erfreulicherweise persönlich und bin auf eine schon geradezu unhanseatische Art Fan von ihm und seinen Liedern, was also heißt, wenn Sie ihn live irgendwo mitbekommen können, dann gehen Sie da ruhig hin, das lohnt sich. Der Song hier unter diesem Absatz kam schon zweimal im Blog vor. Das macht aber nichts, ich kann den öfter hören, da ist immerhin etwas von dem drin, wie ich selbst schreiben, bloggen und die Welt sehen möchte. So in etwa möchte ich das wahrnehmen, was vor dem Fenster ist, das Lied bedeutet mir also etwas. Zweitens kenne ich das Land Brandenburg, in dem der Roman Grünmantel spielt, nicht einmal ansatzweise und habe überhaupt Ahnung von der Gegend. Was aber nicht an einer Abneigung gegen östliche Landesteile liegt, wie man heute vielleicht schon eilfertig betonen muss, ich kenne auch Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg nicht, vom Saarland ganz zu schweigen und überhaupt, ich bin kein Kenner dieser Republik, wirklich nicht. Ich fühle mich im Grunde schon in Hamburg-Rahlstedt eher fremd, meine Unkenntnis Brandenburgs beweist also gar nichts. leiten Sie daraus bitte nichts ab. 

Pardon, erst der Song, dann geht es gleich weiter.

Manfred Maurenbrecher beschreibt in dem schmalen Band das Leben in einem brandenburgischen Dorf, ganz hinten kurz vor Polen liegt es. Wobei er so dicht webt, dass man das Personenregister ganz hinten im Buch gut gebrauchen kann. Ich möchte Autor und Verlag dafür ausdrücklich lobpreisen, denn ich bin ein flüchtiger und unregelmäßiger Leser und weiß das sehr, wirklich sehr zu schätzen, wenn man Orientierungshilfen gibt und wäre äußerst angetan, wenn möglichst alle Romane mit vernünftigen Registern erscheinen würden. Ich habe Kinder und Berufe, ich lese also nicht am Stück und habe nach zwei Tagen mit großer Sicherheit vergessen, wer denn nun wieder die Nebenfigur Klaus aus dem vorigen Kapitel war. Aber mit Register – großartig. 

Der Autor webt also dicht und auf zweihundert Seiten erstaunlich handlungsreich, dabei beschreibt er Figuren, die so unwahrscheinlich sind, dass sie fast schon echt sein müssen. Denn fiktive und auch echte Personen können sich selbst in ihrer Unwahrscheinlichkeit sozusagen umrunden und stehen dann auf einmal glaubwürdig wie nur je ein Max Mustermann vor uns. Was natürlich daran liegt, dass die Wirklichkeit de facto skurriler ist als die von uns permanent hochgerechnete Normalität, was übrigens eine Tatsache ist, die sich jedem erzählenden Menschen sofort erschließt, nehme ich jedenfalls an. Und es gibt Autorinnen und Autoren, die diese Abwegigkeit des Alltags so exakt und nuanciert treffen, dass man sie glaubt und mit den entstandenen Bildern gerne weitermacht – so wie in diesem Buch also stelle ich mir jetzt brandenburgische Dörfer vor, zumindest bis ich selbst einmal dahin fahre.

Leicht abzubilden ist die Skurrilität des Echten dabei ganz und gar nicht, es ist eher schwierig, das so anzupeilen, dass man das Buch nach der Lektüre zuklappt und sich denkt, ja, so in etwa wird es sein. Wenn es zu brüllend komisch ist, dann klappt das nicht, wenn es zu sehr Karikatur ist, dann klappt es nicht, wenn es zu bitter satirisch oder zu niedlich und grinsepitttoresk ist, dann klappt es auch nicht. Es braucht dafür vermutlich einen Erzähler, einen Beobachter, der das mag, was er sieht, und der seinen Figuren, allen seinen Figuren, genug Würde lässt. Ohne Würde werden alle nur zu Abziehbildern, und von denen liest man nicht gerne.

Na, das ist nur meine Sichtweise. Sie können das natürlich ganz anders bewerten. Aber dazu müssten Sie das Buch lesen, was ich sehr empfehlen möchte. Ausgesprochen gerne zweimal gelesen.

***

Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

***

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

 

Drei Stunden nach Mitternacht

Die Natur ist nicht mehr die zeitlose Bühne, auf der die Zivilisation ihren Fortschritt inszeniert, im Gegenteil: Sie konfrontiert die grenzenlose Welt nun mit deren Endlichkeit.

***

Nicole Seifert über das Werk der Sagan, die ich auch sehr schätze.

***

Es macht mich traurig, wie dumm wir sind. Kollektiv verhalten wir uns wie ein Schwarm dämlicher Goldfische.” 

***

Dicke Bretter bohren

***

Das Tagebuch von Renia Spiegel

***

Da spricht ja mein Vater!

***

Bitte nur noch 5 Minuten

***

Was vom Tage übrig bleibt

***

Den Fahrer geht das Außen nichts an, er ist nicht mehr von dieser Welt.

***

Neulich haben wir Termine nachgerechnet und wieder überlegt, was wann sein kann, und die Herzdame sagte, als sei das ganz selbstverständlich: “Das ist dann also um 27 Uhr.” Was, wenn man etwas länger drüber nachdenkt, gar kein lustiger Versprecher ist, sondern eher ein Symptom.

***

Apropos Symptom, mir ist ein Symptom des Älterwerdens aufgefallen. Es hat nichts mit körperlichem Verfall oder irgendwelchen seniorigen Gebrechen zu tun, es geht da eher um Erfahrung und Zeit. Es erfordert recht bedacht auch gar kein bestimmtes Alter, es könnte tatsächlich auch bei Menschen auftreten, die viel jünger viel sind als ich, es war mir bisher einfach nur noch nicht aufgefallen. Um es zu schildern, muss ich etwas tun, was ich bei anderen hasse, nämlich einen Traum erwähnen. Ich weiß nicht recht warum, aber ich kann Schilderungen von Träumen nicht ausstehen, vielleicht ist es noch ein Folgeschaden der damaligen Dallas-Serie, die Älteren verstehen schon. Allerdings geht es auch gar nicht um ein Geschehen, das en detail zu berichten wäre, es geht nur um ein Gefühl. Um das Gefühl nämlich, das man hat, wenn man einen Menschen, den man seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, im Traum überraschend wiedersieht und alles ganz außerordentlich gut und erfreulich ist. Also richtig, richtig nett, gesteigert natürlich noch durch den nostalgischen Touch der Begegnung, denn man war sich doch einmal schon nahe, über eine lange Zeit auch, man weiß also im Prinzip sehr gut wie Vertrautheit geht und kann in diesen altbekannten Zustand nach einem kleinen Moment sogar zurückfinden, und dann gehen die Erinnerungen und die Gegenwart ineinander über, das ist ein Gefühlsakkord der besonderen Art. Und weil es schon einmal so vertraut war, so jahrelang geübt und alltagserprobt, ist die Begegnung selbst bei einer eher zahmen, aber doch nicht ganz zu leugnenden erotischen Komponente auch nicht wild und ungestüm, sondern fast schon beruhigend und tröstlich. Es passiert auch eigentlich gar nichts weiter, es erinnert alles nur irgendwie an eine Zeit, die zumindest in einer Hinsicht, nämlich bezogen auf genau diesen Menschen und die Situationen mit ihm, dann doch besser war als heute und im Aufwachen noch kommt kurz der Gedanke, warum das eigentlich nicht so geblieben ist, wo ist man da eigentlich abgebogen und hätte man nicht? 

Das ist dann aber ein Gedanke, der schnell vom plötzlich wieder einsatzbereiten Geist revidiert und korrigiert wird, denn es hätte so ja gar nicht bleiben können, bei aller Verbundenheit nicht, ist dieser andere Mensch da doch schon seit vielen Jahren tot.

Auch das gehört zum Älterwerden also dazu, dass man so aufwacht. 

***

Musik! Glenn Close mit “Send in the clowns”, also mit einem der schönsten und bittersten Lieder überhaupt. Ein anbetungswürdiger Auftritt, echtjetztmal. 

 

***

Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

***

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

Die Sache mit dem Brett

Allmählich drängt es, endlich vom Urlaub zu erzählen, bevor der Anblick da draußen ganz ins Herbstliche kippt und mit meinen Sommermomenten niemand mehr etwas anfangen kann. Also mitten rein und einfach mal die Sache mit dem Brett erklärt, es ist eine Geschichte speziell für den Freundeskreis Zufall. 

Exkurs: Mein Verhältnis zum Zufall ist ein seltsames. Ich habe schon mehrfach erzählt, dass die Arbeit damals im Antiquariat für so dermaßen viele hochgradig sinnvolle Zufälle gesorgt hat, es hätte vom Grad der geschickten Verwicklung her gleich für mehrere Fantasy-Romane gereicht, und ich bin mir recht sicher, dass andere Menschen in der Branche dies sofort unterschreiben würden. Gleichwohl ist das Leben gemeinhin kein Fantasy-Roman und alle Schul- und Allgemeinbildung verweist selbstverständlich in ebenso großer wie zweifelsfrei überzeugender Klarheit auf die Tatsache, dass es sinnvolle Zufälle nicht geben kann – oder doch nur im Rahmen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und so groß ist dieser Rahmen nun nicht. 

Dazwischen hängt man dann mit der Summe seiner Jahre und merkt, wie sich in einem Erfahrung und Verstand kopfschüttelnd gegenüber stehen, sie stehen da so herum and agree to disagree. Und da wir manchmal eben doch nur für die Schule und nicht fürs Leben lernen, verbleibe ich für den Moment mit nur einer mir möglichen Erkenntnis zum Thema Zufall – es gibt solche und solche. Oder sagen wir, um es doch lieber etwas zurechnungsfähiger aussehen zu lassen: Es gibt solche, die für Geschichten taugen, und es gibt die anderen, die niemanden interessieren. Exkursende.

Wir haben zu Beginn der Sommerferien den Söhnen einen Wunsch erfüllt und einen Dreierkajak gekauft, zwar nur einen aufblasbaren, den aber doch in guter Qualität. Das ist natürlich auch schon wieder erklärungsbedürftig, merke ich gerade, wieso denn nun ein Dreier für vier Buddenbohms? Es hat sich bei den vorhergehenden Testfahrten ergeben, dass vier Buddenbohms in einem Boot keine gute Idee sind, denn vier Dickköpfe, die steuern und herumkommandieren wollen, das ergibt keine sinnvolle Mannschaft, kein Kapitänspatent und leider auch keine zurückgelegte Strecke. Das gilt bei uns sowieso, wir sind in jeder Kombination zu zweit und zu dritt wirklich gut einsetzbar, wer auch immer mit wem, zu viert aber eher nicht. Es hat uns auch nur ein paar Jahre gekostet, das erstens einzusehen und zweitens auch einigermaßen alltagstauglich umzusetzen, allmählich läuft es immerhin. Daher also die vielleicht seltsam anmutende Idee, ein Dreier würde für uns schon reichen. Einen Dreier kann man auch gut zu zweit fahren, dann hat man mehr Platz für Gepäck und Zuladung, ein Dreier ist natürlich auch billiger als ein Vierer, es gab nichts als Vorteile.

Ich habe diesen Kajak gekauft und nach Hause geschleppt, er ist zusammengefaltet als klobiges Paket so schwer, dass man nach dem Transport wochenlang keine Lust mehr auf Wassersport oder irgendeine andere Bewegungsart hat, aber egal. Wir haben ihn in den Garten verfrachtet und uns darauf gefreut, mit den Kindern spaßige Touren die Bille entlang zu machen. Ja, mach nur einen Plan!

Währenddessen hatten andere Kinder in der Gartenkolonie Stand-Up-Paddle-Boards geschenkt bekommen. Die Söhne waren mit denen auf der Bille und hatten Spaß, nein, sie hatten enorm viel Spaß. So viel Spaß hatten sie mit den Brettern, dass es für sie schon nach wenigen Stunden gar nicht mehr vorstellbar war, auch in einem Kajak Spaß haben zu können. Wie konnten sie denn überhaupt nur jemals so etwas haben wollen? Einen konservativen, total spießigen und oberlangweiligen Kajak, auch noch mit stets rechthabenden Eltern darin, also wirklich, alleine der Gedanke! Was hatte sie bei diesem Wunsch bloß geritten? So ist das, wenn Wünsche durch neue und natürlich viel bessere Wünsche überlagert werden und Vorsicht, wer da jetzt voreilig die Stirn runzelt, denn entweder erinnert man sich an so etwas auch aus der eigenen Kindheit oder man war womöglich nie Kind. Was interessieren mich meine Wünsche von gestern, es soll auch Erwachsene geben, denen das nicht ganz fremd ist, habe ich gehört.

Aber hier galt es natürlich, dem Drängen des Nachwuchses freundlich und bestimmt Einhalt zu gebieten. Das Leben ist kein Wunschkonzert und was es da noch so an großmütterlich anmutenden Sätzen gibt. Diese Sätze hat auf irgendeine Weise jeder in seiner Kindheit erlebt und erlitten. Auch Verzicht und Geduld müssen eben gelernt werden, Erziehung ist mitunter ein äußerst mühsames Geschäft. Die Herzdame und ich verkündeten also ohne lange Bedenkzeit den elterlichen Richterspruch, pädagogisch wertvoll wie ein Schulbuch und in felsenfester Überzeugung ausgedrückt, ganz wie es sein soll ohne jede Verhandlungsbereitschaft: “Nein, wir kaufen kein SUP-Board, ganz sicher nicht, es sei denn, das Geld fällt vom Himmel.”  Denn so ein Board kostete im Sommer immerhin so ziemlich überall dreihundert Euro. Da hört der Spaß finanziell auf, so etwas kauft man nicht einfach so und nebenbei und die Spardosen der Söhne gaben das auch nicht her. “Ich bin ja nicht Krösus”, da ist man schon wieder bei solchen Sätzen, manchmal entkommt man denen über Tage nicht mehr. Die Botschaft fanden die Söhne ganz und gar nicht gut, das kann man sich leicht vorstellen. Ich sah daher allmählich schwarz für unsere lustige Kajakfahrten. Wie vertrackt kann so etwas sein? Immerhin, so dachte ich, wenn die Söhne erst ausgezogen sind, dann können die Herzdame und ich zu zweit und ganz in Ruhe … Na, man hat so Illusionen.

Am nächsten Tag kam ein Brief mit einem unerwarteten Honorar, es waren genau dreihundert Euro. Ich bin froh, dass der Rest der Familie das so bezeugen kann, es waren alle dabei. Man könnte natürlich fragen, wie es so etwas wie ein unerwartetes Honorar überhaupt geben kann, aber das ist eine andere Geschichte. Da kamen also tatsächlich, darauf kommt es nur an, dreihundert überraschende Euros, die wir selbstredend, man soll sich an seine eigenen Verkündungen unbedingt halten, umgehend in ein SUP-Board umgewandelt haben, auf dem die Söhne dann tagelang Spaß hatten. Wobei ihr Spaß übrigens gar nicht darin besteht, auf dem Brett elegant Strecken zurück zu legen. Der Spaß besteht eher darin, mit dem Ding absichtlich zu kentern, wieder aufs Brett zu gleiten und dann wieder runter und noch einmal rauf und dann zu zweit noch einmal, zu dritt, zu viert, wie viele Kinder auch immer gerade da sind. Es macht schon Spaß, ihnen dabei nur zuzusehen.

Später habe ich es dann auch probiert, runter vom Brett und wieder rauf, es sah bei den Kindern so gut aus und einladend aus, das war aber im Ergebnis etwas überraschend. Denn das geht gar nicht leicht, das sieht nur bei kleinen Menschen leicht aus. Wenn man aber ausgewachsen ist und so im Wasser herumschwimmt und dann versucht, auf ein treibendes Brett zu kommen – erinnern Sie sich noch an Antje, das Fernsehwalross? So in etwa. 

Wie ich immer sage, kein Tag ohne Demütigung. 

***

Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

***

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank