Staubmaus und Strohhalm

Die Tür zur Ferienwohnung fliegt krachend auf, polternde Schritte, ein Kindersturm bricht herein, wütet wirbelnd wie eine Windhose durch die Küche und braust gleich wieder hinaus. Die Tür schmettert ins Schloss und geht dann wieder auf, sie steht danach so passiv-aggressiv halb offen und mahnt, also in dieser Art möchte sie nun wirklich nicht behandelt werden, alles hat Grenzen. Es zieht jetzt in der Wohnung und im Luftstrom zwischen Tür und Fenster wehen eine Staubmaus und ein Strohhalm auf dem Boden am Sofa vorbei, auf dem ich immer noch sitze. Sie umkreisen einander und rotieren dann in aparter Choreografie unter den Sessel, wo ich sie immerhin nicht mehr sehe. Die Tür bewegt sich im Zug ein wenig hin und her, als würde sie mir dezent winken, hey, mach mich zu.

Und das ist auch faszinierend, denke ich, wie sich überall, wo man als Familie auftaucht, sofort Unordnung ausbreitet. Wie alles schief wird und aus der Reihe tritt, wie alles, was eben noch gerade war und symmetrisch, auf einmal korrekturbedürftig und verschoben aussieht. Wie alles dreckig wird, was sauber war, wie Gegenstände anlasslos ihre lang angestammten Plätze verlassen und niemand sagen kann, warum dies jetzt dort steht und wie es da hinkam. Wie hier und da kleine Schäden entstehen und Pfützen, wie es hier auf einmal klebt und dort beim Gehen knirscht, wie man etwas ansieht und sich länger fragt, was bitte ist das denn. Wie Lebensmittel und Kleidungsstücke frei durch die Zimmer vagabundieren, wie nichts bleibt, wie nichts bleibt, wie es war. Wie also alles bald, wehrt man sich nicht verbissen und permanent, so einen gewissen Familienschmuddel ausstrahlt.

Bevor ich eine Familie hatte, konnte ich noch nicht kochen. Ich hatte damals eine Küche in der Wohnung, in der ich nichts jemals gemacht habe, außer Kaffee. Diese Küche war sehr sauber, es war ja alles wie neu, nein, es war neu und blieb es. Ich fand das schön, das weiß ich noch. Manchmal fällt sie mir wieder ein, diese Küche, etwa wenn ich in der jetzigen Wohnung Krümel aus Ecken fege, in denen nach menschlichem Ermessen gar keine Krümel liegen können.

Und ab und zu träume ich davon, mich in einer Wohnung aufzuhalten, alleine oder nur zu zweit, mich da einfach nur aufzuhalten und zuzusehen, wie sich ihr Zustand über Stunden hinweg einfach erhält, wenn ich mich so gut wie gar nicht bewege und falls doch, dann nur wie ein Ninja, ein Haushaltsninja, geübt in der Kunst des spurlosen Kaffeekochens. Ich stelle mir vor, wie ich da irgendwo lange sitze, wie ich dann probeweise aufstehe und ins Bad oder ins Schlafzimmer und zurückgehe, wie ich mich umsehe und keine Spur dieser Bewegung festzustellen ist, gar keine. Ich würde das schön finden, glaube ich.

Aber vermutlich wird es so sein, dass ich das nur ein, zwei Tage lang genießen könnte und dann schon die Söhne schwer vermissen würde. Und dann finde ich kurz darauf beim heroischen und vermeintlich endgültigen Aufräumen irgendwo hinterm Bett an der Wand noch ein Bonbonpapier aus der Grundschulzeit, und zack, werde ich wehmütig und mit „Weißt du noch“ nicht unter drei Stunden bestraft, ja, so läuft das doch, ich kann mir auch das vorstellen.

Na, wir werden sehen. Es hat noch etwas Zeit. In dieser Woche wird Sohn I 13 Jahre alt, Sohn II wird zwei Tage später 11. Falls hier weniger Texte erscheinen, Sie wissen Bescheid.

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Links am Morgen

Eine sehr einladende Rezension zu einem Pilzbuch.

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Ein neues Video  zur Lage an Hamburger Schulen. Was die beiden hier zeigen, das ist übrigens das, was bei vielen Eltern gerade passiert: Man liest und lacht. Also solange man noch lachen kann jedenfalls.


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Ente und Teddy

Am nächsten Morgen regnet es nicht auf Eiderstedt, aber es stürmt darüber hinweg. Nach dem Frühstück verschwinden die Kinder wieder in die Scheune oder sonst wohin, die Wohnung wird ruhig. Die Herzdame und ich gehen zu den jeweils bevorzugten Möbelstücken und lesen. Es ist nach wie vor kein Ausflugswetter, es ist eher ein Wetter mit einer deutlichen Sofaanweisung, ich gebe mich folgsam. Ich lese lange, ich lege das Buch weg, ich höre.

Es ist nur das Sausen des Windes zu hören, wie er unterm Dach pfeift und Tonfolgen übt, wie er nebenbei das Bauwerk prüft, wo man da wohl unterfassen kann, wie er da zieht und dort hebt, wie er drückt und stemmt, es ächzt im Gebälk. Der Wind reißt draußen auf den Weiden an den Bäumen und Büschen, er spielt nebenbei wilden Seegang in den Pfützen auf dem Hof aus und auch in den Gräben an den Feldern, er bringt die Tauben ins Trudeln und beschleunigt die Möwen auf fantastische Geschwindigkeiten, weiße Geschosse quer durchs Blickfeld, die jagen nach Husum oder weiter. Dann wieder nichts, es ist gar nichts mehr zu hören, eine Minute lang, zwei. Dann klappert etwas im Garten, ein Holz schlägt irgendwo im Wind, eine Tür, ein Fenster. Es ist nicht zu deuten, es ist auch egal, aber es ist schön, das ist es auf jeden Fall. Es ist schön, solange man nicht dafür zuständig ist, lass es klappern. Ein Gatter schwingt draußen hin und her, ein Schaf sieht einen Moment zu und grast dann weiter, das ist auch nicht zuständig.

Ein Kind weint und es ist nicht meines. Die Menschen sitzen in den Wohnungen und lesen und warten ab und ich bleibe ja dabei, ich kann mir Herbst und Winter auf Eiderstedt für mich gut vorstellen, für mich reicht das Programm da. Na, irgendwann einmal.

Jemand läuft schnell über den Hof, Kinderlachen. Ich sitze, ich liege, ich lese, ich lasse den Moment groß werden wie eine Seifenblase und der Tag rundet sich gemächlich, wie lange habe ich das nicht mehr gemacht. Die Zeit sich wölben lassen, schweben und abheben.

Ich blättere um und das Geräusch des Umblätterns ist so alleine, es füllt den Raum.

Draußen vor der Wohnung ist ein kleines abgegittertes Rasenstück, darin lebt eine Laufente, die wurde mit einem verkrüppelten Bein geboren. Laufenten haben es nicht so mit dem Fliegen, diese hier aber auch nicht mit dem Laufen, sie kommt also kaum vorwärts. Aber, wie der Chef sagt, die wollte nach dem Schlüpfen eben keiner, und er macht so eine halsumdrehende Geste, deswegen lebt die also noch und wird von den Kindern umsorgt. Sie hat einen sehr abgeliebten Teddy in ihrem Gitterchen liegen, den bekuschelt sie den ganzen Tag. Der Teddy ist wirklich wichtig für die Ente, den lässt sie nicht aus den Augen. Die einen Kinder deuten das so, dass die Ente den Teddy beschützt und bemuttert, die anderen deuten es eher so, dass der Teddy die Ente beschützt und ihr Halt gibt. Man weiß es nicht. Man weiß überhaupt sehr wenig, immer wieder muss man das feststellen.

Man weiß nur: Die Ente und der Teddy, die sitzen da draußen im Sturm und warten ab, ich sitze drinnen mit einem Buch und warte ab.

Es gab schon schlechtere Tage.

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Der Hund und ich

Vor der Scheune des Ferienhofs liegt ein totes Küken, das wird am Morgen aus einem Nest gefallen sein. Es wird von der Kinderschar auf dem Hof feierlich beerdigt, nachdem besonders die kleineren Kinder ausführlich besprochen haben, wieso dieses Leben da jetzt auf diese Art enden musste, was ist das für eine Welt, das Küken war doch so süß und so jung und warum. Später am Tag finden sie noch eine tote Drossel oder etwas in der Art, mein Expertentum reicht da nicht weit, es ist jedenfalls ein ausgewachsener Vogel. Ob das nun die Mutter des Kükens war, ob da sogar ein Zusammenhang … die Kinder spinnen eifrig und fantasiebegabt Theorien und dekorieren dann um den toten Vogel herum einige Zweige, Steinchen und Blüten, es wird ein hübsches Mahnmal aus Naturmaterialien, gewerbliche Grabpflege nichts dagegen.

Und im Stall, so wird mir kurz darauf aufgeregt berichtet, da ist auch noch etwas, da liegt eine tote Maus. Der Hattrick, sage ich, da gucken die Kinder aber. Egal, ich gehe mit in den Stall, denn wenn so bewegende Dinge geschehen, dann müssen die besser auch von den Erwachsenen ausreichend gewürdigt werden, die Dinge sind dann geregelter. Der Hofhund kommt mit, ganz routiniert geht er neben uns her, denn wenn mehrere Menschen so zielstrebig irgendwo hingehen, dann geht er eben mit, Beruf ist Beruf.

Ein Kind zeigt mir die tote Maus, ganz hinten in der Scheune liegt sie. Sie ist sehr platt und außerordentlich tot, auch auf den ersten Blick schon. Die Kinder stehen um die Mäuseleiche herum und sehen mich an, was macht der Erwachsene jetzt, was sagt er und ist die Maus wirklich tot? Noch bevor ich aber etwas machen oder sagen kann, macht der Hund schon etwas. Er schnüffelt kurz an der Maus und nimmt sie dann mit schöner Selbstverständlichkeit ins Maul. Er kaut zwei-, dreimal, man hört sehr kleine Knöchelchen knacken, dann ist die Maus weg. Der Hund schluckt und sieht uns an. In den Augen der Kinder helles Entsetzen, diesen Hund haben sie doch dauernd gestreichelt! Jetzt macht der so etwas, was ist das für eine Welt, also wirklich.

Der Hund schnüffelt kurz etwas herum, ob vielleicht noch weitere Mäuse für ihn bereitliegen. Dann sieht er uns wieder an, wie wir herumstehen und immer noch da hinsehen, wo eben dieser Snack gelegen hat, wo jetzt aber nichts mehr ist, überhaupt nichts, lehmiger Stallboden. Menschen sind seltsam, aber das weiß er vermutlich schon länger.

Er dreht sich um und trottet wieder zu seiner seine Hütte, denn ein Nickerchen wäre jetzt recht. Ich warte kurz, bis die Kinder wieder eine andere Beschäftigung finden, das dauert nicht allzu lange. Dann drehe mich auch um und trotte wieder zu meinem Sofa.

Der Hund und ich, wir machen so etwas schon länger, wir haben da eine gewisse Routine.

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Schwalben und Admiral

Der Regen hörte zögerlich auf, die ersten Schwalben starteten wieder. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, heißt es, und ich weiß jetzt auch, warum man da nicht mehr Schwalben nennt. Man kann sie nämlich nicht zählen, ich habe das lange versucht. Ohnehin kann der Mensch, wenn ich es richtig erinnere, beim bloßen Hinsehen nur bis fünf zählen, danach muss er sich Notizen machen, die Finger dazunehmen oder sonst welche Tricks anwenden; wir können jedenfalls nicht irgendwo hinsehen und spontan sagen: „Ach guck, elf Schwalben.“ Wir müssen sie erst zählen, Stück für Stück. Nun fliegen die aber wild durcheinander, einigermaßen hektisch sogar, und es ist also fast unmöglich, Schwalben zu zählen, wenn man nicht mit dem Handy zwischendurch Beweisbilder macht und dann abzählt, aber das kann ja jeder, das ist unsportlich und langweilig. Ich kann, wenn ich das alles berücksichtige, nur folgendermaßen steigern: Fünf Schwalben machen definitiv auch noch keinen Sommer, jedenfalls nicht auf Eiderstedt. Es blieb zu kalt für die Jahreszeit und am Horizont türmten sich bereits die nächsten Wolkengebirge auf.

Ich habe mein Wissen über Schwalben während des Aufenthalts etwas erweitert, weil ich viel Zeit mit dem Blick aus dem Fenster verbracht habe. Nicht aus naturkundlichem Interesse, versteht sich, nur aus erschöpfungsbedingtem Desinteresse an allem anderem. Deswegen fiel mir erstmalig auf, wie irritierend kurz Schwalbenflüge sind. Sie brauchen vom Rand des Nestes, in dem die hungrigen Küken sitzen und sperren, nur wenige Flugmeter, bis sie schon wieder etwas gefangen haben, dann geht es sofort zurück, die Mücke oder was auch immer wird in einen Schlund geworfen und augenblicklich geht es weiter, es ist im Grunde ein unfassbar rasender Berufsalltag, von wegen besinnliche Momente da draußen. Unzählbar auch, wie viele Flüge eine erwachsene Schwalbe auf diese Art im Laufe eines Tages absolviert, eine irrwitzig hohe Zahl muss das sein und fortwährend reden sie dabei. Ihr Reden wird oft als Schwatzen bezeichnet, vielleicht ist da mehr dran, als man denkt. Denn wenn man sich ansieht, wie sie da verbissen und fortwährend in Höchstgeschwindigkeit durcheinander fliegen, kann man sich kaum vorstellen, dass dabei ein sinnvoller Austausch stattfindet, es wird vielmehr so sein, dass sie unentwegt mit sich selbst reden und ich hatte nach einer Weile den starken Verdacht, dass wir, könnten wir Schwalben verstehen, ihr Geschwätz fürchterlich nervtötend finden würden, denn es wiederholt sich ja auch noch alles.

Stellen Sie sich vor Sie haben eine Kollegin oder einen Kollegen, die oder der immer wieder Sätze wiederholt, grauenvoll berechenbar. Jeden Morgen, wenn der Computer angeschaltet wird, kommt beispielsweise der Satz: „Jetzt aber ran an den Feind“, und dann erst wird gearbeitet, das habe ich einmal so erlebt. Jeden verdammten Tag wurde dieser Satz memoriert, vollkommen unausweichlich, immer wieder und wieder, über Monate. Diesen Satz hassen Sie dann irgendwann, das weiß ich aus Erfahrung, und so wäre es vermutlich auch bei den Schwalben, die sich vom Nestrand stürzen und dabei jedes Mal sagen: „Heyho, let’s go, dann wollen wir mal wieder, so ein Insekt, das schmeckt und zurück geht es!“ Dann der Flug zum Nest und eine Sekunde später: „Heyho, let’s go ….“ Den ganzen Tag, immer wieder heyho, let’s go. Den ganzen Sommer.

Abends, das wusste ich auch noch nicht, gibt es ein Debriefing bei den Schwalben, da sitzen sie auf dem Dach des Bauernhofes im Kreis, also ganz im Ernst im Kreis, und sprechen noch einmal alles durch, wer heute wie performed hat, wer wie viele Mücken gefangen hat und sicher auch, wie das Wetter wird und wann noch einmal der Abreisetermin ist und ob denn alle die Route kennen – und auch das bereden sie jeden Tag in diesem immer gleichen Meeting an dieser einen Stelle auf dem Dach. Kein Mensch würde das aushalten. Haha, Spaß gemacht, und wie wir das aushalten. Heyho, let’s go!

Zwischendurch saßen die Herzdame und ich während einer der etwas sonnigeren Stunden einmal in einem Strandkorb. Vor uns lag auf einem Tisch eine Kuchentüte vom Bäcker, darauf landete ein Schmetterling. Der größte Admiral, der mir je begegnet ist, landete da, ein Phänomen, ein wahrer Riese. Und wir starrten ihn voller Bewunderung an, diesen Prachtfalter, als von links in Jetgeschwindigkeit eine Schwalbe heranrauschte, dicht über den Tisch hinwegstürmte und dabei den Schmetterling dergestalt mitnahm, dass wir, auch das eine seltsame Premiere in meinem Leben, ein gar nicht so leises, schmatzendes HAPS hörten.

Dieser Admiral, so kann mich mir denken, wurde dann beim abendlichen Review auf dem Dach ob seiner stattlichen Größe vielleicht sogar besonders gewürdigt. Und so wurde seiner mit diesem Blogeintrag jetzt also schon zum zweiten Mal gedacht – das ist doch gar nicht so schlecht für ein Insekt, das schmeckt.

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