Resturlaub, Regen

Ich habe einen Tag Resturlaub, der musste noch irgendwohin. Ich gehe durch die Stadt, es regnet. Ein feiner, quertreibender Regen, es ist egal, ob man einen Regenschirm aufspannt oder nicht, man wird nach einer Weile überall gleichmäßig nass. Aber es ist nicht kalt, es macht nichts. Woran erinnert mich das gerade? An eine Liedzeile, „es tut gleichmäßig weh“. Grönemeyer war das, ausgerechnet Grönemeyer, das werde ich jetzt wieder tagelang nicht los. Wie soll ein Mensch das ertragen? Aber das war der Poisel.

Ich habe kein Ziel, ich gehe nur so herum, ich nenne es Freizeitvergnügen. Vor dem Bahnhof streiten sich schon wieder zwei Paketfahrer um eine Parklücke und bieten sich die Verletzung diverser Körperteile an. Menschen hasten vorbei, weil sie das bisschen Regen doch unangenehm finden, weil sie zur Arbeit müssen oder weil sie von den Streitenden wegwollen, die jetzt kurz davor sind, ihre Versprechungen wahr zu machen.

Vor einer Bäckerei steht ein Schild: „Wir haben neue belegte Brötchen“. Alte wären auch blöd, denke ich. Vielleicht haben sie aber auch gar nicht nur heute neu belegte Brötchen, vielleicht sind die jetzt anders belegt als vorher. Vielleicht geht es da um Erfindungen im Bereich des Belags, das kann auch sein. Die Salami liegt jetzt andersherum oder sie haben ganz neue Zutaten entdeckt, die gab es vorher noch nie. Sie haben sich Gedanken gemacht und die Sache vorangetrieben, das kann man in jedem Beruf. Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer auf Verbesserung. Das waren nicht Grönemeyer oder Poisel, das war Schiller. Auch gute Songs, so ist es ja nicht, mir fallen heute dauernd Textzeilen ein.

Der vorgezogene Novemberregen kommt auf einmal in einer schwungvollen Böe, er fegt die Menschen in den Abgang zur U-Bahn. Von unten höre ich Musik aus den Lautsprechern: Vivaldis Frühling wird da abgespielt. Vielleicht hat da jemand seltsamen Humor, vielleicht ist es nur eine endlos lange Playlist, die weichgespülte Klassik für das ganze Jahr, Musik für Fahrstühle und U-Bahnsteige. Gesamtspielzeit zehntausend Stunden, und dann dudelt das so durch. Aber es gab einmal einen Ostermorgen, es ist schon Jahre her, da spielten sie da „Stille Nacht“, deswegen bleibt mir doch ein Restverdacht bezüglich des Humors.

Am Straßenrand sitzt ein bettelnder Mann, auf einem Schild steht: „Ich sammele für meinen Jungen.“ Dazu ein Kinderbild. Der Mann weint. Ich werfe etwas in seinen Becher, da schreckt er auf, vermutlich hat lange kein Geld mehr vor ihm geklingelt. Er will mir spontan die Hand geben, aber dann fällt ihm ein, das macht man ja nicht mehr, Pandemie. Auf halbem Wege zieht er die Hand zurück und wir führen ein paar etwas alberne Bewegungen auf, schließlich verbeugt er sich im Sitzen und ich mich im Stehen, dann gehe ich weiter. Es sind immer mehr Situationen, die etwas komplizierter als vor dem März werden.

Auf dem Fußweg liegt ein nasser Adventskalender, ein bestickter Wandbehang mit 24 Täschchen. Vielleicht ist er aus einem Fenster geflogen, vielleicht gab es einen frühen Familienkrach um die Weihnachtsplanung, wisst ihr was, dann macht euren Scheiß doch alleine in diesem Jahr, Fenster auf und weg damit. Die große 24 liegt nach oben ausgebeult da, das ist sicher Zufall. Demnächst dann die Versöhnung, aber der bestickte Kalender wird dann längst weg sein. Es wird in diesem Haushalt künftig nur noch billige Adventskalender vom Discounter geben, halb ironisch, und immer wird es bei der Übergabe heißen: „Weißt du noch.“ Und dann wird erzählt, wie der Kalender flog, und die Geschichte wird mit jedem Jahr besser.

Vor einem Café stehen zwei junge Frauen und rauchen, die arbeiten da, wie ich an der Bekleidung erkenne. „Ich habe mal in einem Büro gejobbt“, sagt die eine, „mit Excel und so. Das war ätzend.“ Ich nicke verständnisvoll im Vorbeigehen, das sieht aber niemand.

Überall hängen Zettel an den Schaufenstern und an den Eingangstüren zu den Geschäften. Hinweiszettel, Anweisungszettel, Ermahnungen, Bitten, Verbote, Piktogramme und Skizzen. Hygienekonzepte. Auf einem Blatt steht: „Bitte jetzt Rücksicht nehmen auf andere.“ Ich weiß nicht genau, seit wann die Menschheit Hinweisschilder irgendwo aufhängt, aber ich vermute doch, dieser Zettel wäre von allem Anfang an sinnvoll gewesen.

Vor einem der verbleibenden Kaufhäuser stehen Menschen in einer Traube und warten, es wurde noch nicht geöffnet. An der Seite des Kaufhauses, neben den Wartenden, das Lager eines oder einer Obdachlosen, sorgsam arrangierte Pappkartons, Styroporteile als Kopfkissen. Auf dem Karton, der alles oben abschließt, steht groß: „Maisons du monde“.

Ich gehe ein paar Minuten später in das nun geöffnete Kaufhaus und kaufe Tinte, denn ich schreibe ab und zu gerne mit einer Feder. Ich finde, das beruhigt. Die Tinte ist braun und ich merke zuhause erst, dass sie aromatisiert ist und nach Schokolade riecht, wer denkt sich denn bitte so etwas aus. Aber stellen Sie sich vor, alles, was Sie hier lesen, es riecht in der ersten Version nach Schokolade, wie schön ist das denn.

Es passiert nichts mehr. Ich gehe nur immer weiter stundenlang herum und finde das herrlich. Alle müssen irgendwohin, ich nicht. Dazu höre ich die Winterreise, mit Ian Bostridge als Stalker: „Schreib im Vorübergehen ans Tor dir gute Nacht.“ Schubert und Regen, das kann man sich auch einmal merken, das geht gut.

Aber der Resturlaub ist jetzt verbraucht.

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Mit Hackbällchen

Währenddessen fragt mich ein Sohn, ob die Hälfte von Unendlich nicht auch unendlich sein müsste, denn wenn man diese ominöse Zahl durch zwei dividiert, dann hört das ja nicht auf, die Rechnung geht immer weiter. Da sind wir also wieder im Bereich des sportlichen Nachdenkens und kommen schließlich darauf, dass die Hälfte der Hälfte dann doch auch … und dass man also Unendlichkeiten durch Teilung vervielfältigen kann, hätten Sie das gewusst? Wenn es etwas Unendliches gibt, ist am Ende alles unendlich. Wir überlegen noch eine Weile, ob und wo wir jetzt wieder gedanklich falsch abgebogen sind, aber da die eigene Dummheit bekanntlich auch unendlich sein kann, kommen wir nicht darauf und beschließen sicherheitshalber, lieber ganz ohne weiteren Tiefgang durch die Stadt zu gehen. Der Weg endet an einer Turnhalle, vor der Menschen stehen und „Nächste Woche ist hier aber nichts mehr“ sagen. „Wir sehen uns im Dezember wieder“, sagt einer dann noch und andere sagen, dass sie darauf aber lieber nicht wetten würden.

Das ist aus Sicht des Sohnes jedenfalls unendlich schade, dass mit dem ausfallenden Sport. Ich setze mich in die Umkleide und warte wieder sein Training ab. Um mich herum liegt hereingewehtes Herbstlaub. Vermutlich sehe ich in den leeren Raum etwas seltsam aus, wie ich da ganz alleine sitze, mein Notebook anstarre und auf Ideen warte, die heute nicht kommen, auf dieser altmodischen Bank aus der Schulsteinzeit, über mir all die leeren Garderobenhaken an den Wänden, um mich herum die Blätter, locker ausgestreute Deko. Wie auf einer Bühne sitze ich hier, denke ich, gleich tritt jemand auf und sagt irgendwas. Tatsächlich schließt dann jemand die Halle auf und guckt in die Umkleide, ein Hausmeister vermutlich. Er sagt aber nichts, er guckt mich nur einen Moment schweigend an, schüttelt den Kopf, winkt ab und geht weiter. Passt schon, denke ich, das passt ins Stück. Irgendwie.

Wir gehen nach dem Sport nach Hause, vor der Tür treffe ich eine Nachbarin. Die trägt eine Tüte mit einem Paket darin in der Hand. Da seien, so sagt sie, Nudeln drin. Sie sagt es so, als sei das eine ungemein wichtige Mitteilung. Und sie erklärt weiter, es ist fast ein verschwörerisches Raunen, sie kommt auch etwas näher dabei: „Mit Hackbällchen.“ Ich sage, dass das ja schön sei, denn ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll, was interessieren mich denn bitte ihre Hackbällchen, soll sie doch essen, was sie will, ich kenne die Frau überhaupt nicht weiter. Aber hey, man kann ja auch freundlich sein und ich wünsche also guten Appetit und sie freut sich und kichert. Vorfreude auf Hackbällchen, die wird vielleicht auch allgemein unterschätzt. Man kann das demnächst einmal nachspielen, es wird in diesem Land wohl viel Essen zum Mitnehmen geben im November.

Das immerhin war einfach an diesem Tag. Und einfach soll ja das Beste sein. Sagt man.

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Umbra, Umbra

In der Sonntagsstunde, in der es nicht regnet, fahren wir in den Garten. Die Herzdame harkt in sportlicher Ambition große Mengen Bilderbuchlaub vom Rasen, ich betätige mich als Prachtgreifer und sammle alles ein. Altmetallfarben, viel Kupfer dabei heute, Messing auch, Gold und Bronze und rostiges Eisen, ich nehme alles, wie es kommt. Am Beetrand die dunkle Erde. Umbra, denke ich,und das Wort habe ich lange nicht gedacht, vielleicht jahrelang nicht. Es macht aber Spaß, das zu denken, Umbra, Umbra, was für ein großartiges Wort, gleich möchte man ein weißes Blatt vor sich haben und eine geschwungene Linie in wunderbarem Umbra pinseln. Aber danach wüsste ich dann leider nicht weiter und würde beim Malen nur alberne Sätze wie Umbra, Umbra, tätera denken, ich kenne mich genug. Immer Abzüge in der seriösen Note. Ich schlage Umbra nach, weil ich alles nachschlage. Man nennt es auch Römischbraun, das klingt ebenfalls gut. Aber: “Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands nutzt den Farbton Umbra in ihrer Werbung seit der Bundestagswahl 2005.” Das wiederum klingt zu sehr nach Nachrichten, das will ich nicht wissen. Angewidert stecke ich das Handy wieder weg.

Egal, es liegt so viel Schönheit in tausend Varianten auf dem Rasen, ich kann mich gar nicht sattsehen. Ich umarme die Laubhaufen, wie ich sie greifen kann und viel von dem Laub fällt wieder zurück aufs müdgrüne Gras, das macht nichts.

Zwischendurch gibt es für die Herzdame und mich noch vier Himbeeren, die teilen wir uns sorgsam ein und essen sie feierlich. Es riecht nach Moder und November im Garten. Unter der kleinen Trauerweide steht ein eleganter Pilz, der hat sich eine Elsterfeder schick an die Hutkrempe gesteckt, Herbstmode ist überall.

Wir packen die Bettwäsche aus der Laube ein und nehmen sie mit, da schläft jetzt keiner mehr. Im März wieder, im April vielleicht, wie lange ist das hin. Bis dahin nur ab und zu mal reinsetzen in die Hütte und mit einem Kaffee auf den schlafenden Garten sehen, das ist auch gut. Bach dabei, dann ist es noch besser. Herz und Mund und Tat und Leben oder andere Stücke, die einen so tiefgreifend durchorgeln. Und Buxtehude! Den auch mal komplett hören. Vielversprechende Titel dabei, etwa “Gott hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele.” Das in einem kahlen Garten, neben einem Komposthaufen, das muss doch schön sein? Es muss. 

Ich stehe im Garten und lausche, aber es ist wenig zu vernehmen. Die Vögel sind still und kein Nachbar feiert mehr irgendwas, nirgendwo liegt noch eine Wurst auf dem Grill. Weiter hinten rattert ein Zug, weiter hinten tutet ein kleines Schiff auf der Bille, die beiden fahren irgendwohin. Und ich sitze da und bleibe und träume. Und schreibe vielleicht, das kann auch sein.

Am Montagmorgen aber stehen sechs Mann in Signalorange vor meiner Haustür, die laubblasen mir den Buxtehude gründlich weg und den Alltag wieder ins Gehör. 

Muss ja.

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Alles muss raus

Die Hamburger Linden haben auf einmal alle gleichzeitig das Laub schön. Im mäßigen und erstaunlich warmen Südwest wehen ihre Äste wogend hin und her, sie winken uns lässig durch und wir fahren durch baumbestandene Straßen in überbordender Pracht. Wir werden von Linde zu Linde freundlich weitergereicht, von Gold zu Gold und die Straßenränder sind in dieser Saison sämtlich brokatverziert, das macht das Laub und es schmückt ungemein. Wenn man sich auf das Lichte und Helle konzentriert, auf das Sonnenbeschienene, ist an so einem Oktobertag fast die ganze Stadt schön. Lauter Prachstraßen führen freundlich durch jedes Viertel. Also zumindest da ist es schön, wo die Bäume stehen – den Rest der Stadt kann man eh vergessen, wie immer.

Wir gehen in einen Laden für gebrauchte Möbel und Zeug, da stehen lauter wundersame Dinge und genau danach ist uns. Eine Frau vor mir nimmt begeistert eine Vase aus einem Regal: „Guck mal, wie toll!“ Das sagt sie so zu ihrem Mann und der sieht sie an, sieht die Vase an, schüttelt den Kopf und sagt: „Die ist hässlich wie die Nacht.“ Die Frau sieht den Mann an und der Mann sieht die Frau an, lange sehen sie sich an und dann lächeln sie beide und streiten nicht. So ein Tag ist das.

Die Herzdame wiederum sieht eine Vase und sagt: „Die?“ und ich sage: „Aber ganz genau die.“ Heute ist alles möglich.

Wir haben beschlossen, in der Wohnung einiges zu verändern, was jetzt eine ziemlich starke Untertreibung ist, und mit dieser Vase für 4 Euro fängt es an, es ist ohnehin kein Jahr für große Budgets. Aber es war ein guter Tag für größere Beschlüsse, fanden wir.

Stammleserinnen wissen mittlerweile, dass dies einem festgefügten Ritual folgt, bis Weihnachten werde ich hier also wieder auf einer Baustelle sitzen und bloggen. Alles muss raus! Nein, raus natürlich nicht, aber was rechts ist, das muss doch nach links oder erst einmal mehr in die Mitte, und was in diesem Raum ist, das könnte auch in jenen und überhaupt könnte das alles anders organisiert sein, die Söhne zum Beispiel, sie brauchen endlich eigene Zimmer. Und wenn es dann anders ist, dann ist es sicher auch besser und es wird uns wie immer unbegreiflich sein, wieso wir nicht vorher darauf gekommen sind, es wird nur damit zu erklären sein, dass man auch im fortgeschrittenen Alter immer noch weiter heranreift, auch in Fragen des Interieurs.

Ich gebe zu, es ist ein äußerst seltsamer Trieb oder Tic, den die Herzdame und ich damit haben. Jedes Jahr im frühen Herbst meldet er sich verlässlich und wir danken zum wiederholten Mal dem Himmel, dass wir den beide in annähernd gleicher Ausprägung haben, wir wären ansonsten aneinander schon komplett wahnsinnig geworden. Also noch wahnsinniger.

Und damit Schluss für heute, der Tisch muss hier weg.

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