Ziegengehölze und Nachtfrösche

In Hamburg gastiert die Ausstellung “Zwei Millionen Jahre Migration”, bei der man schon den Titel großartig finden muss.

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Im Garten orientiert man sich am phänologischen Kalender, der hängt hier auch ausgedruckt über meinem Schreibtisch, also eine Version davon, es gibt viele. Der ist allerdings so winzig gedruckt, dass ich mir das von Sohn I vorlesen lasse, wenn ich etwas wissen will, die Augen, das Alter, Sie kennen das. Jedenfalls hat sich der Sohn da mehrfach so gut verlesen, dass wir die neuen Ausdrücke einfach in unseren Sprachgebrauch übernehmen, wieder so ein Fall, bei dem sich Nachbarn irgendwann wundern, ob wir eigentlich alle irre sind, wir reden so seltsam. Aus Ziergehölzen wurden so Ziegengehölze, sehr schön und einprägsam, was kommt da vorne in die Lücke? Ach egal, da pflanzen wir irgendein Ziegengehölz. Und aus den Nachtfrösten wurden die Nachtfrösche, das sind recht gefährliche Tierchen, die ein Risiko für die jungen Pflanzen und auch für blühende Obstbäume darstellen. Wenn Du nicht artig bist, dann holen dich die Nachtfrösche! Immerhin gibt es aber Nachtfrösche nur bis Mai, man muss da nicht ganzjährig Angst haben.

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Am Sonntag trotz Regen in großer Schlammschlacht Zitronenverbene, Blutampfer, Estragon, Thymian, Salbei, Blutjohannisbeeren, noch mehr Himbeeren, Gräser, noch einen Apfelbaum, viele Kartoffeln, dicke Bohnen, Möhren, Pastinaken, Erdbeeren, Gänsekresse, Vergissmeinnicht sowie diverse andere Stauden und Blumen gepflanzt oder gesät. Läuft.

Unter den seit Saisonbeginn bereits in der Erde befindlichen Sorten führen die Radieschen, dicht gefolgt von der Rauke. Mairübchen aufholend, Zwiebeln schwer vergleichbar. Der Knoblauch ist aus dem letzten Jahr, der wächst außerhalb der Wertung. Und weil ich im Arbeitswahn irgendwann eine Schippe Erde vom falschen Haufen genommen habe, wurde ein Hochbeet von mir eigenhändig mit Giersch bepflanzt. Muss man auch erstmal hinbekommen.

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Mein Bruder hat währenddessen bei seiner Ahnenforschung herausgefunden, dass wir auch Vorfahren aus Schilda haben. Daher!

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Patricia Cammarata über ihre Unbrauchbarkeit nach der Apokalypse. Bis vor kurzer Zeit ging es mir auch so, jetzt kann ich immerhin nach der Apokalypse durch die Gegend ziehen und als Kräuterheinzel vom Dienst darauf hinweisen, dass Giersch essbar ist. Und alle so: “Wow, danke, du weiser Mann!”

Heute fresh

Es war interessant zu beobachten, dass die Herzdame die Kommentare unter der letzten Giersch-Erwähnung im Blog genau zur Kenntnis genommen und danach auch folgerichtig nichts mehr gegen die Wurzeln unternommen hat. Es ist nicht so, dass ich ihr dass nicht auch schon erzählt gehabt hätte, mehrfach sogar, aber was zählt hier schon meine Meinung, ich bin ja nur der Gatte, der redet eben so vor sich hin. Wenn das aber jemand aus diesem Internet kommentiert, dann wird es schon stimmen. Guck an!

Ich muss also bei etwaigen ehelichen Problemen nur so zielgenau bloggen, dass Kommentare in der richtigen Richtung sehr nahe liegen und auch zahlreich geschrieben werden, zack, ist hier alles wieder auf Linie. An dem Konzept muss ich bei Gelegenheit doch mal etwas ernsthafter arbeiten.

Und weil bei Erwähnung des Wortes “Giersch” immer gleich mehrere Menschen reflexmäßig und enthusiastisch “Kann man aber essen!” rufen, habe ich jetzt auch einmal darauf herumgekaut. In einem Buch wird der Giersch als unkompliziertes Wildgemüse bezeichnet, das jederzeit fröhlich nachwächst, in einem anderen Buch stand, der Giersch habe zu Weltkriegszeiten zur Vitaminversorgung der darbenden Bevölkerung beigetragen. Dann kann man ihn also auch als historisch interessierter Mensch probieren, ein Grund mehr! Aber als neuer Gartenbesitzer muss ich eh alles auf der Parzelle einmal angebissen haben, finde ich, also außer Eisenhut, Fliegenpilz und Laube jedenfalls, keine Sorge.

Nun ist der Giersch im Moment noch sehr klein und die Miniblättchen, die man jetzt so findet, schmecken einfach diffus krautig, leicht wild, mit Heuaromen im Abgang und vielleicht einem ganz zarten Anklang von Rauke. Das kann man also machen, wenn dieses Büschelchen denn repräsentativ war und sich in dieser Richtung weiterentwickelt. Die beiden Achtjährigen, die mich begleitet haben, fanden das Kraut geschmacklich “voll okay”, da staunt man doch. Eventuell lade ich mir einfach einmal eine hungrige Grundschulklasse in den Garten ein und habe dann eine Weile freie Beete. Ich werde den Giersch jedenfalls demnächst einmal salatifizieren und dann auch noch als Wildspinat zubereiten, wie es immer empfohlen wird, und die Ergebnisse gibt es dann natürlich hier, eh klar.

Laut Wikipedia sagt man in Lübeck und Mecklenburg übrigens Gesch zu Giersch, dieses Wort habe ich allerdings noch nie gehört, zumindest habe ich nicht die leiseste Erinnerung daran. Wenn man in der Kindheit nicht dauernd aufpasst!

Heute fresh: Gesch.” Hätte ich einen Smoothieladen in Lübeck, ich würde das Zeug genau so bewerben, aber ich sitze ja nun einmal in einem Hamburger Büro. Schlimm.

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Früher habe ich zu Bloggeburtstagen lange rück- und vorausblickende Artikel verfasst, in diesem Jahr habe ich ihn einfach vergessen, weil ich den ganzen Tag im Garten war. Aber das passt schon, denn das wird bei gutem Wetter noch öfter vorkommen, dass hier nichts kommt. In diesem ersten Gartenjahr müssen wir uns da eben etwas mehr Mühe geben, damit das nach was aussieht und man womöglich auch noch etwas ernten und sogar essen kann. Die entsprechenden Bildbeweise folgen dann, wie auch immer die Erfolge bei so ahnungslosen Menschen wie uns ausfallen können. Rauke, Zwiebeln, Knoblauch wachsen immerhin schon, die Heidelbeeren treiben auch programmgemäß aus, ebenso die Him-, Stachel- und Johannisbeeren und der Rhabarber. Geht doch!

Der Giersch treibt allerdings auch aus. Die Herzdame hat gestern angefangen, ihm großflächig an die Wurzeln zu gehen, es war die beeindruckende Verwandlung einer normalen Bürgerin in eine rotglühende Killermaschine, die über ein Vokabular verfügt – ich hatte gar keine Ahnung. Und alle Nachbarn: “Sie hat doch immer so nett gegrüßt.” Ich stand nur freundlich lächelnd dabei, denn ich kann ja wegen der kaputten Hand gerade nicht so viel machen, ich freute mich aber doch, dass sie ein Ventil für dubiose Gefühle gefunden hat, so etwas ist ganz wichtig für den modernen Menschen, der am Wochenende nicht mal eben zum Plündern und Brandschatzen ziehen darf, um nach einer langen Arbeitswoche wieder runterzukommen. Dann geht es eben gegen den Giersch.

Vierzehn Jahre ist das Blog jetzt jedenfalls seit ein paar Tagen alt, da müssen wir uns allmählich fragen, ob es so etwas wie eine Blogpubertät gibt. Da mal drüber nachdenken! Aber erst später, vorher gehe ich wieder in den Garten, eine Reineclaude pflanzen. Eine Reneklode. Wie auch immer. Eine Eierpflaume. Egal.

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“Sie kaut den ganzen Tag lang ungesalzene Erdnüsse, Butterkekse oder Weintrauben, die sie aus den kleinen Schälchen an ihrem Wohnzimmerplatz ertastet. Sie hat die Augen meist geschlossen, das Kauen ist eine Art Mantra für sie. Sie kaut auch, wenn sie eigentlich gar nichts im Mund hat. Und schaut dann ab und an mit ihrem verbliebenen einen Auge über die Terrasse hinüber zur blauen Mauer, den dunstig schimmernden schönen Linien der schwäbischen Alb in der Ferne.”

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Wir sind viele. Pluralis viralis, höhö. Pardon, manche von uns wollten darüber gar keinen Witz machen.

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Mikroplastik in Komposterde. Es ist übrigens auch einigermaßen erstaunlich, welche Mengen an Plastik und Hausmüll wir gerade im Garten ausbuddeln. Die Ferkeleien aus den 70er, 80ern und 90ern, da kommt was zusammen, und damals war das keineswegs Mikroplastik, das waren recht große Teile.

Ruckblog

Es ist ein etwas ruckartiger Frühlingseintritt in Norddeutschland, ist es nicht? Aber wenn schon überhaupt etwas ruckartig eintritt, dann soll es doch bitte der Frühling sein. Oder Reichtum, der wäre auch in Ordnung, wenn ich so darüber nachdenke. Oder die Rente. Oder die Weisheit, die Gesundheit, der Weltfrieden, das Ende des Klimawandels. Im Grunde gibt es ziemlich viele Dinge, die gerne ruckartig eintreten können, dieser Textanfang führt zu überhaupt nichts, ich nehme alles zurück und komme einfach nochmal rein. Nur den Frühling, den lasse ich stehen.

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Am Morgen verteilen wieder Menschen kostenlos Zeitungen im Hauptbahnhof, viele werden sie aber nicht davon los, niemand reißt sich um Zeitungen. Ich nehme auch keine, obwohl es diesmal die immerhin lesbare Süddeutsche ist, meine Zeit wird heute eh nicht dafür reichen. Meine eine S-Bahnstation reicht lektüremäßig einfach für gar nichts, manchmal fehlt es mir fast, eine etwas längere Strecke fahren zu müssen. Früher hab ich mal die Zeit im Zug gelesen, jede Woche, alle Teile außer Sport! War auch ganz nett. Klingt aber schon wie: “Früher bin ich mit der Kutsche zur Arbeit gefahren.”

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Am Montag noch eine Johannisbeere und mehrere Blaukissen, Schnittlauch und Petersilie gepflanzt, außerdem einen Wildblumenblühstreifen angelegt und einen Zaun begrünt, also theoretisch jedenfalls, wenn das denn da alles wächst, der Mai wird es zeigen. Es ist aber immer noch Platz in den Beeten. Es ist noch verdammt viel Platz in den Beeten. Demnächst Pastinaken, Möhren, Salat, Mairüben, Mangold, Dill säen. Die Vorbereitung des bescheidenen Kartoffelfeldes ist einhändig leider so gut wie unmöglich, ein zäher Kampf um jede Grassode, stellen Sie sich den Autor einfach terrierhaft knurrend und am Rasenteppich ziehend vor, das ist so abwegig nicht.

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Sobald ich im Garten bin, ist mir übrigens das Handy egal, und zwar dergestalt egal, dass ich stundenlang nicht draufgucke. Das ist keine bewusste Entscheidung gegen die Onlinewelt, aber der Garten ist nun einmal im Moment wesentlich interessanter. Wenn Sohn II und ich, also die Garten-Ultras dieser Familie, da stundenlang herumbuddeln, ist alles anderer eher nicht mehr so wichtig. Und das ist ganz schön, sich wieder so volle Möhre auf ein Thema konzentrieren zu können, das hat in den letzten Jahren vielleicht doch etwas gelitten.

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Es gibt heute Hühnersuppe, obwohl gar keiner krank ist. Ich bin so ein Rebell.

Zur Orientierung

Ich arbeite in einem Bürogebäude, in dem Menschen, die es zum ersten Mal betreten, nach spätestens zwei Abbiegungen eines Ganges garantiert jede Orientierung verlieren. Es ist so gut wie unmöglich, dort als Besucher einmal durchzugehen und dann genauso wieder hinaus zu finden, wenn man nicht gerade kundige Begleitung hat. Soweit ich mich erinnere, hat das noch niemand geschafft. Als wir vor ein paar Jahren in das Gebäude gezogen sind, brauchten wir Wochen bis zu einem normalen Betriebsablauf, also bis jeder auf Anhieb alles gefunden hat, seinen Schreibtisch, die Kaffeemaschine, das Klo, den Kopierer, was man als Büroangestellter eben so braucht.

Neulich kam ein verirrter Kollege, der normalerweise an einem anderen Standort arbeitet, in unser Büro, sah sich kurz um und fragte dann einigermaßen ratlos: “Ist das hier das Ende?”

Womit er eigentlich nur das Ende des Ganges meinte, denn unser Büro hat nur einen Eingang, es ist kein Durchgang, die Frage war also gar nicht so schlecht und durchaus berechtigt. Aber wie es so ist, man denkt dann eben doch eine Weile darüber nach, ob dieses Großraumbüro eigentlich das Ende ist, ob man nun will oder nicht. Ich habe jetzt nicht nur den Sohn mit dem Sinnproblem, ich berichtete hier, ich habe jetzt auch noch verwirrte Kollegen mit unerwartet tiefschürfenden Fragen. Ich brauche dann bitte bald mal ein Sabbatical, um das alles vernünftig beantworten zu können.

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And now her watch is ended.

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Im Garten einen Kirschbaum, einen Pflaumenbaum, einen Pfirsich, mehrere Himbeeren, eine Johannisbeere gepflanzt. Die Reineclaude ist bestellt. Das Kartoffelfeld ist in Vorbereitung, Radieschen, Rauke,  Speisezwiebeln und etliche Blumensorten sind schon in der Erde. Und das ist erst der Anfang.

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Links, grün, kaputt

Hier stand jetzt auffällig lange nichts von mir, das hat schmerzhafte Gründe, die noch kurz zu bekennen sind. Kurz, weil es länger nicht geht, es tut nämlich weh.

Wir waren am Wochenende also zwei Tage lang im Garten, die Herzdame schrieb bereits davon. Erdarbeiten bis zum Umfallen, dies und das gepflanzt, Zeugs von links nach rechts geräumt, das war alles sehr schön und befriedigend und genau so, wie ich es haben wollte, zwischendurch schien sogar zehn Minuten die Sonne. Das war geradezu paradiesisch, wir haben da ja als Hamburger keine überhöhten Ansprüche, das war alles ganz wunderbar. Bis ich einen Sack mit Erde öffnen wollte, der partout nicht aufgehen wollte. Es war gerade keine Schere in der Nähe, kein Messer, gar nichts. Also habe ich versucht, mit dem linken Daumen, der wohl nicht mein grüner Daumen ist, ein Loch in diesen Sack zu bohren, was aber auch überraschend schwer ging, weswegen ich ziemlich viel Kraft anwenden musste. Wobei es einmal überraschend laut kurz im Gelenk knackte, auf eine Art, bei der mir spontan der Verdacht kam, dass sowohl Geräusch als auch Gefühl ganz und gar nicht so gehörten. Um es zurückhaltend auszudrücken, denn mit etwas Abstand kann man das ja, mitten in der Situation hüpfte ich tatsächlich eher brüllend durch den Garten und kam auf viele schöne Kraftausdrücke, Käptn Haddock nichts dagegen.

Nach nur drei Stunden tat der Daumen allerdings allmählich weniger weh und ich war es auch schon wieder auch leid, dauernd darüber nachzugrübeln, ob der jetzt gebrochen, verrenkt oder verstaucht war, wer kann das als Laie auch schon am Schmerz differenzieren, der hing da eben so runter und war nicht in Ordnung, mehr Klarheit war nicht zu erwarten. Egal, habe ich eben einhändig weitergearbeitet, denn der Wunsch nach Gartenarbeit war definitiv dringend und eine Schaufel kann man auch einhändig bedienen. Tippen mit nur einer Hand ist viel schwerer! Schöner Nebeneffekt dieser Aktion: Ich gelte bei den Söhnen jetzt als ganz harter Hund.

Apropos Söhne, einer von denen brauchte dann Hilfe beim Zusammennageln einer improvisierten Beetumrandung. Und weil der Schmerz gerade so schön nachließ, habe ich das mal eben übernommen – und mir den Hammer mit Schmackes auf den bereits vorgeschädigten Daumen gezimmert. Wenn man einen Lauf hat … Sie kennen das, nehme ich an.

Danach habe ich meinen weiteren Einsatz dann darauf beschränkt, der Herzdame und allen anderen Beteiligten gute und sinnreiche Ratschläge für die Gartenarbeit zu geben, das kann ich immerhin auch gut und man muss seine Grenzen erkennen, das ist ganz wichtig. Zur interessierten Frage der Söhne, ob der Daumen jetzt amputiert werden muss – demnächst mehr. Wenn der Schmerz wieder nachlässt.