Woanders – diesmal mit der Elternzeit, den Kammerspielen, Instagram und anderem

Notizen aus der Elternzeit. Der Zettel hätte hier so auch hängen können. Textgleich.

Ein nicht ganz so bekannter Aspekt der Hamburger Kammerspiele.

Darf man Essen im Restaurant fotografieren? Siehe dazu auch hier.

Isa mit dem Service für Suchende.

Studenten und Rechtschreibung. Früher war alles besser. Wir bekamen ja bei einer Sechs im Diktat noch eine gelangt! Ach nee, war auch doof.

Bilder: japanische Gullydeckel.

Bilder: Kinder in syrischen Flüchtlingscamps – keine Angst, keine Horrobilder. Oder doch, wie sollte es anders sein. Aber anders, als man zunächst denken könnte.

 

Service

In dem Coffee-Shop, in dem ich mir ab und zu einen Kaffee zum Mitnehmen besorge, ist das Personal bestens geschult. Ausgesucht höflich und hilfsbereit. Kein Dialog ohne “Guten Morgen”, ohne “Was darf es noch sein”, ohne “Schönen Tag”. Sie reichen dort den Kaffee über den Tresen, als hätten sie einem Kronjuwelen in den Becher gefüllt. Sie erinnern die Kaffee-Vorlieben, als wäre man der prominenteste Stammgast. Der Laden ist natürlich auch mit Liebe zum Detail eingerichtet. Der Kuchen in der Auslage sieht aus wie aus einem edlen Fotoband, die belegten Brötchen, als hätte sie eine italienische Großmama eben gerade auf Sizilien aus dem Ofen gezogen und mit frisch im Garten gepflückten Tomaten belegt.  Die Kaffeesorten werden auf einer schwarzen Tafel angepriesen, elegante Deko-Schrift in weißer Kreide, sehr kunstvoll.  Ist das nicht toll, das alles?

Und dann geht man mit dem offenen Pappbecher in eine Ecke des Ladens, in der alle Herrlichkeit endet. Da liegen Zuckertütchen auf einem Tisch,  Servietten, Plastiklöffel  und Deckel, denn man braucht ja einen Deckel für den Kaffee. Und den muss man selber draufmachen. Andere Kunden haben da schon Zucker verstreut, die Deckelstapel sind längst umgekippt, alles liegt wild durcheinander. Man muss selber herausfinden, welche der 3 Deckelgrößen auf den Becher passt. Man kleckert bei der Deckelprobe mit dem Milchschaum, niemand kümmert sich um die Pfützen, die andere vor einem hinterlassen haben. Weit hinten sieht man die freundlichen Verkäuferinnen andere Kunden bedienen, aber man steht jetzt in einer komplett service-freien Zone, von allem Personal verlassen. Und oben drüber über diesem Chaos hängt ein Schild, auf dem steht: “Service-Station”.

Ich liebe diesen feinen Humor.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Kurz und klein

 

Hochgucken, Tag 5

Die Kinder treiben einen zu den seltsamsten Freizeitbeschäftigungen, so fahre ich neuerdings auch des öfteren Bus. Ich habe, das ist natürlich Zufall, in Hamburg bisher immer so gewohnt und gearbeitet, dass ich mit Bahnen auskam, Busse sind für mich eher exotisch. Ich staune immer, wenn Menschen wissen, welcher Bus hier wohin fährt, ich kenne nur den 5er und den 6er, der Rest ist mir rätselhaft. Angeblich komt man mit Bussen auch in Stadtteile ohne jede Bahnanbindung! Wenn mir einmal sehr langweilig ist, werde ich vielleicht darauf zurückkommen und es testen. Allerdings ist mir nie langweilig. Hm.

Nun ist Sohn I aber mittlerweile in einem Schwimmverein, und zum Training kommt man tatsächlich am besten mit dem Bus, quer durch die Stadt. Aufgrund einer Tradition, auf deren Anfänge ich gar nicht mehr komme, nimmt sich Sohn I mein Handy, sobald wir in einen Bus steigen, im Bus ist es nämlich seins. Immer. Dann macht er darauf irgendwelche Vorschulspiele, ich sehe mir die Leute an, das Hochgucken braucht in dem Fall also gar keinen Plan, das geht gar nicht anders. Wobei das Hochgucken im Bus oft eher ein Hochhorchen ist, im Bus hört man Gespräche nämlich viel besser als in der S-Bahn.

Ein Frühlingstag, die Sonne scheint und die Kulisse der Stadt wirkt ungewöhnlich angenehm. Erstes Grün an Büschen und Bäumen, bunte Blüten im Straßenbegleitgrün, erste Frühjahrsmode an den Menschen. Entspannte Gäste räkeln sich in Straßencafés, Touristen fotografieren irgendwas vor knallblauem Himmel, guck mal, das ist Hamburg, das war echt schön. Der Bus ist halbleer und sonnendurchflutet, der Fahrer pfeift leise vor sich hin. Weiter hinten erzählt ein junger Mann, stellen Sie sich einfach ein Erstsemester mit prächtigem Hipsterbart vor, es wird schon passen, was er im Fernsehen gesehen hat. Nämlich einen krassen Film über die Massentierhaltung. Da waren Szenen drin! Alter! Also das hat er natürlich alles schon mal gehört, ist ja klar, aber jetzt eben auch gesehen und dann wird es einem doch erst klar, sagt er. Also Szenen! Alter! Ey!

Die Freunde, drei andere junge Männer, die ihn umstehen, nicken mit leichter Panik im Blick und dann kommt, was kommen muss: der Erzähler fängt bei den ersten Szenen an, es geht um gekürzte Entenschnäbel, und berichtet detailliert, was da gezeigt wurde. Eine klare, junge, deutliche Männerstimme, die hört man ohne jede Konzentration ein paar Sitzreihen weit, zumal er sich beim Reden etwas aufregt und dadurch immer lauter wird. Auf den Gesichtern der anderen Fahrgäste ringsum sieht man erstaunliche und verblüffend wilde Bewegungen, als würde man neben ihnen sehr laut mit Kreide über eine Tafel quietschen. Köpfe sinken tiefer zwischen Schultern, Hände bewegen sich in Richtung der Ohren und der Bericht geht von Station zu Station unerbittlich immer weiter, er ist gerade bei den geschredderten Hähnchen angekommen und geht jetzt noch zu Ferkeln über, da ist ja das mit der Kastration, wisst Ihr das? Alter! Wisst ihr, wie man das macht? Nein? Also…

Eine Frau setzt sich Kopfhörer auf und wirkt danach deutlich erleichtert. Die ältere Dame mir gegenüber beugt sich zu ihrer Freundin, die ob des zwangsweise mitgehörten Themas mittlerweile etwas grünlich im Gesicht wirkt, und fragt, wo man denn heutzutage eigentlich noch Hähnchen kaufen könne. Na, wo denn? Hm? Die Freundin sagt, beim Aldi jedenfalls nicht, das könne sie mal glauben, und dann denken beide über Supermärkte nach. Ob Rewe denn besser sei? Oder der Edeka? Der habe ja doch bessere Sachen, oder? Hinter mir höre ich andere Damen diskutieren, da fällt gerade ein “Fisch geht ja auch nicht mehr”. So setzt sich die Erzählung des Erstsemesters in anderen Gruppen fort, hier ein Satzbrocken, dort eine Ergänzung. Jeder weiß etwas zu dem Thema, so ist es ja nicht. Es sind dann aber doch alle recht froh, als die jungen Männer aussteigen und man nur noch das vergnügte Pfeifen des Fahrers hört.

Die Mutter neben mir hat von all dem nichts mitbekommen, sie redete nämlich die ganze Zeit engagiert auf die Freundin neben ihr ein. “Die Frage ist doch”, sagt sie gerade zum wiederholten Male, “die Frage ist doch – wie kommt das Kind aufs Gymnasium? Das ist doch die Frage.” Dabei streicht sie ihrem Sohn durchs Haar und man fragt sich, ob er wohl mit der Frage gemeint ist oder ob er vielleicht noch größere Geschwister hat. “Das ist doch die Frage”, sagt sie noch einmal sehr energisch, und es muss wirklich eine wichtige Frage sein, so ernst, wie sie guckt.

Eine wichtige Frage, die das Kind aber überhaupt nicht interessiert. Es beschäftigt sich vielmehr konzentriert mit der Produktion von Spuckebläschen. Was man eben so macht, wenn man etwa ein Jahr alt ist.

#spring

 

 

Kinderfilme für feuchte Frühlingstage daheim

Ein Gastbeitrag von Rochus Wolff

In den Wochen und Monaten vor Weihnachten gibt es regelmäßig fast explosionsartig zunehmende Massen von Neuerscheinungen für jene Menschen, die nach Filmmaterial suchen, das sie mit ihren Kindern gemeinsam ansehen können. Da trifft sich, wie bei allen Dingen, die mit Kindern und Geldverdienen zu tun haben, die saisonale Kaufwut mit dem Angebot des Marktes, auch wenn natürlich – leider, leider – die wirklich feinen Angebote zu wenig beachtet werden.

Und wenn das Fest dann geschafft ist, die Lebkuchen verdrückt und das Feuerwerk abgebrannt, dann lassen die Filmverleiher ganz, ganz stark nach. Der Jahresanfang ist in Sachen Kinderfilm erst einmal eine sehr müde Angelegenheit. Im Kino hat sich die Flaute mittlerweile wieder ein wenig gefangen, da ist jetzt der großartige dänische Kindersuperheldenfilm Antboy zu sehen, und für kleinere Kinder bietet Pettersson und Findus – Kleiner Quälgeist, große Freundschaft mehr als solide, wirklich gelungene Unterhaltung.

Aber man kann es sich auch daheim gemütlich machen. Zwei Neuheiten sind da besonders zu empfehlen, beide Großproduktionen aber deswegen tatsächlich ja nicht unbedingt schlechter. Das wäre zum einen Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen 2, (Cloudy With A Chance Of Meatballs 2) die Fortsetzung des Animationsfilms aus dem Jahr 2009, die vor allem ein wilder, sehr witziger Actionritt ist. Der noch ziemlich jugendliche Erfinder Flint Lockwood hatte im ersten Film eine Maschine erbaut, die aus Wasser Essen produzierte – so wurde aus seiner sehr verdrießlichen Heimatinsel irgendwo im Atlantik eine Art Schlaraffenland, erst als Sehnsuchts-, dann als Horrorphantasie. Nun muss er auf die Insel zurückkehren, denn dort leben mittlerweile aus Obst, Gemüse und anderen Speisen entwickelte Tiere, deren genetischer Code vor allem in Sprachwitz besteht (vom Wassermelofant über die Schrimpansen bis zu den Nilpfertoffeln). Die Tiere drohen, die Welt zu übernehmen – oder sind sie vielleicht doch nur freundliche Wesen? Der Fortsetzung fehlt ein wenig die Originalität und vor allem der emotionale Drive des ersten Films, aber sehr, sehr vergnüglich ist das allemal.

Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Foto: Sony Pictures

Zum anderen kommt Anfang April Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (Frozen) auf den DVD-Markt, Disneys Weihnachtsfilm aus dem vergangenen Jahr, den zumindest an unserer Grundschule die meisten Kinder schon gesehen haben – ein spannender und witziger Abenteuerfilm, der am Ende sogar ein wenig von den üblichen Disney-Prinzessinnen-Standards abweicht. Mainstream ist das natürlich schmalziger, aber schöner, sehr gut gemachter Mainstream.

Aus dem Hause Disney kommt auch die zweifellos wichtigste Klassikerneuerscheinung der letzten Wochen: Mary Poppins ist endlich hochauflösend auf Blu-ray erhältlich. Man muss den Film wahrscheinlich kaum vorstellen, viele heutige Eltern haben ja ihre eigenen Kindheitserinnerungen an tanzende Pinguine, Schornsteinfeger oder „Superkalifragilistikexpialegetisch“. Robert Stevensons Film gehört zu den Filmen, die trotz für damalige Verhältnisse (der Film entstand 1964) umfangreicher (und preisgekrönter) Spezialeffekte sehr gut gealtert ist und nie albern wirkt. Gewiss, man kann an weltanschaulichen Details herumkritteln, wie ich das vor einiger Zeit ausführlich getan habe; aber insgesamt ist das punktum halt einer der schönsten, wichtigsten Musicalfilme des 20. Jahrhunderts, den jedes Kind einmal gesehen haben sollte. (Und, versprochen, sie reden dann noch tagelang davon.)

Mary Poppins

Foto: Disney

Auch Mary Poppins freilich hat ein Manko, das zumindest in unserer heimischen Filmschaupraxis eine große Rolle spielt: Der Film ist eigentlich zu lang. Der Alltag unter der Woche erlaubt es eigentlich nie, mal eben neunzig Minuten Film noch unterzubringen (wir schauen aber auch generell im Alltag kein „normales“ Fernsehen, und die Kinder schauen nie allein – wir wollen sofort über das Gesehene sprechen können, und außerdem wollen wir die Filme ja auch sehen!). Und an den raren Wochenenden muss das Wetter schon sehr schlecht sein, bis wir uns die anderthalb Stunden für einen Langfilm an einem Tag nehmen. Wir teilen Filme deshalb meist in zwei oder drei Teile, was aber regelmäßig zu Unzufriedenheit führt; es fehlt eigentlich vor allem an geeigneten kürzeren Formaten.

Bestens geeignet dazu sind natürlich Fernsehserien, die für Kinder meist noch nicht zu lang angelegt sind und deren einzelne Folgen sich wiederum leicht in einen Abend einpassen lassen. Luzie, der Schrecken der Straße werden auch viele Eltern noch kennen – eine perfekte Serie für Regentage im Sommer vor der Einschulung. Neu herausgebracht wurde jetzt aber auch die klassische Serie Die schwarzen Brüder, die in den 1980ern nach einem Roman von Lisa Tetzner entstand. Am 17. April wird dazu ein Film in die Kinos kommen, der Serie – die ich leider selbst noch nicht habe sehen können – eilt aber der Ruf einer sehr sehenswerten Umsetzung um die Erlebnisse Mailänder Kaminkehrerjungen voraus.

Gleich eine ganze Reihe solcher Klassiker gräbt derzeit More Entertainment aus, die für die Reihe The Children’s Film Foundation Collection mittlerweile schon sechs in den 1950er und 1960er Jahren in Großbritannien entstandene Miniserien aufgestöbert hat. Filmpuristen werden sich dabei womöglich an der Form stoßen – der fünfte Beitrag der Reihe etwa, Geheimsache fünf (im Original The Treasure of Woburn Abbey oder Five Clues to Fortune) wurde 1957 als Mini-Serie mit 8 Episoden produziert. Für die erste Ausstrahlung in der ARD wurde daraus in den sechziger Jahren ein zweiteiliger Fernsehfilm; auf der DVD ist nun jedoch die vierteilige Schnittfassung zu sehen, die 1975 im WDR zu sehen war.

Dafür bekommt man in diesem Fall eine höchst klassische Abenteuergeschichte zu sehen: Drei Kinder stoßen auf Spuren zu einem alten Klosterschatz, aber natürlich heftet sich auch ein Bösewicht an sie dran und will ihnen den Fund streitig machen. Ein Hirschgeweih und Tonsplitter bilden den Anfangspunkt, es folgen dann unwahrscheinliche, aber für Kinder höchst nachvollziehbare Indizien, die immer näher auf die Spur führen. Das ist alles sehr aufregend und spannend, obgleich es für heutige Kinderfilme fast schon betulich zuzugehen scheint, und für den nötigen Humor sorgen die ungeschickten Gehilfen des Bösewichts. Wie sich das gehört.

Wer noch lieber einen neueren Kurzfilm genießen will, ist schließlich mit Für Hund und Katz ist auch noch Platz (Room on the broom) gut versorgt, der dieses Jahr auch für einen Oscar als bester animierter Kurzfilm nominiert war. Man sieht dem 25-Minüter sofort an, dass er aus dem gleichen Hause stammt wie der sehr großartige Kurzfilm Der Grüffelo, und auch das gleich Autor/innengespann hinter dem zugrundeliegenden Kinderbuch steckt: Axel Scheffler und Julia Donaldson. Für Hund und Katz ist eine im Grunde klassische Geschichte, eine Handvoll Außenseiter finden sich und raufen sich zunächst eher widerwillig zusammen, und sind am Ende gemeinsam natürlich nicht mehr Außenseiter, nicht mehr allein.

Hund und Katz

Foto: Concorde Home Entertainment

Der Film kombiniert Computeranimation und Zeichentrick, vor allem aber trifft er genau Tonfall, Spannungsmaß und Filmlänge, die man für jüngere Kinder braucht, wenn sie so ab etwa vier Jahren mehr als nur Fünfminutenclips von Molly Monster, Shaun das Schaf oder Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig ansehen können, wollen und womöglich auch sollten.

Wobei, Shaun geht für jedes Alter.

Rochus Wolff

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Seit Januar 2013 beschäftigt er sich im Kinderfilmblog am liebsten mit dem schönen, guten, wahren Kinderfilm. Er lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet hauptberuflich als PR-Mensch und Konzepter für eine Online-Agentur in Süddeutschland.