Leonard Cohen trinkt Superbock

Beim Portugiesen steht – manchmal kommen sie wieder! – Leonard Cohen und trinkt Superbock. Das ist, wenn Sie das nicht kennen, die andere portugiesische Biermarke, also die neben Sagres. Er trinkt es aus einem Glas, das ist bei diesem Portugiesen eher untypisch, aber wenn man Leonard Cohen ist, dann kann man ja auch ruhig etwas auffallen. Er lehnt an einem Stehtisch und guckt, wie andere bestellen, er guckt auch, wie ich gucke. Die Statur passt nicht ganz, er ist zu klein und ein wenig untersetzt, aber die untere Gesichtshälfte, sie ist wirklich verdammt nah dran und Augen und Nase dann erst recht, die Frisur – perfekt. Exakt wie das Original. Er trägt einen schwarzen Anzug, den hätte er auf der Bühne tragen können, nein, den hat er auf der Bühne getragen, in diesem einen Live-Video zu “Take this waltz” damals. Er geht zum Kühlschrank und nimmt sich noch eine Flasche Superbock, er kennt sich da aus, er kommt wohl öfter. Ich komme auch öfter, aber wir sind uns noch nie begegnet.

Als zufallsverwertender Autor gucke ich da brav hin, okay, Leonard Cohen steht also neben mir. Oder eine täuschend echte Kopie von ihm, darauf kommt es ja in der Kernaussage gar nicht an, lasst mich doch mit Euren harten Fakten in Ruhe. Was aber sagt mir das nun, dass er da steht, was sagt mir das, wenn mir das Schicksal einen der besten Songwriter ever an den Nebentisch stellt? Soll ich jetzt auch noch Songs schreiben oder was? Ich kann keine Songs schreiben, so gerne ich auch Zufällen folge. Aber bei aller Liebe, das geht nicht.

Als damals die Neue Deutsche Welle aufkam, dann erzähle ich eben das, gab es für unser Empfinden, also für uns, die wir damals Kinder waren, Songs mit revolutionären Texten. Nicht im politischen Sinne, einfach nur in der Machart. Die waren simpel, lustig, albern, da war auf einmal etwas ganz anderes möglich, es war ein Befreiungsschlag von der Schlagerwelt. Und es gab auf einmal Songs, die klangen pappeinfach. Jeder hätte die machen können, wirklich jeder. Drei Akkorde lernen, so ein Casio-Ding kaufen, irgendein schräges Instrument dazu, was weiß ich, eine Blockflöte, ein Kamm oder so – fertig. Musik war so verlockend wie nie, das kann man aus heutiger Sicht schwer erklären. Alle Türen weit offen.

Wir haben also eine Band gegründet, alle haben damals Bands gegründet. Einer von uns konnte sogar Saxophon! Ich konnte gar nichts, nicht einmal die üblichen drei Akkorde, und für Gesang kam ich auch nicht in Betracht, ganz und gar nicht, das komme ich bis heute nicht, das sagt sogar die Dusche. Ich war aber ganz gut in Deutsch, ich hatte außerdem die Idee, also haben wir beschlossen, ich schreibe die Texte und bin damit der Kopf der Aktion, der Master Mind, das klang auch gut. Das war ein sensationelles Gefühl, es riss uns mit, wir haben uns gleich im Bus zur Schule gegründet und waren, schon allein durch diesen spontanen Gründungsbeschluss, sofort kurz vorm Durchbruch. Solche Zeiten waren das. Wir waren irre aufgeregt.

Ich dachte hektisch über einen Bandnamen und Texte nach, die anderen warteten auf mich. Dummerweise fiel mir nichts ein. Und zwar im Sinne von überhaupt nichts, nada. Weißes Rauschen. Die anderen warteten weiter, wir besprachen im Bus am nächsten Tag schon einmal musikalische Dinge, was denn wohl zu meinen zweifellos witzigen Texten passen würde, was wir mit dem Saxophon alles machen könnten und wie das mit dem Kamm eigentlich geht.

Mir fiel aber leider weiter nichts ein. Ich saß nachmittags am Strand und hatte eine Leere im Kopf, die ich vorher gar nicht für möglich gehalten hätte, das wurde am nächsten Tag nicht anders und am übernächsten auch nicht. Nach zwei Wochen begruben wir die Idee dann einfach wieder, es gab keinen Namen, es gab keine Sogs, es gab keine Texte, mir fiel einfach nichts ein. Keiner aus der Gruppe von damals ist später Musiker geworden, das ist eventuell meine Schuld. Hätte ich einfach nur Silben gereiht, was weiß ich, dadada oder so, wir hätten tatsächlich Erfolg haben können, wirklich, die Zeiten waren so, das glaubt einem ja heute keiner mehr. Aber Songs kann ich nun einmal nicht, ich habe es auf die harte Tour gelernt. Ich proste Leonard Cohen mit meinem Kaffee zu. “Mehr fällt mir gerade zu Dir nicht ein” sage ich, aber ich sage es nicht so, dass er es hören kann.

“Hallelujah”, sagt er und trinkt einen Schluck Superbock. Aber er sagt es nicht so, dass ich es hören kann.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ich schreibe dann weiterhin keine Songs, damit ist allen gedient. 

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Es wird geflaggt

Entgegen der Planung, die noch am Morgen gültig war, sind Sohn I und ich nun doch nicht in Nordostwestfalen, dort sind nur Sohn II und die Herzdame, dazu morgen mehr, die Geschichte ist auch interessant. Heute aber etwas anderes. 

Ich fahre am Vormittag mit dem Fahrrad zwischen zwei Regenschauern schnell in den Schrebergarten, ich muss dringend etwas einbuddeln. Beim Einbiegen in den Hauptweg sehe ich in einer Parzelle eine neue Deutschlandfahne über den Gärten wehen, noch nicht vom Sommerwind zerzaust, noch ganz sauber, noch nicht von der Sommerhitze ausgebleicht. Frisch wie aus dem Laden. Vielleicht hängt sie da WM-bedingt, vielleicht hängt sie da, weil viele so etwas wehen lassen, Fahnen sind in Schrebergärten wirklich nicht unüblich. Fahnen für Länder, Bundesländer, Städte, für längst verlorene Landesteile im Osten. Aber auch für ganz andere Länder wehen da manchmal Fahnen, für Länder im Süden und für Länder im Norden, ich erkenne gar nicht alle, ich habe ein, zwei schon gegoogelt. Aber meistens doch: für Deutschland.

Vielleicht weht diese neue Fahne da auch aus dumpfen Patriotismus nahe am rechten Rand, wer kann das auf den ersten Blick schon ahnen. Es ist so eine Sache mit den Klischees, denn nichts kann man auf den ersten Blick ahnen, gar nichts. Und man tut es eben doch.

Für einen Moment ärgert mich auf einmal dieses blöde Klischee, Schrebergarten und Fahnenmast und Nationallatz, meine Güte, mein Leben im Stereotyp, muss das denn unbedingt so sein? Da hat auch noch jemand etwas auf die Fahne geschrieben, ich sehe es, während ich näher komme. Da wird mir erst recht schlecht, sicher so ein deutschnationales Stolzgeschreibsel oder wieder etwas gegen Ausländer, gegen Flüchtlinge, Schwule, was weiß ich, wir leben in schauderhaften Zeiten. Am besten gar nicht mehr hinsehen! Am besten stoisch vorbeiradeln, das Herz und den Blick immer stur links, wo rechts die Fahne weht. Aber das geht ja nicht, die Neugier, die Chronistenpflicht, das Interesse an gesellschaftlichen Fragen und was mich sonst so alles von der Seelenruhe abhält, da kommt mittlerweile etwas zusammen. Und ich bleibe dann sogar noch stehen, weil ich den Satz da oben auf den ersten Blick nicht lesen kann, der verdammte Wind, der für Juni erstaunlich frisch aufbrisende Wind, er spielt mit der Fahne und lässt sie munter turnen und kapriolen. Es dauert etwas, bis er sie endlich einmal gnädig ausrichtet, glatt strafft und die Schrift schön gerade über die Parzellen stellt: “Keine Handbreit den Faschisten” steht da im goldenen Streifen auf der Fahne der Bundesrepublik.

Es ist so eine Sache mit den Klischees.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ich kaufe garantiert keinen Fahnenmast davon, nur Pflanzen. Und die auch nicht in schwarz oder rot, nicht einmal in gold.

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Hopplahopp

Kein erholsames Wochenende für uns, wir fahren hopplahop nach Nordostwestfalen, Familiendinge. Habe immerhin verhandelt, dass wir irgendwo an einem Gartencenter vorbeikommen, bin gespannt, ob das klappt. Ich habe jedenfalls einen Masterplan und alle mussten zustimmen, ich bin hier der Familienhorst.

Zeit zum Schreiben wird am Wochenende kaum sein, wie überhaupt die nächsten Wochen schlecht aussehen, es sind die letzten vier Wochen vor dem Urlaub, das kennt man. Wir schaffen es irgendwie nicht, einfach entspannt in den Urlaub zu gehen, wir rotieren uns jedesmal in der Zeit davor knapp in den Wahnsinn, also wir Eltern zumindest, in den Berufen geht in diesen Phasen unweigerlich die Post ab, vermutlich ist das sogar in allen Berufen so. Die Kinder werden einfach nur verrückt, weil das lange Schuljahr endet, weil bei einem sogar die Grundschulzeit endet, das ist normal. Kinder kurz vor den Ferien sind ein sehr spezielles Thema, pädagogisch kann man da alle Hoffnung fahren lassen, aber daran erinnert man sich ja auch selbst noch, an diese letzten Tage in der Schule, die einfach nicht enden wollten, die sich quälend zogen und zogen, graue Stunden in XXL – und draußen vor den Fenstern der Sommer, die Verheißung.

Hier schnell ein paar Links und dann ab auf die Auotbahn.

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Ich habe drüben bei der GLS Bank sehr passend etwas zum Thema Ferienzeit geschrieben.

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Auch ich bin das Volk.

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Das geistige Leben der Bienen.

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Archäologen graben in Woodstock herum. Falls sich jemand gerade noch etwas älter fühlen möchte … ich meine, das war 1969, da war ich schon auf der Welt!

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Ich lese Allan Jenkins: “Wurzeln schlagen”, übersetzt von Christel Dormagen und ich lese es trotz des wirklich potthässlichen Covers. Kein Gartenbuch, wie man zunächst vielleicht denkt, oder zumindest kein gewöhnliches Gartenbuch. Ein Kindheitsbuch – und weit weg von der heiteren Variante. Hier eine ausführliche Rezension. Wobei ich Bücher über Kinderleid nicht gut ab kann, merke ich gerade wieder. Schwierig.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, Sie überaus sympathischer Gutmensch.

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Im Kino: Love, Simon (ab 28. Juni)

Ein Text von Jojo Buddenbohm, zehn Jahre alt, auch bekannt als Sohn I.

Ich habe den Film Love, Simon im Kino gesehen. Papa hat mir erzählt, dass wir eine Anfrage für eine Filmpremiere nur für Blogger haben, da habe ich ja gesagt und so sind wir dazu gekommen. Ich bin mit meiner Mutter da gewesen, weil das kein Kinderfilm war und der daher abends lief.

Ich denke, der Film ist vor allem für Jugendliche von 15 bis 17 Jahre, nicht weil der gruselig ist oder so, sondern wegen der Handlung. Die muss man erstmal verstehen. Das ist eher für Teenies, weil das auch mit Liebe ist und da ist auch einer schwul. Ich denke, ich habe den Film schon verstanden, aber der Film ist eher für Jugendliche. Der Film ist sicher noch nicht für alle Kinder in meinem Alter interessant.

Da ging es um einen Jungen, der schwul war. Er selbst wusste das schon lange, aber die anderen noch nicht. Auch seine Familie und seine besten Freunde wussten das auch noch nicht. Aber am Ende wussten das alle, weil ein fieser Typ das auf der Schulseite gepostet hat.

Und es gab noch einen anderen Schwulen an der Schule, aber von dem wusste keiner, wer das ist. Mit dem hat sich Simon immer geschrieben und in den hat er sich verliebt. Da hat man erst am Ende erfahren, wer das ist.

Ich fand den Film gut! Am liebsten mochte ich die Handlung, was da alles passiert ist und wie die Gefühle ausgedrückt wurden. Und ich fand es interessant und gut, dass es mal ein etwas anderer Film war und es um einen Schwulen ging und nicht wie immer um eine Liebe zwischen einem Mädchen und einem Jungen. Es ging um eine andere Liebe.

Den Film kann ich schon weiterempfehlen, aber eher so für die Teenies. Meine Kumpels zum Beispiel haben einen ganz anderen Geschmack.

Danke an Carlsen für die Einladung!

Regen

Die Herzdame, die mit den Fingern im Kirschbaum noch so nett wirkt …

… sie macht mit den Kirschen dann Sachen – Krimi nichts dagegen.

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Ich bin extra im Hamburger Hauptbahnhof Wege gegangen, die ich sonst nie gehe, kaum je besuchte Querverbindungen zwischen U- und S-Bahn,. ich dachte, ich würde da etwas an den Wänden finden. Aber die waren weiß, durchgehend weiß, es ist wirklich etwas schockierend. Was ist hier eigentlich los? Ich würde mittlerweile in Bad Salzuflen oder Timmendorf mehr Vandalismus erwarten als hier im kleinen Bahnhofsviertel, das ist doch seltsam. Nichts Neues von Miriam oder Peer also, schon gar nicht von Elsa, aber die war ja eh out, das hatte wir gestern.

Währenddessen regnet es in Hamburg, nach all den Wüstenwochen fällt er endlich wieder, der gute alte Regen, der Hamburger Regen, der Heimatregen,es ist ein wenig so, als würde man am Fenster stehen und einen alten Freund kommen sehen, wenn man auf die dunklen Wolkenberge sieht. Fußwege erinnern sich, wo sie Pfützen zu bilden haben. Es ist kühl, es regnet und wenn man die Menschen auf den Straßen sieht, dann fällt etwas auf – die Menschen gehen länger als sonst ohne Schirm und Kapuze, sie gehen sogar ohne Jacke, sie gehen einfach im T-Shirt, sie beeilen sich nicht einmal. Sie werden einfach mal nass, sie frieren einfach mal, weil das hier nämlich mittlerweile eine verdammt nette Abwechslung ist. Nass werden und frieren und sich erinnern, das gab es früher öfter, das war hier Alltag. Vor der Hitze.

Ich gehe durch die Straßen und sehe all die Menschen, die nass werden und dabei ganz normal weiterreden, ich sehe an den Häusern hoch und überlege, hinter welchem Fenster Miriam jetzt wohnt. Der Himmel ist grau, ihre Augen würden bei dem Wetter noch dunkler wirken.

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Julia Karnick über Sommerfeste. Eltern kennen das.

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Ein Integrationsbericht

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Der Ohrwurm des Tages kommt von Gilbert O’Sullivan. Lange nicht mehr gehört, aber dann gleich mehrfach.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann kaufe ich mehr Stauden mit lilafarbenen Blüten für den Garten. Ich war heute kurz bei Regen dort und sah, dass ich beim Pflanzen richtig lag – lila Blüten vor grauem Himmel. So muss das. Ich habe da eine reich blühende Malve in ganz dunklem Lila, die strahlt bei Regenschauern und bei drängendem Wind eine zerzauste aber entschlossene Dennoch-Schönheit aus – es ist ein Traum. Es wird natürlich eine ganze Weile dauern, bis da alles üppig und lila blüht, vielleicht dauert es auch drei Jahre, aber es wird sich hoffentlich lohnen. Oder Mohn in einem hellen Lila, der hat sich selbst ausgesät, im letzten Jahr war er noch nicht da. Da vor der Blüte stehen und wissen -die hält keine halbe Stunde mehr, die macht der Regen jetzt fertig und der Wind gibt ihr den Rest, der wüste Nordwest. Aber ich habe sie gesehen. Hat doch was.

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