Wobei mir einfällt, ich habe versucht, halbwegs passend zum Aufenthalt in der Gegend etwas Droste-Hülshoff zu hören, „Bei uns zu Lande auf dem Lande“, das kam mir dann aber arg langweilig vor. Wiedervorlage in etwa einem Jahr, manches braucht ja mehrere Versuche und ich gebe so schnell nicht auf. Droste-Hülshoff habe ich überhaupt wenig gelesen bisher, ich behalte so etwas gerne im Blick und bei Schriftstellerinnen ist der Nachholbedarf, nicht nur meiner, ohnehin riesig.

Wir fuhren zu den Externsteinen, darüber schreibe ich an anderer Stelle. Der Link folgt dann, es dauert noch etwas. Wir fuhren „zum Willem“, wie man in Nordwestfalen sagt, das ist der hier. Ein Denkmal für einen Kaiser, zu seinen Füßen ein neues Restaurant mit erheblicher Aussicht. Man kann da Kaffee und Kuchen in der üblichen deutschen Ausflugszielqualität zu sich nehmen, um es einmal neutral zu formulieren. Wenn man noch Kind genug ist, kann man auch etwas an der Basis des Denkmals herumklettern, das ist aber sicher verboten, es hat also niemand gemacht, und falls es jemand gesehen hat, ich kenne diese Kinder überhaupt nicht. Selbstverständlich kann man auch auf Schildern und Erklärtafeln nachlesen, was es mit dem Herrn da auf dem Sockel nun auf sich hat, wann das Ganze erbaut wurde und von wem und warum, das Ganze hat so Wandertagsqualitäten. Man könnte im Schulausflugsfall hinterher einiges abfragen oder in der Klasse ein halbwegs heiteres Quiz veranstalten. Irgendwas bleibt doch immer hängen.

Der Kaiser hat die rechte Hand erhoben und weist damit in die Lande oder grüßt diese, was auch immer. Ich hörte eine Kinderfrage, von einem etwa Zehnjährigen, warum denn Denkmäler von Leuten mit Hitlergruß noch herumstehen, was das denn solle? Darüber kann man ob der Verdrehung der Chronologie natürlich leise lächeln, ich kann aber noch etwas anfügen, nämlich eine Erläuterung und eine Frage. Zur Erläuterung für Menschen, die vielleicht keine Schulkinder haben, nur kurz der Hinweis, dass es ziemlich lange dauert, bis Kinder in diesem Land einen geschichtlichen Überblick haben, schon gar, wenn es um die jüngere deutsche Vergangenheit geht. Man muss ja erst durch die Steinzeit, durch Ägypten, durch Griechenland und Rom usw., das dauert, und wie das dauert. Die Frage, die sich mir, der ich natürlich schulpädagogisch weitgehend kenntnisfrei bin, zum wiederholten Male stellte, ist, ob es nicht vielleicht auch sinnig wäre, mit der Geschichte in der Gegenwart anzufangen und dann so rückwärts … ob das so aus Kindersicht nicht viel logischer wäre und auch aufschlussreicher und interessanter? Aber wie gesagt, ich verstehe davon gar nichts, ich finde es nur etwas unglücklich, dass die Gegenwart und das letzte Jahrhundert so irre lange gar nicht vorkommen. Nein, ich finde es nicht etwas unglücklich, ich finde es fatal.

In Detmold etwa, wir sind da an einem anderen Tag noch einmal durchgelaufen, fiel dem Nachwuchs auf, wie eine Altstadt aussieht, die nicht zerbombt wurde, und da machte es noch einmal hörbar Klick in den Köpfen und es war auch so, dass sie das dann noch einmal wissen wollten, wieso einige Städte jetzt so unangenehm nachkriegshässlich sind und andere nicht. Das ist doch ein naheliegender Ansatz?

Wir waren auch noch beim Hermann, der die Herzdame und mich schon dadurch irritierte, dass wir uns beim besten Willen nicht erinnern konnten, ob wir schon einmal da waren oder nicht und wenn ja, zusammen oder mit wem? Es blieb im Dunkeln. Wir sind aber auch schon eine ganze Weile zusammen, wir zwei, da verliert sich allmählich einiges im Dickicht der Geschichte. Der Hermann hat, das fiel Sohn II auf, einen Helm auf, der mit Hasenohren dekoriert ist. Das stimmt zwar nur aus einem bestimmten Blickwinkel, ansonsten sind das schon zweifellos Flügel auf dem Helm, aber wenn man diesen Blickwinkel einmal hatte, dann vergisst man den sicher nicht mehr und der Hermann wirkt dann etwas albern, mit diesen lustigen Öhrchen. Die Söhne diskutierten dann auch über die Flügel, denn warum bitte macht man Flügel auf einen Helm? Geht’s noch? Sie würden das eher nicht machen, sagten sie. Wir sprachen etwas darüber, dass zu anderen Zeiten andere Dinge und Dekoartikel anders gewirkt haben, ich kann etwa als Kind der 60er und 70er auch ein Lied davon singen, ich habe auch ziemlich schlimme Sachen getragen. So schlimm wie Flügel auf dem Helm? Darüber kann man wohl lange diskutieren.

Diese Flügel da, sie waren jedenfalls einmal ein Zeichen von Würde, von Macht vermutlich auch, man muss das historisch und kulturgeschichtlich einordnen und im Kontext interpretieren – oder nein, wenn man Kind ist, muss man das vielleicht nicht. Sohn II jedenfalls kam auch nach längerer Diskussion und ausführlicher Belehrung zu einem Schluss, den ich gerne so stehenlassen möchte, denn vielleicht war er schon durch alle Zeiten richtig und geradeaus denkende Menschen wie Sohn II haben es auch schon zu allen Zeiten gewusst:

„Alter, mit Flügeln auf dem Helm siehst du einfach immer bescheuert aus.“

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